Münchener Reinigungskraft: „Das Klinikum spart auf Kosten der Gesundheit von uns allen“
Was die Sparpolitik schon heute bedeutet: Ein Erfahrungsbericht zu den Kürzungen in der Reinigung eines universitären Klinikums in München.
Die Empörung über Bundeskanzler Merz Kampfansage an die „Work-Life-Balance“ und die “Vier-Tage-Woche” prägte den medialen Diskurs der letzten Wochen. Hinter seiner Frechheit verfolgt seine Regierung das Ziel, mehrere Milliarden Euro einzusparen, weshalb nun „Alle“ -womit er selbstverständlich nicht sich und seine Freunde in den Chefetagen meint- sich auf mehr Arbeit und weniger Ansprüche einstellen sollten.
Während Merz davon spricht “Verantwortung” zu übernehmen, macht er mit seiner Regierung riesige Schulden, um die Bundeswehr für künftige Kriege aufzurüsten, und greift dafür diejenigen an, die keinen Erwerb haben oder Verlagern diese auf weitere politische Verwaltungsebenen (vom Bund auf die Länder, auf die Städte und so weiter). Wer am Ende wirklich die Folgen und Verantwortung trägt, sind die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Dies ist jedoch kein Problem der Zukunft, sondern zeigt bereits jetzt schon seine Folgen. Hier möchte ich auf ein Beispiel eingehen, das jedoch derzeit für Tausende Beschäftigte an vielen Orten der Bundesrepublik spürbar ist.
Wir spüren jetzt schon an unserem Körper und an unserer Erschöpfung, dass wir zu viel arbeiten. Und jetzt soll ich noch dazu zwei weitere Gebäude reinigen. Das ist gar nicht möglich, ich bin keine Maschine, sondern ein Mensch. Das Klinikum spart auf Kosten der Gesundheit von uns allen.
So erklärte es mir eine Kollegin aus der Reinigung einer Abteilung eines Universitätsklinikums in München. Begründet werde diese Mehrarbeit vonseiten der Führung des Tochterunternehmens, bei dem sie arbeitet, durch zwei Gründe: 1. Es gebe weniger Zuschüsse aus der Landesregierung und 2. solle sich die Lohnerhöhung um einen Euro pro Stunde ja lohnen. Gespart soll hierbei natürlich nicht in den Chefetagen oder in den Extras, sondern in den essentiellen Dingen.
Was das für die Büros, Labore und Stationen zur Folge haben wird, ist eine unregelmäßige Reinigung, wodurch hygienische Standards nicht erfüllt werden können. Nach wenigen Wochen der Probezeit dieses neuen Modells können wir heute schon sehen, was es bedeutet, und zwar stapeln sich die Müllsäcke und die Verwirrung über die unklare Arbeitsteilung prägt allerlei Gespräche in der Abteilung.
Wie eine weitere Kollegin aus der Reinigung zu mir sagte:
Wir sind hier und zwar jeden Tag, aber werden immer schlechter behandelt. Begonnen hat es mit der Ausgliederung zum Tochterunternehmen, dann sollten wir den München Zuschlag (Sonderpauschale für Beschäftigte der Stadt) nicht bekommen, wofür wir gekämpft haben und es ist mit 85 Prozent immer noch geringer als bei den Angestellten.
Die Frustration über diesen Zustand wächst, jedoch ist das Gefühl der Ohnmacht unter den Kolleg:innen groß:
Viele Kolleginnen nehmen die Mehrarbeit stillschweigend hin und ich muss ehrlich sagen, ich kann es verstehen. In Personalversammlungen wird sehr viel Druck auf diejenigen von uns gemacht, die eine Kritik äußern. Viele haben davor Angst, keine Arbeit mehr zu haben, wenn sie sich beschweren.
Diese schmutzige Einschüchterung ist auch deshalb wirksam, weil viele Koleg:innen Kinder und Familien haben. Zusätzlich haben viele auch eine Migrationsgeschichte, was von der Geschäftsleitung missbraucht wird, zum Beispiel durch Sprachschwierigkeiten oder durch die Abhängigkeit von der Arbeit für das Aufenthaltsrecht. Ebenso wird ihnen die freie Wahl, ihre Urlaubszeiten selbst zu bestimmen, schwer gemacht. Besonders pervers zeigt sich der Zusammenhang zwischen Kürzungen und der migrationsfeindlichen Politik der Landes- und Stadtregierung im Bau eines “Abschiebeterminals” am Münchener Flughafen, für dessen Bau jährlich über vier Millionen Euro bereitgestellt werden sollen, um künftig pro Tag 100 Menschen abzuschieben.
Wie meine Kollegin aber auch meinte, ist die Arroganz, mit der die Chefs an die Beschäftigten herantreten, ein Versuch, ihre essentielle Rolle herrunterzuspielen:
Aber ich sag zu ihnen: Stell dir mal vor, wir würden das nicht akzeptieren und eine oder zwei Wochen nicht arbeiten. Wie würde es dann hier aussehen?
Sie hat vollkommen recht. Ein Beispiel hierfür ist der Kampf der Beschäftigten von Vivantes, dem Tochterunternehmen der Charité in Berlin. Dort streiken die Kolleg:innen der Reinigung, der Mensa, der Sterilisation und der Technik erneut für höhere Löhne. Dagegen werden sie nun von der Unternehmensleitung angeklagt, um zu versuchen, ihr Streikrecht einzuschränken, doch sie halten zusammen, wie sie es in den Kämpfen der letzten Jahre gemacht haben. Daraus müssen wir lernen, denn Zusammen sind wir stark und haben alle Macht der Welt, weshalb man uns von oben versucht einzuschüchtern. Hierfür sollten die Gewerkschaften den Kampf organisieren, anstatt sich als Betriebsräte in Gesprächen mit den Geschäftsführungen auf Kompromisse zugunsten der Kürzungspolitik einzulassen, die zum Schluss auf unsere Schultern ausgetragen werden.
Die Berichte der Kolleginnen der Reinigung zeigen, was sie verdecken wollen und zwar was ihre Zahlenspiele für unser Leben wirklich bedeuten. Ebenso wollen wir hiermit alle Kolleg:innen ermuntern, sich nicht kleinmachen zu lassen, nicht das zu akzeptieren, was wir für unsere Eltern oder Kinder auch nicht wollen würden und miteinander in ein ehrliches Gespräch zu treten. Wie meine Kollegin sagte “sie fangen erst bei uns an, aber es wird überall so sein”, deshalb müssen wir schon jetzt jedem Rückschritt entgegentreten, denn sonst werden sie uns kaputt kriegen.