Schulstreik in Chemnitz: Lehrer solidarisiert sich
Am 5. Dezember gingen auch in Chemnitz über 1000 Schüler:innen gegen die Wehrpflicht auf die Straße. Wir dokumentieren hier die Rede eines solidarischen Lehrers.
Die Redaktion dokumentiert hier die Rede eines Lehrers an einer staatlichen Schule im Freistaat Sachsen auf dem Chemnitzer Schulstreik gegen die Wehrpflicht am 5. Dezember.
Freunde, ich find’s so toll, dass wir heute so viele sind. Das zeigt, ihre Versuche, uns heute kleinzuhalten, haben uns nicht stoppen können.
Ich stehe heute vor euch als Lehrer einer staatlichen Schule im Freistaat Sachsen. Als eine Person, die täglich etwas mit den vielen tollen jungen Menschen in dieser Stadt zu tun hat. Ich stehe heute ebenfalls vor euch als überzeugter Gewerkschafter und Sozialist.
Spätestens seit 2022 ist etwas in diesem Lande gekippt. Seit der Ausrufung der Zeitenwende und dem milliardenschweren „Sondervermögen“ für die Bundeswehr ist es klar geworden, dass dieses Land sich auf Kriegskurs befindet. Plötzlich war Geld da, wo’s jahrelang für die Bildung, für die Pflege und für Soziales gefehlt hat. Und alle machten mit: Selbst die Linke hatte mit ihrer Zustimmung zu den Kriegsmilliarden im Bundesrat dieser Kriegsbegeisterung nichts entgegenzusetzen, wenn es wirklich darauf ankam.
Der Russe sei vor der Tür, sagten sie. Deshalb sei die Situation nun eine andere. Und nun ist das nächste Eskalationsniveau erreicht, heute wird’s sogar offiziell: Ab nächstem Jahr soll mit der Musterung begonnen werden und später soll dann die Wehrpflicht folgen. Zwangsdienst beim Militär – es soll zugelost werden, wer für Deutschland in den Krieg zieht.
Aber, um wen geht es genau, wenn wir von einer Wehrpflicht sprechen? Was soll genau verteidigt werden? Es werden nämlich nicht die Kinder der hoch dotierten Politiker, Rheinmetaller und Bonzen dieses Landes sein. Nein! Es werden unsere Kinder sein, meine Schüler, die Arbeitersöhne dieses Landes sein- und wenn es nach den Grünen ginge, auch die Arbeitertöchter. Sie sollen an die Front verfrachtet werden und für deren Kriege und Interessen mit ihrem Blut zahlen. Sie sollen auf die Arbeiterkinder anderer Staaten ballern für Kriege, die sie nicht wollten und für die sie nichts konnten. Und während die Jugend bereits jetzt auf den Kriegsfall vorbereitet werden soll, verdienen Rheinmetall & Co sich eine goldene Nase an Kriegsverbrechen mit deutschen Waffenlieferungen in Gaza, Ukraine und anderswo.
Genau dagegen haben wir uns heute versammelt! Genau deshalb ist es so wichtig: Die Gesellschaft soll dauerhaft in Kriegsbereitschaft und Angst versetzt werden. Um nichts Anderes geht es bei der Wehrpflicht, meine Freunde.
Und geerade hier in Ostdeutschland frage ich mich: Was haben die Politiker dieses Landes je für den Osten getan? Durch die Treuhand ausverkauft und ausgeblutet, alle große Industrien weg. Damals Massenarbeitslosigkeit und heute Niedriglöhne. Gerade wenn man sich die Schulen hier im Osten anguckt: Es gibt hier an manchen Schulen bis zu einem Drittel Unterrichtsausfall und fast überall werden Fächer gestrichen oder in Notabsicherung unterrichtet – das ist ein Verbrechen an meinen Schülern, an euch, an der künftigen Generation. Und nun sollt ihr diesem Land dienen, das euch keine Zukunftsperspektiven bietet.
Heute, meine Freunde, darf nur der Anfang unseres Widerstandes sein. Es darf nicht bei dieser einen Aktion bleiben. Auf diesen Kampf werden noch viele Kämpfe folgen. Ich sage das nicht nur in die Richtung der Schüler, die sich nach heute weiterhin organisieren müssen. Ich sage das auch ganz deutlich in die Richtung der Gewerkschaften und vor allem an Verdi und GEW: Das Recht auf politische Streiks fällt nicht vom Himmel, auch die Lehrer müssen ihren Beitrag leisten und auch bei dieser kommenden Tarifrunde gegen die Wehrpflicht streiken. Ich habe persönlich keinen Bock, unsere Kinder auf einen Krieg vorzubereiten. Es braucht daher einen gemeinsamen Kampf der gesamt arbeitenden Klasse gegen diesen Weg in die Barberei.
Als Letztes, meine Freunde: Es muss stattdessen für eine eindeutig andere Zukunft gekämpft werden. Eine Gesellschaft, die von unseren Interessen geleitet ist, und nicht deren. Eine Gesellschaft, wo die Grundlagen von Krieg und kapitalistischer Ausbeutung überwunden sind. Ein Deutschland, ein Europa sogar, der Arbeiter. Wir sind das Bauvolk einer besseren Welt, lasst uns sie holen.