Muss man Venezolaner sein, um über Venezuela zu sprechen?
„Wenn du kein Venezolaner bist, dann sei leise.“ Mit diesem Satz beenden einige Venezolaner:innen in der Diaspora, die die militärischen Angriffe der USA gegen Venezuela unterstützen, jede Diskussion mit denen, die sich dagegen aussprechen.
Der Artikel erschien im Original auf unserer venezolanischen Schwesterzeitung La Izquierda Diario.
Einige von uns Venezolaner:innen, die hier in Venezuela leben, die unter der Krise und der Repression leiden und die hier im Land kämpfen, möchten dazu ein paar Dinge sagen. Wir könnten mit dem Allereinfachsten anfangen: Soweit ich weiß, ist Donald Trump nicht in Cariaco geboren, oder? Und Marco Rubio nicht in Churuguara, ebenso wenig Stephen Miller in Petare.
Sie sind alle keine Venezolaner und trotzdem sehe ich nicht, dass diese Venozelaner:innen in der Diaspora diesen US-Amerikanern, die reden, urteilen, bombardieren und ankündigen, sie würden über unser Land herrschen, den Mund verbieten. Dann könnte man nach ihrer eigenen Logik sagen: Wenn du Venezolaner:in bist und Donald Trump nicht zum Schweigen gebracht hast, dann schweig du auch.
Aber wir wollen nicht so grob sein. Sagen wir stattdessen: Hör uns wenigstens zu.
Und ich wiederhole: Wir sprechen von hier aus als Venezolaner:innen, die, wie fast die große Mehrheit von uns zerrissene Familien haben, bei denen die Hälfte oder mehr der Angehörigen wegen der Zwangsmigration im Ausland lebt: Kinder, Schwestern, Neffen. Wir erleben den Zusammenbruch, die Not, die Katastrophen der öffentlichen Dienste, die allgegenwärtige Armut und die politische Verfolgung.
In unserem Fall sind wir politische Aktivist:innen. Wir gehen zu Protesten und wissen manchmal nicht, ob wir wieder nach Hause kommen. Wir haben Genoss:innen und Bekannte, die im Gefängnis sitzen, teils ohne Kontakt zur Außenwelt. Ich hoffe, das reicht aus, um zu zeigen, dass wir sehr wohl von einem legitimen Standpunkt aus sprechen.
Natürlich ist es verständlich, dass viele Venezolaner:innen in der Diaspora empört sind, wenn sie in Europa oder anderswo Menschen sehen, die sich als links und antiimperialistisch bezeichnen, aber niemals ihre Stimme für das venezolanische Volk erhoben haben, nicht für soziale, wirtschaftliche oder demokratische Rechte, die vom venezolanischen Staat systematisch verletzt werden. Diese Haltung ist empörend, und sie muss kritisiert werden. Genauso wie jene Strömungen, die sich antiimperialistisch nennen, während sie kapitalistische Regierungen wie die venezolanische verteidigen, die ein System der Ausbeutung und Unterdrückung aufrechterhalten.
Doch wie wir sehen, geht es hier nicht um Nationalität. Solche Positionen, ebenso wie offen neokoloniale, gibt es in jedem Land und in jeder Nationalität.
Welchen Sinn oder welche Logik hat es, als Venezolaner:innen zu feiern, dass ein neokolonialer Wirrkopf, ein Narzisst mit Kaiserallüren, seine gesamte militärische Macht einsetzt, um zu bestimmen, welche Regierung es in Venezuela geben soll? Mit einer Sprache, die einmal mehr, nicht dass es es noch nötig wäre, deutlich macht, dass ihm das Leben des venezolanischen Volkes, demokratische Rechte oder soziale und wirtschaftliche Probleme völlig egal sind. Ihn interessiert einzig und allein seine Rolle als kleiner König, als Kaiser, der sich anmaßt, ganz unverhohlen zu sagen, er werde Venezuela regieren, offen wegen der Mineralien, der seltenen Erden, des Erdöls, und dass man ihm Zugang zur Kontrolle der venezolanischen Wirtschaft geben müsse.
Man kann noch mehr sagen: Der Umgang Trumps mit Migrant:innen, mit euch, mit den Lateinamerikaner:innen, mit unseren Familien. Wie ist es möglich, dass man jubelt und begeistert ist, wenn ein Typ, der uns verachtet, uns als Müll, als Menschen zweiter Klasse betrachtet, uns offen als Kriminelle bezeichnet und darauf seine Hasskampagnen aufbaut, nun unser Land bombardiert? Und das aus einem einzigen Grund: Um zu sagen „Das hier gehört mir“.
Das bedeutet, dass die Ressourcen der Venezolaner:innen, die ohnehin schon nicht im Interesse der Mehrheit genutzt wurden, nun erst recht nicht mehr dafür da sein werden. Derselbe Trump, der 200 venezolanische Familienväter und junge Arbeiter nach El Salvador in ein Gefängnis schicken ließ, um sie dort verrotten zu lassen und sie praktisch wie Sklaven verkaufte.
Was bedeutet es, wenn Trump nun über das Öl und über die venezolanische Wirtschaft bestimmt? Unsere Probleme sind klar: Zerstörte Krankenhäuser, ein ruinöses öffentliches Bildungssystem, Hungerlöhne, chronischer Wohnungsmangel, zusammengebrochene öffentliche Dienste. Das alles hängt damit zusammen, dass die nationalen Ressourcen und die Früchte der Arbeit des venezolanischen Volkes nie den sozialen Bedürfnissen der Mehrheit dienten, sondern den immer gleichen Eliten und den neuen Reichen, die mit dem Chavismus entstanden sind, sowie den großen Kapitalen und transnationalen Konzernen jeglicher Herkunft, aus China, Russland, den USA oder Europa, die hierherkommen und sich die natürlichen Ressourcen und den Reichtum aus der Arbeit der Bevölkerung aneignen. Das ist das eigentliche Problem.
Und wenn dieser Typ nun durch Erpressung, indem er jedem, der in Venezuela regiert, bildlich gesprochen eine Pistole an den Kopf hält, die Kontrolle über die venezolanische Wirtschaft übernimmt, glaubt ihr wirklich, dann käme plötzlich das Paradies? Glaubt ihr, dass die Ressourcen des Landes dann endlich im Dienste der großen Mehrheit stehen würden: Für Gesundheit, Bildung, Löhne und Wohnraum? Man muss schon sehr naiv sein, um das zu feiern.