Iran weint Blut: Über die Januar-Revolte und die Rolle der internationalen Linken

25.01.2026, Lesezeit 8 Min.
1
Foto: Margarita Young/shutterstock.com

Die letzte Revolte im Iran wurde blutig niedergeschlagen, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächste ansteht. Über Massaker, die iranische Opposition und die Rolle der internationalen und diasporischen Linken.

Vor über drei Wochen, am 28. Dezember 2025, begann die neueste Revolte im Iran. Auslöser war der extreme Verfall der Währung aufgrund von Korruption, Misswirtschaft und internationalen Sanktionen, gekoppelt an bevorstehende Steuererhöhungen und Streichungen von Subventionen. Die Proteste gingen von Einzelhändler:innen und Bazaris in Teheran aus, und wurden zunächst von Studierenden aufgegriffen, später (und zögerlicher) auch von vereinzelten Akteuren der Arbeiter:innenklasse. Davon zeugt beispielsweise ein solidarisches Statement der Teheraner Busfahrergewerkschaft, oder die Tatsache, dass in Arak in Zentraliran ein Arbeiter:innenrat gegründet wurde.

Und obwohl ökonomische Gründe am Anfang des Aufstandes standen, wurde dieser sehr schnell politisiert, der alle Klassen und sozialen Gruppen vereinende Ruf ist: „Tod dem Diktator, Tod der Islamischen Republik“.

Am 9. Januar schaltete das Regime das Internet aus. Diese Methode wendete das Regime bereits in früheren Krisen an, wie zuletzt beim Angriff Israels auf den Iran im Juni 2025. Ziel ist es, die Verbreitung von Informationen über Gräueltaten zu kontrollieren, die Koordination von Demonstrationen zu unterbinden und gleichzeitig Angst und Verwirrung zu verstärken.

Zehn volle Tage konnten fast keine Bilder, Videos oder auch einfache Textnachrichten aus dem Land dringen – und diejenigen Nachrichten, die uns erreichten, zeugten von dem grausamen Vorgehen des Islamischen Regimes. 

„Iran weint Blut“, schreibt mir eine:r meiner Verwandten, der:die seit einigen Stunden mittels eines VPNs wieder Zugang zum Internet hat, denn die Reaktion des Regimes auf die Proteste war noch brutaler als erwartet: In Ilam stürmten Basij-Truppen ein Krankenhaus, in dem verletzte Demonstrierende behandelt wurden, um eben diese zu verhaften. Ärzte und Pfleger:innen, die sich den Regime-Schergen in den Weg stellten, wurden brutal zusammengeschlagen. In Rasht flüchteten Demonstrierende vor den Kugeln der „Sicherheitskräfte“ in den Bazar der Stadt, der kurz darauf in Flammen aufging, vermutlich in Brand gesetzt von den Regime-Schergen selbst. Vor die Wahl gestellt, zu verbrennen, oder sich den am Ausgang des Gebäudes wartenden „Sicherheitskräften“ zu stellen, entschied sich eine Gruppe von Demonstrierenden für letzteres – nur um von den Schergen des Islamischen Regimes erschossen zu werden.

Auf Videos wirken die Straßen Irans wie militärische Sicherheitszonen, voller gepanzerter Autos und bewaffneter Basij-Truppen und Revolutionsgarden, die mit scharfer Munition auf Demonstrierende schießen.

Der HRANA zufolge wurden über 25.000 Menschen verhaftet, über 7.000 verletzt. Mehr als 5.000 Demonstrierende wurden gesichert ermordet, fast 10.000 weitere Todesfälle werden von der Menschenrechtsorganisation noch untersucht. Es ist aber davon auszugehen, dass auch ein Großteil dieser Menschen von Regime-Schergen ermordet wurden, was eine Gesamtzahl von 15.000 getöteten Menschen ergibt. Egal welcher dieser Zahlen wir Glauben schenken wollen, ist dies eines der schlimmsten Massaker des Islamischen Regimes und kann höchstens von den Massenhinrichtungen in den 80er Jahren übertroffen werden.

Nach der Repression ist vor der Repression – nach der Revolte ist vor der Revolte

Die Taktik des Regimes, die Revolte mit schierer Grausamkeit niederzuschlagen, war vorläufig erfolgreich: Fast alle Proteste sind mittlerweile zum Erliegen gekommen. 

Ein Ende der Revolte ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einem Ende der Repression. Ein Banner, das vom Staat vor der Universität Teherans aufgehängt wurde, verkündet in aller Deutlichkeit, was allen Oppositionellen blüht: „Khamenei oder Tod„. Diese Losung ist keine leere Drohung, schließlich ist die Islamische Republik bekannt für ihre Hinrichtungen, die 2025 eine Rekordhöhe von über 2000 Menschen erreichten. Im Januar 2026 wurden bereits über 200 Menschen hingerichtet, fast 200 zu arbiträren Geständnissen gezwungen und verschiedene Menschenrechtsorganisationen warnen vor einem möglichen Szenario von Massenhinrichtungen der unzähligen Inhaftierten. 

Aber auch wenn die jetzige Revolte niedergeschlagen wurde, ist klar, dass die nächste Protestwelle kommen wird. Einerseits weil die ökonomische Lage sich wohl kaum verbessern wird, andererseits weil das Regime, das mit dem angeblichen „Reformer“ Peseschkian als Präsidenten eines der brutalsten Massaker seiner Geschichte verübt hat, nun verhasster ist denn je. Und genauso wie es nur eine Frage der Zeit ist, bis die nächste Revolte kommt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die iranische Arbeiter:innenklasse die Revolten in großem Stil durch Streiks unterstützen wird – und damit den Weg ebnet für die Revolution und den Sturz des Regimes.

Die größte offene Frage der kommenden Monate und Jahre wird dabei sein, wer die Führung der Opposition im Iran übernehmen wird. Die wohl stärkste Fraktion der Protestierenden im Iran wünscht sich eine demokratische Republik, aber die Zahl der Monarchist:innen, die stärkste Fraktion der Diaspora, nimmt auch innerhalb Irans zu. Grund dafür ist schlichtweg, dass es keine andere nennenswerte Partei, Organisation oder Person gibt, die sich als oppositionelle Figur etablieren kann. Die einzige andere größere Exil-Organisation, die Volks-Mujahedin, hat keine große Bedeutung im Iran. Und alle oppositionellen Gruppen mit Massenbasis innerhalb des Irans wurden durch die enormen Repressionen seit dem Errichten des Islamischen Regimes zerschlagen, ihre Mitglieder ermordet, inhaftiert oder ins Exil gezwungen. Existierende, innerhalb des Irans arbeitende oppositionelle Gruppen sind zumeist entweder regionenspezifisch – so gibt es beispielsweise kurdische oder belutschische Widerstandsgruppen –, und können sich somit nicht als Anführer:innen der gesamt-iranischen Opposition etablieren. Oder sie sind dazu gezwungen, in extremer Klandestinität zu agieren, um der Verfolgung durch das Regime zu entgehen.

Internationale Solidarität – aber wie?

Seit dem Beginn der Demonstrationen gab es weltweit zahllose Demonstrationen in Solidarität mit den iranischen Massen. Aber nicht alle Demonstrationen waren gleich: Manche waren organisiert von Monarchist:innen, die ihren anti-arabischen, anti-türkischen, anti-kurdischen und anti-afghanischen Rassismus offen zur Schau stellen und von der monarchistischen Restauration mit Hilfe der USA und Israels träumen. Andere wiederum waren organisiert von linken Organisationen, die eine Demokratie, teilweise sogar eine Arbeiter:innendemokratie wollen.

Aber machen wir uns nichts vor: wir Iraner:innen in der Diaspora, wir Linke in den imperialistischen Zentren können die Situation im Iran selbst nur geringfügig beeinflussen. Auf die „Hilfe“ unserer Staaten zu hoffen und an ihr „gutes Gewissen“ zu appellieren, wie es die Monarchist:innen, oder selbst Liberale tun, ist für uns keine Option.

Denn das größte Hindernis für den Erfolg der kommenden Revolten ist der westliche Imperialismus, der wie bei jeder Revolte im Iran versuchen wird, diese zu instrumentalisieren. Sei es Trump, der mit einer militärischen Intervention zu helfen droht, israelische x-accounts, die behaupten, Mossad-Agenten demonstrierten Seite an Seite mit den iranischen Massen und damit die Proteste delegitimieren, oder Bundeskanzler Merz, der davon spricht, dass die europäischen „Außenpolitiker, auch die Außenminister, in engstem Kontakt zueinander (stehen), um jetzt dafür zu sorgen, dass es in Iran einen friedlichen Übergang hin zu einer demokratisch legitimierten Regierung geben kann“. 

Auch die Sanktionen, die von unseren westlichen „Friedensmächten“ weiterhin gegen den Iran durchgesetzt werden, sind nichts als ein Mittel geopolitischer Kontrolle und letztendlich ein weiteres Mittel für einen Regime Change im Sinne des Imperialismus, für das Iraner:innen schon jetzt mit Hunger und Verarmung zahlen. Denn der ökonomische Druck von außen wird nicht dazu führen, dass das Regime weniger korrupt und unterdrückerisch wird und verhindert – zusätzlich zu der politischen Unterdrückung im Land selbst – die politische Organisierung der iranischen Bevölkerung. Denn wer denkt schon daran, sich politisch zusammenzuschließen und zu organisieren, wenn er sich kein Brot mehr leisten kann?

Natürlich ist klar, dass die USA, Israel und die BRD sich keinen Cent um die Freiheit Irans scheren, genauso wenig, wie sie sich um die Freiheit der Palästinenser:innen, Afghan:innen oder Venezolaner:innen scheren. Noch vor einigen Monaten flogen amerikanisch-israelische Bomben auf den Iran und ermordeten zumindest genauso viele Zivilist:innen wie Militärpersonal, trafen neun Krankenwagen und sieben Krankenhäuser, sowie das für die Inhaftierung politischer Oppositioneller berüchtigte Evin-Gefängnis. Aber es reicht auch ein Blick in die Nachbarstaaten Irans, um zu sehen, was die Hilfe der imperialistischen Staaten dem Iran bringen wird: Noch mehr Bomben, Tod, Bürger:innenkriege und die Zerteilung des Irans in viele kleinere, vollständig von den imperialistischen Staaten abhängige Länder.

Unsere Aufgabe als Diaspora, als Linke in den imperialistischen Zentren ist es deshalb, den Vereinnahmungen der iranischen Revolten entgegenzuwirken und unseren Geschwistern den Rücken freizuhalten vor den Sanktionen und Bomben des Westens, damit diese ihren revolutionären Weg aus der Diktatur in die Freiheit gehen können.

Mehr zum Thema