Leo Trotzki: Testament
Zum 86. Todestag des russischen Revolutionärs Leo Trotzki veröffentlichen wir sein Testament aus dem Februar 1940. Trotzki wurde ermordet, weil er die Ideen des revolutionären Marxismus unbeugsam gegen die stalinistische Bürokratie verteidigte.
Mein hoher (und weiter steigender) Blutdruck täuscht meine Nächsten über meinen wirklichen Gesundheitszustand. Ich bin aktiv und kann arbeiten, aber das Ende ist offensichtlich nahe. Diese Zeilen werden nach meinem Tode veröffentlicht.
Ich habe es nicht nötig, noch einmal die dummen und niederträchtigen Verleumdungen Stalins und seiner Agenten zu widerlegen: Es gibt nicht den kleinsten Flecken auf meiner revolutionären Ehre. Ich bin niemals, weder direkt noch indirekt, irgendwelche Hinterzimmerabsprachen oder auch nur Verhandlungen mit den Feinden der Arbeiterklasse eingegangen. Tausende von Stalins Gegnern sind Opfer ähnlicher Anschuldigungen geworden. Die neue revolutionäre Generation wird ihre politische Ehre rehabilitieren und mit den Henkern im Kreml verfahren, wie sie es verdienen.
Ich danke herzlich denjenigen Freunden, die auch in den schwersten Stunden meines Lebens an meiner Seite verblieben sind. Ich nenne hier niemanden beim Namen, weil ich sie nicht alle nennen könnte.
Nichtsdestotrotz halte ich es für gerechtfertigt, im Falle meiner Gefährtin Natalia Ivanovna Sedova eine Ausnahme zu machen. Neben dem Glück, ein Kämpfer für die Sache des Sozialismus zu sein, hat mir das Schicksal auch das Glück beschert, ihr Ehemann zu sein. Während der fast Vierzig Jahre gemeinsamen Lebens blieb sie eine unerschöpfliche Quelle der Liebe, der Großzügigkeit und Zärtlichkeit. Sie durchlebte große Qualen, vor allem in der letzten Periode unseres Lebens. Aber es tröstet mich etwas, dass sie auch glückliche Tage erlebt hat.
Für dreiundvierzig Jahre meines bewussten Lebens war ich ein Revolutionär; davon kämpfte ich zweiundvierzig Jahre unter dem Banner des Marxismus. Wenn ich noch einmal alles von vorn beginnen würde, würde ich natürlich versuchen, manchen Fehler zu vermeiden, aber die Hauptrichtung meine Lebens würde sich nicht ändern. Ich werde sterben, als proletarischer Revolutionär, als Marxist, als dialektischer Materialist und folglich als unbeugsamer Atheist. Mein Glaube in eine kommunistische Zukunft der Menschheit ist keinen Deut weniger leidenschaftlich, in der Tat ist er heute fester als in den Tagen meiner Jugend.
Natasha kam gerade vom Hof hinauf, um das Fenster noch ein Stück weiter zu öffnen, damit die Luft besser in mein Zimmer strömen kann. Ich kann einen leuchtend grünen Streifen Grass unter der Mauer und einen blauen Himmel über der Mauer und überall Sonnenlicht sehen. Das Leben ist schön. Möge es die zukünftige Generation von allem Bösen, aller Unterdrückung, aller Gewalt reinigen und es voll genießen.
Leo Trotzki
Mexico, den 27. Februar 1940