Warum ich als Lehrerin die Schulstreiks unterstütze
Aufrüstung, Kürzungen und zunehmende Präsenz der Bundeswehr an Schulen: Die angehende Lehrerin Tabea Krug findet, dass Lehrkräfte sich an die Seite der streikenden Schüler:innen gegen Wehrpflicht stellen sollten.
Dieser Artikel ist Teil der neuen Zeitung Wie können die Schulstreiks gewinnen? der kommunistischen Jugendgruppe Waffen der Kritik. Ihr könnt die Zeitung bei uns vor Ort in München, Berlin, Leipzig, Bremen, Dortmund, Münster, Ingolstadt und Flensburg bekommen, schreibt uns dafür einfach eine Mail oder Nachricht auf Instagram.
Dieser Morgen ist nicht wie jeder andere. Es stehen in der Schule keine Lehrer:innen vorne, die reden. Es sind Schüler:innen mit selbstgemachten Schildern und Megaphonen. Sie rufen immer wieder „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“. Als angehende Lehrerin finde ich das nicht nur extrem mutig. Ich weiß, sie haben Recht. Schließlich fällt mir buchstäblich die Decke auf den Kopf; egal, ob in den Schulen oder sozialen Einrichtungen, in denen ich arbeite und selbst in der Uni, die mich als Lehrerin ausbilden soll. Die Wehrpflicht ist ein weiteres Glied in einer langen Kette von Maßnahmen, die Militär, Krieg und Drill immer weiter in unseren Alltag drängen. Allein deshalb sollten sich Lehrkräfte den Streikenden anschließen und sich dem Kriegskurs konsequent entgegensetzen.
Schon bald soll jeder dritte Euro des Bundeshaushalts in die Aufrüstung fließen. Geld, das überall in unserer Daseinsfürsorge eingespart wird. Der massive Sozialabbau, der gerade stattfindet und die Militarisierung gehören zusammen. Während Milliarden aus dem Sondervermögen in neue Waffensysteme fließen, fehlt an Schulen und Hochschulen das Geld für Personal, Sanierungen und Studienplätze. Lehrkräfte, Sozialarbeiter:innen und Studierende tragen die Last einer Politik, die für Krieg aufrüstet und die Bildung ausbluten lässt. Alles im Dienste des deutschen Imperialismus, der sich auf der Weltbühne behaupten will, damit er um geopolitischen Einfluss, Absatzmärkte und Rohstoffe konkurrieren kann. Um dafür bereit zu sein, wird die Bevölkerung immer ärmer und die Jugend kriegstauglich gemacht.
So werden für dieses Ziel Schulen und Unis immer mehr zu Rekrutierungsräumen mit Jugendoffizieren, Plakatkampagnen und Karrieretagen. Erst im Juni wurde in Berlin eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die der Bundeswehr die Schultore weiter öffnet. Insgesamt neun weitere Bundesländer haben schon ähnliche Vereinbarungen getroffen. Die Verantwortlichen meinen, sie wollen die politische Bildung „anreichern“, aber eigentlich geht es um groß angesetzte Werbekampagnen für Nachwuchssoldat:innen. Als Lehrende sollten wir den Anspruch haben, gemeinsam mit unseren Schüler:innen Aufrüstung und Kriege zu hinterfragen, über internationale Krisen und globale Abhängigkeiten aufzuklären. Dass der Bildungsraum Minderjähriger nun genutzt wird, um Aufrüstung, Krieg und Nationalismus zu normalisieren, widerspricht grundlegend diesem pädagogischen Auftrag. Als Lehrerin ist es meine Pflicht, Kinder zu schützen und mich der Normalisierung von Krieg entgegenzustellen. Für mich ist deshalb klar: Die Bundeswehr hat in unseren Schulen nichts zu suchen!
Doch was mit Werbekampagnen angefangen hat, soll jetzt Pflicht werden. Die Wehrpflicht wäre die nächste Stufe einer Gesellschaft auf Kriegskurs. Es geht um das Recht über die Leben hunderttausender junger Menschen zu entscheiden. Der Staat möchte die volle Verfügungsgewalt über Körper und Zukunft einer ganzen Generation. Als Pädagogin trage ich mit Verantwortung für jene Jugendliche, die bald eingezogen werden sollen. Diese Angst um meine Schüler:innen ist real. Aber auch als Person, die voraussichtlich nicht von der Wehrpflicht betroffen ist, ist mir bewusst, dass diese Politik ebenso gefährlich für mich ist. Nicht nur durch massive Kürzungen, sondern durch reale Kriegsgefahr. „Aufrüsten, um nicht kämpfen zu müssen“ ist ein gefährliches Narrativ. Die Jugend für Krieg einzuspannen und immer weiter aufzurüsten, während Militärausgaben weltweit auf Rekordniveau sind, kann keinen Frieden schaffen. Eine mutige Jugend, die sich nicht verfeuern lässt, kann aber ein Anfang dafür sein.
Es braucht eine Antikriegsbewegung von unten. Die können aber Schüler:innen nicht alleine aufbauen. Sie können ein Beispiel mit Ausstrahlung sein und zeigen, wie man sich gegen die Regierungspolitik wehrt. Davon können wir Lehrer:innen durchaus etwas lernen.
Als Lehrer:in ist es also notwendig, sich an die Seite der streikenden Schüler:innen zu stellen. Wir dürfen Streiks nicht sanktionieren, sondern müssen im Kollegium Position beziehen. Wir haben die Möglichkeit, im Unterricht aufzuklären, statt mit falscher Neutralität den Kriegskurs zu stützen. Keine Lehrkraft ist gezwungen, die Bundeswehr in den eigenen Unterricht einzuladen, auch nicht durch Kooperationsvereinbarungen. Als Lehrer:innen haben wir so die Möglichkeit, den Schüler:innen den Rücken zu stärken und ihren Stimmen Gewicht zu verleihen. Doch damit sich wirklich etwas ändert, liegt es auch an uns, diese Bewegung auszuweiten.
Wir Bildungsarbeiter:innen müssen den Widerstand gegen die gesamtgesellschaftliche Aufrüstung konsequent in die Gewerkschaften tragen und an unseren Institutionen verankern. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) positioniert sich gegen Wehrpflicht und verabschiedet immer wieder Beschlüsse gegen Militarisierung. So hat die GEW Berlin einen Beschluss, der sich mit den Schulstreiks gegen die Wehrpflicht solidarisiert. Das ist ein richtiger Schritt, an dem sich andere Landesverbände ein Beispiel nehmen müssen.
Erklärungen und Statements sind ein Anfang. Sie ersetzen aber keinen organisierten Druck von Kolleg:innen selbst. Gerade in Zeiten des Rechtsrucks kommt es umso mehr auf gemeinsame Aktionen und Streiktage mit den Schüler:innen gegen die Regierungspolitik an.
Es liegt also auch an uns Lehrer:innen, ob wir Strukturen schaffen, die eine kämpferische Gewerkschaftspolitik gegen den massiven Kürzungs- und Kriegskurs durchsetzen. Das muss über den Sektor hinausgehen im Schulterschluss mit allen, die von dieser Politik angegriffen werden: mit allen Schüler:innen, Studierenden und der gesamten Arbeiter:innenklasse.
Hoffentlich stehen wir dann bald bei zukünftigen Streiktagen mit den Schüler:innen vorm Schultor und rufen mit: „Die Reichen wollen Krieg und wir eine Zukunft!“