Kündigung nach Schlaganfall durch Überarbeitung

03.07.2026, Lesezeit 4 Min.
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Foto: Baki Devrimkaya / Klasse Gegen Klasse

Im Mai habe ich eine neue Stelle als Pflegeassistenz angenommen. Vor ein paar Wochen erlitt ich einen Schlaganfall. Zum 26. Juni wurde ich nun gekündigt.

In so frühen Jahren einen Schlaganfall zu erleiden, ist bereits ein Schock für sich. Erst kommt der Schwindel, dann Gleichgewichtsstörungen und man fällt auf den Boden – oder in meinem Fall gegen einen Metallschrank. Man schleppt sich mit Glück noch ins Bett, bevor man Sekunden später bewusstlos wird und erst nach einer geschlagenen Minute wieder zu sich kommt, um einen Notdienst zu rufen. Mehrere Tage habe ich im Krankenhaus verbracht, auf einer spezialisierten Stroke Unit. Mein Glück im Unglück: Es war ein kleiner Schlaganfall, schwere Schäden trage ich nicht davon. Aber mein rechter Arm ist immer noch am schwächeln, meine Fingerkuppen weiterhin taub und mein Bewusstsein phasenweise immer noch benommen.

Ich sollte mich eigentlich freuen, dass mir nichts Schlimmeres passiert ist oder ich bleibende Schäden von dem Schlaganfall trage. Selbst die Probleme im rechten Arm sind mickrig in Anbetracht dessen, was alles hätte passieren können. Aber die Freude darüber bleibt mir verwehrt: Mein Arbeitgeber hat mir in meiner Probezeit gekündigt. Am 12. Juni hielt ich den Brief in der Hand und ohne Angabe von Gründen wurde ich zum 26. Juni gekündigt.

Ich arbeitete als Persönliche Assistenz bei einem ALS-Patienten. Zwölf Stunden gingen meine regulären Dienste, im Wechsel von Tag zu Nacht und umgekehrt. Während der Nachtdienste war Schlafen ausdrücklich verboten, Pausen konnte ich nur im Patientenzimmer machen, weil der Patient darauf angewiesen war, dass zu jeder Zeit jemand bei ihm ist. Vom 26. Mai bis 5. Juni hätte ich ohne einen einzigen freien Tag durcharbeiten müssen, weil ich für zwei andere gekündigte Kolleg:innen einspringen sollte – „freiwillig“ auf dem Papier, in der Realität aber „gezwungen“ durch finanzielle Abhängigkeit und um keine Gründe für eine Kündigung zu riskieren. Ich war körperlich und mental ernsthaft mitgenommen – so sehr, dass ich am 4. Juni nach meinem Nachtdienst zuhause einen Schlaganfall hatte.

Es war das erste Mal, dass ich mich krankgemeldet habe. Zuvor bin ich mit einer tagelangen Muskelzerrung und auch nach einer OP im Intimbereich arbeiten gegangen, trotz massiver Schmerzen – einfach, um alles dafür zu tun, nicht gekündigt zu werden. Unter diesen Umständen einen Schlaganfall zu erleiden und dann auch noch gekündigt zu werden, lässt meine psychischen Probleme erneut aufkochen. Massive Depressionen und Existenzängste plagen mich seither, gerade aus der Erfahrung, schon einmal im Leben obdachlos gewesen zu sein und die Angst davor, diese Erfahrung noch einmal irgendwann im Leben durchleben zu müssen.

Frustrieren und ärgern tut mich das alle Male – wundern jedoch nicht. In unserem Gesundheitssystem sind Beschäftigte nun mal nichts als Ware. Wenn sie nicht arbeiten, braucht man sie nicht. Was sich in riesigen Konzernen abspielt, prägt sich auch auf private Pflegehaushalte aus, denn auch sie übernehmen die Idee, dass nicht arbeitende Beschäftigte nicht brauchbar seien – ganz gleich, aus welchen Gründen. Dass selbst ein Schlaganfall da keine Ausnahme ist, überrascht mich nicht, macht mich aber umso wütender.

Nun muss ich mich erneut mit Arbeits- und Jobcentern rumschlagen, auf Krankengeld hoffen, mich um einen eventuellen Pflegegrad sorgen, Medikation, Miete, Lebenshaltungskosten und Weiteres mit ein paar Hunderten Euros von Ämtern bewältigen. Sich in solch einer Verfassung von einem solchen Anfall zu regenerieren, wird Monate oder länger dauern. Gleichzeitig darf ich mich auch noch mit der Hetze herumschlagen, die Parteien wie die CDU und Friedrich Merz in Talkshows und Zeitung breittreten, ohne Rücksicht auf die Kranken. Mein Fall ist einer von vielen Fällen, die durch diese vollkommen menschenfeindliche, gesundheitsschädigende Ausbeutung geschaffen werden.

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