Marxistischer Lesesommer in Leipzig: Die Welt verstehen, um sie zu verändern

22.05.2026, Lesezeit 6 Min.
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Foto: Caisare, CC BY-SA 4.0, creativecommons.org, via wikimedia commons, Eingang des alten Hauptgebäudes der Leipziger Karl Marx Universität.

Angesichts der vielen Krisen und Kriege, die ein Gefühl der Ohnmacht erzeugen, ist es hilfreich, sich die Welt gemeinsam zu erklären, um sie zu verändern. Daher startet im Juni der marxistische Lesesommer in Leipzig.

Das Jahr 2026 ist noch nicht einmal zur Hälfte rum und es überstürzen sich schon die politischen Ereignisse: Im Januar überfielen die USA Venezuela und entführten dessen Präsidenten, um sich Zugang zum venezolanischen Öl zu verschaffen. Anschließend begann Trump mit einer totalen Treibstoffblockade Kuba und bereitet immer offener eine militärische Intervention vor. Im Februar überfielen Israel und die USA den Iran und bombardierten Mädchenschulen und Ölraffinerien, sodass die Straßen Teherans lichterloh brannten. Seitdem ist die Straße von Hormuz mehr oder weniger geschlossen, der internationale Ölhandel bricht zusammen und überall auf der Welt explodieren die Treibstoff- und Düngerpreise, was sich in einer allgemeinen Inflation niederschlägt. Im Schatten dieses Krieges begann Israel auch eine Bodenoffensive im Süden Libanons, die mit millionenfacher Vertreibung einhergeht.

Währenddessen plant die Bundesregierung einen Angriff auf die Arbeiter:innen und Armen nach dem anderen. Der Achtstundentag steht zur Debatte, Krankenversicherungsleistungen sollen gestrichen und Beiträge erhöht, Feiertage abgeschafft, soziale Projekte eingestellt und der Druck auf Arbeitslose erhöht werden. Derweil klettern die Spritpreise in ungeahnte Höhen und die Regierung schaut tatenlos zu. Die deutsche Industrie betreibt Massenentlassungen und die Arbeitslosigkeit, besonders unter jungen Menschen, steigt. Kinder und junge Erwachsene sollen in Zukunft auch noch zwangsweise zur Bundeswehr eingezogen werden, denn Deutschland will um jeden Preis kriegstüchtig werden. Die Regierung knarzt in allen Fugen, die AfD überholt in den Umfragen die CDU und wird bald auch auf Landes- und Bundesebene Ministerposten besetzen können. 

Diese Flut an schlechten Nachrichtenmeldungen kann schon mal überfordern und das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht erzeugen. Doch all diese Phänomene haben eine gemeinsame Ursache: sie alle sind Ausdruck der Krise des globalen kapitalistischen Systems, welches im Prozess seines Niedergangs immer neue Kürzungen, Kriege und immer neue Barbarei hervorbringt. Die einzige Kraft, die diesem Wahnsinn etwas entgegensetzen kann, ist die Arbeiter:innenklasse in allen Ländern. Das zeigen sowohl die Generalstreiks gegen Waffenlieferungen an Israel letzten Oktober in Italien, als auch die massiven Mobilisierungen gegen Trump und ICE in Minneapolis. Doch diese Kraft ist sich ihrer gesellschaftlichen Macht und Aufgabe noch nicht voll bewusst. Dies muss sich möglichst schnell ändern.

Für Arbeiter:innen und Studierende ist daher der erste Schritt gegen die Ohnmacht, sich die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu erklären, die diese Krisen hervorbringen. Nur wer die Welt versteht, kann sie auch verändern. Um das zu tun, organisiert die Revolutionäre Internationalistische Organisation (RIO) ab dem 7. Juni in Leipzig den marxistischen Lesesommer. Er richtet sich an all diejenigen, die nicht nur passiv zuschauen, sondern selbst aktiv werden wollen, um den Kapitalismus endlich zu überwinden. Gemeinsam wollen wir uns in acht Sitzungen die theoretischen Werkzeuge aneignen, um dies zu tun. Beginnen wird der Lesekreis am 7. Juni ab 17 Uhr im Makan Späti an der Wurzener Straße 3, 04315 Leipzig, mit einem einführenden Vortrag über die Frage „Was ist Marxismus?“. Hier soll einsteiger:innenfreundlich und grundlegend geklärt werden, was den Marxismus als Denkweise ausmacht und warum wir ihn heute noch brauchen, um den Kapitalismus überwinden zu können.

Anschließend wollen wir uns in zwei Sitzungen am 14. und 21. Juni ab 17 Uhr mit der grundlegenden Abhandlung zum Marxismus von Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft befassen. Mit diesem Text wollten Marx und Engels den Inhalt von Marxens Werk in allgemeinverständlicher Weise den Arbeiter:innen zugänglich machen. Im September 1868 schrieb Engels an Marx: „Nun ist aber die Frage: Wird nicht eine populäre kurze Darstellung des Inhalts Deines Buchs [gemeint ist Kapital Band Eins] für Arbeiter ein dringendes Bedürfnis? Wird’s nicht gemacht, so kommt irgendein Moses und macht’s und verballhornt’s.“1 Darauf antwortete Marx positiv: „[E]s [wäre] sehr gut, wenn Du selbst eine kleine Broschüre zum populären Verständnis schriebest.“2 Doch es sollte noch bis 1880 dauern, bis Engels dazu kam, einen solchen Text auf der Grundlage seines „Anti-Dühring“ zu schreiben. Die Broschüre war extrem populär und wurde jahrzehntelang innerhalb der Arbeiterbewegung als Schulungsgrundlage genutzt. Der Text beschreibt in drei Kapiteln die philosophischen Grundlagen des Marxismus, die allgemeine ökonomische Entwicklung und Verfassung des Kapitalismus und die Frage, wie dieser, mitsamt seines staatlichen Überbaus, überwunden werden kann. 

Am 28. Juni ab 17 Uhr wollen wir uns dann aus aktuellem Anlass inhaltlich mit dem Thema AfD und Faschismus befassen. In der Woche danach wird in Erfurt der AfD-Bundesparteitag stattfinden und Gewerkschaften und Bündnisse wie „Widersetzen“ mobilisieren zu Massendemonstrationen dagegen. Wir wollen in diesem Rahmen darüber diskutieren, was Faschismus ist, was die AfD ist, was sie in Zukunft werden wird, wo die Potenziale und Grenzen von Aktionen wie „Widersetzen“ liegen und wie wir den Kampf gegen die AfD mit dem Kampf für den Sozialismus verbinden können. Gelesen werden hierzu Leo Trotzkis Portrait des Nationalsozialismus und der Text aus dem KGK-Magazin Ist es 5 vor 1933? In der Woche danach, am 4. und 5. Juli, wollen wir dann gemeinsam aus Leipzig nach Erfurt fahren und uns zusammen mit Genoss:innen von RIO aus dem ganzen Bundesgebiet an den Aktionen beteiligen. 

In den Sitzungen am 12. Juli und 19. Juli ab 17 Uhr befassen wir uns mit dem Themenkomplex Imperialismus, Krieg und den Möglichkeiten des internationalistischen Klassenkampfs dagegen. Zunächst werden theoretische Grundlagen vermittelt und anschließend wird die daraus abgeleitete revolutionäre Strategie anhand eines aktuellen Beispiels konkretisiert. Gelesen werden Ausschnitte aus Lenins Sozialismus und Krieg und gegebenenfalls der Text Wie stehen Kommunist:innen zum Krieg gegen den Iran? 

Abgeschlossen wird der marxistische Lesesommer mit dem Sommercamp „Krieg dem Krieg“ von RIO am 25. bis 28. Juli. Vier Tage lang gibt es ein vielfältiges Workshopprogramm zur internationalen Situation, Autoritarismus, Krieg, Repression, neuen linken Phänomenen weltweit, Selbstorganisierung, Sozialismus, marxistischer Theorie und zu der Frage, wie und mit welchem Ziel wir eine revolutionäre Partei aufbauen können. Es wird aber natürlich auch Freizeitangebote und vieles mehr geben. Aus Leipzig reisen wir gemeinsam mit dem Deutschlandticket zum Camp an. 

Es braucht keinerlei Vorwissen in marxistischer Theorie oder anderen politischen Feldern. Vor jeder Sitzung werden die Texte samt Lesefragen herumgeschickt, um sich auf die Diskussion vorzubereiten.

Wir freuen uns, wenn Du auch eigene Themen, Interessen und Fragen einbringst, über die wir uns gemeinsam austauschen können!

Kontaktiere uns gerne über unser Instagram oder unsere Mailadresse info@klassegegenklasse.org

Fußnoten

  1. 1. Engels; Friedrich: Brief an Karl Marx, 16. September 1868, in: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 32, Dietz Verlag, Berlin 1974, S.148f. hier S.149.
  2. 2. Marx, Karl: Brief an Friedrich Engels, 16. September 1868, in: Dies. Werke, Bd. 32, S.150ff. hier S.152.

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