Ukraine: Immer mehr Deserteure aus Kriegsmüdigkeit und Abscheu vor der Korruption
Während in Deutschland und Europa von Selenskyjs Kriegsführung und „Durchhaltevermögen“ geschwärmt wird, setzt die Realität der westlichen Propaganda ein Ende. An der ukrainischen Front nehmen nämlich die Desertationen zu – aus Erschöpfung, aus Angst vor dem Tod und weil die Illusionen an eine korrupte Regierung zerbrechen.
Nach dem russischen Angriff 2022 herrscht in der Ukraine immer noch Krieg. Weder konnte Russland großartige Erfolge verzeichnen, noch konnte sich die Ukraine mit Ausnahme einiger weniger Rückeroberungen von Dörfern und Stadtteilen behaupten. Und nach über vier Jahren macht sich bemerkbar, was bereits sehr früh von linken Analytiker:innen vorhergesagt wurde: Dieser Krieg ist ein ungewinnbarer Zermürbungskrieg. Auf beiden Seiten werden Arbeiter:innen und Arme von ihren Staatsoberhäuptern in den sinnlosen Tod getrieben. Und das zeigt sich auch in Fakten: Mehrere Millionen Menschen sind tot. Und mindestens genauso viele Männer in der Ukraine lehnen diesen Krieg rigoros ab. Zwei Millionen Ukrainer sind den Kriegsdienst gar nicht erst angetreten und haben sich nicht von den staatlichen Mobilisierungen an die Front einschüchtern lassen. Über 200.000 Männer sind nach offiziellen Angaben der ukrainischen Armee mittlerweile desertiert, die russische Seite verzeichnet laut Schätzungen ebenso über 50.000 Deserteure. In beiden Ländern erwarten Deserteure eine qualvolle Folter – bis sie letztendlich der Tod heimsucht.
Die Öffentlich-Rechtlichen hierzulande sprechen bei den Deserteuren davon, dass sie sich „unerlaubt von der Truppe entfernt“ hätten – und debattieren im nächsten Atemzug nur über den Personalmangel, als ob die Interessen der Desertieren und Kriegsdienstverweigerer nicht wichtig seien. Die Reichen und ihre vermeintlich „unabhängigen“ Medien interessieren sich eben nicht für die Bedürfnisse von Soldaten – nein, auch nicht die 83 reichsten ukrainischen Oligarchen, die zu Kriegsbeginn an die Côte d’Azur flohen, um sich und ihren Reichtum zu schützen. Eine Explosion einer selbstgebauten Bombe in Monaco am Montag, dem 29. Juni, die auf einen dort lebenden ukrainischen Kapitalisten abzielte, erinnert jedoch an den krassen Klassenunterschied, der die ukrainische Gesellschaft kennzeichnet: 83 sehr reiche Ukrainer:innen können in aller Entspanntheit ihr Leben in Sicherheit und Reichtum genießen, während 5,8 Millionen Ukrainer:innen derzeit in Armut leben und Hunderttausende von ihnen regelrecht auf der Straße gejagt und entführt werden, um sie in den Krieg zu zwingen. Selenskyj will den Zahlen an Deserteuren und „dem fehlenden Personal“ in der ukrainischen Armee mit Reformen entgegenwirken: Seine Regierung überlegt befristete Zeitverträge, um kurzfristig Soldaten zu rekrutieren, die sich nicht zwingend für immer an die Armee binden müssen. Außerdem soll die Vergütung des Kriegseinsatzes erhöht werden.
Doch werden sie eine Umstimmung der Moral der ukrainischen Männer bewirken können, die in einen dystopischen Krieg ziehen müssen? Die Ankunft an der Front würde ihre bereits jetzt kriegskritische und skeptische Meinung nur verhärten. Von „Fronten“ zu sprechen, trifft auch eigentlich gar nicht mehr zu: Zwar gibt es Schützengräben, die an den Ersten Weltkrieg erinnern, doch gibt es keine klare Trennlinie mehr zwischen den beiden kämpfenden Armeen. Stattdessen breitet sich eine surreale „Grauzone“ aus, in der Hunderte von Drohnen verschiedener Typen umherfliegen. Einige Geräte, sogenannte ISR-Drohnen, identifizieren kontinuierlich Ziele, während die sogenannten UCAV-Kampfdrohnen autonom zuschlagen. Eine weitere Kategorie bilden die kostengünstigen Kamikaze-Drohnen mit einer einzigen Sprengladung, deren Aufgabe es ist, isolierte Fußsoldaten aufzuspüren und zu töten. All diese Fluggeräte bilden ein in Echtzeit vernetztes Sensor-Ökosystem, das mit Artilleriegeschützen sowie Kampfflugzeugen gekoppelt ist, die beim geringsten Anzeichen einer menschlichen Präsenz hunderte Kilogramm schwere, zielgesteuerte Gleitbomben abwerfen können. Vor einigen Monaten veröffentliche Aussagen von Deserteuren, lassen Misstrauen gegenüber der Kriegsführung und der Korruption der herrschenden Klassen aufkommen. Die Klassenunterschiede machen sich mehr und mehr erkennbar – manche sind mittlerweile der Meinung, dass es sich unter solchen Bedingungen nicht lohne, an der Front zu sterben. Das Schlachtfeld ist eine wahre Hölle auf Erden, die jeden Tag im Durchschnitt mehrere hundert Menschenleben kostet. Jedes Jahr, das vergeht, ist tödlicher als das vorherige. All das, nur um ein paar Dutzend Quadratmeter zu erobern.
Unter all diesen Bedingungen sind die Zahlen der Deserteure nicht verwunderlich. Der Krieg hat aber nicht nur die mentale und körperliche Kraft der Soldaten ausgelaugt, sondern auch die sozialen Ungleichheiten der ukrainischen Gesellschaft verschärft. Die armutsgeprägte Bevölkerung, die überwiegend in Kleinstädten und Dörfern lebt, weil sie sich die Großstädte nicht leisten können, erleben den Krieg dreimal so hart wie die Großstadtbewohner:innen. Über 75 Prozent der getöteten Zivilist:innen lebten außerhalb der Stadt. Ihnen fehlt das Geld für Schutz, ihre Häuser sind oft selbst gebaut aus billigsten Werkstoffen. Dadurch spielen Einkommensunterschiede eine direkte Rolle dabei, wie stark man dem Tod ausgesetzt ist. Geld kann sowohl dazu dienen, Grenzsoldaten zu bestechen, um trotz des Kriegsrechts, das Männern zwischen 23 und 60 Jahren die Ausreise verbietet, aus dem Land zu fliehen, als auch dazu, die tödlichsten Gebiete direkt an der Front zu meiden. Ein von Envoyé Spécial, einer französischen Nachrichtenplattform, befragter ukrainischer Soldat gab sogar an, dass die Hälfte der Männer seiner Kampfgruppe 50 Prozent ihres Einkommens an ihren Kommandanten abgaben, um nicht auf die gefährlichsten Einsätze geschickt zu werden.
Die Korruption sowohl innerhalb der Armee als auch im gesamten ukrainischen Staat, kennt kein Ende. Als Aushängeschild der ukrainischen Kriegsprofiteure hat sich der reichste Mann des Landes, Rinat Achmetow, am 21. April 2026 die teuerste Wohnung der Welt in Monaco gegönnt. Ein besonderes Maß an Zynismus, mit dem sich die imperialistischen Mächte problemlos abfinden. Währenddessen sind ukrainische Kriegsopfer selbst im Tod nicht sicher vor staatlichen Angriffen. Während sich der Staat ursprünglich verpflichtet hatte, den Familien der gefallenen Soldaten 15 Millionen Hrywnja (circa 290.000 Euro) zu zahlen, hat sich die Regelung seit September geändert. Nun ist der Staat nur noch verpflichtet, 3 der 15 Millionen Hrywnja sofort auszuzahlen, der Rest der Summe wird über einen Zeitraum von 80 Monaten verteilt. Die Regierung vermeidet so nicht nur zu hohe Ausgaben auf einmal, sondern kann auch auf die Inflation setzen, um ihre Schulden gegenüber den Familien automatisch zu senken.
Die Kriegsmaschinerie – von den Soldaten auch „Fleischwolf“ genannt – nimmt kein Ende. Und die ukrainische Regierung reagiert auf die massive Anzahl von Deserteuren mit extremer Brutalität. Sie schickt Rekrutierungsoffiziere in Kleinbussen durch das Land, mit dem Auftrag, Männer, die als „wehrfähig“ gelten, gewaltsam zu entführen. Dieses als „Busifizierung“ bekannte Phänomen führt zu Widerstand in der Bevölkerung, wobei insbesondere Frauen nicht zögern, sich den Offizieren entgegenzustellen, um ihren Angehörigen die Flucht zu ermöglichen. Wehrpflichtige und sogar Freiwillige aus dem Jahr 2022 prangern mittlerweile in einem Bericht an, dass sie für ihre Anführer „nur Zahlen“ oder „nur Material“ seien, und manche berichten, dass „an der Front jeder nur daran denkt, wegzukommen“. Im Gegensatz zur bürgerlichen Propaganda auch hierzulande, erklären einige befragte Zivilist:innen, dass sie die Entscheidungen der Deserteure durchaus verstehen.
Der ukrainische Staat hat kein solches Verständnis – er lässt stattdessen Tausende Kilometer Stacheldraht an den Landesgrenzen errichten, um die Desertationen und die Flucht zu unterbinden. Doch nichts von alledem kann das Streben nach Freiheit einer wachsenden Zahl von desertierenden Soldaten aufhalten, die traumatisiert und angewidert sind von der Hölle an der Front und der im Land herrschenden Korruption. Diese Freiheit wird jedoch in der Europäischen Union immer schwerer zu finden sein, je weiter die Militarisierung und die Kriegsvorbereitungen voranschreiten. Man kann keine Hoffnung auf die herrschenden Klassen anderer Länder setzen, um einen allgemeinen Flächenbrand zu verhindern. Erst recht nicht in einer Zeit, in der die extreme Rechte an Boden gewinnt und sich die liberalen oder linken Kreise immer mehr den imperialistischen Interessen ihrer herrschenden Klassen anpassen.
Im Gegenteil: Wir müssen uns darauf stützen, dass die Arbeiter:innen die Realität des Krieges und ihre eigene Fähigkeit, die kapitalistische Maschinerie zu stoppen, erkennen. So schwierig die Bedingungen auch sein mögen, so tief die blutige Kluft auch sein mag, die das ukrainische vom russischen Volk trennt – dennoch ist es die Perspektive eines gemeinsamen Kampfes gegen die Kapitalist:innen, die Reichen, die Korrupten. Die gemeinsame Kraft der Arbeiter:innen ist es, die die Voraussetzungen schaffen kann, um die Macht der Kapitalisten, die für diese Kriege verantwortlich sind, zu brechen und dieser Kriegstreiberei ein für alle Mal ein Ende zu bereiten.
Dieser Artikel basiert auf einem Artikel, der am 14. Juli in unserer französischen Schwesterzeitung Révolution Permanente erschienen ist.