Zwischen Stadien, Spielern und Staatsgewalt: WM im Schatten von Repression und Rassismus

09.06.2026, Lesezeit 7 Min.
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Symbolbild: Fußball / Shutterstock

Die Fußball-WM der Männer beginnt am Donnerstag mit dem ersten Spiel. Vor den Toren der Stadien werden immer noch massenhaft Migrant:innen entführt und deportiert. Trump, ICE und FIFA müssen verschwinden.

Spekulationen über Favoriten, Schaufenster mit Länderfahnen und Fanartikel, eine ganze Welt in Spannung: Die Fußball-WM der Männer steht vor der Tür und beginnt mit dem ersten Anstoß am 11. Juni in Mexiko-Stadt. In Zeiten, in denen die Nachrichten voll mit schlechten und erdrückenden Meldungen sind, sicherlich eine angenehme Ablenkung, um kurz zu vergessen, was auf der Welt und vor den Toren der Stadien geschieht.

WM-Kulisse USA: Im Stadion die Feier, auf der Straße die Festnahme

Die Männer-WM findet dieses Jahr erneut an einem Ort statt, der Fragezeichen aufwirft. Die USA sind das gastgebende Land, in dem die WM dieses Jahr neben Mexiko und Kanada gehostet wird. Während in den USA die Krisen nicht deutlicher sein könnten, entschied die FIFA, dass es sicherlich eine gute Idee sei, das Turnier im Hotspot der weltpolitischen Ereignisse abzuhalten. In dem Land, dessen Präsident in den letzten Monaten etliche Länder wie Venezuela und Nigeria bombardierte, den Iran völkerrechtswidrig angreift, Kuba mit militärischer Intervention droht, Grönland überfallen will und den Terrorstaat Israel immer noch mit Milliarden von Dollar aufrüstet, um Gaza und Südlibanon dem Erdboden gleich zu machen.

Aber nicht nur außenpolitisch in etlichen Kriegen führt Trump die Menschen in den USA in Tod und Verderben. In den USA fanden in den letzten Monaten gewaltige Proteste gegen die rassistische Abschiebepolitik der Regierung statt, die von den sogenannten ICE-Departments ausgeführt werden. Bewaffnete Robocops in voller Montur, die regelrecht Migrant:innen jagen, entführen und letztendlich deportieren – ganz gleich, ob diese Menschen US-amerikanische Staatsbürgerschaften haben oder nicht. Begonnen haben die Raids in dem jetzigen Ausmaß vor allem während der großen Palästinaproteste und den pro-palästinensischen Protestcamps an den Universitäten. Unter anderem wurde Mahmoud Khalil, einer der anführenden Aktivist:innen an der Columbia University, mitten in der Nacht zuhause von ICE-Agents festgenommen und wochenlang rechtswidrig inhaftiert – er musste die Geburt seines Kindes aus dem Abschiebegefängnis verfolgen.

Nicht einmal Spieler und Crew bleiben verschont: Rassistische Übergriffe auf WM-Teilnehmer

Auch im Rahmen der WM selbst gehen die rassistischen Angriffe des US-Grenzschutzes, der Polizei und der ICE weiter. Die Spieler und Crewmitglieder von Senegal und Usbekistan wurden streng kontrolliert und stundenlang am Flughafen – direkt am Ausgang ihres Flugzeuges – festgehalten und durchsucht, teilweise mit übergriffigen Leibesvisitationen. Omar Artan, der somalische Schiedsrichter, der erst kürzlich den Award für den besten Schiedsrichter der CAF (afrikanischer Fußball-Gesamtverband) gewann, wurde in Miami trotz eines diplomatischen Reisepasses und eines gültigen Visums zurückgewiesen und nicht ins Land gelassen. 13 Mitglieder des iranischen Fußballteams wurden ebenso deportiert und am Flughafen festgehalten, bis ein Flugzeug zurück in den Iran verfügbar war. Ihre Visa wurden bei der Ankunft am Flughafen direkt wieder entzogen. Auch der irakische Fotograf der Nationalmannschaft musste sein Visum abgeben und zurückfliegen. 90 Prozent der marokkanischen Fans, die bereits die Wuchtertickets (die mehrere Hundert Euro kosten) für die WM gekauft hatten, wurden die Visa verweigert.

Wer nur Trump verantwortlich hält für diese Skandale, muss weiter schauen: Die gesamte FIFA-Führungsetage spielt dasselbe Spiel mit. Bei der letzten WM in Katar, die aufgrund der horrenden Arbeitsbedingungen der WM-Beschäftigten und Menschenrechtsverletzungen von vielen kritisiert wurde, hatte sich der FIFA-Präsident Gianni Infantino hingestellt und behauptet, „heute fühle er sich katarisch, arabisch, afrikanisch, homosexuell, behindert und wie ein migrantischer Arbeiter“. Damit wollte der reichste FIFA-Präsident aller Zeiten (3 Millionen US-Dollar jährliches Einkommen seit 2016 allein für seine Stellung als Präsident) ein „Zeichen“ setzen – wofür genau, fragt man sich bis heute. Genau dieser Präsident verlieh 2025 den erstmals vergebenen „FIFA Peace Prize – Football Unites the World“ an den US-Präsidenten Donald Trump.

Infantino und Trump sind verbrüdert darin, Rassismus zu verbreiten und auf Menschenrechte zu treten. Die gesamte Institution der FIFA hat den Fußball zu einer kommerziellen Geldmaschinerie verdorben. Was einst ein Gemeinschaftssport der Arbeiter:innen aller Nationen und Kulturen war und heute in vielen Kiezen und Gegenden auch immer noch ist, wurde durch die kapitalistische Übernahme von Reichen zu einer Profit-Industrie verwandelt, in der Spielerwerte und -gehälter teilweise höher sind als Arbeiter:innen jemals im Leben durch harte Arbeit verdienen werden.

Boykott als Lösung des Problems?

Dass dieser Sport das Interesse einer gesamten Gesellschaft weckt, ist nicht verwunderlich. Immerhin ist der Fußball eines der beliebtesten Sportarten und wie oben beschrieben auch ein tiefer Teil von kulturellem Miteinander. Wo Spiel, Spaß und Sportlichkeit an erster Stelle stehen sollten, stehen heute Kapitalinteressen von Reichen und Politiker:innen, die ihre Images aufpolieren wollen auf Kosten von unterbezahlten und teilweise in den Tod abgeschufteten Arbeiter:innen.

Ein Boykott mag einem das Gefühl geben, durch die Ablehnung einer Sache aktiv etwas dagegen zu tun, doch in Wirklichkeit ist das nicht so. Denn in Wirklichkeit geht ein Boykott oftmals am Bewusstsein der Massen vorbei. Ein so historischer Sport verliert seine Zuschauer nicht, solange sie noch Freude daran erleben können. Der Kapitalismus weiß genau das auszunutzen, um sich die Taschen zu füllen und „dem Volk ein Opium zu verabreichen“, das ihre eigene Ausbeutung und Unterdrückung vergessen macht. 

Doch es gibt etwas anderes, das wirklich helfen kann. Noch heute finden zwar ICE-Raids statt, aber auch Streiks und Demonstrationen dagegen. Unsere Schwesterorganisation Left Voice berichtet direkt von vor Ort und sagt ganz richtig: ICE und Trump können nur mit einem antiimperialistischen, antikapitalistischen Generalstreik in die Knie gezwungen werden. Ein Streik von Beschäftigten in Stadien, zusammen mit Fangemeinden, zusammen mit unterdrückten Bevölkerungsgruppen wie den indigenen Teilen der USA und Mexikos. Die WM ist eine sehr gute Bühne, um genau diesen politischen Kampf auszuführen und zu ihm aufzurufen.

Generell muss der gesamte Weltverband FIFA aufgelöst werden, damit Fußball nicht mehr für Machtspiele von extrem rechten Politiker:innen wie Trump und profitablen Geschäften in den Taschen von Reichen wie Infantino ausgenutzt werden können. Wir Arbeiter:innen müssen sagen: Unser Fußball gehört uns – und niemandem sonst. Wir wollen ihn spielen, wir wollen entscheiden, wann wir ihn wo, mit wem und unter welchen Bedingungen spielen.

Dass Menschen heute die WM weiterhin schauen wollen, ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass Menschen wie Infantino und Trump darüber bestimmen, wer bei der WM spielen oder wer die WM sehen darf. Wer mit rechten Politikern Hand in Hand geht, kann kein Freund von uns sein. Nieder mit Trump, nieder mit ICE und nieder mit der FIFA!

Zu der WM 2022 in Katar und der EM 2024 in Deutschland schrieben wir bereits Artikel, die die Gegebenheiten um diese Turniere anklagen sollten. Insbesondere über die rassistischen und sexistischen Aspekte der FIFA schrieben wir. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass zu Zeiten von großen Sportevents, vor allem aber zu Männermeisterschaften im Fußball, häusliche und sexualisierte Gewalt deutlich öfter passiert als an anderen Tagen.

Wer deshalb nicht alleine zuhause sein will, dennoch interessiert an den Spielen ist, kann am Donnerstag gerne mit uns im Rosa und Karl das erste Spiel der WM in Mexiko anschauen.

Public Viewing WM 2026

Mexiko – Südafrika

Donnerstag, 11. Juni um 21 Uhr

Rosa und Karl, Sonnenallee 152, 12059 Berlin

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