Politik des Nervens: Was der Arbeitskampf im Botanischen Garten den Beschäftigten von Vivantes heute zeigen kann
Arbeitskämpfe werden nicht nur am Verhandlungstisch geführt. Gerade dann, wenn Tarifauseinandersetzungen festgefahren sind und Arbeitgeber darauf setzen, Beschäftigte zu zermürben, stellt sich die Frage: Wie kann ein Arbeitskampf wieder Druck entfalten?
Diese Frage stellte sich vor einigen Jahren auch den Beschäftigten des Botanischen Gartens Berlin. Der Konflikt um Ausgliederung, Lohndumping und Personalabbau zog sich über lange Zeit hin. Die Arbeitgeberseite setzte auf Verzögerung und Aussitzen. Ziel war es, die Streikenden mürbe zu machen und die Mobilisierung langsam versanden zu lassen.
Doch die Beschäftigten entwickelten eine andere Antwort. Sie beschränkten sich nicht auf gewerkschaftliche Podiumsdiskussionen oder offizielle Gesprächsformate mit Politiker:innen. Stattdessen suchten sie die direkte Konfrontation dort, wo Parteien besonders empfindlich sind: im Wahlkampf.
Politik des Nervens
Denn Wahlkampfzeiten verändern die Bedingungen eines Arbeitskampfes. Während Arbeitgeber auf Zeit spielen, werben Politiker:innen gleichzeitig um Zustimmung und präsentieren sich als soziale und arbeitnehmerfreundliche Kraft. Genau diesen Widerspruch griffen die Beschäftigten des Botanischen Gartens auf.
Sie beobachteten öffentliche Termine von Politiker:innen und tauchten unangekündigt bei Wahlkampfveranstaltungen auf. Besonders bekannt wurde die Aktion gegen die damalige Grünen-Politikerin Ramona Pop. Im Großen Tropenhaus des Botanischen Gartens mussten schnell wachsende Bambuspflanzen regelmäßig zurückgeschnitten werden. Wegen des massiven Personalmangels war dies kaum noch möglich. Die Pflanzen drohten buchstäblich gegen das Dach des bis zu 25 Meter hohen Tropenhauses zu wachsen. Als Symbol für diese Zustände überreichten Beschäftigte Ramona Pop auf einer Wahlkampfveranstaltung einen Bambus.
Auch der damalige Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) wurde auf Wahlkampfterminen in Steglitz-Zehlendorf öffentlich mit den Zuständen im Botanischen Garten konfrontiert – direkt vor Publikum und potenziellen Wähler:innen.
Dabei ging es nicht nur um klassische Protestformen. Die Beschäftigten griffen die Inszenierungen und Themen der Verantwortlichen auf und drehten sie um. Bei einer Veranstaltung mit dem damaligen FU-Kanzler Peter Lange, an der auch Vertreter:innen aus Wirtschaft und Politik teilnahmen, traten Beschäftigte als Ober verkleidet auf und verteilten satirische Speisekarten. Darauf fanden sich Gerichte wie „Armer Ritter“ oder „Ausgenommene Weihnachtsgans“. Mit Begriffen wie „Unterdeck“ und „Oberdeck“ wurde auf die Spaltung zwischen regulär Beschäftigten und ausgegliederten Kolleg:innen aufmerksam gemacht.
Auch auf einem Kunstmarkt im Botanischen Garten mit tausenden Besucher:innen aus Steglitz-Zehlendorf verteilten Beschäftigte Flugblätter mit Überschriften wie „Ausbeutung nach allen Regeln der Kunst“. Politiker:innen waren dort zwar nicht direkt anwesend, wohl aber ihre Wähler:innen. Die Verantwortung des Berliner Senats für Ausgliederung und Lohndumping wurde so unmittelbar an die Öffentlichkeit getragen.
Der entscheidende Punkt dabei war die Unberechenbarkeit. Es ging nicht darum, jede Veranstaltung zu besuchen. Oft reichen schon drei Beschäftigte mit Aktions-T-Shirts, die sichtbar im Publikum sitzen. Wenn dann Fragerunden stattfinden und jemand aufsteht, sich das Mikrofon nimmt und die Politiker:innen öffentlich mit gebrochenen Wahlversprechen konfrontiert, entsteht genau der Moment, den Wahlkampfstäbe vermeiden wollen.
Versetzt man sich in die Perspektive der Arbeitgeberseite, kann dadurch die Strategie des Aussitzens plötzlich ins Gegenteil umschlagen. Normalerweise hoffen Arbeitgeber, dass lange Konflikte die Beschäftigten erschöpfen. Fallen Tarifauseinandersetzungen jedoch in eine Wahlkampfphase, verändert sich diese Rechnung grundlegend.
Lehren für den Vivantes Streik
Die Berliner Abgeordnetenhauswahl findet am 20. September 2026 statt. Das bedeutet: Über Monate hinweg befinden sich Parteien und Kandidat:innen im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Zustimmung. Niemand in den Parteizentralen möchte erleben, dass Wahlkampftermine immer wieder von denselben Konflikten überschattet werden.
Wenn Beschäftigte regelmäßig bei Veranstaltungen auftauchen, vor Veranstaltungsorten Flugblätter verteilen, in sozialen Netzwerken an gebrochene Versprechen erinnern und die Konfrontationen mit Fotos und Videos dokumentieren, entsteht ein politisches Problem, das sich nicht einfach aussitzen lässt. Besonders wirkungsvoll sind direkte Konfrontationen dort, wo Politiker:innen Bürgernähe inszenieren – etwa auf Straßenfesten oder Marktplätzen.
Wenn Steffen Krach, der derzeit für das Amt des Regierenden Bürgermeisters wirbt, beispielsweise wieder öffentlich Bratwürste verteilt oder sich volksnah auf Instagram inszeniert, könnten Beschäftigte genau diese Bilder aufgreifen und umdrehen. Denkbar wären Flugblätter mit Überschriften wie: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei – und das Lohndumping bei Vivantes findet keins.“ Solche Aktionen könnten gefilmt und anschließend selbst über soziale Medien verbreitet werden. Gleichzeitig ließen sich die Kommentarspalten der Wahlkampfbeiträge mit Hinweisen auf gebrochene Wahlversprechen und die Verantwortung des Berliner Senats füllen.
Entscheidend ist dabei vor allem die öffentliche Konfrontation vor den Wählerinnen und Wählern. Denn Glaubwürdigkeit ist der Dreh- und Angelpunkt jedes erfolgreichen Wahlkampfs. Wenn Politiker:innen immer wieder öffentlich mit früheren Versprechen, Ausgliederungen oder Lohndumping konfrontiert werden, entsteht genau dort Druck, wo Wahlkämpfe am empfindlichsten sind.
Es ist dann wichtig, sich von diesem Weg nicht wieder abbringen zu lassen. Politiker:innen arbeiten in solchen Situationen häufig mit Verweis auf angeblich bevorstehende Entscheidungen, kommende Gutachten oder Gespräche in einigen Wochen. Genau darin besteht oft die Strategie: Zeit gewinnen und Hoffnung auf spätere Lösungen erzeugen. Die Erfahrung aus dem Botanischen Garten war jedoch, dass der Druck nur dann wirksam bleibt, wenn die öffentlichen Konfrontationen trotzdem weitergehen.
Arbeitskampf außerhalb des Drehbuchs
Mehrfach kam es nach solchen Aktionen auch vor, dass Personen oder Funktionäre auf uns zukamen und fragten, ob solche Aktionen „wirklich nötig“ seien oder ob sie überhaupt mit der Gewerkschaft abgesprochen wären. Gerade solche Reaktionen wurden von vielen als Zeichen dafür verstanden, dass die Aktion ihren Zweck erfüllt hatte. Denn genau in diesen Momenten wurde sichtbar, dass sich die Akteur:innen des Arbeitskampfes außerhalb des Drehbuchs und der Kontrolle bewegten, die Politik und Arbeitgeber eigentlich für sie vorgesehen hatten.
Die Erfahrung aus dem Botanischen Garten war außerdem, dass Selbstermächtigung und Unberechenbarkeit eine entscheidende Rolle spielen. Wenn Beschäftigte beginnen, eigenständig Aktionen zu entwickeln, öffentliche Räume zu nutzen und selbst zu entscheiden, wann und wo sie auftreten, entsteht eine Dynamik, die für politische Entscheidungsträger:innen schwer kalkulierbar wird. Genau diese Unsicherheit kann zu einem entscheidenden Faktor werden.
Gleichzeitig zeigt die Erfahrung auch: Nicht jede Aktion muss riesig sein. Und niemand muss dreißig perfekte Aktionen organisieren. Oft reicht ein einziger Moment zur richtigen Zeit. Eine Aktion, die die richtigen Leute trifft, öffentlich sichtbar wird und einen empfindlichen Punkt im Wahlkampf berührt, kann ausreichen, damit der Widerstand auf der anderen Seite bricht.
Für die aktuellen Arbeitskämpfe bei Vivantes und den Vivantes-Töchtern könnte darin eine wichtige Lehre liegen. Der Arbeitskampf im Botanischen Garten zeigte damals: Wer politische Widersprüche sichtbar macht und Verantwortliche dort konfrontiert, wo sie um Zustimmung werben, kann die Dynamik eines festgefahrenen Konflikts verändern.