Streik am Ende der Welt

09.11.2025, Lesezeit 4 Min.
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"Feuerland ergibt sich nicht". Still aus dem Dokumentarfilm "Huelga en el Fin del Mundo". Contraimagen.

Ein neuer Dokumentarfilm zeigt die Kämpfe der Arbeiter:innen in Feuerland.

Auf der Insel Feuerland, im äußersten Süden Argentiniens, streikten im Mai dieses Jahres 10 000 Elektronikarbeiter:innen gegen den drohenden Verlust ihrer Arbeitsplätze. Zehn Tage lang hielten sie bei Minusgraden die Streikposten aufrecht. Mit einem Abkommen, das den Erhalt aller Arbeitsplätze bis Ende 2025 garantiert, wurde der Streik beendet. Der Film zeigt die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kolleg:innen naturheilpraxis-hauri.ch und erzählt die Geschichte der Insel seit der Kolonisierung – mit großartigen Bildern von Landschaften und Kämpfen.

In der Stadt Río Grande, gegenüber den Malwinen gelegen, befindet sich der größte Technologiepark Argentiniens und der südlichste der Welt. Jeden Monat laufen hier 600 000 Handys und 200 000 Fernseher vom Band, mehr als 90 Prozent der argentinischen Produktion. Seit den 1970er-Jahren wurde Feuerland mit Zoll- und Steuervorteilen industrialisiert. Heute beherrschen drei Unternehmen die Insel: Mirgor der Familie Caputo, aus der auch der derzeitige Wirtschaftsminister Luis Caputo stammt, BGH und NewSan.

Auslöser für den Streik war ein Dekret der Milei-Regierung, das den Import ausländischer Produkte begünstigt und damit tausende Arbeitsplätze gefährdet. Die Kolleg:innen der Elektronikbetriebe gingen sofort in den unbefristeten Streik und machten an den Streikposten klar, dass sie ihr Einkommen und ihr Leben auf der Insel mit allen Mitteln verteidigen würden. Dabei standen sie nicht allein. Am 21. Mai riefen fast alle Gewerkschaften zum Streik in der Provinz auf. Die ganze Insel war lahmgelegt, was in Feuerland seit Jahren nicht mehr vorgekommen war. Lehrer:innen und Staatsangestellte haben genug eigene Gründe zu streiken, und fast jede:r hat Metallarbeiter:innen in der Familie, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft. Um einen Aufstand in der Provinz zu vermeiden, wurde am 23. Mai in Buenos Aires mit der Metallgewerkschaft UOM ein Friedensabkommen unterzeichnet. Über den Streikabbruch gab es in den Versammlungen heftige Diskussionen. Viele Kolleg*innen waren damit nicht einverstanden und fragten, warum die UOM nicht landesweit zu Solidaritätsstreiks aufgerufen habe. Am 31. Dezember läuft die Arbeitsplatzgarantie aus. In Kürze wird sich also zeigen, was von diesem Friedenspakt zu halten ist.

Contraimagen, die Foto- und Videogruppe des Nachrichten­portals La Izquierda Diario, hat die Kolleg*innen nicht nur zum Streik, sondern auch zu ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen befragt. Während die Gewinne von Mirgor 2024 einem Drittel des gesamten Provinzhaushaltes entsprachen, kommen viele Kolleg:innen nur mit Zweit- oder Drittjobs über die Runden. Die Fließbandarbeit führt zu Gesundheitsschäden: Kolleg:innen zeigen ihre Operationsnarben an Händen und Armen. Viele leben in selbstgebauten Behausungen aus Wellblech und Holz in einem Stadtteil, der durch eine Besetzung entstanden ist. 35 Prozent der Inselbewohner:innen, 70 000 Menschen, leben in Armut.

Seit der Kolonisierung gab es auf der Insel Wider­stand der Indigenen, den die Oligarchen mit Gewalt und Massakern niederschlugen. Mit der aufkommenden Arbeiterklasse von Kreol:innen und Migrant:innen aus Chile und anderswo entstanden erste Gewerkschaften. Als 1921 die Nachricht von der Rebellion der Landarbeiter in der Provinz Santa Cruz ankam, schlossen sich die Arbeiter:innen in Feuerland dem „Aufstand in Patagonien“ (siehe ila 346) an. Nach der beschleunigten Industrialisierung kam es in den 1980er-Jahren, noch unter der Diktatur, zu ersten Streiks und Besetzungen. 1988 wurde 40 Tage lang für eine Lohnerhöhung gestreikt, gefordert wurde das Dreifache der Löhne in Buenos Aires. Beim Streik der Kolleg:innen von Continental Fueguina kam 1995 zum ersten Mal seit dem Ende der Diktatur ein Demonstrant ums Leben. Der darauffolgende Aufstand war der erste einer Reihe von örtlichen Erhebungen, die schließlich im Dezember 2001 in den großen landesweiten Aufstand mündeten.

Der Streik im Mai hat die Arbeiter:innen am Ende der Welt wieder in den Fokus der argentinischen Öffentlichkeit gerückt. Dieser schöne Film setzt ihnen ein Denkmal.

Huelga en el Fin del Mundo, Dokumentarfilm, Argentinien, Oktober 2025, 46 Minuten, von Lucho Aguilar, Javier Brat, Matías Gali, Romeo Guerra und Silvana Safenreiter, Contraimagen: https://www.youtube.com/watch?v=K7nLzhR1p68 Mit deutschen Untertiteln: https://www.labournet.tv/de/videos/feuerland

Dieser Artikel von Alix Arnold erschien zuerst auf der Website der Informationsstelle Lateinamerika. Wir danken herzlich für die Erlaubnis, ihn spiegeln zu dürfen.

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