Stromausfall in Berlin – war das Linksterrorismus?
Wie ist die Sabotageaktion, zu der sich die „Vulkangruppe“ bekannt hat, einzuordnen?
Während ich diese Zeilen schreibe [am 6. Januar, Anm.d.R.] sind Zehntausende Haushalte in Berlin ohne Strom. In den frühen Morgenstunden des Samstags wurde ein Stromkabel über dem Teltowkanal – das vom Heizkraftwerk Lichterfelde zur Kleingartenanlage Zukunft führt – gesprengt. Der Anschlag legte nicht nur die Beleuchtung und die Kommunikation für die Menschen in Zehlendorf, Dahlem und anderen Stadtteilen lahm. Ohne Strom funktionieren die meisten Heizungsanlagen nicht, und das in der kältesten Woche des Jahres. Pflegeheime werden mit Notstromaggregaten betrieben, während viele Anwohner:innen in Turnhallen untergebracht wurden.
Die erste Frage, die wir uns stellen sollten, lautet: Warum dauert es bis Donnerstag, bis die grundlegende Infrastruktur repariert ist? Warum konnten Menschen ohne Strom nicht in Hotels untergebracht werden? Der Senat kündigte ein umständliches Programm an, mit dem Anwohner Hotelzimmer für 70 Euro pro Nacht buchen können, und gab nach Kritik bekannt, dass diese Kosten irgendwann erstattet werden. Offensichtlich sind es gerade die Menschen, die am dringendsten Hilfe benötigen, die von diesem teuren bürokratischen Albtraum nicht profitieren.
Wir müssen über die deutsche Sparpolitik sprechen: Während sie Hunderte Milliarden für neue Waffen ausgeben, lässt die herrschende Klasse die Infrastruktur verfallen. Im ganzen Land sind alle Arten von Rohren und Kabeln seit Jahrzehnten über ihre Lebensdauer hinaus und Vandalismus ausgesetzt, etwa bei Glasfaserkabeln neben den Bahngleisen an. Das Personal für Reparaturen wurde aus Effizienzgründen auf ein Minimum reduziert. Wenn jemand für den Stromausfall verantwortlich ist, dann ist es die Regierung.
Offensichtlich Linksextremist:innen?
Am Sonntagmittag erklärte der rechte Berliner Bürgermeister Kai Wegner, dass es sich „offensichtlich um Linksextremisten“ handele – am nächsten Tag fügte er bei einer Pressekonferenz hinzu: „Das muss man Terrorismus nennen.“
Um 14:01 Uhr am Sonntag veröffentlichte eine „Vulkangruppe“ auf dem linken Portal Indymedia einen Brief, in dem sie die Verantwortung für die Sabotage übernahm: „Die Stilllegung von fossilen Kraftwerken ist Handarbeit“, schrieben sie und beschrieben die Sabotage, die sich in erster Linie gegen „Besitzer:innen der vielen Villen“ richtete, als „Akt der Notwehr“ gegen fossile Energieunternehmen und die „imperiale Lebensweise“.
Handelte es sich um eine linke Gruppe? Bislang hat die Berliner Polizei keine Beweise vorgelegt. In Berlin gab es seit 2011 zahlreiche Sabotageaktionen, zu denen sich eine „Vulkangruppe“ bekannte. Der Name bezog sich ursprünglich auf isländische Vulkane, deren Ausbrüche den Flugverkehr in Europa lahmlegten. Erst 2024 bekannte sich die Gruppe zu einem Anschlag auf einen Strommast, der zur Tesla-Fabrik führt.
Die Erklärung verwendet zwar Formulierungen aus der deutschen Autonomen Szene, aber wir wissen, dass das Bundeskriminalamt (BKA) genau solche Texte verfasst und veröffentlicht hat: Mitte der 2000er Jahre unterzeichneten Beamte Artikel in linken Untergrundmagazinen mit „die beiden aus der Muppet Show“, um die „militante Gruppe“ zu verfolgen. Angesichts der enormen Ressourcen, die der Staat zur Verfolgung der alten MG mobilisiert hat, ist es erstaunlich, dass wir nach fast 15 Jahren keine Informationen über die Vulkangruppe haben. Wenn es sich tatsächlich um eine linke Gruppe handelt, ist es ebenso erstaunlich, dass sie überhaupt kein Umfeld hat: keine:n einzige:n linke:n Sympathisant:in, die:der ihre Aktionen verteidigt.
Einige Leute haben auf verwirrende Rechtschreibung und Syntax im deutschen Text hingewiesen. Warum wird der Name des US-Vizepräsidenten mit „Vans“ (statt Vance) geschrieben, während die stellvertretende Bürgermeisterin von Berlin „Giffay“ (statt Giffey) heißt? Wenn die Vulkangruppe unübertroffen in Präzisionsschlägen ist, stellen solche Rechtschreibfehler ein Rätsel dar. Könnte dies das Ergebnis einer Transliteration ins Russische und zurück sein? Es gibt zahlreiche seltsame Formulierungen, die nach KI klingen – kein Deutschsprachiger bezeichnet beispielsweise wohlhabende Länder als „Metropolenländer“. Ein SPD-Politiker hat sich auch über die „Insiderinformationen“ gewundert, die die Angreifer genutzt haben – es handelt sich hier nicht um Anarchist:innen, die wahllos Transformatoren in Brand setzen.
Es ist durchaus möglich, dass es sich um eine Verschwörung handelt. Es gab Versuche russischer Geheimdienste, Vandalismus im Namen von Umweltaktivist:innen zu organisieren. In den sozialen Medien wird auf parlamentarische Anfragen der AfD zum Stromnetz im Südwesten Berlins hingewiesen. Schließlich veröffentlichte jemand, der sich als die Vulkangruppe von 2011 ausgab, eine Erklärung auf Indymedia, in der er den Anschlag in Lichterfelde verurteilte.
Unsinnig
Es ist aber auch möglich, dass die Vulkangruppe eine echte linke Gruppe ist. Es gibt einen Teil der Klimabewegung, der dazu aufruft, die Infrastruktur des fossilen Kapitals zu sabotieren: Andreas Malm hat ein sehr populäres Buch und einen Film darüber geschrieben, wie man Pipelines in die Luft sprengt.
Tadzio Müller, Berlins exzentrischster Klimaaktivist, hat diesen Anschlag nicht gutgeheißen, aber gegenüber der Zeitung taz erklärt, dass ähnliche Aktionen „unter bestimmten Umständen notwendig und legitim sein können”, solange sie keine Menschenleben gefährden.
Doch selbst die erfolgreichste Sabotage – eine ideale Aktion, die es irgendwie schafft, extrem störend zu sein, ohne normale Menschen zu gefährden oder auch nur zu belästigen – ist für die Linke politisch nie nützlich. Unser Projekt ist das der universellen Selbstbefreiung der Menschheit: Milliarden von Menschen werden kämpfen müssen, um die Macht der Kapitalist:innen zu brechen und den Planeten neu zu organisieren.
Ein solcher Massenkampf kann nicht durch geheime Gruppen ersetzt werden. Von den russischen Narodniki bis zur westdeutschen RAF mögen Guerilleros glauben, dass bewaffnete Aktionen die ansonsten passiven Massen elektrisieren und inspirieren werden. Aber nach mehreren Jahrhunderten der Versuche können wir sagen, dass diese „Propaganda der Tat“ gescheitert ist.
Es sind die Arbeiter:innen – die Milliarden von Menschen, die die gesamte Gesellschaft am Laufen halten –, die die Macht haben, das fossile Kapital zu stoppen. Selbst Massensabotageaktionen wie die von Ende Gelände, bei denen Tausende von Aktivist:innen Kohlebergwerke und Kraftwerke besetzten, konnten das Potenzial einer Handvoll streikender Arbeiter:innen nicht ersetzen.
Derzeit haben wir nicht genügend Informationen, um zu sagen, wer für den Stromausfall verantwortlich ist: es könnten staatliche Akteur:innen sein, aber auch extrem verwirrte Linke. Bereits 2017 beschrieb ich Angriffe auf die Eisenbahninfrastruktur aus Protest gegen den G20-Gipfel als „die unsinnigste Aktion des Jahres“. Wenn wir mit direkten Aktionen den Kurs unseres Planeten stoppen wollen, gibt es keinen anderen Weg als die Organisation der Arbeiter:innen.
Dieser Artikel erschien zunächst auf Englisch in The Left Berlin.