Theater als Widerstand: „And Here I Am“ von Ahmed Tobasi in Leipzig

24.11.2025, Lesezeit 9 Min.
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Foto: KGK

Nachdem 2024 die Produktion „And Here I Am" des Freedom Theatre Jenin vom euro-scene Festival ausgeladen wurde, konnte Ahmed Tobasi am Sonntagabend in Leipzig vor ausgebuchtem Saal seine Deutschlandpremiere feiern.

Hunderte Leute sitzen in der Alten Handelsbörse mitten in der Leipziger Innenstadt – der Abend ist ausgebucht. Das Lied „Mali Huriyeh“ von der palästinensischen Band „DAM“ dröhnt über die Lautsprecher und Ahmed Tobasi schlendert zur Bühne. Er verkündet, es sei nun an der Zeit, sein Leben neu zu beginnen und das Freedom Theatre sei seine letzte Chance, die Dinge noch einmal herumzureißen. In dem autobiografischen Solostück Tobasis erlebt das Publikum anhand seiner Geschichte stellvertretend für viele junge Menschen wie es ist, im Flüchtlingslager aufzuwachsen. Wie es ist, als Kinder ihrer vor der Nakba fliehenden Eltern im Camp zwischen zwei Intifadas aufzuwachsen, die Enttäuschung der Oslo-Accords erleben zu müssen, mit ansehen zu müssen, wie ihre Freunde und Familienmitglieder sterben, wieder aus ihren Häusern vertrieben werden oder die Häuser zerstört werden. 

Das Publikum erfährt, wie Tobasi sich in jungen Jahren unsterblich in Sanaa verliebt hat, wie er sie aber bald wieder verliert, weil er aufgrund seiner Aktivitäten im bewaffneten Widerstand vier Jahre lang ins Gefängnis muss und Sanaa in der Zwischenzeit eine Familie gründet. Es lernt, wie gewaltsam es in einem israelischen Gefängnis vorgeht. Wie er nach und nach alle seine Kindheitsfreunde, die inzwischen auch im Widerstand aktiv sind, verliert und wie er es nach seiner Entlassung zum Theater schaffte. Im Nachgespräch erklärt er, als Palästinenser in Jenin hat man eigentlich nur die Wahl: Entweder tritt man dem bewaffneten Widerstand bei, wird zum Märtyrer oder wird durch das Militär verstümmelt. Er selbst wählte schließlich eine andere Waffe.

Im Stück spricht der 2011 ermordete Leiter des Freedom Theatre Juliano Mer-Khamis immer wieder zu uns. Verstärkt durch ein Mikro wirkt er fast übermächtig. Man merkt, welchen Eindruck die Gründerin des Theaters Arna und ihr Sohn Juliano auf diese Jugendlichen hatten. In einer Dringlichkeit versucht er Tobasi und den anderen Jugendlichen beizubringen, wie mächtig das Theater als Waffe ist. 

Freedom Theatre als Ort des Widerstands

Das Theater wurde ursprünglich von der jüdischen Kommunistin Arna Mer Khamis als Reaktion auf die Erste Intifada gegründet. Sie wollte im Flüchtlingslager Jenin Räume für Kinder und Jugendliche, für Kunst und Kultur, für Bildung und Theater schaffen. Viele der Kinder, mit denen Arna arbeitete, litten an chronischen Angstzuständen, Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen, infolge der Gewalt während des Aufstands. Die Institution wuchs in den 80er und 90er Jahren rasant und verfügte 1993 bereits über 1500 Kinder, 15 Angestellte und 25 Volontäre. Während der Zweiten Intifada wurde das Theater 2002 von israelischen Bulldozern völlig zerstört. Juliano Mer Khamis hat es dann gemeinsam mit ehemaligen Theaterschüler:innen seiner Mutter wieder aufgebaut, um den Kindern und Jugendlichen wieder einen Ort zu geben. 2011 wurde Juliano jedoch von einem maskierten Täter in seinem Auto ermordet. Die Umstände des Attentats sind bis heute ungeklärt. Unter neuer Leitung arbeitete das Theater weiter am Projekt des kulturellen Widerstands. Sehr zum Missfallen der israelischen Besatzer, die das subversive Potential kultureller Formen des palästinensischen Widerstands gegen Besetzung und nationale Unterdrückung sehr wohl erkannten. Kurz nach Beginn des Gaza-Genozids wurde das Theater am 12. und 13. Dezember 2023 daher von der IDF geplündert und verwüstet. Drei Mitarbeiter:innen, darunter der künstlerische Leiter des Theaters, der Geschäftsführer und ein Absolvent der Schauspielschule, wurden von israelischen Soldaten festgenommen. Diese Aktion war Teil einer mehrmonatigen Großoffensive der IDF auf Jenin, welche letztlich auf die Zerstörung des Flüchtlingslagers als Zentrum des bewaffneten Widerstands in der West-Bank abzielte. Im August 2024 kam es dabei zu einem großangelegten Einsatz von Bulldozern. Insgesamt 18.000 Menschen, der größte Teil der Bewohner:innen des Lagers und angrenzender Viertel, wurden vertrieben, ihre Häuser systematisch eingerissen. Das Theater setzt jedoch trotz immer widrigeren Umständen seine Arbeit fort.

Kulturelle Repression in Deutschland

Ursprünglich sollte das Stück Ahmed Tobasis bereits im Oktober 2024 im Rahmen der „euro-scene Leipzig“, ein etabliertes internationales Tanz- und Theaterfestival gezeigt werden. Die euro-scene hatte damals einen Schwerpunkt auf den sogenannten Nahen Osten. Es gab Produktionen aus dem Iran, Beirut und eben auch aus Palästina. Außerdem sollte es ein Nachgespräch mit dem Leipziger Institut für Theaterwissenschaft unter dem Titel: „Was kann, was darf, was erzählt Theater unter Beschuss?“ geben. Offensichtlich nicht besonders viel, denn das Stück wurde kurzerhand von den Organisator:innen abgesagt. Die „Artists against Antisemitism“ hatten einen offenen Brief an den Leipziger Bürgermeister, an das Kulturministerium Sachsens und die Festivalleitung geschrieben, welcher dem Freedom Theatre unterstellte, von „Terroristen“ unterwandert worden zu sein. Zwar hatte die Festivalleitung darauf zunächst in einem Statement geantwortet: „Boykotte und Ausladungen von Künstler:innen fördern unserer Ansicht nach nicht die Diskussion von gesellschaftlichen Debatten, sondern verhindern sie.“ Doch unter dem Druck der deutschen Staatsräson kapitulierte sie schließlich (und die deutsche Kunstfreiheit gleich mit) und lud Ahmed Tobasi und das Freedom Theatre wieder aus. 

Im folgenden Jahr arbeiteten die „Artists for Cultural Freedom Leipzig“ unermüdlich daran, die Aufführung von „And Here I Am“ doch noch zu ermöglichen. Letztlich mit durchschlagendem Erfolg, denn der Veranstaltungsort, die alte Leipziger Handelsbörse, ist kein linker Hinterzimmer-Space, sondern einer der gefragtesten lokalen Veranstaltungsorte im Besitz der Stadt Leipzig. Damit gelang der Palästinabewegung auf dem Schlachtfeld der kulturellen Hegemonie ein Etappensieg, der gleichzeitig ein Triumph der Kunstfreiheit in immer autoritäreren Zeiten ist. Kunst, die das imperialistische Aufrüstungs- und Kriegsprojekt des deutschen Staates, samt der Unterstützung seines israelischen Brückenkopfes in Westasien, offen in Frage stellt, wird in Zukunft in dem Maße immer verzweifelteren Repressionen ausgesetzt sein, in dem der deutsche Staat an Rückhalt in der eigenen Bevölkerung verliert. 

„Palästina steht für die ganze Menschheit“

Im Nachgespräch spricht Tobasi über die Politik des Theaters und warum er es wichtig findet, sein Stück auch im Westen aufzuführen. Es gehe eben genau darum, den Menschen klarzumachen, dass die Sache Palästinas nicht ein politisches Anliegen unter vielen sei, sondern die grundlegendsten menschlichen Fragen berühre. Palästina, das sei nicht der Kampf von Religionen oder Nationen, es werde daran, wie unter einem Brennglas sichtbar, dass es in der Welt eigentlich um den Widerspruch zwischen Besitzenden und Besitzlosen gehe. Um dies zu unterstreichen, erzählte Tobasi von seinem Besuch in Chile, dort lernte er Vertreter:innen eines indigenen Stammes kennen, die ihm erzählten, wie ein lokaler Kapitalist ihr Land aufkaufen wollte, um Supermärkte darauf zu bauen. Dieser Kapitalist war Palästinenser. So zeigte er, dass die Nationalität nicht die Menschen bestimmt, sondern die Stellung, die man in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft einnimmt. Weiter erklärte Tobasi, dass die Großmächte die gesamte Welt als ihren Selbstbedienungsladen betrachten würden und sich einen Wettkampf um den Zugang zu Ressourcen und Menschenmaterial liefern würden. Ob in der Ukraine oder in Palästina. Dabei betonte Tobasi: 

Warum versucht Deutschland uns Palästinensern zu erklären, wie Frieden funktioniert, während sie doch die Waffen produzieren, die uns töten. Schließt erstmal eure Waffenfabriken, bevor ihr irgendwie von Frieden redet!

Anschließend betonte er, wie glücklich es ihn mache, an Abenden wie diesem auch eine andere Seite der deutschen Gesellschaft kennenzulernen. Eine, die solidarisch mit Palästina steht und die gewillt ist, dem eigenen Staat und seinem imperialistischen Projekt Widerstand entgegenzusetzen. 

Auch gegenüber den Israelis sieht Tobasi den Widerspruch nicht primär auf der Ebene der Nationalität, sondern in den unterschiedlichen Rollen, die im System der Besatzung eingenommen werden. Im Stück erwähnte Tobasi den gleichaltrigen Soldaten Dani, der aus den USA seinen Militärdienst in Israel absolvierte und Tobasi von seinen Partyplänen in Tel Aviv erzählte, während dieser im Knast hinter Gittern sitzt. Dann reflektierte Tobasi: „In einer anderen Welt könnten wir sogar befreundet sein, wenn er nicht der Gefängnisinsasse und Dani mein Wärter wäre.“ 

Klasse Gegen Klasse fügt diesen Anmerkungen hinzu: Solange das israelische Staatsprojekt, welches auf der nationalen Unterdrückung der Palästinenser:innen erbaut wurde, existiert, werden Juden und Palästinenser:innen zwangsweise zu Vertreter:innen „ihrer“ Nation gemacht und damit objektiv in einen gewaltsamen Widerspruch zueinander gesetzt. Dieser Widerspruch kann nur aufgehoben werden, wenn der heutige exklusive Ethnostaat Israel zu Gunsten eines sozialistischen binationalen Palästinas aufgehoben wird, in welchem alle Menschen, ungeachtet ihrer Religion und Nationalität, friedlich zusammenleben können. Dieser einzig mögliche Friedensplan wird allerdings nur Realität, wenn die Arbeiter:innen der ganzen Region gegen ihre pro-imperialistischen Regierungen rebellieren und auch die Arbeiter:innenmassen in den imperialistischen Zentren wie Deutschland an den Häfen und Flughäfen einen erfolgreichen Kampf gegen die militärische und wirtschaftliche Unterstützung Israels nach dem Vorbild der italienischen Arbeiter:innen führen. Tobasi endete die Diskussionsrunde nicht ohne Grund mit den Worten: „Geht auf die Straße und leistet auch hier in Deutschland weiter Widerstand.“

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