Chile: Tausende Teilnehmer:innen bei einem Solidaritätsfestival für Julia Chuñil und die Einheit der Kämpfe

02.09.2025, Lesezeit 15 Min.
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Foto: La izquierda Diario Chile

Mit rund 5.000 Teilnehmer:innen fand in Santiago de Chile ein Solidaritätsfestival für Julia Chuñil (eine seit Monaten verschwundene indigene Umweltaktivistin) und die Einheit der Kämpfe statt. Es zeigt ein Beispiel für die Koordination und Einheit verschiedener Sektoren im Kampf gegen die repressiven Maßnahmen des chilenischen Staates und der extremen Rechten.

Julia del Carmen Chuñil Catricura ist eine chilenische Umweltaktivistin des indigenen Mapuche Volks und Präsidentin der Indigenen Gemeinschaft Putreguel. Sie ist wegen ihres Einsatzes für den Schutz des heimischen Waldes und des historischen Landes der Mapuche in der Gemeinde Máfil in der Region Los Ríos im Süden Chiles bekannt. Julia wird seit neun Monaten vermisst. 

Das gewaltsame Verschwinden von Julia findet vor dem Hintergrund einer staatlichen Militarisierung im Mapuche-Gebiet, um den Rohstoffabbau und die Ausbeutung durch Unternehmen zu begünstigen. Bei dieser Militarisierung kommen Waffen zum Einsatz, die von Israel gekauft wurden und somit Teil der Finanzierung des Völkermords in Gaza sind. 

Der Fall von Julia Chuñil zeigt die historische Vorgehensweise, mit der Forstunternehmer und Großgrundbesitzer mit Unterstützung des chilenischen Staates das Land der Mapuches an sich gerissen haben, um sie anschließend zu verwerten. Dabei werden sie vom Justizsystem und den Banken unterstützt. Die gesamte Operation wird mit Militarisierung und Gewalt und unter völliger Straffreiheit durchgeführt.

Seit ihrem Verschwinden haben sich die Angehörigen von Julia Chuñil zusammen mit verschiedenen sozialen Organisationen koordiniert und mit anderen Sektoren zusammengeschlossen, um in der „Versammlung für die Einheit aller Kämpfe und für Julia Chuñil” zu kämpfen.

Ihre Erklärung zur Einberufung und Organisierung des Festivals wurde von mehr als 60 Organisationen und Persönlichkeiten unterstützt. Darunter Kollektive für Erinnerung und Menschenrechte, Umweltorganisationen, Mapuche-Gemeinden, Gewerkschaftsgliederungen, verbreitete Medien, kulturelle Einrichtungen, politische Gruppierungen, Feminist:innen und andere soziale Bewegungen. Die gemeinsame Beteiligung war ein Symbol für die Einheit der Kämpfe und sozialen Forderungen.

Dies ist sehr wichtig, da es einen anderen Weg aufzeigt als den, den die Regierung von Gabriel Boric in den letzten vier Jahren eingeschlagen hat. Boric wurde 2022 nach der Revolte von 2019 zusammen mit dem linksreformistischen Frente Amplio zum Präsidenten gewählt und hat die großen „sozialen Bewegungen” in eine enorme Passivität geführt.

In diesem Sinne ist das Festival, wie Dauno Tótoro, Anführer und Kandidat für das Abgeordnetenhaus der Partido de Trabajadores Revolucionarios de Chile (PTR), der Schwesterorganisation von Klasse Gegen Klasse, hinwies, ein Beispiel für Selbstorganisation, Einheit und Koordination, unabhängig von den großen Unternehmern und der Regierung, die sich heuchlerischerweise als „feministisch und ökologisch” bezeichnet. Tótoro moderierte nicht nur das Festival, sondern war auch am Vormittag bei der Pressekonferenz anwesend, um gemeinsam mit Pablo San Martín Chile, dem Sohn von Julia Chuñil, und Eduardo Asfura, Mitglied des Coordinadora por Palestina (Koordinationskomitee für Palästina), die Veranstaltung bekannt zu machen. Dort wies er darauf hin: Der Inhalt dieses Festivals ist ein ganz anderes Beispiel als die Vorstellung der Regierung und ihrer nahestehenden Kreise, die Bewegungen wie die der Schüler:innen, Lehrer:innen oder Arbeiter:innen nur als „Druckmittel” betrachten, um die parlamentarischen Verhandlungen mit der Rechten zu begünstigen und allgemeiner gesagt als politische Instrumente der traditionellen Parteien, damit diese ihre Vorherrschaft behalten können.

Darin besteht die Strategie des „sozialen Dialogs”, die die Regierung Boric vorangetrieben hat, indem sie einige soziale Maßnahmen ausgehandelt hat, aber auf Kosten der Stärkung des privaten „AFP”-Rentengeschäfts, das Rentner:innen in Armut hält, der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, der Plünderung von Kupfer und Lithium, ohne Verantwortung zu übernehmen und anhand der Repression. Dies hat nicht nur dazu geführt, dass die sozialen Forderungen nicht weiter verwirklicht wurden, sondern hat auch die Rechte gestärkt und ihre reaktionäre Agenda vorangetrieben.

Das Festival und die Einheit der Kämpfe hat gezeigt, dass angesichts des Vormarsches der Rechten und der extremen Rechten unsere Solidarität Tausende mobilisieren kann. Was nötig ist, ist diese Kraft in Organisierung umzuwandeln, welche die Koordination verstärkt und einen gemeinsamen Raum konsolidiert, mit dem man entschlossen reagieren kann. Ebenso wurde klar, dass die Einheit auf andere Sektoren ausgedehnt werden muss, um gemeinsam voranzukommen, zu mobilisieren und zu kämpfen, um die Forderungen durchzusetzen und in die Offensive zu gehen.

 Der Kampf für Julia Chuñil ist der Kampf aller!

Die Veranstaltung wurde von Anfang an von Julias Familie begleitet, und eine der zentralen Reden hielt ihr Sohn und Sprecher Pablo San Martín Chuñil, der anprangerte, dass die Staatsanwaltschaft und der Staat seine Familie kriminalisiert, anstatt die Verdächtigen in diesem Fall zu verfolgen. Er forderte die Regierung direkt auf, den Forderungen der Familie nachzukommen und einen transparenten Ermittlungsprozess zu gewährleisten, der zur Wahrheit führt. Er betonte auch die Notwendigkeit, die Unterstützung und Mobilisierung weiter auszubauen.

Auf der Bühne spielten verschiedene Vertreter des Mapuche-Volkes, wie die Gemeinden Kiñe Molfun und die Schule Kimeltuwe de Lleulleu, die Assoziation Ad Kinvn und das Netzwerk zur Unterstützung der politischen Gefangenen der Mapuche, eine wichtige Rolle. Von der Regierung von Gabriel Boric und den staatlichen Institutionen wurden Wahrheit und Gerechtigkeit für die Mapuche-Führerin Julia Chuñil gefordert. Es wurde die Aufklärung ihres Verschwindens sowie die Verurteilung und Bestrafung der politisch und materiell Verantwortlichen gefordert.

In Reden, Musik und künstlerischen Darbietungen wurde die Notwendigkeit der Einheit aller Anliegen betont und Forderungen wie die Entmilitarisierung des Mapuche-Volkes, die Freilassung der politischen Gefangenen der Mapuche, ein Ende der Umweltzerstörung und der Abbruch der diplomatischen, militärischen und Handelsbeziehungen mit dem Staat Israel gestellt. Der Tenor der Reden zeigte eine Unabhängigkeit gegenüber der Regierung, ihren Kandidat:innen und Parteien, da deutlich auf die Verantwortung dieser Regierung im Fall Julia Chuñil oder bei der Verabschiedung repressiver Gesetze, bei der Umweltzerstörung und anderen Maßnahmen gegen das Volk hingewiesen wurde.

Für ein freies Palästina!

Der Forderung nach der lebendigen Freilassung von Julia Chuñil wird hinzugefügt, dass der chilenische Staat und die Regierung Boric alle politischen, wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen zum genozidalen Staat Israel abbrechen müssen.

Es sprachen Organisationen zur Verteidigung des palästinensischen Volkes wie die Koordinierungsstelle für Palästina, die Koordinierungsstelle für Palästina Valparaíso, 1000 Flaggen für Palästina und Ñuñoa für Palästina.

Die Koordinierungsstelle für Palästina erklärte: „Wir werden weiterhin an vorderster Front des antikapitalistischen und antiimperialistischen Kampfes stehen, um eine kollektive Kraft aufzubauen. Der Neoliberalismus befindet sich nicht in einer Krise, er ist die Krise. Die internationalistische Einheit ruft uns zusammen.“

Zum Abschluss des Blocks betonte Professor Mahmoud Aboutaka seine Ablehnung und seinen Aufruf, weltweit gegen den Völkermord in Gaza vorzugehen. Der palästinensische Professor wies auf die Bedeutung des Kampfes hin, den Millionen junger Menschen und Menschen weltweit führen, damit die imperialistischen Mächte ihre Unterstützung für den Völkermord am palästinensischen Volk beenden.

Gegen Unterdrückung und Straffreiheit der Polizei, für die Wahrheit und Gerechtigkeit aller Opfer der Staatsgewalt.

Die Koordinierungsgruppe für die Aufhebung des Gesetzes Nain-Retamal – ein Gesetz, das Polizist:innen die „angemessene Anwendung“ ihrer Dienstwaffen erlaubt und bereits mehrere Leben kostete – sowie Familienangehörige von Opfern der Repression, soziale, politische und Menschenrechtsorganisationen verurteilten die repressiven Maßnahmen der Regierung von Gabriel Boric, die politische Inhaftierung von Mapuche-Gemeindemitgliedern und -Gemeinden sowie die Plünderung durch Unternehmen in ihrem Gebiet Wallmapu.

Carmen Rozas, Mutter von Maximiliano Rodríguez, einem jungen Mann, der zusammen mit seinem Freund von der Polizei erschossen wurde und beide Opfer des Naín-Retamal-Gesetzes waren, prangerte die Lügen des Staates und der Justiz an und erklärte, dass es sich nicht um Schüsse in Notwehr gehandelt habe. Die „Bewegung gegen Folter Sebastián Acevedo”, eine Vereinigung, die Menschenrechtsverletzungen während der Militärdiktatur in Chile anprangert, erinnerte daran, dass die Repression mit der Diktatur nicht endete.

In einer emotionalen Rede gegen die Straffreiheit der Polizei sprach der Sohn von Cristian Valdebenito, einem Bauarbeiter, der 2020 während der Unruhen in Chile von der Polizei getötet wurde. Angehörige von Abel Acuña, einem 29-Jährigen, der während der Unruhen in Chile durch Polizeirepression ums Leben kam, und Angehörige von Opfern von Verstümmelungen oder anderen Verletzungen durch Polizeigeschosse erhoben ihre Stimme und forderten Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die staatliche Gewalt.

Marcelo Acevedo, Vertreter der Corporación Memoria Estadio Nacional, eine Erinnerungsstätte an die Zeit in der das Stadion als Konzentrationslager während des Putsches von 1973 missbraucht wurde, sandte eine solidarische Umarmung an alle Anwesenden und bekräftigte das Engagement des Netzwerks der Überlebenden der Revolte  in Chile.

Für die Umwelt und das Ende der Kriminalisierung!

Im Block der Umweltorganisationen sprachen Vertreter von Modatima, Defensa Cordillera, Coordinadora Socioambiental Antofagasta und Asamblea Ecologista.

Camila Zárate von der Asamblea Ecologista und der Movimiento de Acción Territorial (MAT) prangerte die Kriminalisierung von Umweltaktivisten in ganz Chile an und griff dabei direkt die Regierung von Boric an: „Dieser Präsident, der sich selbst als Ökologe bezeichnet, hat den Abbau von grünem Wasserstoff, Lithium und anderen Ressourcen, die weiterhin in privater Hand sind, noch verstärkt. Er hat Gesetze wie die Umweltgenehmigung vorangetrieben und Verordnungen unterzeichnet, die nicht einmal die rechte Regierung von Piñera zu verabschieden wagte. Dazu sagen wir: Ihr werdet nicht durchkommen! Hoch leben alle, die kämpfen.“

Auch die Stimme der selbstorganisierten indigenen Jugend war deutlich zu hören: „Wir sind die Nachkommen derer, die das Land geschützt haben. Wir prangern an, dass die Kontrolle über unser Wasser und unser Land in den Händen ausländischer Unternehmen liegt, wie beispielsweise der israelischen Unternehmen in Elqui. Wir rufen die indigenen Völker und das gesamte chilenische Volk zur Einheit auf, damit der Kampf für die Umwelt zum Kampf aller wird.“

In den verschiedenen Reden wurde scharfe Kritik an der Verantwortung der Regierung von Gabriel Boric von der politischen Partei Frente Amplio geäußert, die repressive Maßnahmen, Militarisierung und eine Politik der Umweltzerstörung im Einklang mit den Forderungen der Unternehmen vorantreibt.

Arbeiter:innen, Schüler:innen und Studierende zusammen

Auch mobilisierte Schüler:innen von Gymnasien wie dem Instituto Nacional oder dem Liceo 1 waren anwesend und erklärten: „Die Zukunft ist heute, morgen ist es zu spät. Wir sind hier, um dem Beispiel von Julia Chuñil und allen verschwundenen Häftlingen zu folgen. Als Schüler:innen kämpfen wir auf der Straße für würdige Bedingungen in unseren Schulen, gegen Polizeigewalt und Hasskampagnen, die uns kriminalisieren.” Sie kritisierten scharf den Bürgermeister Mario Desbordes Jiménez, der für die Räumungen und die Repression verantwortlich ist: „Sie nennen uns gewalttätig und kriminell, aber die wahre Gewalt sind die Räumungen und der Einsatz von Tränengas.”

Aus den organisierten Sektoren der Arbeiter:innenklasse prangerte Eduardo Fuget, Vertreter der Gewerkschaft der Coca-Cola-Logistikarbeiter, die Straffreiheit der Unternehmer und die Verfolgung der Gewerkschaften an: „Wir sind Schikanen und bewaffneten Banden ausgesetzt. Wir rufen zur Einheit zwischen Studierenden, Arbeitern und der gesamten Arbeiterklasse auf, um diesen Angriffen gemeinsam entgegenzutreten.“

Antonio Páez, Gewerkschaftsführer bei Starbucks, wies darauf hin, dass das 40-Stunden-Gesetz und die Erhöhung des Mindestlohns nur „auf Kosten der Flexibilisierung der Arbeit und der Prekarisierung“ verabschiedet worden seien. Er forderte, die Passivität der großen Gewerkschaftsbünde zu überwinden und ein Kampfprogramm auf den Tisch zu legen, das die Unternehmensgewinne angreift, um echte Rechte zu erringen.

Pablo Muñoz von der Arbeiter:innengruppierung Trabajadores del Norte, Amistad Obrera, schloss mit einem Aufruf zur breiten Einheit an: „Es sind dieselben transnationalen Konzerne, die unsere Kollegen mit hohen Produktionsrhythmen kaputt machen und uns in den Betrieben wie Nummern behandeln. Aber wir verstehen, dass wir Teil der Produktion sind, und wenn sich die Produktion mit den Gemeinden zusammenschließt, wie könnten wir dann nicht eine technologische Umstellung wollen, damit die Orte, an denen wir leben, nicht zu Plünderungszonen für die Umwelt werden. Wir müssen den Mut haben, die Gewerkschaften aus den Händen der Bürokratie und der Mafiosi zurückzugewinnen, den Mut von Julia Chuñil, die sich gegen die Forstunternehmen erhoben hat. Das ist derselbe Mut, den wir brauchen, um an unseren Arbeitsplätzen zu kämpfen, denn wenn wir uns der Umweltbewegung und der Jugendbewegung anschließen, haben wir nicht nur die Kraft, dieses System zu besiegen, sondern auch eine neue Lebensform zu erobern.“

Es war ein starkes Bild der Einheit zwischen Arbeiter:innen und Studierenden, die grundlegende Forderungen wie kostenlose öffentliche Bildung für alle, die Abschaffung der „AFP“, das von der Pinochet-Diktatur geerbte Rentensystem, und die Beendigung der Leiharbeit unter anderem wieder aufgriffen.

An der Veranstaltung nahmen verschiedene Künstler teil: Ketrafe, Mauricio Redolés, Evelyn Cornejo und La Chusma Inconsciente, Banda Conmoción, Luanko, 22RUZZ, Waikil, Los Peores de Chile, Daniela Millaleo und Tomo como Rey, die ihre Stimme und ihre Musik in den Dienst der Erinnerung, des Widerstands und der Anprangerung der Straflosigkeit des Staates stellten.

Die Veranstaltung endete mit einem Aufruf zur verstärkten Zusammenarbeit zwischen Arbeiter:innen, Schüler:innen und Studierende, Mapuche-Gemeinden, populäre Medien und Menschenrechtsorganisationen, damit diese Anliegen zu breiteren und massiveren Kämpfen und Mobilisierungen werden. Die politische Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass sie zu nationalen Anliegen werden, die die politische Macht herausfordern und sich von isolierten Forderungen zu gemeinsamen Kämpfen im ganzen Land entwickeln, die von Gewerkschaften, Studierendenverbänden, der Frauenbewegung usw. aufgegriffen werden, denn nur so kann die Protagonistenrolle zurückgewonnen werden.

Abschließend wurde dazu aufgerufen, die bei der Kundgebung vorgebrachten Forderungen weiterzuverfolgen und sich gemeinsam für die nächsten Termine zu organisieren, wie den globalen Aktionstag für Palästina am 1. September, den 8. September, einem weiteren Monat des Verschwindens von Julia Chuñil, und den 11. September, den Jahrestag des zivil-militärischen Putsches.

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