Pride verteidigen: Wir sind der Schutz, den wir brauchen
Nicht nur werden immer mehr queere Menschen von Rechten zusammengeschlagen, sondern auch die bürgerlichen Parteien mischen ordentlich mit – umso mehr müssen wir uns dagegenstellen. Von Stonewall bis heute kämpfen wir für eine Gesellschaft, in der keine Polizei, Kapital oder Patriarchat unsere Körper, Liebe und Identität kontrollieren.
Das Pinkwashing, mit dem sich bürgerliche Parteien wie die CDU erlauben, auf den CSDs zu erscheinen, ist ein ekelhafter Versuch, sich anzubiedern, um nicht an Relevanz zu verlieren – und das, obwohl sie gleichzeitig durch Kürzungen, Gesetzestexte und Propaganda immer wieder die Existenz derer angreifen, die sie zu instrumentalisieren versuchen.
Anstatt die Identität von trans* Menschen anzuerkennen, werden gezielt Lücken in Gesetze wie dem Selbstbestimmungsgesetz eingefügt, um mehr Kanonenfutter für die imperialistischen Kriege zu haben. So sollen trans* Frauen beispielsweise im Verteidigungsfall auch an die Front geschickt werden. Dabei wird komplett außer Acht gelassen, wie schwer es trans* Personen bei der Transition gemacht wird, an ausreichende und lebenswichtige medizinische Versorgung zu kommen. Trans* Personen zu behandeln, ist für Arztpraxen nicht profitabel und selbst die Ärzt:innen, die es wollen, werden enorme bürokratische Hürden in den Weg gestellt, was einen weiteren Ausdruck der systemischen Gewalt des Kapitalismus darstellt.
Bürgerliche Parteien reden von Vielfalt – und liefern uns den Faschos aus
Auch wenn die Dunkelziffer enorm hoch ist (LSVD, Amadeu Antonio Stiftung und CeMAS weisen auf eine hohe Dunkelziffer von circa 90 Prozent hin, denn die allermeisten Bedrohungen, Beleidigungen und Drohungen im Vorfeld bleiben ungeahndet), läßt sich schon an den offiziellen Zahlen eine klare Tendenz erkennen. Die Anzahl der Gewaltdelikte und Angriffe auf queeres Leben stieg in den letzten Jahren massiv. 2024 wurden insgesamt 55 gezielte Angriffe, Störungen oder Bedrohungen auf CSDs dokumentiert, das ist ein bisheriger Höchstwert. Laut CeMAS/ NSU-Watch kam es bundesweit bei über 200 CSDs zu Auseinandersetzungen, davon 32 mit extrem rechten Gegendemos und 68 mit direkten Störungen oder Angriffen auf Teilnehmer:innen und Infrastruktur. Das ist kein Zufall, sondern reiht sich ein in den generellen Rechtsruck, den alle bürgerlichen Parteien mitfahren.
Gegen Polizeigewalt, gegen Angst – Stonewall was a Riot!
Du sagst mir, ich soll mich verstecken und den Schwanz einziehen. Ich werde mir das nicht gefallen lassen. Ich wurde geschlagen. Mir wurde die Nase gebrochen. Ich wurde ins Gefängnis geworfen. Ich habe meinen Job verloren. Ich habe meine Wohnung verloren – für die Befreiung von Queers, und ihr behandelt mich so?
Sylvia Rivera
Die Stonewall-Aufstände waren mehrtägige, spontane Proteste queerer Menschen gegen eine brutale Polizei Razzia, die am 28. Juni 1969 im Stonewall Inn, einer queeren Bar in der Christopher Street im Greenwich Village in New York – ein queeres, alternatives Viertel – durchgeführt wurde.
Die Bar stellte insbesondere für Schwarze, trans* und arme queere Menschen eine der wenigen Rückzugsorte dar, die als „sicher“ galten. Brutale Angriffe auf die LGBTQIA+* -Community und angehörige Personen durch die Polizei oder andere Akteure waren Alltag. Doch in dieser Nacht wehrten sich die Menschen erstmals kollektiv gegen die gewaltvolle Razzia. Der Widerstand wuchs zu mehrtägigen Straßenkämpfen heran. Spontan, entschlossen und von der Wut der Ausgebeuteten und Unterdrückten angefeuert, entstanden in dieser Zeit die Grundlagen der LGBTQIA+*-Bewegung, wie wir sie heute kennen. Ein Jahr später, 1970, fanden die ersten Pride-Demonstrationen in mehreren Städten statt – eine Tradition, die jedes Jahr fortgeführt wird. Der CSD ist somit ein Symbol für queeren Widerstand und die Befreiung aus den bestehenden Strukturen.
Stonewall war ein Aufstand, kein Sponsoring-Event
Die Parole „Stonewall was a riot“ ist eine Kritik an der Kommerzialisierung von Pride, etwa Regenbogenflaggen auf Banken & Waffenfirmen, die den ursprünglich kämpferischen, radikalen Charakter von Stonewall entpolitisieren. Sie erinnert uns daran, dass queere Befreiung untrennbar mit Klassenkampf, Antirassismus und Polizeikritik verbunden ist.
Es ging nie nur um die „Ehe für alle“, sondern von Anfang an um Freiheit für alle Unterdrückten.
Klassenkampf und queere Befreiung können nur zusammengedacht werden. Die Stonewall-Revolte war nicht bloß ein Ruf nach Toleranz, sondern ein Akt der Selbstverteidigung gegen einen unterdrückenden Staat, der im Dienst einer heteronormativen, kapitalistischen Ordnung steht und Interesse an dessen Aufrechterhaltung hat. Die Polizei ist nach wie vor ein Werkzeug des Staates, das nicht nur Sexualität und Identität, sondern auch Armut, Rassifizierung und Gender kontrolliert.
Es waren vor allem Schwarze und latinX trans* Frauen, Sexarbeiter:innen, Drag Queens und arme queere Menschen, die Widerstand gegen die systematischen Angriffe der Polizei leisteten.Viele waren obdachlos, arbeitslos oder in anderweitigen prekären Lebensrealitäten. Die anschließende Bewegung war nicht nur auf eine Integration in die bestehende Verhältnisse aus, sondern forderte auch Zugang zu Wohnraum, zu Gesundheitsversorgung, Teilhabe am Arbeitsmarkt und Schutz vor queer- und transfeindlichen Angriffen in Ablehnung von „Homonormativität“, die LGBTQIA+*-Rechte nur für privilegierte (weiße, cis(passing) straight passing), bürgerliche Menschen nutzbar macht.
Für eine Gesellschaft ohne Besitzende und Besessene
Das Hauptaugenmerk muss auf die Wurzel gerichtet werden. Der größte Stein im Weg ist und bleibt das kapitalistische System, welches Identität nutzt, um den Klassenkampf und den wahren Ursprung der Unterdrückung zu verschleiern. Wenn wir uns selbst in identitären Kriegen zermetzeln, können sich die Kapitalist:innen weiter eine goldene Nase an unseren Körpern und unserer Arbeit verdienen. Die Organisation in Kleinfamilien ist die beste Voraussetzung für Konsum im kapitalistischen Sinn.
Außerdem profitiert der Kapitalismus von der Idee, dass konstruierte Kategorien menschlicher Körper für bestimmte Arbeit prädestiniert sind. Queere, Trans* und Inter* Personen beweisen durch ihre Existenz, dass die vermeintlich natürliche binäre Ordnung nichts als ein Märchen ist. Die Fantasie, dass Personen sich klar in zwei Kategorien einteilen lassen können, ist im wissenschaftlichen Konsens der Psychologie, Soziologie oder Biologie widerlegt. Und trotzdem bestimmt diese Idee bereits vor unserer Geburt, wie andere Menschen sich in Bezug auf uns verhalten. Eine klare Arbeitsteilung ist Teil der materiellen Grundlage der Durchsetzung dieser Konstruktion. Hier treffen Sexualität, Geschlechtsidentität, die Aufteilung in „Kleinfamilien“ (die Liebe und Sexualität privatisiert) und die Art, wie wir über Liebe, Beziehung und Gemeinschaft nachdenken, aufeinander. Es wird deutlich, dass die Grenzen, die uns das kapitalistische, patriarchale System in Bezug auf diese Lebensbereiche setzt, nicht echt und schon gar nicht „naturgegeben“ sind und wir diese vermeintlich „natürlichen Konstruktionen“ zu unseren Bedürfnissen umgestalten können und von Grund auf zu verändern. Wir können viel größer und freier lieben und viel besser für uns und füreinander da sein, als das Kapital und seine Agent:innen uns diktieren.
Zum Weiterlesen:
Die sexuelle Krise kann nur gelöst werden, wenn die menschliche Psyche radikal reformiert und die Fähigkeit zu lieben gesteigert wird. Und wenn die Psyche neu geformt werden soll, ist eine grundlegende Transformation der sozioökonomischen Beziehungen nach kommunistischen Grundsätzen unabdingbar. Das ist eine ‚alte Wahrheit‘, aber es gibt keinen anderen Ausweg. Die sexuelle Krise wird sich in keiner Weise verringern lassen, egal welche Art von Ehe oder persönlicher Beziehung die Menschen ausprobieren
Alexandra Kollontai
Mehr als Brot: Rosen und ein schönes Leben für alle
Wir kämpfen also für eine Gesellschaft, in der sich die Besitzverhältnisse ändern, in der die Wirtschaft demokratisch geplant wird, in der nicht eine besitzende Minderheit über eine arbeitende und besitzlose Mehrheit regiert, in der die Geschlechterungleichheit verschwindet. In der wir frei über unsere Körper bestimmen können, in der Sexualität und Liebe nicht mehr durch bürgerliche Kategorien reglementiert, sondern frei gelebt werden, von kollektiver Fürsorge bis hin zu polyamoren Utopien.
Maxi Schulz
Wie verteidigen wir uns? Wie können wir aktiv eine bessere Welt schaffen, eine Welt, in der wir nicht nur genug Brot haben, sondern auch Rosen und ein schönes Leben für alle?
Dafür braucht es eine Strategie für den Kampf; die Strategie des sozialistischen Feminismus. Denn ohne die kapitalistischen Grundlagen aufzuheben, werden die Kämpfe gegen unsere Identität nicht aufhören, wenn wir Gesundheit nicht kollektivieren, werden uns die Rechte darauf immer wieder in Zeiten der Krise genommen, um uns gefügig zu machen.
Wir sind sozialistische Feminist:innen, weil wir der festen Überzeugung sind, dass die sexistische und queerfeindliche Unterdrückung ein Produkt der kapitalistischen Klassengesellschft ist. Wir denken, dass das größte Potenzial, diese zu bekämpfen, im offensiven Kampf, in einem Bündnis aus feministischer Bewegung und der Arbeiter:innenklasse, die heute weiblicher und offen queerer ist als jemals zuvor, liegt. Kollontai schrieb bereits in ihrem Brief an die arbeitende Jugend:
Die Geschichte der menschlichen Gesellschaft, die Geschichte des ständigen Kampfes zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und Klassen mit gegensätzlichen Zielen und Interessen, gibt uns den Schlüssel zur Suche nach diesem ‚roten Faden‘. Wichtig ist hierbei, den feministischen Kampf nicht schematisch vom Klassenkampf abzutrennen oder auf das Stadium nach der Revolution zu verschieben.
Die „Teile und Herrsche“ Logik ist eine Logik der Ausbeutung, mit der wir brechen wollen. Die Art und Weise, wie persönliche Beziehungen in bestimmten sozialen Gruppen organisiert sind, haben einen zentralen Einfluss auf das Resultat des Kampfes zwischen den feindlichen Klassen. Für uns als Revolutionär:innen ist es von besonderer strategischer Bedeutung, den Feminismus als einen elementaren und entscheidenden Bestandteil des Klassenkampfes zu betrachten.
Aber es besteht kein Zweifel, dass die Liebe mit der Verwirklichung der kommunistischen Gesellschaft eine veränderte und beispiellose Gestalt annehmen wird. Bis dahin werden die ,sympathischen Bindungen‘ zwischen allen Mitgliedern der neuen Gesellschaft gewachsen und gefestigt sein. Das Potential der Liebe wird gewachsen sein, und solidarische Liebe wird zu dem Hebel werden, den Wettbewerb und Eigenliebe im bürgerlichen System darstellten. Der Kollektivismus des Geistes kann dann die individualistische Selbstgenügsamkeit besiegen. Die ‚Kälte der inneren Einsamkeit‘, der die Menschen in der bürgerlichen Kultur durch Liebe und Ehe zu entfliehen versuchten, wird verschwinden. Die vielen Fäden, die Männer und Frauen in engen emotionalen und intellektuellen Kontakt bringen, werden sich entwickeln. Und Gefühle werden aus dem Privaten in die Öffentlichkeit übergehen. Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und die Abhängigkeit der Frauen von den Männern werden spurlos verschwinden und nur eine verblassende Erinnerung an vergangene Zeiten sein.
Alexandra Kollontai
Dafür fordern wir:
– Verteidigung von Pride-Demonstrationen durch Arbeiter:innen und Queers. Dafür müssen auch die Gewerkschaften mobilisieren. Abschaffung der Polizei und anderer Gewaltinstitutionen und Ersatz durch selbstorganisierte Schutzstrukturen von queeren Personen und Beschäftigten
– Gesetzliches Selbstbestimmungsrecht über Geschlecht und Namen – weltweit, ohne bürokratische oder medizinische Hürden
– Drastische Ausweitung von sozialem Wohnungsbau für queere Menschen, die besonders darunter leiden, nicht aus queerfeindlichen Verhältnissen entkommen zu können und häufiger von Armut betroffen sind – finanziert durch die entschädigungslose Enteignung aller Immobilienkonzerne und Umsetzung vom Deutsche Wohnen und Co. Volksentscheid. Demokratische Kontrolle der Wohnungen durch Komitees aus Mieter:innen und Arbeiter:innen. Ausbau von queeren Räumen mit selbstorganisierten Schutzstrukturen
– Kostenlose, barrierefreie und nicht-pathologisierende Gesundheitsversorgung für alle trans, inter und nicht-binären Menschen – inklusive Hormonversorgung, OPs und der Ausbau von Psychotherapieangeboten, insbesondere für Menschen mit Diskriminierungserfahrung. Sensibilisierung aller therapeutisch oder gesundheitlich arbeitenden Personen im Umgang mit trans, inter und nicht binären Personen. Verpflichtend in Ausbildung und Studium und als Fortbildung
– Sichere Arbeitsplätze für queere Personen – mit aktiven Kontrollkomitees gegen Diskriminierung in Betrieben, besetzt durch gewählte queere Arbeiter:innen
– Enteignung von transfeindlichen und queerfeindlichen Medienkonzernen
– Aufhebung des binären Geschlechtersystems und aller institutionellen Geschlechterzuweisungen.
– Umfassende Aufklärungskampagnen über sexuelle Selbstbestimmung in Schulen, Betrieben und Familien!
– Gesellschaftliche Organisation von Körpern und Identitäten ohne staatliche oder medizinische Zwänge. Unsere Bedürfnisse formen unsere Körper, nicht die Ideale des Kapitals.
– Vergesellschaftung aller Reproduktions- und Pflegearbeit – Abschaffung der Zwangsfamilie als ökonomische Einheit.
– Freie Liebe, freier Sex, freie Körper – unter der Bedingung gegenseitiger Zustimmung und gesellschaftlicher Verantwortung. Für das Recht auf eingetragene Partnerschaften mit mehr als zwei Personen und die gesellschaftliche Anerkennung dessen
– Globale Bewegung für queere Befreiung – verbunden mit der Abschaffung des Kapitalismus weltweit. Internationale Solidarität, keine Grenzen, keine Nationen. Liebe in allen Sphären zwischenmenschlichen Zusammentreffens etablieren
The master’s tools will never dismantle the master’s house. They may allow us temporarily to beat him at his own game, but they will never enable us to bring about genuine change. And this fact is only threatening to those women who still define the master’s house as their only source of support
Audre Lorde