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Afrin: Widerstand gegen die Belagerung und Bombardierung durch die Türkei

Die türkische Armee rückt immer näher auf Afrin zu. Während YPG und YPJ bislang die Stadt gegen die Belagerung und die Bombardements verteidigen, wird die Lage immer dramatischer. Spontane Demonstrationen am Wochenende in verschiedenen deutschen Städten forderten ein Ende der Belagerung und ein Ende deutscher Rüstungsexporte.

Afrin: Widerstand gegen die Belagerung und Bombardierung durch die Türkei

Im Rah­men der Mil­itär­op­er­a­tion “Oliven­zweig” rück­en türkische Trup­pen, zusam­men mit ihren ver­bün­de­ten Milizen der “Free Syr­i­an Army”, immer weit­er auf das Stadtzen­trum Afrins vor, Haupt­stadt des gle­ich­nami­gen west­kur­dis­chen Kan­tons. Laut dem türkischen Staat­spräsi­dent Erdo­gan stün­den die Trup­pen vier bis fünf Kilo­me­ter vom Stadtzen­trum ent­fer­nt, laut lokalen Quellen seien es nur noch wenige hun­dert Meter. Diese haben sich von Nor­dosten her genähert und dro­hen den belagerten Ort nun einzukesseln. Seit Tagen wer­den die Außen­bezirke der Stadt aus der Luft bom­bardiert, in der hund­dert­tausende Men­schen leben. Wiederum nach Angaben des türkischen Mil­itärs seien bish­er 3.213 “Ter­ror­is­ten” der Kur­dis­chen Volksvertei­di­gung­sein­heit­en (YPG und YPJ) getötet wor­den.

Erdo­gan polterte am Fre­itag, er wolle nicht nur die Kurd*innen im Nord­west­en Syriens ver­nicht­en, son­dern die Mil­itär­op­er­a­tion bis an die irakische Gren­ze ausweit­en und alle Kräfte der kur­dis­chen Selb­stver­wal­tung von der Karte tilgen. “Heute sind wir in Afrin, mor­gen wer­den wir in Man­bid­sch sein. Über­mor­gen wer­den wir gewährleis­ten, dass der Osten des Euphrats bis zur irakischen Gren­ze von Ter­ror­is­ten gesäu­bert wird.”

YPG und YPJ wiederum haben auf die Belagerung mit ein­er Trup­pen­ver­lagerung aus der Region um die ehe­ma­lige IS-Hochburg Raqqa in Rich­tung Afrin reagiert. An drei Fron­ten um die Stadt herum stell­ten sie sich in harten Gefecht­en helden­haft den zahlen­mäßig und tech­nol­o­gisch über­lege­nen Besatzungstrup­pen ent­ge­gen. 450 Besatzungssol­dat­en seien in den let­zten 48 Stun­den getötet wor­den, meldete die kur­dis­che Nachricht­e­na­gen­tur ANHA am Son­ntag mit­tag. In der Innen­stadt von Afrin gab es große Demon­stra­tio­nen und Mobil­isierun­gen mit Fahrzeugkon­vois. Am 8. März marschierten tausende kur­dis­che Frauen durch die belagerte Stadt, um den Wider­stand gegen die sys­tem­a­tis­chen Bom­barde­ments zu stärken und um die Gewalt der türkischen Regierung gegen Frauen anzuprangern.

Die Zivil­bevölkerung ist zum massen­haften Wider­stand und Bar­rikaden­bau aufgerufen. Teile der Anwohner*innen stellen sich als “men­schliche Schilde” zwis­chen die Besatzungstrup­pen und die YPG/YPJ. Während weit­er­hin Dör­fer und Wohnge­gen­den der Stadt aus der Luft bom­bardiert und wahl­los mit Artillerie befeuert wur­den, rief die Autonomiev­er­wal­tung der Stadt den UN-Sicher­heit­srat dazu auf, ein Mas­sak­er an der Bevölkerung zu ver­hin­dern. Der Exeku­tivratskovor­sitz der Gemein­schaft der Gesellschaften Kur­dis­tans (KCK) verurteilte der­weil nicht nur UN und NATO, son­dern auch expliz­it Rus­s­land, durch die Öff­nung des Luftraums gegenüber der Türkei einem Genozid durch das türkische Mil­itär und die FSA Bei­hil­fe zu leis­ten.

Während­dessen ver­schlim­mert sich die Sit­u­a­tion der Zivil­bevölkerung. Bis­lang gab es in Afrin im Ver­gle­ich zu anderen Regio­nen Syriens im Rah­men des reak­tionären Bürger*innenkrieges rel­a­tiv wenig Kampfhand­lun­gen und Zer­störung. Doch nun erlei­den die Men­schen in dem umkämpften Gebi­et schwere Ver­luste und eine Eskala­tion hin zu einem Massen­mord kön­nte bevorste­hen.

Sender wie Al-Jazeera berichteten bis­lang noch einiger­maßen kri­tisch über die Türkei und aus der Per­spek­tive von Men­schen aus den kur­dis­chen Autonomiege­bi­eten. Doch nun wer­den Bilder von Hil­f­s­güter­liefer­un­gen des türkischen Roten Halb­monds gezeigt und ein Amt­sträger erk­lärt, wie behut­sam und “human” man vorge­he bei der Ein­nahme der Region. Katar als Financier und Schutz­pa­tron des Medi­en­net­zw­erks hat eine strate­gis­che Part­ner­schaft mit dem türkischen Staat inne, die nun offen­bar sehr konkreten Ein­fluss auf die Berichter­stat­tung nimmt.

Erdo­gan ärg­erte sich öffentlich über den Unwillen der NATO, das Part­ner­land Türkei zu unter­stützen und fragte, ob man denn über­haupt noch Mit­glied sei. Eigentlich sei der Rest der NATO ja gegen die Oper­a­tion, aber hätte nicht das Rück­grat, sich tat­säch­lich gegen ihn zu stellen. Beson­ders verärg­ert ist die türkische Regierung dabei über die Rolle der USA, welche bis­lang die kur­dis­che Selb­stver­wal­tung mil­itärisch und logis­tisch unter­stützte. Nun ruft der angeschla­gene impe­ri­al­is­tis­che Hege­mon die Türkei auf, die “Aggres­sion” gegen Afrin zu stop­pen, untern­immt aber kein­er­lei konkrete Schritte, um seinen Worthülsen wahres Gewicht zu geben. Denn let­ztlich waren die kur­dis­chen Grup­pen wieder nur ein Spiel­ball der US-Amerikaner*innen im Macht­geschachere in diesem bluti­gen Stellvertreter*innenkrieg, bei dem die Mil­itärin­ter­ven­tion der USA selb­st jeglich­er Grund­lage ent­behrte und zig tausende Men­schen das Leben kostete oder durch Hunger, Flucht und Vertrei­bung zur Hölle machte.

Der deutsche Impe­ri­al­is­mus leis­tet Erdo­gan immer noch Schützen­hil­fe – diplo­ma­tisch und in der Repres­sion des kur­dis­chen Wider­stands im Inneren. Nichts wird unter­nom­men, um den Angrif­f­en Ein­halt zu gewähren. Im Gegen­teil: Mit jed­er ver­schosse­nen Granate ver­di­enen deutsche Rüs­tung­sun­ternehmen munter weit­er am Mor­den in Afrin.

Ger­ade auch im Rah­men der Zus­pitzung der Belagerung haben sich sowohl in Deutsch­land als auch in ganz Europa Eil­mo­bil­isierun­gen der kur­dis­chen Com­mu­ni­ties, der Friedens­be­we­gung, Gew­erkschaften und Linken gezeigt, so zum Beispiel in der Schweiz, Frankre­ich, Bel­gien, Däne­mark oder Nor­we­gen. In Deutsch­land gab es im ganzen Land sowohl am Sam­stag abend als auch über den Son­ntag hin­weg entschlossene und laut­starke Demon­stra­tio­nen, unter anderem in Berlin, Köln, Bre­men, Stuttgart, Saar­brück­en, Mün­ster und vie­len anderen. Am Mon­tag mor­gen wird in Berlin eine Block­adeak­tion vor den Toren des Rüs­tungskonz­erns Rhein­metall stat­tfind­en, um die Aufmerk­samkeit auf die deutschen Prof­ite im Waf­fen­ex­port in das Kriegs­ge­bi­et zu lenken und einen Stopp der Waf­fen­ex­porte zu fordern.

2 thoughts on “Afrin: Widerstand gegen die Belagerung und Bombardierung durch die Türkei

  1. Nora sagt:

    Hier fehlt was im Satz “Während YPG und YPJ bis­lang die Stadt gegen die Belagerung und die Bom­barde­ments, wird die Lage immer drama­tis­ch­er.”

    1. Stefan Schneider sagt:

      Danke, haben wir überse­hen.

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