Lateinamerika: Imperialistische Offensive, Hegemoniekrise und die Rückkehr des Klassenkampfes
Die Wahlerfolge rechter und extrem rechter Kräfte in mehreren Ländern der Region, die verstärkte Einmischung der USA, die fortschreitende Militarisierung in einigen Regionen und die offensichtliche Erschöpfung der sogenannten „progressiven“ Regierungen nähren die Vorstellung einer neuen reaktionären Restauration auf dem gesamten Kontinent. Ein genauerer Blick zeigt jedoch ein anderes Bild. Was sich in Lateinamerika abspielt, ist nicht die Festigung einer neuen rechten Hegemonie, sondern eine organische Krise der bürgerlichen Herrschaft, die keine politische Variante der herrschenden Klassen zu lösen vermochte.
Interpretationen, die die lateinamerikanische Entwicklung nach dem Muster der vergangenen Jahrzehnte auf ein Pendeln zwischen „progressiven“ und rechten Regierungen reduzieren, werden der heutigen Lage nicht gerecht. In den letzten zwei Jahrzehnten waren sowohl die neoliberalen als auch die sogenannten „progressiven“ Regierungen – abgesehen von der ersten Welle, in der sie von einem Rohstoffboom profitierten – nicht in der Lage, die politischen Regime dauerhaft zu stabilisieren. Derzeit erleben wir eine zunehmende politische und soziale Polarisierung, die die Erschöpfung der bisherigen Herrschaftsmechanismen zum Ausdruck bringt, ganz gleich, welcher politischen Richtung diese auch immer angehörten.
Die politische Dynamik Lateinamerikas muss als Teil der tiefgreifenden Veränderungen, die der Weltkapitalismus durchläuft, verstanden werden. Die Erschöpfung der neoliberalen Globalisierung, die Verschärfung des Wettbewerbs zwischen den Großmächten und die zunehmende Tendenz zur Militarisierung der Wirtschaft und der internationalen Beziehungen gestalten die Bedingungen der imperialistischen Herrschaft über die Region neu. Lateinamerika gewinnt wieder an strategischer Bedeutung. Doch die imperialistische Offensive ist von einem grundlegenden Widerspruch geprägt. Sie drückt nicht die Stärke der US-Hegemonie aus. Vielmehr versucht eine Großmacht, ihre zunehmend brüchige Hegemonie mithilfe verstärkten wirtschaftlichen, politischen und militärischen Zwangs wiederherzustellen – also mit den grundlegenden Instrumenten ihrer Herrschaft. Je mehr Washington die Kontrolle über seinen kontinentalen „Hinterhof“ stärken muss, um der globalen Konkurrenz zu begegnen, desto deutlicher werden die Grenzen einer Hegemonie, die unfähig ist, die internationale Ordnung auf der Grundlage des alten neoliberalen Zyklus zu stabilisieren.
Die erneute strategische Bedeutung Lateinamerikas ergibt sich nicht aus einer linearen Ausweitung der US-Macht, sondern aus der Notwendigkeit, das zu sichern, was zuvor als relativ selbstverständlich angesehen werden konnte: die Kontrolle über den eigenen Einflussbereich in einer zunehmend instabilen Welt.
Die Frage der Kräfteverhältnisse
Die Region ist nach wie vor von denselben Widersprüchen geprägt, die die großen Kampfprozesse des letzten Jahrzehnts ausgelöst haben. Die Aufstände in Chile im Jahr 2019, die Erhebungen in Kolumbien in den Jahren 2019 und 2021, die Aufstände der indigenen Bevölkerung und der Volksmassen in Ecuador, die Mobilisierungen in Panama, die Kämpfe der Arbeiter:innen und der Volksmassen in Peru sowie die jüngsten Widerstandskämpfe in Bolivien in den letzten Monaten haben das enorme gesellschaftliche Kampfpotenzial sichtbar gemacht, das sich über Jahre angestaut hat. Die rechten Parteien mögen Wahlen gewinnen, die Parteien des „Progressismus“ mögen die Massenbewegung eindämmen oder in andere Bahnen lenken, doch sie lösen nach wie vor nicht die strukturellen Probleme, die regelmäßig das Auftreten der Massen auf der politischen Bühne befeuern.
Es sind rechte Kräfte, die von oben voranschreiten, doch unter der Oberfläche reifen und sammeln sich Phänomene des Widerstands der Massen an, wie sich in Bolivien gezeigt hat – angesichts einer Situation, in der es den alten „progressiven“ Kräften schwerfällt, die Massenbewegung abzulenken oder einzudämmen. Die Erfolge der lateinamerikanischen rechten Kräfte sind nicht allein durch ihre eigenen Verdienste zu erklären. Ihr Erstarken ist zugleich eine Folge der historischen Grenzen der sogenannten „progressiven“ Regierungsprojekte. In einer ersten Phase profitierten zahlreiche Regierungen von hohen Rohstoffpreisen. Doch statt die bestehenden Strukturen der Abhängigkeit und Ausbeutung zu verändern, ließen sie diese letztlich unangetastet und verwalteten den lateinamerikanischen Kapitalismus. Die Versöhnung mit den großen Kapitalverbänden, die Unterordnung unter die internationalen Märkte und die Weigerung, die grundlegenden Interessen der herrschenden Klassen anzutasten, führten schließlich zu Frustration in weiten Teilen der Bevölkerung und der Arbeiter:innenklasse.
Daher lässt sich der Aufstieg der Rechten nicht einfach als ideologische Bewegung der Massen hin zu konservativen Positionen erklären. Er drückt auch die Erschöpfung reformistischer Projekte aus, die tiefgreifende Veränderungen versprachen, aber innerhalb der Grenzen des abhängigen Kapitalismus blieben. Analysen, die eine neue konservative Stabilisierung behaupten, ignorieren diese Realität. Ebenso übersehen diejenigen, die eine einfache Neuauflage der alten progressiven Zyklen erwarten, dass diese Erfahrungen bereits ihre historischen Grenzen aufgezeigt haben.
In der sich nun eröffnenden neuen Situation tritt der Klassenkampf deutlicher zutage. Trotz der verräterischen Rolle der Bürokratien, die die Massen von den Straßen fernhalten – wie gegenwärtig in Bolivien –, ist die Massenbewegung nicht geschlagen. Vielmehr stauen sich Konflikte auf, die künftig erneut aufbrechen können. Das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen ist weiterhin offen und keineswegs zugunsten des Großkapitals entschieden, sofern keine großen Niederlagen eintreten. Mit anderen Worten: Unter der Oberfläche der Wahlergebnisse wirkt weiterhin eine tiefgreifendere Dynamik struktureller Instabilität, die nach wie vor praktisch den gesamten Kontinent durchzieht. Bisher gelang es der Massenbewegung nicht, der Bourgeoisie schwere Niederlagen zuzufügen, um dieses Kräfteverhältnis endgültig und eindeutig zu ihren Gunsten zu verschieben. In Bolivien gelang es nicht, einen wirksamen unbefristeten Generalstreik durchzusetzen, um sich gegen die Regierung von Paz durchzusetzen – was das Pendel zugunsten der Arbeiter:innenklasse und der Volksmassen hätte ausschlagen lassen, und zwar nicht nur in Bolivien selbst, sondern in ganz Lateinamerika. Das sollte zum Anlass genommen werden, darüber nachzudenken, wie diese Offensiven des Kapitals und der Regierungen, die diese Angriffe durchführen, besiegt werden können.
Der Sieg des extrem rechten Abelardo de la Espriella bei den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien erfolgte nicht unter denselben historischen Bedingungen, die zu Beginn des Jahrhunderts den Aufstieg des rechten Präsidenten Álvaro Uribe ermöglichten. Zwischen diesen beiden Zeitpunkten liegen die gewaltigen Aufstände, die das politische Bewusstsein breiter Schichten der Bevölkerung und insbesondere der Jugend tiefgreifend verändert haben. Diese Mobilisierungen stellten zentrale Aspekte des kolumbianischen politischen Regimes in Frage und zeigten eine Kampfkraft, die nicht verschwunden ist. Auch wenn es der Rechten gelungen ist, sich bei den Wahlen durchzusetzen, wird sie daher ein Land regieren, das weitaus stärker polarisiert und von sozialen Konflikten geprägt ist. Sollte sie versuchen, rasch ein Angriffsprogramm auf die Lebensbedingungen der Massen voranzutreiben, könnte sie auf massiven Widerstand stoßen. Die jüngsten Erfahrungen in Bolivien zeigen gerade, dass Wahlsiege nicht zwangsläufig einen ungehinderten Weg für Angriffe auf die Massen garantieren.
Ähnliches könnte in Peru geschehen. Selbst wenn es Keiko Fujimori gelingen sollte, ihren Machtantritt zu festigen, würde sie dies auf äußerst brüchigem Fundament tun. Das peruanische politische System durchläuft eine anhaltende Krise, die keine Regierung bisher lösen konnte. Die gesellschaftliche Zersplitterung, die Diskreditierung der Institutionen und das Fehlen eines minimalen Konsenses machen jede Regierung von Anfang an zu einem potenziell instabilen Projekt.
Bolivien stellt wahrscheinlich die aufschlussreichste Erfahrung dieser Periode dar. Dort ließ sich deutlich beobachten, wie eine neu eingesetzte Regierung innerhalb weniger Monate mit einer Situation konfrontiert war, die von Blockaden, Mobilisierungen und Konflikten enormen Ausmaßes geprägt war. Über die nationalen Besonderheiten hinaus verdeutlicht der bolivianische Fall einen allgemeineren Trend: Wahlprozesse sind immer weniger in der Lage, die angesammelten sozialen Widersprüche zu überwinden. In vielen Fällen werden sie lediglich vorübergehend verdrängt, bis sie vor dem Hintergrund bereits extrem aufgestauter sozialer Spannungen in explosiverer Form wiederkehren.
Die bevorstehenden Wahlen in Brasilien werden für die regionale Lage von entscheidender Bedeutung sein. Brasilien ist nach wie vor die führende Wirtschaftsmacht Lateinamerikas und einer der Schauplätze, an denen sich die Widersprüche dieser Phase am intensivsten äußern. Die soziale und politische Polarisierung durchzieht das Land weiterhin. Keine der wichtigsten konkurrierenden Kräfte scheint in der Lage zu sein, einen dauerhaften Konsens wiederherzustellen. Daher wird Brasilien auch in den kommenden Jahren einer der entscheidenden Schauplätze bleiben, an denen sich die strategischen Tendenzen Lateinamerikas abzeichnen werden.
Mexiko nimmt innerhalb der aktuellen imperialistischen Offensive gegen Lateinamerika einen besonderen Platz ein. Es ist zu einem Schlüsselelement der Strategie geworden, mit der Washington angesichts des relativen Niedergangs seiner weltweiten Hegemonie seinen unmittelbaren Einflussbereich neu ordnen will. Die durch Nearshoring vorangetriebene Verlagerung der Industrieproduktion, die zunehmende Verflechtung der Produktion im Rahmen des USMCA (Freihandelsabkommen zwischen den USA, Mexiko und Kanada, Anm. d. Ü.) und die Neugestaltung globaler Lieferketten rücken das Land in den Mittelpunkt der Strategie des sogenannten „Großnordamerikas“. Weit davon entfernt, die historische Abhängigkeit zu verringern, vertieft dieser Prozess sie in neuer Form und ordnet die mexikanische Wirtschaft noch stärker den strategischen Bedürfnissen des US-Imperialismus unter.
Diese wirtschaftliche Neuordnung geht im Rahmen der von AMLO ausgerufenen und von Claudia Sheinbaum weitergeführten „Vierten Transformation“ mit einem tiefgreifenden Wandel des Staates einher. Die Militarisierung geht über eine reine Sicherheitspolitik hinaus und wird zu einer der Säulen, auf denen sich das politische Regime neu organisiert und diese untergeordnete Integration gewährleistet wird. Die wachsende Rolle der Streitkräfte bei der Verwaltung von Häfen, Zollstellen, Flughäfen, strategischer Infrastruktur, Megaprojekten und weiten Bereichen der Wirtschaft sowie ihre Rolle bei der von Washington geforderten Migrationskontrolle verdeutlichen die Verstärkung bonapartistischer Tendenzen unter dem Deckmantel von „Humanismus“, „Transformation“ und der Verteidigung der nationalen Souveränität. Weit davon entfernt, mit der Abhängigkeit zu brechen, verwaltet und vertieft das Projekt der 4T neue Formen der Unterordnung unter den Imperialismus und stärkt gleichzeitig die Fähigkeiten des Staates zur territorialen Kontrolle, zur sozialen Eindämmung und zur Bewältigung künftiger Krisen.
Mexiko wird somit zu einem der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte der imperialistischen Neuordnung in Lateinamerika. Doch genau diese Neuordnung birgt einen tiefgreifenden Widerspruch: Je weiter die untergeordnete Einbindung des Landes in die US-Strategie voranschreitet, desto stärker häufen sich die sozialen und politischen Spannungen, die aus Jahrzehnten der Abhängigkeit, Prekarisierung und Ungleichheit resultieren. Der jüngste landesweite Lehrer:innenstreik unter der Führung der „Coordinadora Nacional de Trabajadores de la Educación“ (Nationale Koordination der Bildungsarbeiter:innen, CNTE) ist eine der bedeutendsten Ausdrucksformen dieser Widersprüche. Über seine unmittelbaren Ergebnisse hinaus hat er gezeigt, dass wichtige Teile der organisierten Arbeiter:innenklasse nach wie vor in der Lage sind, in die nationale Politik einzugreifen, die Regierung unter Druck zu setzen und den politischen Lernprozess im Umgang mit dem Progressismus voranzutreiben. In diesem Sinne bringt er die Widersprüche zum Ausdruck, die sich durch Jahrzehnte der Unterordnung unter den Imperialismus angesammelt haben, und bestätigt, dass die Entwicklung des Klassenkampfes in Mexiko eine strategische Bedeutung für ganz Lateinamerika erlangt.
In Zentralamerika zeigt sich die hemisphärische Neuordnung in besonders konzentrierter Form. Die Region vereint strategische Logistikkorridore, Migrationskontrolle, zunehmende Militarisierung und eine erneute Präsenz der USA durch Sicherheitsabkommen, militärische Zusammenarbeit und wirtschaftliche Unterordnung. Regierungen wie die Bukeles in El Salvador oder die Chaves’ in Costa Rica verkörpern unterschiedliche Varianten zunehmend autoritärer Regime. Sie sollen Stabilität im Interesse des Kapitals und des Imperialismus gewährleisten, operieren jedoch in Gesellschaften, die von tiefgreifenden Ungleichheiten, erzwungener Migration und anhaltenden sozialen Konflikten geprägt sind.
In keinem anderen Land des Kontinents konnten die USA ihr Ziel, die regionale politische Landschaft neu zu gestalten und ein neokoloniales Protektorat durchzusetzen, so weit vorantreiben wie in Venezuela. Die Kollaboration und die Absprachen auf höchster Ebene zwischen Teilen der Regierungsbürokratie und verschiedenen Flügeln der bürgerlichen Opposition sowie das zunehmende Vordringen ausländischen Kapitals in strategische Wirtschaftsbereiche sind Ausdruck eines Prozesses der wirtschaftlichen und politischen Rekolonialisierung. Doch selbst dieser Vormarsch vollzieht sich in einer Gesellschaft, die zutiefst von sozialen Widersprüchen und der Verschlechterung der Lebensbedingungen der Mehrheit geprägt ist.
Die jüngsten Erdbeben, die das Land erschütterten, haben diese Realität auf dramatische Weise deutlich gemacht. Wie es im abhängigen Kapitalismus üblich ist, verwandelt sich ein Naturphänomen letztendlich in eine soziale Katastrophe, wenn jahrzehntelanger Verfall der Infrastruktur, Desinvestition, Armut und die Schwächung der öffentlichen Dienstleistungen die Folgen für die arbeitende Bevölkerung vervielfachen. Auch wenn es noch verfrüht ist, alle politischen Auswirkungen abzuschätzen, führt das Ausmaß der durch diese Tragödie ausgelösten humanitären Krise einen neuen Instabilitätsfaktor in eine ohnehin schon zutiefst widersprüchliche Situation ein.
Der von Washington in Venezuela errungene Sieg reicht allein nicht aus, um die Schwierigkeiten auszugleichen, mit denen es an anderen Fronten konfrontiert ist. Daher rückt Kuba als einer der empfindlichsten Punkte dieser Entwicklung in den Mittelpunkt. Vor dem Hintergrund einer Krise seiner relativen Hegemonie hätte eine unmissverständliche Machtdemonstration gegenüber Kuba für Teile des US-Establishments einen enormen politischen Wert. Daher dürfte sich der wirtschaftliche, diplomatische und sogar militärische Druck auf Kuba weiter verstärken.
Militärische Niederlagen beschleunigen den Niedergang der USA und verschärfen die Dynamik in Lateinamerika
Die USA haben eine Offensive gestartet, um ihre Hegemonie über die Region wiederherzustellen. Allerdings vollzieht sich diese imperialistische Offensive unter ganz anderen Bedingungen als in den 1990er Jahren. Die USA sind nicht mehr die unangefochtene Großmacht der 1990er Jahre, auch wenn sie militärisch und wirtschaftlich weiterhin an der Spitze stehen. Zugleich müssen sie bereits Niederlagen hinnehmen, wenn sie sich auf Kriege einlassen, wie kürzlich im Iran zu beobachten war. Gleichzeitig sehen sie sich einer wachsenden Konkurrenz durch andere Mächte und einer fortschreitenden Erosion ihrer Fähigkeit, Lösungen mit Gewalt durchzusetzen, gegenüber.
Die inneren Spannungen haben Teile der herrschenden Kräfte in den USA dazu veranlasst, eine aggressivere und militarisierte Außenpolitik voranzutreiben. Ihre Versuche, in verschiedenen Regionen Offensiven zu starten, wie im Fall des Iran, sind kein Ausdruck absoluter Stärke, sondern größtenteils eine Reaktion auf ihren eigenen relativen Niedergang, der sich angesichts von militärischen Niederlagen nur noch beschleunigt. Die Lage in Westasien, insbesondere nach einem katastrophalen und militärisch frustrierenden Ausgang ihres Konflikts mit dem Iran, hat Washington in eine bislang beispiellos verwundbare Lage gebracht. Das katastrophale Ende des Kriegsabenteuers hat nicht nur die Lebensadern der Weltwirtschaft erschüttert, sondern auch den Versuch des Trumpismus durchkreuzt, durch die Durchsetzung „autoritärer Bonapartismen“ einen geordneten Ausweg aus dem globalisierenden Neoliberalismus zu gestalten.
Nachdem der US-Imperialismus in Westasien demütigende Niederlagen erlitten hat, wird er verzweifelt nach „leichten“ Siegen in seinem unmittelbaren Hinterhof suchen, um seiner Krise an der innenpolitischen Front entgegenzuwirken und seine Kontrolle über diesen Teil der Hemisphäre zu festigen. Diese Situation belebt gleichzeitig den Antiimperialismus auf einer zunehmend internationalen Ebene wieder. Nicht zufällig werden angesichts der jüngsten Niederlage in Westasien wieder Erinnerungen an Vietnam wach.
Der anhaltende weltweite Konjunkturrückgang, die Verschärfung geopolitischer Auseinandersetzungen, die zunehmende Militarisierung zwischenstaatlicher Konflikte und die Verschlechterung der Lebensbedingungen von Millionen von Arbeiter:innen schaffen eine zutiefst instabile Lage, in der regionale Kriege wahrscheinlicher werden und sich der Trend zu autoritären Regierungsformen, zur Stärkung der Repressionsapparate und zur Militarisierung der Politik verschärft.
Vor diesem Hintergrund hat Lateinamerika für den US-Imperialismus wieder an strategischer Bedeutung gewonnen, um seine politische und militärische Autorität zu bekräftigen. Die sogenannte Strategie des „Großnordamerikas“ fasst diese Ausrichtung zusammen. Hinter diesem Konzept steht der Versuch, den Kontinent als einen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Raum neu zu ordnen, der den strategischen Interessen Washingtons untergeordnet ist. Diese Situation wird die Krisenentwicklungen der politischen Regime nur noch beschleunigen und möglicherweise Prozesse des Klassenkampfs katalysieren, wodurch der Aufstieg der Massenbewegung beschleunigt wird.
Die entscheidende Frage nach der politischen Unabhängigkeit der Arbeiter:innenklasse
Das Kräfteverhältnis auf dem Kontinent bleibt offen. Wir stehen weder vor einer historischen Niederlage der Massen, noch erleben wir eine neue neoliberale Stabilisierung ähnlich der der 1990er Jahre. Noch weniger stehen wir vor einer neuen progressiven Welle, die in der Lage wäre, die Region in reformistischen Formen neu zu ordnen, wie es bei ihrer ersten Welle der Fall war. Was die aktuelle Situation kennzeichnet, ist eine Kombination aus Hegemoniekrise, sozialer Polarisierung, reaktionären Offensiven und dem Fortbestehen des Klassenkampfs. In Bolivien gelang es der Massenbewegung zwar nicht, die Regierung Paz zu besiegen. Die Auseinandersetzung lieferte jedoch wichtige Lehren dafür, wie auf diesem strategischen Weg weiter vorangeschritten werden kann. Die große Frage bleibt, ob es der enormen sozialen Kraft der Arbeiter:innen, der Jugend, der Frauen, der armen Bäuer:innen und der unterdrückten Schichten gelingen wird, sich politisch unabhängig zu artikulieren.
Solange die Energien der Massen weiterhin Varianten des sogenannten „Progressismus“ untergeordnet sind, die den Kapitalismus verwalten, oder reaktionären Projekten, die autoritäre Lösungen durchsetzen wollen, werden sich die Krisen immer wiederholen. Doch gerade das Fortbestehen der Herrschaftskrise, die relative Schwächung des US-Imperialismus und die Unfähigkeit der herrschenden Klassen, die Region zu stabilisieren, schaffen die Voraussetzungen für das Heranwachsen neuer Generationen von Kämpfer:innen, die nach einer revolutionären Alternative suchen.
Daher besteht die grundlegende strategische Aufgabe nicht nur darin, künftige soziale Explosionen vorherzusehen. Sie besteht darin, revolutionäre Organisationen aufzubauen, die in der Lage sind, in diese mit einem Programm einzugreifen, das unabhängig von allen Varianten der herrschenden Klasse ist. Ohne dieses politische Instrument laufen künftige Aufstände Gefahr, erneut in reformistische oder reaktionäre Sackgassen abgelenkt zu werden. Mit ihm könnten sich Perspektiven eröffnen, in denen die Arbeiter:innen um die Macht kämpfen können.
Reaktionäre Tendenzen und Tendenzen zur Rebellion werden nebeneinander bestehen und ständig aufeinanderprallen. Auf diesem widersprüchlichen Terrain werden die großen Kämpfe der kommenden Jahre ausgetragen werden. Und genau dort wird die Arbeiter:innenklasse – sofern sie eine eigene revolutionäre Führung aufbaut – nicht nur den Widerstand gegen den Imperialismus und die lokalen Bourgeoisien organisieren, sondern auch um die strategische Perspektive einer Machtergreifung durch die Ausgebeuteten kämpfen können.
Dieser Artikel erschien zunächst am 30. Juni 2026 in Ideas de Izquierda.