Rezension: „Fluch(t). Die Sintflut heißt Westen“ von Lukas Meisner
Die System- als Gretchenfrage des Politischen: Ausgehend von der Flucht seiner Eltern aus der DDR blickt Lukas Meisner kritisch auf den Fall der Mauer und die Krisen unserer Zeit – mit einem Text, der zwischen Literatur und Theorie stehend für einen sozialistischen Realismus im 21. Jahrhundert argumentiert.
Mit „Fluch(t). Die Sintflut heißt Westen“, das 2025 im mandelbaum verlag erschienen ist, hat Lukas Meisner ein Buch geschrieben, das sich der Aufgabe verschrieben hat, „unsere Gegenwart aus dem Zerrbild der eigenen Vergangenheit zu befreien und so eine Zukunft freizulegen, zu deren Gestaltung wir alle auf Erden sind“ (S. 12)1. Dazu zeichnet er einerseits die Geschichte der Flucht der eigenen Eltern nach, die kurz vor dem Mauerfall – im Sommer 1989 und damit wenige Jahre vor der Geburt des Autors – aus der DDR in die BRD flüchteten. Eine Flucht – und hierin liegt eine weitere Ebene des Textes begründet, die sich schon im Titel ankündigt –, die zugleich mit einem Fluch einhergeht, insofern „er keinen Ausweg übrig gelassen hat“ (S. 15): „Denn am Ende des Flüchtens meiner Eltern gab es keinen Ort mehr, nirgends, der sich als Ziel noch hätte anbieten können. Das Exil war zu einem permanenten zusammengezurrt und damit verinnerlicht worden: Gerade diese Permanenz spiegelt den ‚Westen‘ als das wider, wohinein einst geflüchtet wurde und wovor heute zu flüchten wäre. Die Flucht von gestern jedoch hat die Fluchtrouten von heute verstellt: Das System ist ein Weltsystem und das Kapital herrscht allerorten (in letzter Instanz)“ (S. 20). Der Westen, das ist die Sintflut, die dritte wichtige Komponente des Titels. Meisner spricht daher auch vom „Fluch der Flucht in die Flut“ (u.a. S. 21). Nun ist Fluch(t) keineswegs eine Autobiographie, wenngleich der Text autobiographische Elemente aufweist. Er ist auch nicht als das deutsche Pendant zu den autofiktionalen, autoethnographischen beziehungsweise soziologisch introspektiven Schriften von Autor:innen wie Annie Ernaux, Didier Eribon und Édouard Louis zu verstehen, sondern versucht, einen Schritt weiterzugehen, das heißt „von der Autofiktion zum sozialistischen Realismus, vom Geschichtenerzählen zur Rekonstruktion von Gegengeschichte“ (S. 10). Und so ist es folglich nur konsequent, den eigenen Text von den Grenzen literarischer Genres, die der Autor als „Scheuklappen“ (S. 17) versteht, zu befreien und die Fluchtgeschichte der eigenen Eltern sowie das eigene Aufwachsen nach dem Mauerfall mit marxistischer Gegenwartsdiagnostik und Debatten für einen (neuen) sozialistischen Realismus im 21. Jahrhundert zu verbinden. Grundgedanke dabei ist, dass „Literatur und Theorie […] sich nicht mehr trennen [können], ohne sich je selbst zu verlieren. Sie sind, wie so vieles, nur dialektisch zu haben“ (S. 18). Flucht vom Osten in den Westen, das sollte klar sein, meint weniger die Bewegung anhand von Himmelsrichtungen, sondern verläuft vielmehr anhand der Teilung „durch die Gräben der Systemfrage“ (S. 10), weshalb das Buch „die System- als Gretchenfrage des Politischen […] in seinem Herzen“ (S. 11) hat. Der Kontext von Ost und West wird weiterhin zum Ausgangspunkt des Verstehens wesentlicher Geschehnisse, die unsere Gegenwart prägen: „Dieser Fokus ist kein Provinzialismus. Er ergibt sich aus der Tatsache, dass die Faschisierung unserer Zeit nicht ohne Neoliberalismus erklärbar ist, während sich 50 Jahre Neoliberalismus nicht analysieren lassen unter Absehung von 150 Jahren Antikommunismus“ (S. 11). Weiterhin könne kein Antifaschismus es sich leisten, „die letzten 35 Jahre antikommunistischer Siegeshymne unter dem […] Decknamen Ende der Geschichte auszusparen“ (S. 11). Ob der Begriff der Faschisierung tatsächlich ein geeigneter ist, um den nationalen wie internationalen Rechtsruck zu beschreiben, ist an anderer Stelle noch zu klären; dennoch kommt dieser These, der sich das Buch mittels verschiedener Ansätze widmet, aktuell eine zentrale Bedeutung zu.
Rekonstruktion von Gegengeschichte: DDR und Sowjetunion
Die Flucht der Eltern begann im Sommer 1989: Von der DDR aus ging es über Ungarn, wo sie vorläufige bundesdeutsche Pässe erhielten (vgl. S. 27), nach dem Aufenthalt in einem Lager weiter nach Österreich und Bayern und schließlich nach Baden-Württemberg. Während Aufnahmebestätigung und neue Ausweise noch recht unkompliziert zu erhalten waren, begann anschließend „[d]ie Ohnmacht, […] ein erster Teufelskreis, der typisch bleibt für Fluchtgeschichten: Wie einen Job bekommen, wenn dieser verlangt, dass man eine Bankverbindung und einen Wohnsitz angeben könne; wie ein Konto eröffnen, wenn die Bank einen Nachweis von Einkommen und Adresse fordert; und wie eine Wohnung beziehen, wenn die Schufa nicht nach den Finanzen sehen kann, weil noch kein Lohn bezogen wird?“ (S. 28 f.). Die Mutter, zuvor im Buchhandel tätig, wurde, als sie schließlich Arbeit fand, „bis zur Rente mit einem Hungerlohn abgespeist“ (S. 29); eine Erfahrung, die paradigmatisch sein dürfte, denn „[v]on Anbeginn subventionierte die unterentwickelte DDR also realwirtschaftlich die überentwickelte BRD, nämlich in Form von qualifizierten Geflüchteten, ihrem Know-how und ihrer Arbeitskraft, was mit der Wende beschleunigt fortgesetzt wurde“ (S. 31). Hinzu kamen Mobbing und Chauvinismus: „Denn im Westen warteten nicht nur Armut, finanzielle Notlage und Existenzängste, kurzum alles, was es im Osten nicht gegeben hatte; vielmehr wurde einem mit Ressentiment, wenn nicht mit deutsch-deutschem Rassismus begegnet, gab es doch Hassreden gegen die ‚von drüben‘, die geballte Arroganz der Siegreichen und den ganzen hauseigenen Chauvinismus, für den der Westen schon immer steht und einsteht“ (S. 29 f.).
Entgegen der bürgerlichen Geschichtsschreibung sieht der Autor folglich im 3. Oktober, dem sogenannten Tag der deutschen Einheit, keinen Grund zum Feiern: „Was an diesem Tag beerdigt wurde, war die Systemalternative, die selbst dem Kapitalismus ein etwas menschlicheres Antlitz aufgezwungen hatte. Wirkliche Wiedervereinigung hätte die grundsätzliche System- und damit auch die Verfassungsfrage für beide Staaten, Regime, Systeme stellen müssen. Was stattdessen geschah, war unilateral verfügte Verödung, Brachlegung, Ausbluten des Ostens. […] Was hier von der Leine gelassen wurde, war die […] Treuhand als verlängerter Arm der ‚unsichtbaren Hand‘ des Marktes. Mit anderen Worten: Der politische Beitritt stellte sich als synonym zur profanen Ökonomie einer feindlichen Übernahme heraus“ (S. 56 f.). Der Analyse ist auf gewisse Weise zuzustimmen, sie müsste allerdings noch konkreter gefasst werden: Ein Großteil der deutschen Linken verweigerte, die demokratische Forderung nach der Wiedervereinigung zu erheben, und verteidigte daher die Mauer. Auch wenn dahinter nicht zwingend die Verteidigung der DDR-Bürokratie stand, hatte sie die Sorge vor einem Vierten Reichen beziehungsweise der Stärkung des deutschen Imperialismus. Andererseits gab es Sektoren, die die Wiedervereinigung als ausschließlich demokratische Frage betrachteten, ohne ihren sozialen Inhalt zu begreifen, was letztlich bedeutete, die vergesellschaftlichten Produktionsmittel in der DDR den Konzernen des Westens zum Fraß vorzuwerfen. Richtig wäre die Losung einer Wiedervereinigung auf sozialistischer Grundlage gewesen – das heißt damit die politische Revolution gegen die DDR-Bürokratie, während die sozialen Errungenschaften hätten bewahrt werden müssen. Man hätte es hier nicht mit einer Zauberformel zu tun gehabt, die automatisch eine andere Entwicklung bewirkt hätte, aber es hätte die Verwirrung bekämpfen können, die die deutsche Linke bis heute teilweise noch immer belastet.
Die Wiedervereinigung wird von Meisner nicht nur als Ausverkauf verstanden, sondern als ein von der Treuhand durchgesetzter „Übergang von der Einparteienherrschaft zur neoliberalen Postdemokratie ohne Zwischenstufen“ (S. 57), wobei der „heutige Osten Deutschlands […] als weiteres Opfer der westlichen Kolonisierung […] zu verstehen [ist]“ (S. 57). Kolonisierung versteht der Autor nicht nur ökonomisch, sondern verweist außerdem auf die politische, kulturelle und psychologische Dimension (vgl. S. 59). Bei der Kolonisierung der DDR habe man es „primär mit Expropriation zu tun, die stets hinter und neben der Exploitation fortgeführt wird“ (S. 58); die Bilanz fällt insgesamt düster aus, denn „[d]er ‚Fall der Mauer‘ wurde zum Einfall des marodierenden Kapitals; die ‚Wende‘ stellte sich heraus als ein kapitalistisches Abwenden sozialistischer Reformen; und die ‚Treuhand‘ war Institution zur Veruntreuung von Volksvermögen zugunsten privatwirtschaftlicher Interessen mit dem Argument, dass ‚Privatisierung die beste Sanierung‘ sei […]“ (S. 61). Den Anspruch, den Meisner an sein Werk stellt, formuliert er immer wieder explizit: „Unzweifelhaft bleibt uns, die die Systemfrage stellen, nur, dass die Geschichte der DDR anders erzählt werden muss, als wir sie kennen – denn wir kennen sie in erster Linie als bürgerliche Geschichtsschreibung, wogegen einzig marxistische Historisierung hilft“ (S. 151). Keineswegs verklärt oder romantisiert er die ehemalige DDR dabei, was schon anhand der Beweggründe des Vaters, der „nichts anders als zu leiden [konnte] an der späten DDR“ (S. 26), deutlich wird; auch geht es ihm nicht darum, „wie sich die jeweiligen Leidtragenden des jeweiligen Systems aufsummieren und gegeneinander aufrechnen oder ausspielen lassen“ (S. 150), da „[d]ie Frage nach der DDR, wie sie hier gestellt wird, als gegenhegemoniale, gegenwartsdiagnostische, an der Zukunft arbeitende Frage […] keine von ‚richtig‘ und ‚falsch‘ oder ‚besser‘ und ’schlechter‘ [ist], sondern eine nach der Art und Weise, wie wir alle […] in jene prekäre Lage versetzt wurden, die heute die unsere ist, und wie wir uns, dieser entgegen, kollektiv zu Alternativen durchzuringen vermögen“ (S. 150). Davon ausgehend verbleibt der Text nicht bei der DDR, sondern begreift den Fall der Mauer als „globales Ereignis“ (S. 51) beziehungsweise ordnet den „Sieg des Westens ohne seine Utopien“ (S. 46) in den größeren Kontext der Globalisierung mitsamt verschiedener internationaler Ereignisse, die mit den „Schockstrategien des Neoliberalismus“ (S. 47) einhergingen und gehen, ein. Im Herstellen und Aufzeigen solcher Zusammenhänge liegt eine der Stärken, die den Text auszeichnen.
Die Prozesse, die sich mit und nach dem Mauerfall vollzogen, lassen sich auch unter den Begriff der bürgerlichen Restauration fassen, worunter Marxist:innen die Wiederherstellung der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung in Gebieten, in denen zuvor die Bourgeoisie enteignet worden war, verstehen. Es handelt sich um eine Epoche, die von Umbrüchen und einer Offensive des Kapitals gekennzeichnet ist. In Bezug auf Ostdeutschland erfolgte sie besonders schnell und brutal – und ging mit einer Besonderheit einher, die so auf andere Staaten der Sowjetunion nicht zutraf. In diesen Staaten konnte die jeweilige Bürokratie aus sich heraus eine neue Bourgeoisie entwickeln, in Deutschland jedoch war es die Hauptaufgabe der noch bestehenden nationalen Bourgeoisie im Westen, zu verhindern, dass aus der alten Ost-Bürokratie überhaupt eine Bourgeoisie entstehen konnte. Diese bestehende Bourgeoisie eignete sich im Kontext der bürgerlichen Restauration sowohl ihr nach dem Zweiten Weltkrieg verlorenes Gebiet als auch die ehemals enteigneten Produktionsmittel wieder an. Mit ihrem Privatisierungsfeldzug blieb die deutsche Bourgeoisie aber nicht beim Osten stehen, sondern zerstörte im Zuge der Öffnung des Weltmarktes und der beginnenden Globalisierung beispielsweise auch die Errungenschaften von verstaatlichten Betrieben und Unternehmen im Westen selbst.
Die Rolle der Bürokratie ist ein Punkt, den der Text hingegen wenig aufgreift, was es nun in Bezug auf die Betrachtung der Sowjetunion, der das Buch ein ganzes Kapitel widmet, in den Blick zu nehmen gilt: „Um die Schlüssel aus dem Markt als Gefängnis zu erhalten, müssen wir das Gespenst des Kommunismus konsultieren – den einzigen Protagonisten, der es mit dem Geist des Kapitalismus aufnehmen kann. Der erste Zauberlehrling, der sich an dieser Beschwörung versuchte, war die Sowjetunion, deren Zauberformeln bald als Marxismus-Leninismus und dialektischer Materialismus kodifiziert waren“ (S. 120). Richtigerweise stellt Meisner dabei fest, dass „die Sowjetunion nicht nur an diesem marxistischen, sozialistischen, kommunistischen Ideal der Emanzipation zu messen [ist], sondern am Grad seiner realpolitischen Realisierung in Relation zu den materiellen Bedingungen seiner Möglichkeit“ (S. 121). Der Autor nimmt sich den Versuch einer „rettende[n] Kritik der Sowjetunion und des Marxismus-Leninismus [vor], um deren Sowjetisches zu verteidigen“ (S. 123 f.). Gerade in einer Zeit, in der die tiefgreifenden Tendenzen der imperialistischen Epoche der Kriege, Krisen und bisher noch ausbleibenden Revolutionen wieder in den Vordergrund rücken, und sich die Frage nach der Strategie zur Überwindung dieser Verhältnisse unweigerlich stellt, ist einer Auseinandersetzung mit den Lehren aus der Oktoberrevolution 1917 und der Sowjetunion absolut zuzustimmen. Umso wichtiger ist es, die verschiedenen Lehren, die gezogen werden, kontrovers zu diskutieren.
Der Autor sieht etwa „[d]as fundamentale Problem der Bolschewiki […] aus emanzipatorischer Perspektive […] nicht in [der] Abwendung von westlicher Demokratie, sondern [in der] Zugeneigtheit gegenüber westlichem Fortschrittsglauben und kapitalistischer Entwicklungsdiktatur. Besagte Problematik steckt allerdings nicht erst in der Traditionslinie des Leninismus, sondern schon in einer Lesart des Marxismus, die sich von den Paradigmen des Liberalismus (wie Fortschritt, Entwicklung oder Wachstum) nie hinreichend löste“ (S. 124). Lenin sei „im Bann der kapitalistischen Produktivkraftsteigerung und ihrer polit-ökonomischen Landnahmen“ (S. 126) verblieben. Nun schreiben Marx und Engels bereits 1847 in der Deutschen Ideologie: „[Die] Entwicklung der Produktivkräfte […] [ist] auch deswegen eine absolut notwendige praktische Voraussetzung [des Kommunismus], weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also auch mit der Notdurft der alte Streit um das Notwendige wieder und die ganze alte Scheiße sich herstellen müsste […].“2 Marx und Engels gingen davon aus, dass der Beginn der sozialistischen Umgestaltung in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern beginnen und sich dann auch auf rückständige Länder, zu denen Russland zur damaligen Zeit gezählt werden musste, ausdehnen würde. Stattdessen aber eroberte das russische Proletariat unter Anführung seiner revolutionären Partei zuerst die Staatsmacht – selbst Folge einer historischen Gesetzmäßigkeit, die Trotzki folgendermaßen erläuterte: „Russland betrat den Weg der proletarischen Revolution, nicht weil seine Wirtschaft als erstes für die sozialistische Umwälzung reif gewesen wäre, sondern weil sich diese auf kapitalistischer Grundlage überhaupt nicht weiterentwickeln konnte. Die Vergesellschaftung des Eigentums an den Produktionsmitteln war eine unumgängliche Voraussetzung, um das Land aus der Barbarei herauszuführen: das ist das Gesetz der kombinierten Entwicklung der zurückgebliebenen Länder.“3 Doch die ererbten ökonomischen Schwierigkeiten sowie die Verwüstungen durch den auf die Revolution folgenden Bürgerkrieg, den Weltkrieg und ausländische Militärinterventionen wogen schwer. Trotzki und Lenin waren sich bewusst, dass sich die Russische Revolution über die nationalen Grenzen ausdehnen musste, wollte sie überleben: „Wenn wir, die bolschewistische Partei, das ganze Werk allein in unsere Hände genommen haben, so haben wir das in der Überzeugung getan, daß die Revolution in allen Ländern heranreift […]. Unsere Rettung aus all diesen Schwierigkeiten ist […] die Revolution in ganz Europa.“4 In Bezug auf den ökonomischen Aspekt fügte Lenin vier Jahre nach der Revolution hinzu: „Sozialismus ist undenkbar ohne großkapitalistische Technik, die nach dem letzten Wort modernster Wissenschaft aufgebaut ist, ohne planmäßige staatliche Organisation, die Dutzende Millionen Menschen zur strengsten Einhaltung einer einheitlichen Norm in der Erzeugung und Verteilung der Produkte anhält. […] Sozialismus ist außerdem undenkbar ohne die Herrschaft des Proletariats im Staate.“5 Trotzki war sich vollkommen bewusst, dass die Sowjetunion weder als sozialistisches noch kommunistisches Regime aufzufassen war: „Wenn Marx als unteres Stadium des Kommunismus die Gesellschaft bezeichnete, die auf Grund der Vergesellschaftung der Produktivkräfte des für seine Epoche am meisten fortgeschrittenen Kapitalismus entstehen sollte, so ist diese Bezeichnung augenscheinlich nicht auf die Sowjetunion zugeschnitten, die heute noch, was Technik, Lebensgüter und Kultur anbelangt, viel ärmer ist als die kapitalistischen Länder. Richtiger wäre darum, das heutige Sowjetregime in all seiner Widersprüchlichkeit nicht als sozialistisches, sondern als vorbereitendes oder Übergangsregime zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu bezeichnen.“6
Die fatale Situation, in der sich die Sowjetunion durch die Isolation befand, erkennt auch Meisner an: „Weil die Sowjetunion vom Kapital und seinen imperialen Kräften vollständig eingekesselt blieb, konnte sie die internationalistische Praxis der Sowjetisierung nie hinreichend betreiben“ (S. 132 f.). Weiterhin sei „die Bolschewisierung schon deshalb keine Sowjetisierung [gewesen], weil sie eher der ökonomischen Diktatur des Developmentalismus als der Diktatur des Proletariats bzw. einer substanziellen Demokratisierung der Wirtschaft entsprach“ (S. 133). In dieser Charakterisierung fehlt ein wesentlicher Prozess, der sich im Inneren der Sowjetunion vollzog: die Entstehung einer Bürokratie. Unter den skizzierten Umständen kam es zu einem Verfall der Sowjets als Organe der Arbeiter:innenverwaltung und zur Etablierung einer eigenen Kaste an Bürokrat:innen mit eigenen Privilegien. Das bürokratische Kommando ersetzte schließlich die Arbeiter:innenkontrolle über die Produktion und unterwanderte damit die Grundlagen der Planwirtschaft. Diese Degeneration weitete sich in Folge auch auf die Partei selbst aus. Anstelle des Internationalismus und der Ausweitung zur Weltrevolution setzte die politische Führung um Stalin auf die Theorie des „Sozialismus in einem Land“. Es besteht dabei ein Zusammenhang zwischen der Politik im Inneren und der Sabotage, die der Stalinismus an revolutionären Bewegungen im Ausland betrieb: „Eine siegreiche Revolution in Frankreich, Spanien (oder einem anderen Land) hätte nicht nur positive wirtschaftliche Auswirkungen und damit einen tatsächlichen Sprung im Aufbau des Sozialismus bedeutet. Sie hätte zweifellos zu einem Aufschwung des Tatendrangs und Selbstbewusstseins der sowjetischen Massen geführt. Tatsächlich fürchtete die stalinistische Bürokratie die Selbstaktivität- und Organisation der Arbeiter:innen zutiefst. Der Sieg der Arbeiter:innenklasse über die Bourgeoisie in einem anderen Land hätte die ‚Gefahr‘ geborgen, dass größere Teile der Arbeiter:innenklasse in der Sowjetunion die Unterdrückung jeglicher proletarischer Demokratie und die diktatorische Kontrolle der – ohnehin meist ungeliebten – Apparatschiks über ihren Arbeitsplatz und alle Fragen des Alltagslebens energischer infrage gestellt hätten.“ Für Trotzki war der Kampf für die Weiterentwicklung zum Sozialismus daher unweigerlich mit dem Sturz der Bürokratie verbunden. Ein kompromissloser Internationalismus beziehungsweise die internationale Organisation ist auch für revolutionäre Marxist:innen heutzutage von größter Relevanz im Kampf für eine sozialistische Gesellschaft, denn, wie Meisner schreibt: „Die Forderung ‚Alle Macht den Sowjets‘ steht weiterhin aus“ (S. 141).
Aufstieg der extremen Rechten
Seit den 1990er Jahren baute sich die extreme Rechte gezielt im Osten auf (vgl. S. 64), wobei es im Westen eine Kontinuität der Verbindungen zwischen dem Staat und extrem rechten Gruppierungen gab: „Denazifizierung war nichts, was in Westdeutschland vor 1968 ernsthaft praktiziert wurde, weil deutsche Industrie von oben und Deutschtümelei von unten – mittels antikommunistischer Atlantikbrücke – weiter zusammenarbeiteten“ (S. 187). Dies setzte sich im Aufbau der Geheimdienste fort: „Die ersten beiden Chefs des Bundesnachrichtendienst etwa waren alte Wehrmachtsgrößen, denn der Antikommunismus, der sich bei Faschist*innen stets am ausgeprägtesten vorfinden ließ, wurde unter westalliierter Besatzung weiter nachgefragt […]“ (S. 188). Es war also „die BRD, die dieser Szene [der extremen Rechten, Anm. d. Redaktion] – welche sich, mittels westlicher Orientierung, seit den 1980er Jahren etablierte – überhaupt die Mittel und Strukturen und schließlich die exekutive Absolution bescherte“ (S. 189). Meisner bleibt dabei nicht bei der Symptombeschreibung stehen, sondern spannt den Bogen weiter hinsichtlich einer Analyse der Verhältnisse beziehungsweise des Nährbodens, auf dem dies geschehen konnte: „Dass die ostdeutschen Baseballschlägerjahre im Jahrzehnt der Währungsunion und der Treuhand stattfanden, ist kein Zufall, sondern Gesetz kapitalistischer Dialektik mit der Barbarei“ (S. 63); denn „[e]rst mit der politisch forcierten Massenarbeitslosigkeit, struktureller Verelendung und der entsprechend losgelassenen Konkurrenz um die letzten Güter – kurz: mit der kapitalistischen Landnahme der ‚Wende‘ – explodierte auch der Rechtsextremismus im Osten“ (S. 67 f.). Der Autor schlussfolgert: „Dass die Hoffnungen auf Demokratisierung gründlich zerstört wurden, sollte seinen längsten Schatten bis heute werfen. Aus der ökonomischen Verheerung folgte die kulturelle und aus dem salonfähig gemachten Nationalismus der Rechtspopulismus, der zunehmend in Faschisierung zu münden scheint“ (S. 62).
Wenn wir heute über den Rechtsruck sprechen, dann betrifft dieser längst nicht mehr nur die militante extreme Rechte auf der Straße oder Parteien wie die AfD – ganz im Gegenteil können wir beobachten, wie Politik, die einst von der AfD gefordert wurde, von bürgerlichen Parteien umgesetzt wird. Insbesondere die CDU unter Friedrich Merz steht zunehmend für eine Integration der AfD ins Regime entgegen ihrer „Brandmauer“-Behauptungen. Dies konstatiert auch Meisner: „Es geht nicht mehr um rechtsextreme Minderheiten oder andere polarisierte Randerscheinungen allein, nicht einmal um rechtspopulistische Parteien, sondern es geht ums Ganze, ums politische Zentrum selbst […]“ (S. 221). Es habe sich eine Querfront eingefunden „aus Wirtschaft, Politik und Medien, die sich gegenseitig darin überbietet, in immer noch höheren Zahlen abzuschieben und aufzurüsten, Menschen zu deportieren und Waffen zu liefern, das Asylrecht zu brechen und das Völkerrecht mit Füßen zu treten“ (S. 221), wobei der „paranoische Bellizismus der Außenpolitik identisch mit dem antimigrantischen Rassismus in der Innenpolitik“ (S. 221) sei. Jene Querfront wird von Meisner als Querfront der Mitte begriffen, sodass es berechtigt sei, „von ihr als von einer faschisierenden zu sprechen“ (S. 221). Der Begriff der Querfront scheint hier etwas fehlzuleiten, insofern deren Inhalt ja die Zusammenarbeit der entgegengesetzten politischen Ränder war, was auf die von Meisner beschriebene Front so aber gerade nicht zuzutreffen scheint.
„Die Faschisierung, die wir mittlerweile auch im europäischen Teil des Westens erleben“, so Meisner weiter, „ist von der Globalisierung des autoritären Neoliberalismus in seiner internationalen Hegemoniekrise so wenig zu trennen wie vom neuen Imperialismus der Mehrblöckekonfrontation im kapitalistischen Weltsystem seit dem Niedergang der USA“ (S. 224). Meisner betont hier wichtige Verbindungen zwischen Aufrüstung, Krieg, Militarisierung und Rechtsruck, die sich sowohl immer Inneren wie auch im Außen vollziehen, und zeigt auf, inwiefern sie mit den zunehmenden Krisen des Kapitalismus einhergehen, die immer autoritärere Tendenzen hervorbringen. Der Begriff der Faschisierung deutet einerseits eine Differenz zu all jenen Positionen an, die den Faschismus als quasi vor der Haustür stehend behaupten. Diese differenzierte Analyse ist wichtig, leiten sich aus ihr doch unmittelbare Konsequenzen für das politische Handeln und Agieren ab. Allerdings scheint der Begriff der Faschisierung eine Art graduellen Übergang zum Faschismus zu implizieren und lässt die Unterschiede zwischen dem heutigen Rechtsruck und dem Faschismus undeutlich werden, insofern er selbst nicht klar definiert ist. Mit dem Begriff des Bonapartismus besitzt der Marxismus jedoch ein Instrumentarium, um die aktuelle politische Lage klarer zu beschreiben; es könnte sich für Leser:innen demnach lohnen, damit auf Meisners Analysen zu blicken.
Dialektik von Poesie und Begriff
Was nun aber ist der Ausweg aus „der Umzingelung durch Antikommunismus, Neoliberalismus und Faschisierung […]“ (S. 228)? Für Meisner ist „die beste Strategie gegen den Fluch der Flucht […], ein Telos zu gewinnen. Dieses Telos [wird] in Fluch(t) als demokratischer Kommunismus entwickelt“ (S. 250). Hierfür wiederum „bedarf es eines sozialistischen Realismus für das 21. Jahrhundert“ (S. 250). 1932 wurde der sozialistische Realismus als offizielle Kulturform der UdSSR eingeführt, 1934 wurden auf dem ersten Kongress des Schriftstellerverbands der Sowjetunion die Prinzipien des sozialistischen Realismus in der Literatur erarbeitet. Da es Meisner aber explizit um eine nach vorne gerichtete Debatte für das 21. Jahrhundert geht, soll hier seinen Vorschlägen Raum gegeben werden, wobei er sich beispielsweise auf Ausarbeitungen von Georg Lukács, Bertolt Brecht und Fredric Jameson bezieht (vgl. u.a. S. 245). Wieso der Autor ausgerechnet diesen Begriff verwendet, bleibt allerdings offen, was gerade dadurch, dass der sozialistische Realismus die offizielle Doktrin unter Stalin war, nicht unproblematisch ist: Der sozialistische Realismus war Ausdruck der Bürokratie in Kunst und Kultur und damit die völlige Erstarrung alles tatsächlich Künstlerischen. Nach der Einführung begann der Kampf gegen die Künstler:innen der Avantgarde und ihre Ideen. Hier zeigt sich auch eine tiefe Differenz zwischen Brecht und Lukács: Brecht stand für die Erforschung neuer Kunstmittel auf Grundlage neuer gesellschaftlicher Verhältnisse, Lukács dagegen ging es um die Säuberung der Literatur und Kunst von den Einbrüchen der Dekadenz.7
In realistischer Manier könne es keine künstlerische Verarbeitung ohne Theorie geben (vgl. S. 247), sodass Meisner für „eine Dialektik des Essayistischen als theorieaffiner Literatur“ argumentiert, „die den Inhalt in der Form nachholt, indem sie zur gebrochenen Totalität der Gattungen, Genres und Disziplinen wird“ (S. 247). Folglich sollen „Drama, Roman, Erzählung, Gedicht, Autobiographie und Fragment […] im sozialistischen Realismus des 21. Jahrhunderts ineinander verwoben [werden]“ (S. 248). Jene theorieaffine Literatur folge „weder dem puristischen Dogma der Kunst noch jenem der Wissenschaft“ (S. 248) und zeichne sich dadurch aus, dass sie „explizit und parteiisch“ (S. 248) ist, womit ein selbstbewusstes statt unbewusstes Parteiergreifen (vgl. S. 248) gemeint ist. Es geht Meisner um Kunst beziehungsweise Literatur als „eine umgreifende, eingreifende und ausgreifende Kunst“ (S. 248) – mit Brecht gesprochen auch um eine „kämpferische Kunst“. Mit dieser Theoretisierung, das heißt der Ausarbeitung des Konzepts eines sozialistischen Realismus für das 21. Jahrhundert als „Dialektik von Poesie und Begriff“ (S. 241), schließt Meisner sein Werk ab – und das insofern auf kluge Weise, als er mit Fluch(t) einen Text geschrieben hat, der eben genau das darstellt, was er einfordert. Fluch(t) lässt sich nicht in ein bestimmtes Genre einordnet und legt dar, weshalb es Grenzen aufzusprengen gilt.
Der Text berührt damit auch die Frage, welche Rolle und Funktion Kunst und Literatur sowohl im Kapitalismus spielen als auch zur Überwindung eben dieses beitragen können. 1938 schrieben André Breton und Trotzki in ihrem Manifest Für eine freie revolutionäre Kunst: „Echte Kunst, d. h. Kunst, die sich nicht mit der Variation überkommener Modelle zufrieden gibt, sondern darum bemüht ist, dem inneren Anliegen des Menschen und der Menschheit von heute Ausdruck zu verleihen, ist notwendigerweise revolutionär, d. h. sie erstrebt eine vollständige und radikale Umgestaltung der Gesellschaft, sei es auch nur, um das intellektuelle Schaffen von ihren Fesseln zu befreien und der ganzen Menschheit zu gestatten, sich zu Höhen aufzuschwingen, die bisher nur von einsamen Genies erreicht worden sind.“ Dem fügten sie jedoch eine wichtige Einschränkung hinzu: „Zugleich stellen wir fest, dass allein die soziale Revolution in der Lage ist, einer neuen Kultur den Weg zu bahnen.“ Anders als die Vision Trotzkis und Bretons hat der sozialistische Realismus als Doktrin in der UdSSR und den in ihrem Einflussbereich liegenden Staaten allerdings nichts zur Überwindung des Kapitalismus beigetragen, sondern diente der Glorifizierung der Bürokratie.
Die Feststellung, dass wir dieses System überwinden müssen, beantwortet noch nicht die Frage, wie dies geschehen kann – dieser Aspekt bleibt auch in Fluch(t) letztlich offen. Denn Kunst beziehungsweise Literatur – auch in ihrer revolutionärsten Form – können dies nicht. Dazu braucht es die Selbstorganisierung der Arbeiter:innenklasse und der Jugend und den Aufbau einer revolutionären Partei als Führung. Neben Krisen und Kriegen sehen wir international auch eine Verstärkung von Phänomenen des Klassenkampfes und Bewegungen, in denen vor allem die Jugend eine zentrale Rolle spielt. Anschließend an die Ausarbeitungen, mit denen Fluch(t) schließt, wäre die Perspektive des Autors hierauf interessant – auch im Hinblick darauf, wie dies mit seinem Konzept des sozialistischen Realismus für das 21. Jahrhundert zusammengebracht werden könnte.
Fußnoten
- 1. Alle Seitenangaben im Fließtext beziehen sich auf das folgende Werk: Lukas Meisner: Fluch(t). Die Sintflut heißt Westen, mandelbaum verlag, Wien 2025.
- 2. Karl Marx und Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, in: Dies.: Werke, Band 3, Dietz Verlag, Berlin 1969, S. 34 f.
- 3. Leo Trotzki: Verratene Revolution, in: Ders.: Schriften 1, Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur, Band 1.2 (1936-1940), hrsg. v. Helmut Dahmer, Rudolf Segall et al., Rasch und Röhring Verlag, Hamburg 1988, S. 692.
- 4. W.I. Lenin: Siebenter Parteitag der KPR(B), in: Ders.: Werke, Band 27, Dietz Verlag, Berlin 1960, S. 81.
- 5. W.I. Lenin: Über die Naturalsteuer, in: Ders.: Werke, Band 32, Dietz Verlag, Berlin 1982, S. 346.
- 6. Trotzki: Verratene Revolution, S. 737.
- 7. Vgl. Jens Kastner: Die Linke und die Kunst, Unrast Verlag, Münster 2019, S. 66.