Nolans Odyssee und die Agonie des Völkerrechts
Christopher Nolans Verfilmung der Odyssee ist nicht nur eine beeindruckende technische und schauspielerische Leistung, sie kann uns auch etwas über unsere neue Epoche verraten.
Die Geschichte von Odysseus zehnjähriger Irrfahrt von Troja zurück nach Hause ist eine der ältesten überlieferten literarischen Werke der Menschheit. Wahrscheinlich wurde es um 730 vor unserer Zeit komponiert und eine lange Zeit mündlich weitergegeben, bevor es in Schrift fixiert wurde. Einen einzelnen Autor namens Homer hat es aller Wahrscheinlichkeit nach nie gegeben. Viele verschiedene Künstler haben daran mitgearbeitet. Die Geschichte in all ihrem Witz, ihrer Tragik und ihrer tiefen Reflexion des Verhältnisses des Menschen zu sich und seinen Umständen, hat die Menschheit niemals wieder losgelassen.
Immer wieder in der Geschichte taucht die Odyssee auf und wird in verschiedener Weise auf die jeweilige geschichtliche Gegenwart bezogen. Platon störte sich in Der Staat an der Unmoral der Götter und empfand Odysseus als schlechtes Vorbild, der zum Sittenverfall der Jugend beitrage. Er kommentierte damit den Verfall der attischen Demokratie, den er in seiner eigenen historischen Gegenwart beobachtete. Dante Alighieri versetzte Odysseus in seiner Göttlichen Komödie in den achten Kreis der Hölle und dichtet zur antiken Geschichte dazu, dass Odysseus aus unbändiger Neugierde und Hochmut vor Gott, statt nach Ithaka zurückzukehren, bis über die Säulen des Herakles bei Gibraltar hinausgefahren war, um zu verstehen, „was die Welt im innersten Zusammenhält.“ Damit drückte Dante seine ambivalente Stellung zum Aufstieg des florentinischen Bürgertums und ihrer im Entstehen begriffenen Ideen der Renaissance aus. Und im 20. Jahrhundert verwendete James Joyce‘ Ulysses die Odyssee allegorisch, um die Irrfahrt des von der Gesellschaft entfremdeten bürgerlichen Individuums durch das nächtliche Dublin und die eigene Psyche zu beschreiben. Das 21. Jahrhundert hat nun mit Christopher Nolans Film seine eigene Interpretation des Mythos gefunden.
Aufstand der Manufaktur gegen die Industrie
Nolan verfolgt mit diesem Film zwei eng zusammenhängende Ziele. Erstens rebelliert der Regisseur, wie schon im Rest seines Werks, gegen den Tod des filmerischen Manufakturwesens durch die Ausbreitung des Artifiziellen, des Digitalen, der KI. Er besteht, indem er sich den Einsatz von CGI-Effekten größtenteils verbietet, auf einer radikalen Selbstbegrenzung. Die Odyssee ist ein handgemachter Film. Die Sets sind gebaut nicht generiert. Gerudert wird noch selbst und das in einem echten Wikingerschiff und auf hoher See. Der Zyklop Polyphem ist eine überlebensgroße Puppe und Circes Verwandlung von Odysseus‘ Mannschaft in Schweine bedient sich klassischer Kameratricks, die schon Alfred Hitchcock so effektiv anzuwenden wusste. All dies macht diesen Film hochgradig körperlich und verleiht ihm eine geradezu rohe Präsenz auf der Leinwand.
Nolans Obsession mit dem Analogen trieb ihn in diesem Film weiter als jemals zuvor. Er bestand darauf, dass der Film vollständig mit 70-Millimeter IMAX-Filmkameras gedreht werden sollte. Das gab es in der bisherigen Filmgeschichte noch nie. Denn bisher waren solche Kameras nicht für Nahaufnahmen von Dialogen geeignet, da sie aufgrund ihrer ratternden Lautstärke die Stimmen der Schauspieler:innen übertönten. Dieses Problem löste Nolan mit einer technischen Innovation: er ummantelte die Kameras mit einem 150 kg schweren Stahlsarg, der bis zu 50 Prozent des Lärms schluckte. Jetzt waren die Kameras aber so riesig, dass sie während intimer Dialogszenen nicht länger zwischen den Schauspieler:innen stehen konnten, ohne den Blickkontakt zu versperren. Also richtete Nolan ein System von Spiegeln ein, die es den Schauspieler:innen ermöglichte, am Kameragehäuse vorbei die Augen ihres Gegenübers zu erkennen. Solche Kameras laufen nur jeweils drei Minuten, bevor ihr Magazin ausgewechselt werden muss. Insgesamt 100 Stunden Filmmaterial fingen Nolan und sein Team mit diesen Monstren ein, schnitten es mit der Schere und klebten es mit Klebstoff zum fertigen Film zusammen.
Nolans technische Selbstbegrenzung mag inzwischen pathologische Ausmaße angenommen haben, aber sie produziert in Odyssee ein so überragendes Bild, dass man sich kaum beschweren kann. Nolans Luddismus passt nebenbei gesagt sehr gut zu den Diskursen, die sich gerade um die Frage der KI entspinnen. Jedoch ist diese Manie wenig demokratisch, denn je nach Geldbeutel kann man unterschiedlich viel vom Film sehen. Normale Kinosäle können das extrem hohe, fast quadratische 70-mm-IMAX-Format nicht darstellen und deshalb werden oben und unten fast die Hälfte des Bildes abgeschnitten. Nur wer tief in die Tasche greift und sich den Film in den 16 deutschen IMAX-Kinos anschaut, bekommt das volle Erlebnis geboten. Will man den Film in seiner höchsten, analogen Qualität anschauen, dann kann man das nur in rund 40 Kinos weltweit, die noch über solch absurd große analoge Projektoren verfügen. In Deutschland ist dies unmöglich, man müsste dafür nach Prag oder London reisen.
Nolans Rebellion gegen das Digitale entpuppt sich also als konservative Verteidigung einer alten, im Aussterben befindlichen Filmproduktionsweise, die die soziale Spaltung in dieser Gesellschaft sogar in den Kinosaal bringt. Gleichzeitig ist sein Widerstand gegen den Fortschritt selbst an einer anderen Front in der Lage, Fortschritt hervorzubringen und schafft damit durchaus außergewöhnliche Bildwelten. In diesem Sinne ist Nolans Film ein Kampf gegen Windmühlen, aber dennoch kommt dabei eine durchaus bemerkenswerte analoge Renaissance heraus, in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit.
Alles weitere am Look des Films ist allerdings durchaus modern. Die antike Vorlage und die sonnige Ägäis wären eigentlich geeignet, scharfe und vor allem farbenfrohe Bilder zu zeichnen, doch Nolan ist in seiner Farb- und Kostümgestaltung ganz Kind seiner Zeit und setzt auf gedämpfte Grau-, Blau-, Beige- oder Brauntöne, stumpft alle Spitzen ab und schafft so zu großen Strecken eine farbliche Monotonie, die auch aus dem Katalog eines zu teuren Einrichtungshauses stammen könnte. Und die Kameraarbeit spielt teilweise exzessiv mit Unschärfe, was unstete und damit unsichere Bilder auf der Leinwand hinterlässt. Hier hätte Nolan durchaus konservativer sein können und sich vom farbenfrohen Look historischer Historienfilme wie Ben Hur (1959) und Cleopatra (1963) leiten lassen können.
Die schauspielerische Leistung ist durch die Bank weg von hoher Qualität, auch wenn es keine wirklich herausragende Performance gibt. Matt Damon als Odysseus liefert, was von einem dekonstruierten Heros des 21. Jahrhunderts erwartet wird: nachdenkliche Blicke in die Ferne und die ein oder andere verdrückte Träne. Anne Hathaway als Penelope und Tom Holland als Odysseus‘ Sohn Telemachos funktionieren im Duo außergewöhnlich gut. Zendaya als Athene und Benny Safdie als Agamemnon beeindrucken durch ihre große Präsenz, auch wenn sie beide nur wenige Minuten Screentime haben. Robert Pattinson als der oberste Freier Antinous ist herausragend in seiner Abscheulichkeit. Es war die Besetzung Lupita Nyong’os als Helena und Klytaimnestra, die diesem Film einen rassistischen Shitstorm einhandelte, dabei spielen die beiden Schwestern nur ganz am Rande eine Rolle. Man fragt sich erneut, wann die Kulturkämpfer:innen aller Länder endlich begreifen werden, dass Schauspieler:innen in der Tat die Figuren lediglich spielen und dass es die Sache des geneigten Publikums ist, sich darauf einzulassen.
Hervorzuheben ist die herausragende Performance von Samantha Morton als Circe. Die Zauberin ist sowohl bei Homer, als auch bei Nolan kein Monster, aber sie gewinnt bei Nolan noch die interessante Dimension hinzu, dass sie eine von Männergewalt zutiefst gezeichnete alleinstehende Frau ist, die mit der Verwandlung von Odysseus‘ Mannschaft sich selbst verteidigt und dabei die tierischen Seiten des Männlichkeitsbildes nach außen kehrt. Damit knüpft Nolan an moderne feministische Diskurse über Circe an, doch bleibt es eher am Rande aufgerufen und Nolan weiß im Grunde wenig damit anzufangen. Zum Konservatismus des Regisseurs passt auch, dass der Film gar nicht erst versucht, Erotik zu inszenieren und das, obwohl die literarische Vorlage voll davon ist. Gerade die Figur der Circe, die in der Vorlage eine Geliebte des Odysseus ist, wird hier ihrer Mehrdimensionalität beraubt.
Aufstand des Moralisten gegen die Barbarei
Zweitens rebelliert der liberal-konservative Demokrat Nolan wie schon in einigen seiner anderen Filme gegen das Ende der alten bürgerlichen Ordnung und den damit verbundenen langsamen und qualvollen Tod des Völkerrechts. Symbolisiert wird dies durch die ambivalente Stellung des Films zu seinem Quellenmaterial. Odysseus ist bei Homer eine verschlagene Figur, der seine Klug- und Gerissenheit zur Kriegswaffe formt und so den Trojanischen Krieg gewinnt. Seine wichtigste Charaktereigenschaft ist dabei seine Hybris. Er kann es nicht lassen, sich selbst zu überschätzen, sich auf eine Stufe mit den Göttern zu stellen und mit seinen Heldentaten zu prahlen. Das ist auch der eigentliche Grund, warum er vom Meeresgott Poseidon auf eine zehnjährige Irrfahrt geschickt wird. Odysseus rettet sich und seine Männer aus der Höhle des Zyklopen Polyphem, der die Götter verhöhnt, das Gastrecht des Zeus verweigert und beginnt, die Besatzung zu fressen, indem er den Zyklopen zunächst täuscht, ihm seinen wahren Namen verschweigt und behauptet er hieße Οὔτις (Outis) zu deutsch Niemand. Anschließend blendet die Mannschaft den Polyphem im Schlaf mit einem glühenden Baumstamm. Seine Brüder kommen Polyphem nicht zur Hilfe, denn als diese ihn Fragen, wer ihn verletzt hat, ruft dieser „Outis/Niemand hat mich verletzt!“ Anschließend hängt sich die Mannschaft unter die Bäuche der Schafsherde des Zyklopen, um am nächsten Morgen vor den tastenden Händen des Geblendeten aus der Höhle zu entkommen. Als der Zyklop dies bemerkt, verfolgt er Odysseus zu seinem Schiff, ist jedoch zu spät. Erst jetzt begeht Odysseus in den Augen Homers seine Sünde. Anstatt einfach abzufahren, wendet er sich noch einmal vom Schiff aus an Polyphem und sagt:
Höre, Zyklop, wenn dich je einmal ein Menschenkind fragt, wer dir dein Auge geblendet, so sollst du eine bessere Antwort geben, als du sie deinen Zyklopen erteilt hast! Sag ihm nur: der Zerstörer Trojas, Odysseus, hat mich geblendet, der Sohn des Laërtes, der auf der Insel Ithaka wohnt!1
In seiner Hybris verrät er dem Zyklopen, der ein Sohn des Poseidon ist, quasi die Adresse, an die dieser seinen Fluch richten muss. Für den antiken Leser ist die Gewalt, die Odysseus gegen Troja und gegen Polyphem anwendet, nicht das eigentliche Problem. Erstere Gewalt war zwar äußerst grausam, so grausam, dass es sogar die Götter erschreckte, aber sie war letztendlich notwendig, um einen gerechten Krieg zu gewinnen, letztere Gewalt war notwendig, um das eigene Leben zu retten. Die Sünde, die für den antiken Leser hier besteht, ist, dass Odysseus sich selbst über die Götter stellt und die alleinige Verantwortung für seine Taten übernimmt und mit ihnen prahlt. Es ist die Hybris, zu glauben, dass der Mensch selbst Herr seines eigenen Schicksals sein kann.
Ganz anders Nolans Odysseus. Der Dialog mit Polyphem taucht im Film überhaupt nicht auf und wird halbherzig ersetzt durch einen unnötigen Pfeilschuss von der Sicherheit des Schiffs aus. Doch dieser Pfeilschuss ergibt sich aus keiner der Charaktereigenschaften von Nolans Odysseus und deshalb ist auch der ganze Grund für die lange Irrfahrt im Prinzip ein anderer. Nolans Odysseus lässt Hybris nämlich vermissen. Statt über die Maßen stolz auf die Zerstörung Trojas zu sein, ist Nolans Odysseus angewidert und traumatisiert von der Grausamkeit, die seine List ermöglicht hat. Damit sei er es zuerst gewesen, der mit seiner Kriegslist das Gastrecht des Zeus gebrochen und die Strafe der Götter auf sich gezogen habe. Es wird später im Film sogar in psychoanalytischer Manier suggeriert, dass dieses Trauma der tieferliegende Grund sei, warum Odysseus gar nicht nach Hause zurückkehren wolle. Nur indem er seine Grausamkeit schließlich bereut und sich selbst schuldig spricht, kann er im Film die Absolution der Götter erlangen und nach Hause zurückkehren. Auch die finale Grausamkeit des Odysseus, die Ermordung der Freier, die sich in seinem Hause eingenistet haben und um die Hand seiner auf ihn harrenden Ehefrau Penelope anhielten, wird von Nolan verurteilt und zwingt Odysseus am Ende des Films ins Exil. Damit entpuppt sich Nolan als kleinbürgerlicher Moralist, der das christlich-kantianistische Konzept von Schuld und Sühne gerne gegen Sittenverfall und Barbarei verteidigen möchte.
Die Agonie des Völkerrechts
In einem abgeschmackten minutenlangen Monolog lässt Nolan Odysseus über die Brechung des göttlichen Rechts, wovon die Missachtung des Gastrechts der sichtbarste Ausdruck ist, sprechen und kündigt in einer Ex-eventu-Prophezeiung das Ende der Bronzezeit und den Untergang der mykenischen Zivilisation an. Die Griechen stellt er in einer geschickten Umkehrung, die historisch nicht ohne Substanz ist, als die eigentlichen Barbaren dar, die sich in Folge des Zusammenbruchs der mykenischen Stadtstaaten in wandernde und plündernde „Seevölker“ verwandeln würden.
Nolan kommentiert damit weniger die angebliche Amoral der griechischen Archaik, als vielmehr die gegenwärtigen geopolitischen Veränderungen unserer Zeit. Der Verfall der von den USA geführten Weltordnung mitsamt ihrer internationalen Institutionen wie dem Völkerrecht, die immer agressivere Durchsetzung geopolitischer Interessen durch die nackte Gewalt, wie in Venezuela, Iran und jetzt in Kuba gesehen, der tausendfache offene und ungestrafte Verstoß gegen das Völkerrecht während des Genozids in Gaza sind Symptome dieser neuen Epoche der imperialistischen Kriegsvorbereitungen. Weltpolitik wird gerade vor den Augen der Öffentlichkeit ihres moralischen Gewandes entkleidet und es tritt erneut zu Tage, dass zwischen kapitalistischen Nationalstaaten allein das Recht des Stärkeren herrscht. Der Moralist Nolan empfindet dies als den Tod der Zivilisation und empört sich dagegen. Schon in Oppenheimer schreibt Nolan leidenschaftlich für eine internationale Ordnung, in der die Staaten nach dem Wilsonschen Ideal des allseits respektierten Selbstbestimmungsrechts und der friedlichen Koexistenz der Nationen in einer gemeinsamen Liga für Fortschritt und Wohlstand zusammenarbeiten. Dabei ist seine Opposition gegen die imperialistische Barbarei, ob sie nun in seinen Filmen symbolisiert wird durch Oppenheimers Atombombe oder durch das Trojanische Pferd, gewiss ernst gemeint, aber eben auch naiv.
Nolan versteht nicht, dass genau in dieser Barbarei der Kern der bürgerlichen Zivilisation besteht. Dass die Barbarei nichts von außen her kommendes ist, was die eigentlich gute bürgerliche Ordnung verrotten lässt, sondern dass sie eben die Folge genau dieser Ordnung ist. „Alles, so schrieb Friedrich Engels 1884, „was die Zivilisation [d.h. die Klassengesellschaft] hervorbringt, [ist] doppelseitig, doppelzüngig, in sich gespalten, gegensätzlich.“2 Auch das Völkerrecht ist in diesem Sinne doppelzüngig. Auf der einen Seite stellte es historisch einen Klassenkompromiss zwischen der Sowjetunion und dem kapitalistischen Westen dar, was den Imperialismus unter dem Einfluss mächtiger Arbeiter:innenstaaten zeitweise durchaus dazu zwang, bei der Durchsetzung seiner Interessen auf einige seiner zerstörerischsten Mittel zu verzichten. Auf der anderen Seite galt es aber von vornherein immer nur dann, wenn die Großmächte es einsetzen konnten, um ihren geopolitischen Gegnern zu schaden. Nolans Fehler besteht in einer Abstraktion: er sieht das Völkerrecht, bzw. das Gastrecht in der Odyssee, als gottgegebenes heiliges Recht, das für alle Menschen gleichermaßen gilt oder gelten sollte, statt als verrechtlichter Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse unter den Menschen.
Das antike Gastrecht existierte nur deshalb, weil die archaische Klassengesellschaft noch keinen staatlich durchgesetzten Landfrieden kannte und daher die Sicherheit von Reisenden auf andere Weise sichergestellt werden musste. Es war Ausdruck einer Gesellschaft, in denen die Bande zwischen den Menschen noch schwerer wogen, als die Bande zwischen Gesellschaft und Staat. Erst mit dem Aufstieg einer modernen Staatlichkeit und der Durchsetzung allgemeiner Gesetze mittels einer modernen Polizei, wurde das Gastrecht überflüssig. Gleiches gilt für das Völkerrecht. Es ist Ausdruck einer Welt, die in unterschiedliche konkurrierende Nationalstaaten gespalten ist, die immer wieder mit wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen aneinandergeraten und sich deshalb einen gemeinsamen Rahmen der Aushandlung dieser Interessen geben. Aber genau wie das Gastrecht in der Antike Grenzen hat, nämlich dann, wenn man unter der Ausnutzung dessen seinen Feinden schaden kann, hat das Völkerrecht ebenfalls diese Grenzen. Erst im Kommunismus, wenn die Staaten und ihre Grenzen abgestorben sind, wird auch dieses zynische Völkerrecht absterben können. Besonders pikant dabei ist, dass auch Nolan selbst bei der Anwendung völkerrechtlicher Prinzipien nicht konsistent bleibt, so dreht er Teile seines Films auf von Marokko besetztem Land in der Westsahara.
Sozialismus oder Barbarei
Die Odyssee ist unter dem Strich ein guter und sehenswerter Film, doch ist sie gleichzeitig Ausdruck der Hilf- und Orientierungslosigkeit eines liberal-konservativen Kleinbürgertums, angesichts der gerade vor sich gehenden großen geopolitischen Verschiebungen. Am Ende könnte Nolan dann aber doch prophetisch sein, allerdings nur von der negativen Seite her, denn eine Zukunft jenseits des Privateigentums geht Nolan, wie auch der Klasse, die er verkörpert, ab. Das Zeitalter des Kapitalismus neigt sich unaufhaltsam dem Ende zu. Entweder wird es der kapitalistischen Zivilisation ergehen, wie den bronzezeitlichen Klassengesellschaften und sie wird unter dem Druck des fortschreitenden und sich beschleunigenden Klimakollaps und zunehmend barbarischer Kriege untergehen, oder aber die sozialistische Revolution rettet vorher, was noch zu retten ist und eröffnet der Menschheit eine lebenswerte Zukunft.
Fußnoten
- 1. Zitiert nach: Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums. Dritter Teil, Insel Verlag, Berlin 1982 Kapitel 14, https://projekt-gutenberg.org/authors/gustav-schwab/books/sagen-des-klassischen-altertums-dritter-teil/chapter/14/ (21.7.2026).
- 2. Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, in: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, Band 21, Dietz Verlag, Berlin 1975, S. 25–173, hier S. 61.