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Interview: Bei Amazon bleiben 1.000 Menschen ohne Job

Interview: Bei Amazon bleiben 1.000 Menschen ohne Job

Im Amazon-Versandzentrum in Brieselang (Brandenburg) laufen zu Jahresende 1.000 befristete Arbeitsverträge aus. Ein Interview mit Sebastian K. (Name geändert), der die vergangenen drei Monate bei Amazon arbeitete. Am Montag erfuhr er, dass sein Vertrag nicht verlängert wird.

Du hast die vergangenen drei Monate beim Amazon-Versandzentrum im brandenburgischen Brieselang gearbeitet. Am Montag war Schluss. Wie hast du erfahren, dass dein Vertrag nicht verlängert wird?

Bereits am 22. Dezember wurden diejenigen, die schon seit 2013 dabei sind, informiert, ob sie einen neuen Vertrag bekommen. Das wurde nicht angekündigt und kam für alle sehr überraschend. Da man im Falle einer Nichtverlängerung sofort aus dem Warenlager geführt wird und seine Karte abgeben muss, hatte man nicht mal die Chance, sich von den KollegInnen zu verabschieden.

Am 29. Dezember haben alle anderen auf die Nachricht gewartet. Ob es für uns es jetzt vorbei ist, bekamen wir erst nach der Pause mitgeteilt. Da wurden wir dann in kleinen Gruppen von zirka 15 bis 20 Personen herausgeführt. Insgesamt haben 1.000 Beschäftigte in Brieselang im Jahr 2015 keinen Job mehr.

Etwas befremdlich fand ich, dass man an diesen Tagen viel mehr Personal von der Sicherheitsfirma gesehen hat. Da hab ich mich schon gefragt, ob sie Angst vor uns haben.

Man liest viel über harte Arbeitsbedingungen bei Amazon. Wie war dein Arbeitsalltag?

Ich war für das Einräumen der Ware zuständig. Im November war es am anstrengendsten, als das Lager für das Weihnachtsgeschäft gefüllt wurde. Da ich schon über einen Monat mit dabei war, wurde Druck aufgebaut. Meine Vorgesetzten haben mir zweimal erzählt, dass ich im Vergleich zum Durchschnitt bei nur 70 Prozent Leistung liege. Am schlimmsten fand ich die Frühschichten im Dezember, da es für den Monat eine verpflichtende Überstunde gab. Da mussten wir um fünf Uhr morgens anfangen, in der Spätschicht bis nachts um halb eins arbeiten.

Brieselang liegt 30 Kilometer von Berlin entfernt, in einem Dorf mit wenig öffentlichem Nahverkehr. Wie konntest du dahin kommen?

Ich wohne in Berlin. Wenn man keine Fahrgemeinschaft organisieren konnte und kein Auto besitzt, muss man kurz nach zwei Uhr morgens den Nachtbus aus Berlin nehmen, um rechtzeitig zu Schichtbeginn bei Amazon zu sein. Nach der Spätschicht ist es das gleiche Problem, da man die letzte S-Bahn von Spandau sicher verpasst. Mit dem Nachtbus war ich dann erst kurz nach drei Uhr zu Hause. Besonders geärgert hat es mich dann, wenn ich teilweise schon zwei Stunden nach Schichtbeginn gefragt wurde, ob ich nach Hause will, weil es zu wenig zu tun gab. Da hätte ich lieber eine Stunde länger geschlafen.

Wie bist du zum Onlinehändler gekommen?

Mich hat das Jobcenter verpflichtet, bei Amazon zu arbeiten. Dabei habe ich mich gar nicht selber beworben, das hat die Behörde für mich getan. Eine Mitarbeiterin rief an und sagte mir, ich solle in der nächsten Woche zum Bewerbungsgespräch bei Amazon gehen. Ich konnte mir nur aussuchen, ob ich um 8.30 Uhr oder erst um 11 Uhr zum Gesprächstermin gehen will. Wenn ich das nicht angenommen hätte, drohten Sanktionen.

Vor Weihnachten wurde an sechs von acht Amazon-Standorten gestreikt, in Brieselang jedoch nicht. Wie hast du die Streiks erlebt?

Die Streiks waren bei uns nicht sichtbar. Die zwei Wochen vor dem Streik gab es ein paar mal Schichtabbrüche in der Spätschicht, aber nicht in der Woche des Streiks. Ich hatte das Gefühl, dass vermehrt Waren zwischen den Lagern hin und her verschoben wurden. Ob Brieselang einen Teil der Arbeit der bestreikten Versandzentren auffangen musste, kann ich aber nicht beurteilen.

Generell konnte man sehen, dass ein bedeutender Teil des Deutschlandgeschäfts nach Polen verlagert wurde. Nur Amazon-Prime-Kunden, also die, die einen besonderen Vertrag abgeschlossen haben und ihre Waren über Nacht bekommen, werden noch ausschließlich aus Deutschland beliefert.

Die ver.di-Betriebsgruppe in Brieselang sagt: „Wir wollen bleiben! Entfristungen jetzt!“ Es gibt auch einen Amazon-Solikreis Berlin. Wie geht es jetzt weiter?

Unter den Betroffenen herrscht natürlich Trauer, einige KollegInnen haben auch geweint. Etliche haben aber gesagt, dass sie trotzdem auf die Betriebsversammlung am kommenden Dienstag gehen werden. Vielleicht gibt es da ja die Möglichkeit, sich zu organisieren. Viele haben aber resigniert und wollen von Amazon nichts mehr hören.

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