München: Erzwingungsstreik bei Avnet Logistics gegen drohende Schließung

06.05.2026, Lesezeit 6 Min.
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Foto: Sundry Photography / shutterstock.com

Der milliardenschwere Elektrokonzern Avnet will am Standort Poing sein Logistikzentrum schließen. 350 Arbeiter:innen befinden sich im Erzwingungsstreik für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze und brauchen jetzt unsere Solidarität.

Der amerikanische Elektronikhändler Avnet plant das Logistikzentrum „Avnet Logistics“ in Poing bei München zum Ende des Jahres zu schließen. Die Schließung begründet das Management mit einem fehlenden Aufwärtstrend beim Verkauf der eigenen elektronischen Komponenten, weswegen nun 350 Arbeiter:innen vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes stehen. Avnet Logistics ist zuständig für die Distribution von Elektronikkomponenten wie die wichtigen Halbleitern, mit welchen Industriegrößen wie Bosch, Infineon, Continental und Hella beliefert werden. 

Doch Widerstand regt sich bereits. Seit Monaten verhandelt der Betriebsrat mit Unterstützung der Gewerkschaft IG Metall mit der Arbeitgeberseite über eine Lösung, wobei es zu keinem Ergebnis kam, weswegen erste Warnstreiks Anfang und Mitte März am Standort durchgeführt wurden. Nun haben die Beschäftigten bei der Urabstimmung mit 96,12 Prozent für einen Erzwingungsstreik gestimmt, weswegen sie sich seit Montag im unbefristeten Streik befinden. Aus einem Videobericht vom stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden erfahren wir außerdem, dass Avnet nicht aus heiterem Himmel den Standort schließen möchte, sondern gerade weil die Kolleg:innen vor Ort für die Eingliederung in den Flächentarifvertrag kämpfen wollen. Die Offensive der Beschäftigten wird also durch den Versuch der Standortschließung mit harter Hand geantwortet, worauf die IG Metall und die Beschäftigten nun eine Antwort finden müssen. 

Die IG Metall und Teile des Betriebsrats setzen dabei aber auf eine zurückhaltende Verhandlungslösung mit der Unternehmungsführung des Avnet Konzern und versuchen weiterhin, die bisher vom Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie ausgeschlossenen Beschäftigten in den Tarifvertrag zu integrieren. Durch die fehlende Tarifbindung arbeiten sie nicht 35 Stunden pro Woche, sondern 40, was ihre Arbeitsbedingungen gegenüber den Standards des Sektors verschlechtert. Um die Bedeutung für den Erhalt ihres Standorts zu zeigen, erklären einige Arbeiter:innen, dass sie auch während Corona Überstunden gemacht haben, um die Verteilung der Komponenten an wichtige Abnehmer aufrechtzuerhalten. Unter anderem durch diese Bereitschaft hat das Management von Avnet in den letzten Jahren Milliardengewinne eingefahren mit Margen im zweistelligen Bereich, was die Schließungsandrohung zu einer reinen Farce erhebt. Die IG Metall betont dabei mit kämpferischem Anspruch, dass es hier „also nicht um ein Unternehmen kurz vor der Insolvenz, sondern um eiskalte Gewinnmaximierung auf Spitzenniveau“ geht. 

Doch die Ziele des Arbeitskampfes für den der Vorstand der IG Metall eintritt, entsprechen nicht ihrer Rhetorik. Mit dem Ziel, die Beschäftigten lediglich in den Tarifvertrag zu bringen, gibt die IG Metall der Forderung der Avnet-Unternehmensführung nach, den Standort schließen zu wollen. Die Eingliederung in den Tarifvertrag solle lediglich bessere Konditionen für die Beschäftigten rausholen, beispielsweise durch mehr Gehalt für die verbleibenden Monate, höhere Abfindungen, verspätete Kündigungen oder geringere Arbeitszeit, um mehr Zeit für die Jobsuche zu bekommen. Was aber, wenn die Kolleg:innen ihre Jobs behalten wollen? Der Arbeitsmarkt in der Metall- und Elektroindustrie steckt in einer strukturellen Krise und es ist gerade in diesem Bereich überall schwer, noch einen guten Job zu finden, selbst im Umland von München. 

Doch die Strategie des Kompromisses ohne die volle Ausschöpfung der Kampfkraft der Kolleg:innen läuft in eine Sackgasse, wenn wir uns die Pläne für den massiven Stellenabbau in der gesamten Metall- und Elektrobranche anschauen. Wie soll je eine Fabrik von Continental, Bosch, VW oder von mittelständischen Unternehmen in diesem Sektor verteidigt werden, wenn die IG Metall sogar bei hochprofitablen Unternehmen einen Rückzieher macht? 

Stattdessen braucht es einen Kampf für den Erhalt des gesamten Standorts sowie für jeden einzelnen Arbeitsplatz. Statt der 40 Stunden Woche braucht es eine vollständige Aufnahme in den Flächentarifvertrag mit vollständigem Kündigungsschutz. Genauso wie die Kolleg:innen demokratisch für den unbefristeten Streik gestimmt haben, braucht es demokratische Versammlungen und Abstimmungen über die Forderungen und Methoden des Streiks. Mit der Schließung soll die Logistikdistribution von Avnet in Poing einfach auf den vor drei Jahren gegründeten Standort in Bernburg (Sachsen-Anhalt) verlagert werden, was die Arbeitsverdichtung der dortigen Beschäftigten massiv erhöhen würde und auch eine ineffektivere Verteilung der Elektrokomponenten zur Folge hätte, wo doch wichtige Partnerunternehmen in und um München ansässig sind. Der versuchten Spaltung der Arbeiter:innen durch das Management muss ein Solidaritätsstreik von den Kolleg:innen aus Bernburg folgen, um die Standorte nicht gegeneinander auszuspielen. 

Der Kampf bei Avnet Logistics zeigt, dass die Arbeiter:innen im Gegensatz zum Management die Expert:innen ihrer Arbeit sind, sie haben den Betrieb selbst während der Corona-Krise organisiert und jetzt, wo sie sich im Streik befinden, läuft nichts mehr am Logistikzentrum. Deswegen braucht es eine Diskussion über die Enteignung des Logistikzentrums unter Arbeiter:innenverwaltung, wodurch die Profite dem Management entzogen werden und Investitionen und Weiterentwicklungen des Standorts durch demokratische Arbeiter:innenräte am Standort beschlossen werden.

Und die Kolleg:innen sind keineswegs alleine: Um die Kampfkraft zu steigern, haben am Dienstag schon 60 Kolleg:innen von BMW aus Parsdorf ihre Solidarität am Streikposten gezeigt. Dabei sprach auch ein Mercedes-Mitarbeiter der IG Metall aus München und rief den Streikenden in Fridays-For-Future Manier zu: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“ Auch befinden sich gerade outgesourcte Arbeiter:innen bei den Vivantes-Töchtern in Berlin im Erzwingungsstreik und fordern die Eingliederung in den TVöD. Lasst uns diese Dynamik ausbauen, diese Kämpfe verbinden und sorgen wir mit weiteren Solidaritätsaktionen bis zu Solidaritätsstreiks dafür, dass die Bosse gehen müssen, damit die Kolleg:innen bleiben können. 

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