Warum Trotzki auch 85 Jahre nach seiner Ermordung noch von Bedeutung ist
In seiner Kolumne würdigt Nathaniel Flakin den russischen Revolutionär, der am 20. August 1940 von einem stalinistischen Agenten erschlagen wurde.
Heute vor 85 Jahren wurde Leo Trotzki in Coyoacán in Mexiko von einem stalinistischen Attentäter erschlagen. Wie sein Enkel 2017 in Erinnerung rief, war dies nicht der erste Anschlag auf das Leben des Gründers der Roten Armee.
Ich habe nie verstanden, warum manche Linke Eispickelwitze machen. Man hört schließlich auch keine „Kanalwitze” über Rosa Luxemburg oder „Schrotflintenwitze” über Malcolm X.
Manche mögen Trotzki wegen seines Kampfes gegen den Stalinismus als „Spalter“ bezeichnen. Aber Malcolm X war nicht weniger ein „Spalter“, sowohl gegenüber Martin Luther King als auch gegenüber Wallace Fard Muhammad. Rosa Luxemburg war eine „Spalterin“ par excellence, die mit der PPS (Polnische Sozialistische Partei), der SPD und der USPD brach. Spaltungen in progressiven Bewegungen kommen ständig vor – die Frage ist: Welche Seite hat Recht?
Verschwörungstheorien
Engagierte Stalinist:innen würden Trotzki als „Verräter“ bezeichnen, basierend auf Stalins Vorwürfen, Trotzki habe mit Nazi-Deutschland und dem imperialistischen Japan kollaboriert. (Als Stalin mit Hitler verbündet war, beschuldigte er Trotzki, für die Briten zu arbeiten.)
Während der Großen Säuberungen von 1937 wurden 681.692 Menschen hingerichtet, weil sie angeblich Teil einer konterrevolutionären Verschwörung Trotzkis gewesen sein sollen. Das wäre mit Abstand die größte Verschwörung in der Geschichte der Menschheit – George Bush, der Osama bin Laden persönlich Anweisungen erteilt, wäre dagegen ein Kinderspiel gewesen. Doch selbst nach vielen Jahrzehnten gibt es immernoch nicht den geringsten Beweis dafür, dass so viele Kommunist:innen heimlich mit ihren Erzfeinden zusammengearbeitet haben.
Sowohl Deutschland als auch Japan wurden besiegt, und ihre Archive fielen in die Hände der Sowjets und der Amerikaner. Wenn es tatsächlich eine Verschwörung gab, dann hüten die USA und Russland seit über 80 Jahren Trotzkis Geheimnisse. In den Nürnberger Prozessen verhörten sowjetische Staatsanwälte Rudolf Hess, der angeblich Trotzkis Kontaktmann im faschistischen Regime war. Somit muss auch Stalin selbst an der Vertuschung beteiligt gewesen sein.
Eine Handvoll Ultra-Stalinist:innen versuchen auch heute noch, die Moskauer Prozesse zu verteidigen. Der Professor für mittelalterliche englische Literatur (nicht Geschichte) Grover Furr hat zahlreiche Bücher geschrieben, die Trotzkis Schuld beweisen sollen. Doch wie der marxistische Historiker Doug Greene in einem demnächst erscheinenden Buch untersucht, gibt Furr zu, dass er außer den absurden „Geständnissen“ von Menschen, die offensichtliche Anzeichen für Folter aufwiesen, keine Beweise gefunden hat.
Gescheiterte Theorien
Ein „gemäßigterer“ Stalinist:in würde vielleicht zugeben, dass mehr als nur ein paar Unschuldige getötet wurden, aber dass die Ermordung Trotzkis und der meisten führenden Persönlichkeiten der Oktoberrevolution trotzdem eine historische Notwendigkeit war, um die Sowjetunion zu verteidigen und den Sozialismus zu festigen.
Doch wie die Linke Opposition damals betonte, konnte die Unterdrückung aller Formen der proletarischen Demokratie das sozialistische Projekt nur schwächen. Aus dem Abstand von fast einem Jahrhundert können wir sagen, dass der „real existierende Sozialismus“ – oder besser gesagt die Herrschaft einer privilegierten bürokratischen Kaste – die Massen der Arbeiter.innen zunehmend von ihm entfremdete, die dann 1989-91 keinen Versuch mehr unternahmen, ein System zu verteidigen, das sie angeblich selbst kontrollierten.
Genau deshalb ist Trotzki heute relevant. Seine Beiträge zum Marxismus sind für diesen kurzen Artikel zu umfangreich, doch viele seiner Ideen waren nicht originär: Er verteidigte lediglich Ideen, die zuerst von Marx, Engels und Lenin vorgebracht worden waren, beispielsweise die Notwendigkeit einer internationalen sozialistischen Revolution, gegen die gescheiterte Idee des „Sozialismus in einem Land“.
Trotzki war der wichtigste Marxist, der sich mit der Bürokratisierung des ersten Arbeiter:innenstaates, der aus der Oktoberrevolution hervorgegangen war, befasste – einer sozialen Formation, die es zuvor noch nie gegeben hatte. Seine Analyse dieses degenerierten Arbeiterstaates hilft, diese nicht-kapitalistische, aber auch nicht-sozialistischen Gesellschaft und ihre Nachahmer zu verstehen.
Trotzki in Berlin
Trotzki hatte nie eine starke persönliche Verbindung zu Berlin – seine vorrevolutionären Jahre im Exil verbrachte er in London, Wien, Paris und New York. Doch viel später, während seines Exils aus der Sowjetunion auf der türkischen Insel Prinkipo (heute Büyükada), verfasste er scharfsinnige Analysen der deutschen Politik in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren.
Trotzkis Schriften über Deutschland sind heute, da die extreme Rechte erneut bedrohlich aufmarschiert, sehr lesenswert. Die Linke Opposition plädierte damals für eine Einheitsfront der Arbeiter:innen gegen den Faschismus als Teil einer revolutionären Strategie zum Sturz des Kapitalismus. Der britische Historiker Perry Anderson bezeichnete diese Werke als „die erste echte marxistische Analyse eines kapitalistischen Staates des 20. Jahrhunderts“ und als „unübertroffen auf dem Gebiet des historischen Materialismus“.
In der Fernsehserie Babylon Berlin werden die Trotzkist:innen Berlins der 1920er Jahre als isolierte Sonderlinge dargestellt. In Wirklichkeit bestand die trotzkistische Bewegung jedoch aus Fabrikarbeiter:innen, die für die Vereinigung der gesamten Arbeiter:innenklasse im Kampf auf Leben und Tod gegen die Nazis kämpften. Nachdem sie diesen Kampf verloren hatten, blieben die Trotzkist:innen im Widerstand und in den Konzentrationslagern aktiv. Obwohl die meisten Kader vom Faschismus liquidiert wurden, bauten einige Überlebende nach dem Krieg den deutschen Trotzkismus wieder auf – und nach 1968 schlossen sich ihnen viele junge Menschen an.
Heute, 85 Jahre nach einem der abscheulichsten Attentate des 20. Jahrhunderts, ist ein guter Tag, um alberne Stereotypen beiseite zu schieben und darüber nachzudenken, was Trotzkis Ideen uns für den Kampf gegen den Kapitalismus heute bieten können.