Geschichte und Kultur

NS-Gedenken im bayerischen Oberland: „Die Geschichte ist noch heute spürbar“

Max van Beveren betreibt einen Blog über Nationalsozialismus im bayerischen Oberland. Im Gespräch mit Klasse Gegen Klasse berichtet er von verbotenen Abzeichen, "Nestbeschmutzern" und warum es nicht nur um Geschichte geht…

NS-Gedenken im bayerischen Oberland: „Die Geschichte ist noch heute spürbar“

Max, was betreibst du für einen Blog?

Ich betreibe seit wenigen Monaten einen Blog mit dem Namen „Nationalsozialismus im Oberland“. Ziel ist es, nicht nur die Geschichte des Dritten Reichs im bayerischen Oberland darzustellen, sondern auch zu zeigen, wie diese Geschichte bis heute spürbar ist. Insbesondere nämlich im Rahmen von Kriegerdenkmälern und Gedenktafeln, die in beinahe jedem oberbayerischen Dorf und Ort angebracht sind und bis heute ausschließlich die Soldaten beider Weltkriege in Erinnerung hält.

Du schilderst im Blog, wie „unseren Kameraden“ gedacht wird. Wie sieht so ein Gedenken aus? Welche Kameraden sind das?

Wie dort gedacht wird, hängt ganz vom Denkmal ab: Einmal gibt es natürlich die größeren Gedenkfeiern, wie beispielsweise die am Hohen Brendten in Mittenwald, wo der „Kameradenkreis der Gebirgstruppe“ jedes Jahr im Mai die alten und jungen Kämpfer der Gebirgstruppen einlädt, um den gefallenen Gebirgsjägern zu gedenken. Diese Gedenkfeier richtet sich unter anderem an die Gebirgsjäger der 1. Gebirgsdivision der Wehrmacht, welche in zahlreichen Ländern grausame Massaker verübt haben. So mancher „alte Kämpfer“ ist da schonmal mit dem Hakenkreuzorden „von früher“ aufgetaucht.

Kleinere Gedenkfeierlichkeiten finden meist im Rahmen des Volkstrauertags statt, der jedes Jahr am 17. November deutschlandweit zelebriert wird. Meist sind es die Einwohner*innen der jeweiligen Ortschaft, die Vereine – Trachtenverein, Schützenverein, Kriegervereine, freiwillige Feuerwehr –, der*die Bürgermeister*in und Teile der Kirche.

Natürlich können die beiden genannten Gedenken, insbesondere personell, nicht miteinander verglichen werden. Was sie aber ohne Zweifel gemeinsam haben ist, dass die „Kameraden“, denen gedacht wird, einschlägig sind: Wehrmacht, worunter auch die Gebirgsjäger zählen, SS und SA – mancherorts sogar mit ihren entsprechenden Symbolen.

Welche Rolle hat das Oberland im Gedenken an die beiden Weltkriege?

Eine sehr maßgebliche Rolle. Schon seit dem Kaiserreich war es sehr konservativ, national und natürlich monarchistisch geprägt. Hinzu kommt aber auch die Nähe zu München, der „Hauptstadt der Bewegung“, wo es bereits vor und während dem Ersten Weltkrieg zahlreiche völkisch-antisemitische Gruppen gab. Mit der DAP, deren Vorsitz seit 1920 Adolf Hitler inne hatte, welcher sie dann NSDAP nannte, wurde 1919 die wohl berühmteste ins Leben gerufen. Diese Nähe zu München hat schließlich auch zur Gründung des Freikorps Oberland geführt, durch Rudolf von Sebottendorff, Vorsitzender der Thule Gesellschaft, der aktiv bei der Niederschlagung der Räterepublik in München mithelfen wollte.

Nach dem ersten Weltkrieg hat sich das außer in den Freikorps auch in der NSDAP ausgedrückt, die ab den frühen 1920er Jahren bereits Umzüge durch oberbayerische Dörfer veranstaltete, wie beispielsweise in Schliersee. Hitler, Ludendorff, Göring und auch Freiherr von Kahr wurden ins bayerische Oberland eingeladen, um die Einweihung von Gedenkstätten mit anzuführen. Bereits zu diesem Zeitpunkt war die politische Stoßrichtung der genannten Persönlichkeiten aber klar. Die Denkmäler im Oberland haben schon damals einem politischen Zweck gedient, dies geschieht mancherorts bis heute. Zu vielen Denkmälern des Ersten Weltkriegs kamen Soldaten des Zweiten Weltkriegs hinzu. Auch vorher waren sie militaristisch, aber damit bekamen die Denkmäler einen gänzlich anderen Charakter: Verbrecher, die für hundert- und tausendfachen Mord verantwortlich sind, werden da einfach mitgeehrt.

Foto: Max van Beveren.

Es gibt Beispiele in deinem Blog, wie die Gefallenen des Radfahr-Bataillons 402. Wenn man jetzt da vorbei radelt, dann denkt man sich vielleicht nur: „Schau her, ein Radfahr-Bataillon!“ Was steht hinter dieser Geschichte?

Hinter dieser Tafel steckt ein 1940 in Holzkirchen (Wehrkreis VII.) aufgestelltes Bataillon. Das sind unter anderem Gebirgsjäger gewesen, die dann „aufs Rad“ gesetzt wurden. Dafür stehen die vier Edelweiß Abzeichen, sowie das „doppelte R“ und der darunter stehende Kreis, das taktische Zeichen für eine Radfahreinheit. Eingesetzt wurde es 1940 an der Westfront, es war aber auch Teil des „Unternehmen Barbarossa“, dem Angriffskrieg gegen die Sowjetunion, wo es meist Teil der Aufklärung war, unter anderem in der 61. Infanteriedivision.

Natürlich darf hier nicht der Fehler gemacht werden, nur Einheiten der Gebirgsjäger zu hinterfragen und zu kritisieren – was nie getan werden darf! Eigene Recherchen haben ergeben, dass auf den Namenstafeln des Denkmals natürlich auch Soldaten anderer Wehrmachtseinheiten und der SS stehen. Doch in diesem Fall gibt die Tafel unmittelbar Auskunft zu den Gebirgsjägern.

Wer ist für diese Form des Gedenkens, wie in Holzkirchen, verantwortlich?

Für die offiziellen Gedenkfeiern, wie beispielsweise den Volkstrauertag, ist es die jeweilige Gemeinde selbst. Wie bereits beschrieben versammeln sich dazu die Bürger*innen, Vereinsmitglieder, Vertreter*innen der Gemeinde und die Kirche. Einen deutlichen Beigeschmack erhält so ein Gedenken natürlich durch Vereine, die sich beispielsweise „Veteranen- und Kriegsverein“ nennen. Sie stehen nicht nur für die Aufrechterhaltung des Militarismus und die Traditionspflege ihrer gefallenen Kameraden von damals, sondern positionieren sich auch zu aktuellen politischen Themen, wie Geflüchteten, deutlich rechts. Benannte Vereine sind aber nicht nur fester Bestandteil der Gedenken, sondern des öffentlichen Lebens im Allgemeinen (bei Dorffesten, Faschingsbällen usw.), womit der Bevölkerung gezeigt wird, wie normal solche Ansichten sind.

Doch es gibt natürlich auch andere Gedenkveranstaltungen, die einen offen faschistischen Charakter haben, wie es am Annaberg in Schliersee der Fall ist, wo an das bereits erwähnte Freikorps Oberland erinnert wird. In Starnberg gibt es außerdem ein Denkmal an Erich Ludendorff. Dort finden Denkmalfeiern statt, die von Personen, Gruppierungen und Parteien aus dem neonazistischen Spektrum organisiert werden. Als ich vor wenigen Monaten in Starnberg war, lag vor dem Ludendorffdenkmal ein Kranz des „III. Wegs“. In Schliersee kamen bereits Personen aus Kameradschaften, der NPD und dem Bund Oberland zusammen, gemeinsam mit Gudrun Burwitz, die Tochter des ehemaligen Reichsführers SS, Heinrich Himmler.

Damit wird deutlich, welche Anziehungskraft gewisse Denkmale bis heute haben.

Wie rechtfertigen Bürgermeister oder Pfarrer, dass Porträts sogar verbotene Abzeichen, wie das der SS zeigen?

Dazu gibt es den konkreten Fall in der Kriegerkapelle in Gmund am Tegernsee. Dort werden die gefallenen Soldaten mit Portraits abgebildet, auf denen neben Wehrmachtssymbolen auch die Rune der SS zu sehen ist. Jede*r kann das sehen – theoretisch. Auf E-Mails, die auf diese Problematik in Gmund hinweisen, wird nicht reagiert. Die allermeisten interessiert das nicht, viele betrachten es sogar als Angriff gegen ihre Tradition, wenn man auf so was aufmerksam macht. Anders ist es derzeit tatsächlich in Schliersee und Holzkirchen. Dort möchte man die Denkmäler und ihre Wirkung hinterfragen und aufarbeiten. Das Ergebnis bleibt natürlich abzuwarten.

„Nestbeschmutzer“ also. Gibt es auch andere Leute aus dem Oberland, die „das Nest beschmutzen“?

Es gab natürlich schon zahlreiche Aktionen, wie vor ein paar Jahren, als eine Demonstration gegen das Schlierseer Annaberg-Gedenken organisiert wurde. Dieses Denkmal wurde in der Vergangenheit zudem mehrfach übersprayt und bereits durch eine Tafel, „die sich gegen Naziterror und Rassismus“ ausspricht, verdeckt. In Mittenwald gibt es immer wieder Demos, genauso wie in Berchtesgaden, wo ebenfalls den Gebirgsjägern gedacht wird. Aber auch diese Aktionen stießen und stoßen auf viel Unverständnis, Gegenwehr und Desinteresse, weil man „das Brauchtum angreift“, denn „es soll so bleiben, wie es war“. Trotz allem wurden natürlich auch sehr gute Erfahrungen gemacht, wie der AK Angreifbare Traditionspflege (Buch) zeigt oder „Wo die Zeit Urlaub macht“-Demos in Berchtesgaden.

An bestehende Erfahrungen muss wieder angeknüpft und der Widerstand dagegen breiter aufgestellt werden. Denn auf der einen Seite das Ende des Faschismus feiern – auf der anderen Seite aber diejenigen in Ehren halten, welche für seine Verbrechen verantwortlich sind, das geht einfach nicht zusammen. Aus den höheren Ebenen der Parteien und Regierungen hat sich bisher niemand für diesen Widerspruch interessiert. Denn der Protest ist bisher in der Provinz geblieben – und dort überwiegt leider die Ansicht, dass solche Denkmale und ihre Ehrungen normal sind und „dazu gehören“.

Gerade musste ich denken an eine Rede von Heinz Meyer (Pegida München), in der er sich positiv darauf bezog, dass die Tradition der Wehrmacht in der Bundeswehr fortbesteht. Was die liberale Geschichtsschreibung bestreitet, die einen Bruch von der Wehrmacht zur demokratischen Armee behauptet.

Ja, die Behauptung eines Bruchs ist völlig absurd, was an verschiedenen Aspekten auszumachen ist. Zuerst einmal natürlich historisch. Die Bundeswehr wurde unter anderem von hochrangigen Angehörigen der Wehrmacht aufgebaut. Diese wiederum haben ihr Gedankengut in die Bundeswehr einfließen lassen und nahmen teils sogar an Gedenkveranstaltungen, wie der am Hohen Brendten, teil, um ihren Kameraden aus NS-Zeiten zu gedenken. Ein weiterer Aspekt ist sicherlich die Benennung von Kasernen nach Kriegsverbrechern, wie die Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne in NRW, die es nach wie vor gibt. Damit wird der Geist von damals stetig weitergetragen. Es wundert daher nicht, dass die Bundeswehr aufgrund rechter und neonazistischer Mitglieder immer wieder auffällt, wie zuletzt Franco A., der im April 2017 wegen „Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ verhaftet wurde. In sein Gewehr ritzte er ein Hakenkreuz, in seiner Stube hing ein Plakat eines Wehrmachtssoldaten.

Die Verharmlosung und das Desinteresse an solchen Kontinuitäten zeigen jedoch ihre Wirkung in der Gesellschaft. AfD-Chef Alexander Gauland erklärte vor einem halben Jahr, Deutschland habe das Recht „stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Bis auf wenige Echauffierungen in den Sozialen Netzwerken und Zeitungen passierte nichts.

Wie geht es weiter?

Viele fragen, warum ich diesen Blog betreibe. “Das ist doch alles schon so lange her“, sagen sie. Aber genau das ist das Problem, es ist eben nicht lange her. Das zeigt eben am aller deutlichsten, dass es vielen nur 73 Jahre nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus völlig egal zu sein scheint, dass Verbrechern der Wehrmacht, der SS, der SA und Freikorpslern bis heute gedacht wird, in beinahe jedem Ort mit entsprechender Symbolik. Man kann sagen, dass eine Entnazifizierung in Bayern, aber auch in anderen Teilen Deutschlands, bis heute nicht stattgefunden hat.

Das Ziel ist natürlich, weitere Informationen aufzudecken. Ich stehe zudem aber auch in Kontakt mit Künstler*innen, mit Aktionsgruppen und mit Leuten aus den Gemeinden vor Ort. Wichtig ist es, diese Themen aus der Bedeutungslosigkeit zu holen und von einer scheinbaren Tradition zu lösen. Das kann wie immer nur geschehen, wenn man möglichst viele Verbündete, also Einzelpersonen, Parteien, Gruppen, Gewerkschaften und natürlich die Bevölkerung gewinnen kann. Es muss endlich klargestellt werden, wer die Opfer sind – und wer die Täter.

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