No Dyke is free until every Dyke is free
Berlins lesbische Community demonstrierte vor dem CSD für eine internationalistische und antifaschistische Politisierung der queeren Bewegung.
Der Dyke* March ist in Berlin seit 2013 eine Demonstration für „lesbische* Sichtbarkeit, Selbstbestimmung und Solidarität“. So hatten sich Freitag unter dem Motto „No Dyke* is free until every Dyke* is free“ bis zu 10.000 Teilnehmer:innen versammelt. Der Demozug startete am Oranienplatz mit einer Kundgebung und verlief über den Hermannplatz bis zum Treptower Park. Angeführt wurde der Demozug von der Motorradgruppe „Dykes on Motorbikes“, gefolgt von den tausenden Teilnehmer:innen.
Fast hätte der Dyke* March dieses Jahr in Berlin gar nicht stattfinden können. Das Kollektiv, welches den Dyke* March sonst immer organisiert hat, ist dieses Jahr abgesprungen, wie sie sagen, aus gesundheitlichen und organisatorischen Gründen. Schnell hat sich aber eine neue Gruppe zusammengefunden, die die Demonstration dieses Jahr aus der Community heraus selbst organisiert plante. Schon im Vorfeld hat die Gruppe aufgrund ihrer Solidarität mit Palästina viel Gegenwind von zionistischen Gruppen bekommen, die das Verbot israelischer Fahnen und die Präsenz eines palästinasolidarischen Blockes kritisierten und den Organisator:innen „Antisemitismus in der Endstufe“ vorwarfen.
Doch die Positionierung der Organisator:innen wurde auch aus der palästina-solidarischen Bewegung heraus kritisiert. So gab es eine Absage des „Dykes4Palestine“-Kollektiv. Ihnen zufolge sei der „Community Dyke* March“ mit ihrer Palästina-Solidarität zurückhaltend aufgetreten und habe sich zu aufgeweicht dazu geäußert. Tatsächlich findet sich im zu Beginn der Planung geposteten Selbstverständnis keine explizite Positionierung gegn den Genozid. In späteren Stellungnahmen wurde dies aber teils revidiert und die Organisator:innen bezogen sich auf ein antizionistisches und antiimperialistisches Selbstverständnis. Die Absage der Beteiligung von Dykes4Palestine ist ein falscher Impuls auf die fehlende Klarheit und notwendige Positionierung zur Befreiung Palästinas. Palästinasolidarische Queers und linke Gruppen sollten gemeinsam in der queeren Bewegung um die notwendigen Positionen und Strategien ringen, statt sich aus Demos zurückzuziehen, braucht es dort gezielte Interventionen. Trotz der Absage des Kollektivs spiegelte sich die Solidarität mit Palästina sowohl in den Reden als auch auf der gesamten Demo eindeutig wider.
Gleich zu Beginn der Kundgebung wurde ein:e Redner:in von der Polizei festgenommen. In ihrem Redebeitrag hat die Person sich klar gegen den Genozid in Gaza und für ein freies Palästina ausgesprochen. Trotz Gerichtsurteilen, laut denen die Parole „From the river to the sea, Palestine will be free“ nicht strafbar wurde, wurde die Person vermutlich genau aus diesem Grund verhaftet und die Personalien wurden aufgenommen. Auf dem Rest der Demonstration wurde dann der Palästina-Block durchgehend von der Polizei begleitet, sowie auch der Antifa-Block. Zu weiteren Angriffen seitens der Polizei kam es aber nicht mehr.
Ebenfalls spiegelte sich in der Demo eine große Solidarität mit trans* Personen wieder. Diese sind ein integraler Bestandteil der lesbischen Community, werden aber immer wieder auch aus dieser von terf-Gruppen angegriffen. Die Demo stand dagegen geschlossen für die Verteidigung von trans Rechten, gegen den Rechtsruck und trans exkludierende Tendenzen in der queeren Bewegung. Mit zahlreichen Schildern, Transparenten und Sprüchen wie „No matter trans, lesbian, queer – we stand united here“ wurde das klar gemacht.
Ebenfalls bezogen einige Teilnehmer:innen auch explizit antikapitalistische und antimilitaristische Positionen, mit Schildern wie: „There is no queer Liberation without abolishing Capitalism“ oder „Queers gegen Militarisierung und Sparpolitik“ wurden kämpferische und revolutionäre Signale gesetzt.
Des Weiteren war das Thema der rechtlichen Gleichstellung weiterhin präsent. Einige Teilnehmer:innen waren mit ihren Kindern dort und hatten Schilder wie: „Gleiche Rechte für queere Familien, Abstammungsrecht reformieren“ dabei. Noch immer werden Kinderwunschbehandlungen von Krankenkassen nur für heterosexuelle Frauen übernommen. Noch immer ist die Adoption für hetero Paare unkomplizierter als für queere Paare, für die diese mit Unsicherheiten und langen diskriminierenden Prozessen verbunden ist. Ebenfalls wird das Offenbarungsverbot bei Elternschaft von trans Personen außer Kraft gesetzt, sodass in der Geburtsurkunde absurderweise der Deadname und das falsche Geschlecht auftaucht. Politiker:innen der neuen Regierung wie die Wirtschaftsministerin Katharina Reiche die behauptete, Homosexualität sei „nicht normal“ und insbesondere ihre Partei die CDU, sowie auch die AfD äußern immer wieder, es wäre eine Zumutung für Kinder in Regenbogenfamilien aufzuwachsen. Dabei beweisen Studien das komplette Gegenteil. Demnach ist es wichtig, diesen Narrativen zu widersprechen und die ungleichen Rechte nicht hinzunehmen.
Doch leider waren nicht alle Menschen der Demo wohlgesonnen. Es gab eine kleine Gruppe an drei Menschen mit Israel-Flaggen, die auf der Route mit einem Banner „No Pride in Antisemitism“ standen und eine kleine Gruppe Nazis, die den Hitlergruß Richtung der Teilnehmer:innen machten. Ansonsten kam es aber zu keinen weiteren Störungen.
Nun kommt es darauf an, nach dem Pride-Sommer sich weiterhin gegen den Aufstieg der Rechten, gegen die Militarisierung und den Genozid in Gaza, sowie für queere Befreiung die mit diesen Kämpfen untrennbar verbunden ist zu organisieren.