Was macht Springerhetze in einer linken Zeitung?

17.07.2025, Lesezeit 6 Min.
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Foto: Stephan Dost/Shutterstock.com

Offener Brief an die Redaktion der linken Zeitung nd.

Als linker Mensch in Deutschland ist man es gewöhnt, von den Medien des Axel-Springer-Verlags verleumdet zu werden. Sobald man für eine gute Sache einsteht, wird man als Chaot:in, Terrorist:in oder neuerdings auch als Antisemit:in beschimpft. So war es schon 1968 und so wird es bleiben, bis dieses Organ der Niedertracht endlich enteignet wird.

Die Beleidigungen prallen an einem ab. Aber es tut weh, solche Springerhetze in einer linken Tageszeitung zu lesen — besonders wenn man seit über einem Jahrzehnt selbst für das nd schreibt.

Am Donnerstag habe ich lesen müssen, dass die trotzkistische Hochschulgruppe Waffen der Kritik „judenfeindlich“ sei — ein bemerkenswerter Vorwurf an eine Strömung, die sich vom bekanntesten Juden des 20. Jahrhunderts inspirieren lässt (der wiederum Schüler des bekanntesten Juden des 19. Jahrhunderts war). Im letzten Jahrhundert gab es auffällig viele jüdische Führungsfiguren in der trotzkistischen Bewegung: Ernest Mandel, Tony Cliff, Pierre Lambert, Jorge Altamira, usw. Heute ist die weltweit bekannteste Trotzkistin, Myriam Bregman, auch Jüdin.

Jüdische Trotzkist:innen kämpften im Untergrund und in den Konzentrationslagern gegen den Faschismus. Abraham Leon analysierte die materiellen Grundlagen des Antisemitismus bevor er in Auschwitz ermordet wurde.

Das sollen „Judenfeind:innen“ sein? Wie könnte man einen solch ungeheuren Vorwurf begründen? Der nd-Redakteur Marten Brehmer liefert keinen Beweis für Judenfeindschaft irgendeiner Art. Stattdessen stützt er sich wie selbstverständlich auf die extrem problematische IHRA-Definition, wonach jede Kritik an Israel zu Antisemitismus umgedeutet wird. Diese Definition wird unter anderem von der CDU, der AfD, Giorgia Meloni und Donald Trump befürwortet.

Die nd-Redaktion muss diese Verleumdung sofort unterlassen. Aber das ist bei weitem nicht die einzige ekelerregende Stelle im Artikel. Ferner wird behauptet, auf Veranstaltungen an der Freien Universität sei „zum Mord an Juden und Israelis aufgerufen worden“. Lesende Arbeiter:innen werden sich fragen: Wann sind solche Aufrufe getätigt worden? Bei welchen Veranstaltungen, von welchen Redner:innen? Zwar schützt sich der Autor mit einem Konjunktiv II, aber ignoriert seine Pflicht, Aussagen nicht nur wiederzugeben, sondern auch ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Für einen „Aufruf zum Mord an Juden“, so wie es schwarz auf weiß im nd behauptet wird, gab es bisher keinerlei Belege.

Problematisch ist das gesamte Framing Brehmers, der Israelkritik an einer Universität als Diskriminierung jüdischer Studierender präsentiert. Das ist die gleiche Argumentation, die die Trump-Administration verwendet, um US-Universitäten zu attackieren. Trump und Brehmer gehen von der gleichen Prämisse aus: dass sich alle Juden:Jüdinnen mit Israel identifizieren. Diese Gleichsetzung ist — selbst nach der problematischen IHRA-Definition — antisemitisch.

In Wirklichkeit gibt es bei jedem pro-palästinensischen Protest eine extreme Überrepräsentation jüdischer Menschen. In den USA sieht man das nicht nur bei den Protestcamps, sondern auch in Umfragen, wonach sich jüngere jüdische Menschen massenhaft vom Zionismus abwenden. Für die jüdische Community in Deutschland liegen keine wissenschaftlichen Zahlen vor. Dennoch ist es überhaupt nicht schwer, jüdische Aktivist:innen in der Bewegung gegen den Genozid in Gaza zu finden.

An der FU gab es vor kurzem eine Veranstaltung der linken jüdischen Gruppe Jewish Bund. Eine rechte jüdische Gruppe forderte die Universität auf, diese zu canceln. Welche Gruppe spricht für die Mehrheit der jüdischen Studierenden? Das kann niemand sagen.

Nehmen wir die bekannten Videos, wo man sieht, wie der rechte jüdische Student Lahav Shapira pro-palästinensische Aktivist:innen an der FU schubst und anpöbelt. Auf der Gegenseite sieht man einen jüdischen Studenten mit bunten Haaren. Dieser war einer von vielen jüdischen Studierenden, die an dem Tag an der angeblich „judenfeindlichen“ Besetzung teilnahmen. Gegen diesen jungen Mann gab es eine furchtbare, transphobe Hetzkampagne bei Spiegel TV — und keine deutsche Zeitung berichtete darüber. 

Der Angriff auf Shapira war furchtbar. Aber es gibt noch viel mehr Angriffe auf Juden:Jüdinnen in den letzten zwei Jahren in Berlin, die Brehmer — so wie alle deutschen Journalist:innen — konsequent verschweigen. So wurde ein linker Israeli von einer „israelsolidarischen“ Kneipe rausgeworfen und anschließend brutal zusammengeschlagen. So wurden mindestens vier jüdische Studierende bei der Räumung eines besetzten Instituts an der Humboldt-Universität verletzt. Doch mit Polizeigewalt gegen Juden:Jüdinnen scheint der Autor kein Problem zu haben — das sind wohl alles jüdische Antisemit:innen.

Brehmer verlangt als Maßnahme gegen antisemitische Diskrimierung, dass jüdische Kritiker:innen Israels von der Universität zensiert werden. Nur die Juden:Jüdinnen, die zur deutsche Staatsräson passen, gelten für ihn als „echte“ Juden:Jüdinnen — linke Juden:Jüdinnen sind dann wohl „Volksverräter“, „Tokens“ oder einfach inexistent. Eine solche Ignoranz gegenüber der Vielfalt jüdischer Geschichte und jüdischer Realität heute ist einfach empörend. 

In Berlin wächst die jüdische Community, und zahlreiche jüdische Aktivist:innen betätigen sich in der Palästina-Bewegung. Ihre Biographien und ihre Gedanken sind oft faszinierend, und nd könnte ihnen eine Plattform bieten. Es ist unverständlich, dass stattdessen Platz für Springerhetze gemacht wird.

Sicherlich sind über 90 Prozent der Inhalte bei nd links und interessant. Umso mehr fallen diese furchtbaren Verleumdungen von der Feder Marten Brehmers auf, die Wort für Wort aus der BILD oder der WELT stammen könnten. Immer und immer wieder fällt er mit CDU-Sprüchen auf. Und ein Löffel Teer verdirbt ein Fass Honig, wie man auf Russisch sagt.

Kann es sein, dass sich eine linke Redaktion schwer tut, Leute wegen groben Fehlverhaltens zu kündigen? Ich habe vor fast 20 Jahren ein Praktikum bei der jungen Welt gemacht, als Jürgen Elsässer — schon auf seinem Weg Richtung Faschismus — gefeuert wurde. Alle haben sich gefreut und gewundert, warum es so lange gedauert hat. Um diese Person muss man sich wirklich keine Sorgen machen: Auf ihn wartet schon ein Schreibtisch im Springerhochhaus, ohne dass er ein Wort oder Komma in seinen bisherigen Texten ändern muss.

Jede Zeitung, die sich links nennt, sollte ihre Reichweite nutzen, den Genozid an den Palästinenser:innen anzuklagen und Protest dagegen zu stärken, statt ihn zu diffamieren. Berlin braucht keine „linke“ Springerhetze.

Mit enttäuschten Grüßen,

Nathaniel Flakin, Journalist

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