Schweigen, Überwachung, Solidarität – Palästinensische Akademiker:innen als Space Invaders in der westlichen Wissenschaft

16.07.2025 18:00
Podiumsdiskussion

Thielallee 67, Freie Universität Berlin

Wir spiegeln den Ankündigungstext des INTERACT Zentrums für interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung.

Dieses Podium bringt die Wissenschaftlerin Hanna Al-Taher und die Aktivistin Carolin Vargas zusammen, um die verflochtenen Dynamiken von Auslöschung, Überwachung und Widerstand zu untersuchen, die die Position palästinensischer Akademiker:innen und Stimmen in Solidarität mit Palästina in westlichen Hochschulen prägen. Trotz ihres emanzipatorischen Selbstbildes bleiben westliche Universitäten weitgehend in kolonialen und imperialen Verstrickungen verhaftet, die palästinensische Wissensformen strukturell marginalisieren. Einerseits werden palästinensische Intellektuelle systematisch aus der akademischen Welt ausgeschlossen und marginalisiert. Andererseits dient die Einbindung palästinensischer Wissenschaftler:innen oft dazu, tiefere Formen epistemischer Gewalt zu verschleiern, insbesondere wenn Wissen über Palästina dominante geopolitische Konstellationen in Frage stellt. Kann die Universität ein Ort des antikolonialen Kampfes sein oder bleibt sie Komplizin bei der Reproduktion imperialer Macht?

Gemeinsam untersuchen die Podiumsteilnehmer:innen, was es bedeutet, in Institutionen, die akademische Freiheit überwachen, kontrollieren und manchmal sogar instrumentalisieren, ein:e „Space Invader:in“ zu sein. Sie diskutieren die Zusammenhänge zwischen der Unterdrückung palästinensischer Wissensproduktion, der allgemeinen Wissenschaftszerstörung in Gaza und der Rolle westlicher Universitäten – insbesondere in Deutschland – bei der Legitimierung der Besatzung durch epistemische Kontrolle. Welche Formen der Solidarität, des Widerstands und der radikalen Vorstellungskraft sind unter solchen Bedingungen möglich?

Hanna Al-Taher, die als Wissenschaftlerin an der Schnittstelle von antikolonialer und queerer marxistischer Theorie arbeitet, untersucht kritisch die strukturellen Beiträge von Bildungssystemen zu kolonialen und imperialen Projekten. Sie verbindet die Auslöschung der Palästinenser:innen im akademischen Diskurs mit der anhaltenden Gewalt des Kolonialismus in Palästina und hinterfragt die Annahme, dass die Universität als Raum für antikoloniale Theoriebildung dienen kann. Al-Taher konzeptualisiert die Präsenz palästinensischer Wissenschaftler:innen als „Space Invaders“, deren intellektuelle und physische Mobilität durch imperiale und institutionelle Normen und Grenzen kontrolliert wird.

Carolin Vargas, marxistische studentische Aktivistin und Mitglied des BIPoC-Referats des AStAs an der Freien Universität Berlin, greift auf ihre umfangreiche Erfahrung in der Organisation öffentlicher Veranstaltungen und Solidaritätsinitiativen auf dem Campus und darüber hinaus zurück. Im Rahmen ihres Engagements für den Aufbau von Solidaritätsgruppen für Palästina an der Universität ist ihre Arbeit wiederholt auf institutionelle Einschränkungen, Unterdrückung und Repression gestoßen – was verdeutlicht, wie die deutsche Wissenschaftslandschaft in Bezug auf Palästina allgemeine Muster der Sicherheitspolitik reproduziert. Ausgehend von einem kritischen Ansatz zur Wissensproduktion und gegenhegemonialer Wissenschaft verortet Vargas ihre Arbeit in einer breiteren Bewegung, die die Rolle der Wissenschaft innerhalb des imperialen Staates hinterfragt und Raum für intersektionale und transnationale Formen der Solidarität schafft.

Moderiert wird das Panel von Dr. Jannis Julien Grimm, Leiter der Forschungsgruppe „Radical Spaces“ am INTERACT Center for Interdisciplinary Peace and Conflict Research an der Freien Universität Berlin.

Datum: 16. Juli 2025

Uhrzeit: 18:00 Uhr

Ort: Thielallee 67, Freie Universität Berlin

Keine vorherige Anmeldung erforderlich.

Englischer Originalaufruf:

This panel brings together scholar Hanna Al-Taher and activist Carolin Vargas to explore the entangled dynamics of erasure, surveillance, and resistance that shape the position of Palestinian academics and voices in solidarity with Palestine in Western institutions of higher education. Despite their emancipatory self-image, Western universities largely remain embedded in colonial and imperial legacies that structurally marginalize Palestinian epistemologies. On the one hand, academia systematically excludes and marginalizes Palestinian intellectuals. On the other hand, the incorporation of Palestinian scholars, too, often serves to obscure deeper forms of epistemic violence, especially when knowledge about Palestine challenges dominant geopolitical alignments. Can the university be a site for anticolonial struggle, or does it remain complicit in the reproduction of imperial power?

Together, the panelists explore what it means to be a “space invader” in institutions that surveil, police, and sometimes weaponize academic freedom. They discuss the connections between the suppression of Palestinian knowledge production, the broader scholasticide in Gaza, and the role of Western universities—particularly in Germany—in legitimizing occupation through epistemic control. What forms of solidarity, resistance, and radical imagination are possible under such conditions?

Hanna Al-Taher, as a scholar working at the intersection of anticolonial and queer Marxist theory, critically examines the structural contributions of education systems in colonial and imperial projects. Linking the erasure of Palestinians in academic discourse to the ongoing violence of colonialism in Palestine, she questions the assumption that the university can serve as a space for anticolonial theorizing. AlTaher conceptualizes the presence of Palestinian scholars as “space invaders”, whose intellectual and physical mobility remains policed by imperial ad institutional norms and borders.

Carolin Vargas, a Marxist student activist and member of the BIPoC Referat of the AStA at Freie Universität Berlin, draws on her extensive experience with organizing public events and solidarity initiatives on and off campus. As part of her involvement in building Palestine solidarity groups at the university, her work has repeatedly encountered institutional restrictions, silencing, and repression—illustrating how German academia reproduces broader patterns of securitization when it comes to Palestine. Grounded in a critical approach to knowledge production and counter-hegemonic scholarship, Vargas situates her work within a broader movement to challenge the role of academia within the imperial state and to open space for intersectional and transnational forms of solidarity.

The panel is moderated by Dr. Jannis Julien Grimm, head of the research unit “Radical Spaces” at the INTERACT Center for Interdisciplinary Peace and Conflict Research at Freie Universität Berlin.

Date: 16 July 2025

Time: 18:00

Location: Thielallee 67, Freie Universität Berlin

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