Starkregen im Norden Chiles: Nicht nur eine Umweltkatastrophe, sondern eine soziale Katastrophe
Die Folgen des Starkregens im Norden von Chile sind verheerend: Überschwemmungen, Erdrutsche und Evakuierungen im Norden Chiles.
Seit letzter Woche regnet es immer wieder im Norden Chiles, mitten in der Atacama-Wüste. Sie gilt als einer der trockensten Orte der Erde, außerhalb der Pole. Die Niederschläge haben vor allem die Regionen Arica und Parinacota, Tarapacá, Antofagasta und Atacama getroffen. Die Städte sind von Schluchten und trockenen Flussläufen durchzogen, die sich bei starken Niederschlägen schnell in Wasser- und Schlammströme verwandeln können – so wie es am Dienstag vor allem in der Stadt Tocopilla und im Stadtteil Coloso in Antofagasta geschehen ist. Dutzende Videos kursieren in den sozialen Netzwerken und zeigen, wie der Schlamm durch die Schluchten von Tocopilla fließt und dabei Autos, Hab und Gut und Häuser mit sich reißt und das Leben der Familien gefährdet.
Die Schlammlawinen reißen nicht nur Wasser und Schlamm mit sich, sondern das Leben und den Wohnraum der dort ansässigen Familien. Sie werden damit von einer Umweltkatastrophe zu einer sozialen Katastrophe und machen außerdem eine soziale Ungleichheit sichtbar, die schon lange vor dem ersten Regentropfen entstanden ist: Besonders betroffen von der Katastrophe sind die Familien, die in marginalisierten Siedlungen am Rande des Bergbaus leben und das obwohl die Region durch den Abbau von Kupfer und Bergbau eine der reichsten Regionen des Landes ist.
Der Starkregen legt nicht nur die prekäre Infrastruktur offen: Er zeigt auch den fehlenden Zugang zu sicherem und menschenwürdigem Wohnraum
In den Schluchten und Randgebieten im Norden Chiles leben Tausende von Familien in informellen Siedlungen, die Hüttenlagern gleichen, oft in Gebieten, die von Schlammlawinen und Erdrutschen bedroht sind. Laut dem Nationalen Lagerkataster 2024–2025 von TECHO-Chile leben mehr als 15.000 Familien in diesen Siedlungen in der Region Antofagasta.
Die Familien dort sind nicht nur durch den starken Regenfall gefährdet, sondern ihre gesamte prekäre Lebenssituation ist auch die Folge einer Wohnungskrise, die durch niedrige Löhne, hohe Wohnkosten und einen ungleichen Zugang zu Grund und Boden verursacht wurde. Das Paradoxon zeigt sich besonders deutlich in Antofagasta: Ein großer Teil des regionalen Territoriums gehört laut dem Ministerium für Staatsbesitz dem Staat, während tausende von Familien keinen Zugang zu gesichertem Wohnraum haben und sehr prekär in marginalisierten Siedlungen (Campamentos) leben. Teile dieses Staatsgebiets stehen außerdem unter der Nutzung oder Verwaltung staatlicher Stellen, wie beispielsweise des Militärs.
Doch dieser Widerspruch beschränkt sich nicht nur auf diejenigen, die in den Siedlungen leben. Der durch den Bergbau geschaffene Reichtum durchdringt das gesamte Leben in Antofagasta: Er bestimmt den Wohnungsmarkt, die Mietpreise, das Wachstum der Stadt, den Zustand der Infrastruktur. Die Stadt mag in den Statistiken als eine der reichsten des Landes erscheinen, doch für einen großen Teil ihrer Bewohner:innen bedeutet dieser Reichtum kein würdiges Leben. Der Verkauf und die Vermietung von Wohnraum ist ein großes Geschäft, die Menschen müssen horrende Mieten bezahlen und erhalten zumeist nur kleine Einkommen. Viele Familien können es sich deswegen nicht leisten alleine zu wohnen, sondern leben mit anderen Personen zusammen, wenn es selbst dafür nicht reicht, müssen sie in die Siedlungen (Campamentos) ziehen.
Was bedeutet es, in einer Stadt zu leben, die enorme Reichtümer für den Weltmarkt produziert, aber es nicht schafft, den Bewohner:innen grundlegende Lebensbedürfnisse zu erfüllen? Das Gleiche gilt auch für die Arbeiter:innen in der Industrie, die diesen Reichtum erzeugen, aber selber nicht daran teilhaben.
Wenn Profitgier über dem Leben der Arbeiter:innen steht
Während Familien in der Stadt Tocopilla Gefahr liefen, durch die Schlammlawinen ihre Häuser zu verlieren, geriet eine andere Gruppe von Menschen in der Stadt Antofagasta durch die Fluten in eine große Notlage: die Arbeiter:innen von Puerto Coloso.
Mitten in den Überschwemmungen im Gebiet von Coloso in Antofagasta berichteten Arbeiter:innen von Puerto Coloso, dass der Bergbaubetrieb trotz der massiven Niederschläge nicht gestoppt wurde und die Arbeiter:innen daraufhin im Hafen festsaßen,. Eine Mitarbeiterin eines Transportunternehmens berichtete, dass sie aktuell zusammen mit den Arbeiter:innen im Fahrzeug schläft, weil es keine Möglichkeiten gibt, den Hafen zu verlassen, da alles überschwemmt ist.
Was in Puerto Coloso passiert ist, lässt sich jedoch nicht losgelöst von dem verstehen, was im Rest der Stadt geschieht. Der Kampf für bessere Bedingungen für die Arbeiter:innen kann nicht vom Kampf um die Lebensbedingungen der gesamten Bevölkerung getrennt werden. Arbeiter:innen, die sichere Bedingungen am Arbeitsplatz fordern, genauso wie Familien, die einen sicheren Platz zum Wohnen wollen, stehen nicht vor isolierten Problemen. Beide Probleme resultieren daraus, dass Arbeitsbedingungen und Land im Interesse der Profite des Kapitals organisiert werden und nicht im Sinne der Menschen, die dort arbeiten und leben.
Puerto Coloso ist Teil der Infrastruktur von Minera Escondida, der größten Kupfermine der Welt, die von BHP betrieben wird – einem multinationalen Bergbauunternehmen australischen Ursprungs, das sich im Besitz internationaler Aktionär:innen befindet. In Chile kontrolliert BHP 57,5 Prozent der Kupfermine Minera Escondida, während 30 Prozent dem anglo-australischen Bergbaukonzern Rio Tinto gehören und die restlichen 12,5 Prozent dem japanischen Konsortium JECO Corp.
Von Puerto Coloso aus wird ein Teil des in der Wüste von Antofagasta geförderten Kupferkonzentrats auf die internationalen Märkte verschifft. Es ist ein Glied in einer Wirtschaftskette, die Chile mit einigen der größten Industriewirtschaften der Welt verbindet.
Die starken Überschwemmungen in der Region waren angekündigt. Bereits am Montag, dem 17. August, gab es eine Wetterwarnung wegen starker Niederschläge in Teilen der Region Antofagasta. Der Unterricht wurde für diesen Tag ausgesetzt, da die Gefahr bestand, dass Sturzfluten Schüler:innen und Schulgebäude mit sich reißen – Schulgebäude, die sowieso schon sehr marode sind. Schon im März dieses Jahres hatten Lehrer:innen auf die schlechten Zustände der Gebäude und die mangelhaften sanitären Bedingungen an den städtischen Schulen von Antofagasta hingewiesen.
Die Informationen lagen vor, also stellen sich die Fragen: Was passiert, wenn ein Notfall die Sicherheit der Arbeiter:innen bedroht, aber eine Einstellung der Produktion bedeutet, eine Wirtschaftskette zu unterbrechen, die die chilenische Wüste mit einigen der größten Industriewirtschaften der Welt verbindet? Warum kann eine Tonne Kupfer Tausende von Kilometern zurücklegen und schließlich eine Fabrik in Asien versorgen, während ein Arbeiter nur wenige Kilometer von seinem Zuhause entfernt ist, aber keinen sicheren Weg zurück dorthin findet??
Das Kupfer, das aus Antofagasta kommt, dient nicht nur den Interessen der chilenischen Bourgeoisie. Puerto Coloso ist ein Glied in einer internationalen Bergbaukette, deren Kupfer Industrien und Märkte verschiedene Teile der Welt versorgt. Für die Kapitalist:innen bedeutet die Einstellung eines Betriebs dieser Größenordnung, diese Kette zu unterbrechen und große Verluste hinzunehmen. Das Leben derjenigen, die dort arbeiten, erscheint dagegen als ein Kostenfaktor, der gegen große Verluste abgewogen wird.
Das ist die Logik, die diese Umweltkatastrophe so brutal sichtbar macht: Wenn die Sicherheit der Arbeiter:innen im Widerspruch zur Aufrechterhaltung der Produktion steht, ist es das Leben der Arbeiter:innen, das den Bedürfnissen des Kapitals untergeordnet wird.
Die Mine Minera Escondida ist der weltweit größte Kupferproduzent und betont regelmäßig seine hohen Sicherheitsstandards. Doch für die umliegenden Gemeinden und für diejenigen, die dort arbeiten, gehören Risiken weiterhin zum Alltag: neben einer Schlucht zu wohnen, in Schulen mit schlechten Bedingungen zu lernen, sich in einem Krankenhaus mit undichten Stellen behandeln zu lassen oder am Arbeitsplatz festzusitzen, wenn eine Straße gesperrt ist ,wie während dieser Katastrophe.
Als Teil des internationalen Netzwerks La Izquierda Diario solidarisieren uns mit dem chilenischen Volk und sagen ganz klar: Kupfer und Exporte können warten. Das Leben derjenigen, die diesen Reichtum produzieren, nicht.
Lasst uns die internationale Solidarität verstärken und fordern, dass die Bergbauunternehmen Verantwortung übernehmen
Die Genoss:innen, Arbeiter:innen und Studierende der Partido de Trabajadores Revolucionarios (PTR) in Chile, die Schwesterorganisation von RIO/Klasse Gegen Klasse, organisieren gemeinsam Unterstützung, für die von der Naturkatastrophe betroffene Bevölkerung. Die Lehrer:innen haben zum Beispiel finanzielle Hilfe für die Familien ihrer Schüler:innen organisiert, weil die Preise für Planen und Abdeckfolien, die zum Schutz von Hausdächern verwendet werden, rasant in die Höhe geschossen sind.
Zudem appellieren sie an die Gewerkschaften, besonders die Gewerkschaften des Bergbaus, ebenfalls Hilfe mit Ihnen zu organisieren. Die Rolle der Gewerkschaften darf sich nicht nur darauf beschränken, sich für die Gewerkschaftsmitglieder einzusetzen, sondern sie müssen sich für die gesamte Bevölkerung engagieren. Gerade in einer Region, in der Bergbau enormen Reichtum erzielt, haben die organisierten Arbeiter:innen die Möglichkeit durch ihre strategisch wichtige Position, diese Kraft in den Dienst der gesamten Bevölkerung der Region zu stellen und sich für ihre Bedürfnisse einzusetzen. Es ist wichtig, dass sie sich für die Arbeiter:innen einsetzen,die in Puerto Coloso festsitzen, aber gleichzeitig müssen sie sich auch für die Familien, die in den Siedlungen leben und sicheren Wohnraum brauchen einsetzen, für diejenigen, die auf öffentliche Krankenhäuser und Schulen angewiesen sind, die wesentlich verbessert und ausgebaut werden müssten, sowie die gesamte Bevölkerung, die dieser und neuen Katastrophen ausgesetzt ist.
Es geht nicht darum, die Bergarbeiter:innen gegen die Menschen in den Lagern auszuspielen, sondern darum, diejenigen, die den Reichtum erwirtschaften, mit denen zu vereinen, die unter den Folgen einer Stadt leiden, die im Interesse dieses Reichtums organisiert ist.
Deshalb ruft die PTR zur Einheit und Organisation auf, um zu fordern, dass die großen Bergbauunternehmen durch eine Sondersteuer einen dauerhaften Wiederaufbauplan sowie einen dauerhaften Plan für Wohnraum, Entwässerung, den Schutz von Schluchten und der territorialen Infrastruktur finanzieren. Nicht als freiwilliger Beitrag, sondern als Rückgabe eines Teils des Reichtums, den die Arbeiter:innen in der Region erwirtschaften.
Die Sondersteuer ist eine dringende Forderung angesichts einer Katastrophe, die nicht von den Arbeiter:innen verursacht wurde. Aber dabei darf es nicht stehen bleiben. Denn wenn diejenigen, die den Reichtum erwirtschaften, keinerlei Macht darüber haben, werden immer andere entscheiden, wie viel produziert wird, unter welchen Bedingungen und welche Risiken die Arbeiter:innen auf sich nehmen müssen.
Wenn auch die Gewerkschaften diese Forderungen aufgreifen, können sie zu einer sozialen Kraft werden, die gemeinsam mit den Studierenden und den armen Bevölkerungsschichten darum kämpft, was mit dem von der Region erwirtschafteten Reichtum geschieht. Die Perspektive ist, dass die Arbeiter:innen gemeinsam mit den Gemeinden die Kontrolle über die Produktion und über die Verwendung dieses Reichtums übernehmen und darüber entscheiden können. So wird das Kupfer nicht dafür produziert, die Taschen der großen internationalen Unternehmen zu füllen, sondern um der dortigen Bevölkerung ein menschenwürdiges Leben unter guten Bedingungen zu gewährleisten, wie sicherer Wohnraum, gut ausgebaute Schulen, intakte Krankenhäuser, eine gute Infrastruktur und Arbeitsplätze, bei denen die Arbeiter:innen nicht ihr Leben riskieren.
Die Erfahrungen im Norden Chiles sind kein Einzelfall. Auch in Europa haben Hitzewellen und Brände tausende Todesopfer gefordert und verwüsten weiterhin ganze Gebiete. In Deutschland, Griechenland, dem Spanischen Staat, Frankreich, Belgien und anderen Ländern haben Brände tausende Menschen gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Die Brände, die ganze Gebiete verwüsten und Tausende zur Evakuierung zwingen, zeigen auch, dass Klimakatastrophen nicht alle gleichermaßen treffen. Während enorme Mittel für private Gewinne bereitgestellt werden, kommen Prävention, Infrastruktur und die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu kurz. Das Problem ist der Kapitalismus: Angesichts einer sich verschärfenden Klimakrise reicht es nicht aus, erst zu reagieren, wenn die Katastrophe da ist; wir müssen gemeinsam entscheiden, was wir produzieren, für wen und welche Ressourcen wir einsetzen, um unser Leben und unsere Zukunft zu schützen. Von Chile bis Europa – Klimakatastrophen kennen keine Grenzen. Deswegen darf auch unsere Antwort darauf keine Grenzen kennen, wir müssen uns internationalistisch organisieren. Volle internationalistische Solidarität!