KGK-Magazin Nr. 27 erschienen: „Vom Stalinismus sprechen?“

09.11.2025, Lesezeit 5 Min.
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Bild: Andrei Antipov/Shutterstock.com

In der politischen Polarisierung erlebt auch der Stalinismus ein kleines Revival. „Rote Gruppen“ entstehen, gleichzeitig hat die Idee eines Bündnisses mit verschiedenen Teilen der Bourgeoisie Renaissance. Über einige Elemente des Stalinismus in Geschichte und Gegenwart aus marxistischer Perspektive.

Heute vor genau 107 Jahren, am 9. November 1918, zwang eine proletarische Revolution den deutschen Kaiser Wilhelm II. abzudanken. Karl Liebknecht rief vor dem Berliner Schloss die „freie sozialistische Republik Deutschland“ aus. Philipp Scheidemann von der SPD war ihm zuvorgekommen und hatte die Republik in einer Ansprache am Reichstag ausgerufen. Überall in Deutschland entstanden Räte der Arbeiter:innen und Soldaten. Gleiches geschah in Österreich und Ungarn, später auch in Italien. Doch im Gegensatz zur russischen Oktoberrevolution 1917 konnte das Proletariat in Deutschland 1918 nicht die Macht erobern. Bis Oktober 1923 gab es ein revolutionäres Fenster, das durch ein ständiges Auf und Ab gekennzeichnet war: Der Januaraufstand 1919, die Märzkämpfe 1919, der Kapp-Putsch und ein erfolgreicher Generalstreik dagegen 1920, die Märzaktion 1921 und schließlich das Jahr 1923 mit der französisch-belgischen Ruhrbesetzung, dem Generalstreik gegen die Regierung Cuno und dem gescheiterten deutschen Oktober mit seinen Arbeiter:innenregierungen in Sachsen und Thüringen.

Der Erfolg der Revolution in Russland und weiteren Ländern, die vorher vom Russischen Reich unterworfen worden waren, und die ausbleibende Ausweitung der Revolution: Dies bildete die materielle Grundlage für die Bürokratie eines Arbeiter:innenstaates. Später sollte sich daraus die politische Ideologie des Stalinismus entwickeln.

Diese Ausgabe zeichnet nicht den historischen Weg des Stalinismus nach. Doch sie hat zum Ziel, mit einigen neuen und alten Phänomenen des Stalinismus, der trotz des Untergangs der großen Arbeiter:innenstaaten weiter existiert, in Diskussion zu treten. Die neue politische Weltlage mit ihren zunehmenden innerimperialistischen Spannungen besitzt Parallelen zur Periode vor 1914 – die Definition einer Epoche der Krisen, Kriege und Revolutionen erneuert sie und bringt neue und alte politische Fragestellungen hervor. Doch die Geschichte wiederholt sich nicht: Es gilt, die Lehren aus den über 100 Jahren Geschichte seit den Revolutionen in Deutschland und Russland und weltweit zu ziehen – und damit auch aus dem Stalinismus als Umkehrung der zentralen Prinzipien des Marxismus. In diesem Sinne erneuert sich auch die Diskussion um die richtige Strategie zur Revolution.

Daher wollen wir in eine grundlegende Diskussion mit der Gruppe Kommunistischer Aufbau (KA) treten, die bereits vor zwei Jahren eine tiefe Auseinandersetzung mit dem Trotzkismus unternommen hat. Luis Linden und Marius Rabe legen dar, dass es nicht der Trotzkismus war, der eine konterrevolutionäre Rolle eingenommen hat, sondern die aus der politischen Situation der Bürokratie eines Arbeiter:innenstaats heraus entstehende Ideologie des Stalinismus, welcher sich im Wesentlichen auf die Theorie des Sozialismus in einem Land gestützt hat.

Lennart Schlüter geht in seinem Artikel auf eine andere Idee ein, die einen anderen Teil des stalinistischen Spektrums bis heute prägt: die Theorie vom Staatsmonopolkapitalismus. Das Phänomen reichte einst sogar bis in die SPD: Der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz war als Jungsozialist ein sogenannter Stamokapler. Aus der Theorie erwächst eine Strategie, die ein Bündnis des nicht monopolistischen Teils der Bourgeoisie vorschlägt – ein verhängnisvoller Fehler. 

Einer der schlimmsten Auswüchse des Stalinismus waren die sogenannten Moskauer Prozesse. Im Rahmen der „Großen Säuberungen“ fielen dem stalinistischen Terror über 700.000 Menschen zum Opfer. Im Interview bietet der marxistische Historiker Doug Greene, der gerade ein neues Buch zu den Prozessen veröffentlicht hat, eine interessante historische Einschätzung.

Wie unterschiedlich die politischen Schlussfolgerungen sein können, obwohl sich verschiedene politische Traditionen scheinbar auf denselben Imperialismusbegriff beziehen, hat kürzlich eine Podiumsdiskussion in Berlin gezeigt. Unser Redakteur Marco Blechschmidt stritt sich dort unter anderem mit Vertreter:innen der DKP, der KO und der Partei Die Linke über den Krieg in der Ukraine, die Einschätzung Chinas und die richtige Strategie gegen den Imperialismus.

Um den Imperialismus geht es auch in Ole Nymoens viel beachtetem Buch „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“. Lennart Schlüter, Luis Linden und Hamza Khiri setzen sich jenseits des Schwerpunkts dieser Ausgabe damit auseinander und zeigen, wo Nymoens Erklärungen fehlgehen und wie wir tatsächlich für eine Welt ohne Kriege kämpfen.

Wie eine Intervention in einer konkreten sozialen Bewegung mit einem auf die revolutionär-marxistische Tradition zurückgehenden radikaldemokratischen Programm aussehen kann, zeigt Joachim Bertin in seinem Artikel auf. Er erklärt, warum es in Frankreich heute notwendig ist, den Rücktritt von Präsident Emmanuel Macron zu fordern – was selbst Organisationen mit revolutionärem Anspruch mitunter ablehnen. Er bietet eine Lehre, wie man mit demokratischen Forderungen im Sinne der Einheitsfront den Zusammenschluss der Arbeiter:innen fördern kann. Bertins Artikel ist in der ersten Ausgabe des neuen Theoriemagazins Armes de la critique unserer Schwesterorganisation in Frankreich erschienen. Wir gratulieren auf diesem Weg zum erfolgreichen Neustart der Publikation!

Artikel in dieser Ausgabe

Luis Linden und Marius Rabe: Internationalismus oder stalinistische Realpolitik?

Lennart Schlüter: Will die DKP die Bundesrepublik regieren?

Nathaniel Flakin im Gespräch mit Doug Greene: Nasenbluten auf dem Geständnis: Die Moskauer Prozesse und ihre Verteidiger

[Video]: „Den deutschen Imperialismus nicht nur pieksen“

Lennart Schlüter, Luis Linden und Hamza Khiri: „Gegen die Kriegstüchtigkeit“ – aber wie, Ole Nymoen?

Joachim Bertin: „Macron, tritt zurück!“: Eine revolutionäre Losung?

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