Internationalismus oder stalinistische Realpolitik?

09.11.2025, Lesezeit 45 Min.
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Symbolbild stalinistischer Außenpolitik: Churchill, Roosevelt und Stalin teilen auf der Konferenz von Jalta die Welt unter sich auf. Bild: Grambaba, CC BY-SA 4.0 creativecommons.org, via Wikimedia Commons

In Antwort auf den Kommunistischen Aufbau wollen wir diskutieren, wieso nicht die Linke Opposition um Trotzki, sondern der Stalinismus den Übergang ins Lager der Konterrevolution vollzogen hat. Nirgends wird das so deutlich, wie in der sowjetischen Außenpolitik.

Welche Bilanz ziehen wir aus den Klassenkämpfen, Revolutionen und Konterrevolutionen des 20. Jahrhunderts? Dies ist keine nebensächliche Frage. Um eine Perspektive zu entwickeln, wie wir in diesem Jahrhundert für siegreiche sozialistische Revolutionen kämpfen können, müssen wir verstehen, wieso die zahlreichen Versuche der Vergangenheit scheiterten. 

Wir denken, dass es nicht möglich ist, die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen, ohne die reaktionäre Rolle, die der Stalinismus in diesen Prozessen spielte, zu verstehen. Wenn wir vom Stalinismus sprechen, meinen wir selbstverständlich nicht, wie in bürgerlichen Diskursen üblich, die Boshaftigkeit des Mannes1, sondern ein politisches Phänomen, das den Tod Stalins in verschiedenen Ausprägungen weit überdauerte und bis heute – wenn auch dezimiert – weiterlebt. Eine der Gruppen, die sich heute in Deutschland auf diese Tradition bezieht und eine gewisse Anziehungskraft unter Jugendlichen entwickelt, ist der Kommunistische Aufbau (KA). Vor etwa zwei Jahren veröffentlichte der KA mit „Trotzkismus – eine marxistisch-leninistische Analyse“ eine ausführliche Polemik gegen die politische Strömung, in deren Erbe wir stehen. Dabei grenzen sich die Autor:innen von einem Ansatz ab, der Trotzki „entweder einfach dämonisiert oder als bewussten faschistischen Agenten darstellt“, und versuchen sich in einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Positionen und politischen Kämpfen Trotzkis, der Linken Opposition, und der sich auf sie berufenden Strömungen.

Auch wenn wir zugegebenermaßen spät dran sind, denken wir, dass sich eine Antwort lohnt. Wir wollen darlegen, warum es nicht die Linke Opposition um Trotzki, sondern der Stalinismus war, der die „Entwicklung ins Lager der Konterrevolution“ vollzogen hat. In Diskussion mit den Thesen des KA wollen wir in einer Artikelreihe begründen, warum eine Abrechnung mit dem Stalinismus unverzichtbar für den Wiederaufbau des revolutionär-sozialistischen Projekts ist und welchen Beitrag das politische und theoretische Erbe des Trotzkismus zu diesem Projekt leisten kann. 

Beginnen wollen wir mit der Frage des Internationalismus und einer Bilanz der Außenpolitik der sowjetischen Führung und ihrer Anleitung durch die Kommunistische Internationale (KomIntern). In weiteren Teilen der Reihe werden wir uns mit der Bürokratisierung der Sowjetunion – in Diskussion mit der vom KA vertretenen Revisionismusthese –, dem Verhältnis von revolutionären Kommunist:innen zu reformistischen Massengewerkschaften und Parteien sowie der Frage des Verhältnisses von revolutionärer Partei und Selbstorganisation beschäftigen. 

Wie der KA selbst schreibt, stand die Frage der internationalen Politik im „Kern des Konflikts“ zwischen der KPdSU-Führung um Stalin und der Linken Opposition. Diese entwickelte sich insbesondere anhand der Verbreitung der „Theorie“ des Sozialismus in einem Land und der desaströsen Politik der KomIntern, die sich in der chinesischen Revolution 1925 bis 1927 zeigte. Die von den Autor:innen getroffene Gegenüberstellung, es gehe dabei um „[d]ie Frage, ob die Hoffnung auf eine Förderung der Revolution in Westeuropa wichtiger sei als das Überleben des Sozialismus in Russland“, halten wir aber für höchst irreführend, wie wir im Folgenden begründen wollen. 

„Sozialismus in einem Land“ oder Permanente Revolution?

Der KA schreibt: „Doch blieb auch Trotzkis Weg zum Ziel des Sozialismus – die Weltrevolution – zu seinen Lebzeiten eine nie realisierte Hoffnung.“ In dieser Darstellung hätte Trotzki aus einer Art realitätsfremden Idealismus oder gar aus gefährlicher Obsession heraus gehandelt. In der Logik des KA hätten die objektiven Umstände die Ausweitung der Revolution nach Westeuropa und weitere Teile Asiens nicht erlaubt. Die junge Sowjetunion sei nun mal isoliert und „mehr als 25 Jahre“ auf sich allein gestellt gewesen. Deswegen sei die einzige pragmatische Lösung gewesen, sich auf den Aufbau des Sozialismus in einem Land zu konzentrieren. 

Nun überlebte die russische Revolution ihr erstes Jahr überhaupt nur dank der revolutionären Bewegungen, besonders in Deutschland und Österreich-Ungarn, die den erzwungenen Frieden von Brest-Litowsk aufhoben und den Ersten Weltkrieg beendeten. Die revolutionären Prozesse 1918 bis 1923 führten aber nicht zur Etablierung neuer Arbeiter:innenstaaten und die Sowjetunion blieb isoliert und vom Bürgerkrieg ausgeblutet. Eine Beschäftigung mit dieser Periode beziehungsweise der 1927 niedergeschlagenen Revolution in China fehlt in dem Text des KA jedoch völlig. Die schweren Niederlagen des Proletariats waren eben nicht einfach ein Ausdruck ungünstiger Kräfteverhältnisse oder unreifer Bedingungen, sondern bedingt durch Fehler der kommunistischen Führung. Exemplarisch lässt sich das an den Ereignissen in Deutschland zeigen:

Die revolutionären Jahre nach 1918 endeten im Herbst 1923 mit einer Niederlage der Revolution. Die Pläne für den Aufstand im Oktober wurden in letzter Minute abgesagt. Das Scheitern der Revolution 1923 war eine entscheidende Niederlage, die das deutsche Proletariat für einige Jahre entmutigen sollte, durch die das Vertrauen in die KPD litt und der Weimarer Republik eine vorübergehende Stabilisierung ermöglichte. Die Führung der Komintern unter Grigori Sinowjew und die Parteiführung der KPD um Heinrich Brandler hatten im Sommer bis Herbst 1923 zu lange gezögert, entschiedenere Schritte zu ergreifen, die den Weg zur Eroberung der Macht des Proletariats geebnet hätten.

Die Revolution im Westen, auf die Kommunist:innen in der Sowjetunion gesetzt hatten, war vorerst verbaut – Hilfe, um aus der Isolation zu kommen, nicht absehbar. Diese entscheidende Niederlage gab der im Entstehen begriffenen Sowjetbürokratie Auftrieb, die ihre Vormachtstellung mit der Theorie des Sozialismus in einem Land durchsetzte. Trotzki hatte Heinrich Brandler und dessen Politik einer Arbeiter:innenregierung mit der SPD in Thüringen und Sachsen von Moskau aus unterstützt, aber darauf gedrängt, zur Tat zu schreiten und zum Aufstand überzugehen. Damit befand er sich im Einklang mit den Resolutionen des 4. Kongresses der Kommunistischen Internationale von 1922. Demnach wurden solche Arbeiter:innenregierung als Teil von Einheitsfronten zur Bewaffnung des Proletariats und der Vorbereitung des Aufstands als eine Möglichkeit der Machteroberung betrachtet.2

Es ist bezeichnend, dass der KA in seinem Text, trotz dessen Länge, kaum eine Bilanz von revolutionären Prozessen nach dem Oktoberaufstand zieht und versucht, die konkrete Kritik Trotzkis an der Politik der KomIntern zu widerlegen – stattdessen belässt er es bei der allgemeinen Behauptung, die Positionen der Linken Opposition seien „utopisch“ gewesen. Lapidar wird darauf verwiesen, dass „die erhoffte Revolution im Westen ausblieb“, als handle es sich um ausbleibenden Regen, als wäre die Zögerlichkeit der kommunistischen Führung nicht ein entscheidender Faktor für die Niederlage gewesen. Dabei geht es aber nicht einfach um die Frage, wer „Schuld“ an dem Desaster war. Die Feststellung, dass die KPD-Führung scheiterte, sagt noch nichts aus über die strategischen Schlussfolgerungen. 1924 zog der 5. Kongress der Komintern aus der Niederlage die Bilanz, dass man keine Einheitsfront mit der Sozialdemokratie machen könne. Lehren der ersten vier Kongresse, die einige der weitreichendsten strategischen Diskussionen zur Machteroberung umfassten, wurden verworfen. Die Linie der KPD und ihrer Leitung wurde fortan mehr und mehr aus Moskau diktiert.

Aus dem Scheitern der Revolution macht der KA nun eine Tugend: 

Das Verdienst, trotz aller enttäuschten Hoffnungen auf Revolutionen im Westen unbeirrt am sozialistischen Aufbau ineinem Landfestzuhalten und unter den widrigsten Bedingungen, die sich sicher kein Bolschewiki herbeigesehnt hat, die proletarische Diktatur zu behaupten und konkret den Sozialismus aufzubauen, gebührt im Wesentlichen der bolschewistischen Parteiführung nach Lenins Tod – allen voran Stalin.

Das Zitat suggeriert, dass es vor allem der Flügel um Stalin gewesen wäre, der die Zukunft der Sowjetunion im Auge hatte, nicht aber Trotzki mit seiner Vorstellung der Ausweitung der Revolution. Trotzki begrüßt in seiner Schrift „Verratene Revolution“ jedoch die Entwicklung der sowjetischen Planwirtschaft in den 1920ern und 30er Jahren und stellt ihre enormen Fortschritte heraus: „Gigantische Errungenschaften in der Industrie, vielversprechender Beginn eines Aufschwungs der Landwirtschaft, außerordentliches Anwachsen der alten und Entstehen neuer Industriestädte, rasche Zunahme der Zahl der Arbeiter, Hebung des Kulturniveaus und der Bedürfnisse – das sind die unbestreitbaren Ergebnisse der Oktoberrevolution, in der die Propheten der alten Welt das Grab der menschlichen Zivilisation sehen wollten.“3 Gleichzeitig weist er darauf hin, dass sich der Arbeiter:innenstaat von einem viel niedrigeren Niveau aus als die kapitalistischen Gesellschaften in Westeuropa aufbauen musste. Eine „friedliche“ Entwicklung zum Sozialismus einfach durch wachsende Erfolge der Planwirtschaft sei somit nicht möglich. Eine solche Auffassung widerspräche den Grundsätzen des dialektischen Materialismus. Solange die Produktivkräfte im Verhältnis zu den kapitalistischen Wirtschaften unterentwickelt seien, müssten sich Übergänge notwendigerweise in „Krisen, Sprüngen und Rückfällen“ vollziehen. 

Ein Ausdruck davon war etwa die Zwangsenteignung der Kulaken (mittlere und große Bäuer:innen) ab 1927, die mit schweren Krisen und Hungersnöten behaftet war. Im nächsten Teil der Artikelreihe werden wir näher auf die innenpolitischen Bedingungen in der Sowjetunion eingehen. An dieser Stelle wollen wir jedoch aufzeigen, dass die sehr widersprüchliche soziale und politische Struktur der Sowjetunion und ihrer Entwicklung ein Ausdruck vom „Kampf der lebendigen sozialen Kräfte ist, nicht nur im nationalen, sondern auch im internationalen Maßstab“4 war.

Nun haben Marx und Engels schon 1848 im Kommunistischen Manifest beschrieben, wie die Bourgeoisie den Weltmarkt hergestellt hat und die Produktionsweise nach ihren Erfordernissen gestaltet, was sich mit der Weiterentwicklung des Kapitalismus und seines Umschlagens in das imperialistische Stadium nur vertieft hat. Es wäre illusorisch anzunehmen, dass ein Land sich davon abschotten könnte und andersherum muss jeder Versuch, sich von den äußeren Verhältnissen zu entkoppeln, umfangreiche politische und wirtschaftliche Konsequenzen haben: letztlich die massive Beschränkung der Produktivkräfte mit der Degeneration des politischen Regimes. Spätestens die weltpolitische Lage durchbricht erzwungenermaßen jeden Versuch des Aufbaus des Sozialismus in einem Land. Der Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion, auf den wir später noch zu sprechen kommen, war der brutalste Ausdruck dieser Sackgasse.

Die Ausweitung der revolutionären Bewegung wäre also schon vom Standpunkt der Verteidigung der Sowjetunion zwingend gewesen. Tatsächlich gab es nach der Niederlage in Westeuropa bereits ab 1925 die nächste revolutionäre Situation, diesmal in China. Diese begann aus einer nationalen Bewegung für Unabhängigkeit und die Einheit Chinas. Spätestens mit einer Streikwelle im Sommer 1926 trat die Arbeiter:innenbewegung massiv in den Prozess ein. Die erst wenige Jahre zuvor gegründete Kommunistische Partei Chinas konnte ihren Einfluss sprunghaft ausweiten, dabei agierte sie aber nicht unabhängig, sondern als Teil der bürgerlichen Kuomintang.

Im Februar 1927 gingen die Arbeiter:innen und republikanischen Kräfte in Shanghai zum Aufstand gegen den lokalen Warlord über. Die Kommunistische Partei agitierte zunächst für die Bildung von Sowjets, wurde aber von Moskau aus zurückgehalten. Stalin befürchtete den Bruch mit der Kuomintang und zwang die Kommunist:innen, ihre eigenständige Rolle zu beschränken. Nachdem schon in Wuhan eine Regierung aus Kuomintang und KPCh gegründet worden war, brachte der aufständische Generalstreik in Shanghai diese Koalition im März 1927 an die Macht. Schon kurz darauf bereitete die Kuomintang unter ihrem Anführer Chiang Kai-shek die Zerschlagung der Kommunist:innen und Gewerkschaften vor. Ab dem 12. April verübte eine Armee aus rechten Milizen und angeheuerten Gangstern ein Massaker an der Shanghaier Arbeiter:innenschaft. Diese reagierte mit einem einwöchigen Generalstreik – doch nach dem jahrelangen Bündnis mit der Kuomintang war sie politisch weitgehend überrumpelt.

Stalin folgte der schon 1923 von der KomIntern erarbeiteten Linie, nach der in China zunächst die nationale Einheit erkämpft werden müsse und damit einer Logik voneinander losgelöster Etappen: Zunächst müssten die Kommunist:innen die bürgerlichen Kräfte unterstützen – zumindest die nationale Bourgeoisie, die vermeintlich ein Interesse habe, mit dem Imperialismus zu brechen. Erst dann erst könnten sie sich sozialistischen Aufgaben widmen. In der Konsequenz wies er die KPCh an, sich der Kuomintang politisch und militärisch unterzuordnen. Trotzki hatte diese Linie kritisiert: Auch er meinte, dass es in China möglicherweise nicht gleich möglich sein werde, die Diktatur des Proletariats zu etablieren. Doch schon die bürgerlich-demokratischen Aufgaben könnten nur von den Arbeiter:innen im Bündnis mit den Bäuer:innen erfüllt werden. Er warnte eindringlich von einer politischen Unterordnung unter die Bourgeoisie, welche nicht in der Lage sei, selbst die demokratischen und nationalen Aufgaben der Revolution zu bewältigen – hierin liegt die Grundlage der Theorie der Permanenten Revolution.

Diese besteht nicht einfach darin, die Revolution immer unabhängig von den Umständen auszuweiten. Sondern sie liegt darin begründet, dass die Revolution ihren Ausgang in nationalen Fragen nehmen und ihren Charakter weiterentwickeln kann – und muss – um erfolgreich zu sein. Marx und Engels sagten in ihrer Bilanz der gescheiterten Revolution von 1848/49:

Aber die [deutschen Arbeiter] selbst müssen das meiste zu ihrem endlichen Siege dadurch tun, daß sie sich über ihre Klasseninteressen aufklären, ihre selbständige Parteistellung sobald wie möglich einnehmen, sich durch die heuchlerischen Phrasen der demokratischen Kleinbürger keinen Augenblick an der unabhängigen Organisation der Partei des Proletariats irremachen lassen. Ihr Schlachtruf muß sein: Die Revolution in Permanenz.5

Es ist leicht, die objektiven Umstände für das „Ausbleiben“ der Weltrevolution verantwortlich zu machen, als wäre sie einfach der Traum eines verrückten Phantasten. Die revolutionär-marxistische Position bestand aber nie darin, die Revolution an jedem Ort zu jeder Zeit für möglich zu erklären – als ob die KomIntern-Führung einen Schalter für die Weltrevolution gehabt hätte, den sie sich weigerte zu drücken. Der revolutionäre Marxismus speiste sich immer aus der konkreten Analyse einer konkreten Situation, unter Einbeziehung der verschiedenen objektiven und subjektiven Faktoren. Das Verhältnis zwischen diesen Faktoren ist nicht statisch: Es gibt Situationen, in denen einem subjektiven Faktor eine gewaltige Rolle zukommt. Bestes Beispiel ist die russische Revolution. Die Macht lag mit dem Kollaps des Zarismus im Krieg auf der Straße, aber damit aus diesem Kontext heraus der Arbeiter:innenstaat geboren werden konnte, bedurfte es der kühnen Führung der bolschewistischen Partei – und des vorausgehenden politischen Kampfes innerhalb der SDAPR (B). In ihr setzte Lenin die Position für die Diktatur des Proletariats durch, ausgedrückt in der Losung „Alle Macht den Sowjets“. Zuvor war die Mehrheit der Parteiführung, darunter Stalin, für die Unterstützung der provisorischen bürgerlichen Regierung.

Ab 1924 versuchten Stalin und Bucharin als Schlussfolgerung aus den gescheiterten Revolutionen im Westen eine neue „Theorie“ zu entwickeln, die des „Sozialismus in einem Land“. Damit nimmt er eine Anpassung vor, bei der die Führung des Sowjet-Staates nicht mehr als strategischer Kopf der Weltrevolution dient, sondern als vermeintlich erhaltender Faktor der Errungenschaften – eine „Theorie“, die zweifellos bei den Schichten der staatlichen und wirtschaftlichen Verwaltungsapparate auf fruchtbaren Boden traf. Der subjektive Faktor der Revolution – das Weltproletariat – muss als geschichtlicher antreibender Faktor in dieser Logik dem Verwaltungsapparat des Sowjetstaates weichen, der das Tempo des sozialistischen Aufbaus bestimmt. Der KA zitiert voller Zustimmung Stalin aus seiner 1926 veröffentlichten Schrift „Zu den Fragen des Leninismus“:

Was bedeutet die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande? Das bedeutet die Möglichkeit, die Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft mit den inneren Kräften unseres Landes zu überwinden, die Möglichkeit, dass das Proletariat die Macht ergreifen und diese Macht zur Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande ausnutzen kann, gestützt auf die Sympathien und die Unterstützung der Proletarier der anderen Länder, aber ohne vorhergehenden Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern. Ohne diese Möglichkeit ist das Bauen des Sozialismus ein Bauen ohne Perspektive, ein Bauen ohne die Überzeugung, dass man den Sozialismus aufbauen wird. Man kann den Sozialismus nicht bauen, wenn man nicht überzeugt ist, dass es möglich ist, ihn aufzubauen, wenn man nicht überzeugt ist, dass die technische Rückständigkeit unseres Landes kein unüberwindliches Hindernis für die Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft ist. Die Verneinung dieser Möglichkeit bedeutet Unglauben an die Sache des Aufbaus des Sozialismus, Abkehr vom Leninismus.6

Der Sozialismus wird hier zu einer reinen Glaubensfrage degradiert. Als müsste man nur überzeugt genug sein, um ihn aufzubauen. Völlig abseits jeglicher materialistischer Analyse der Widersprüche der Sowjetgesellschaft und ihrer internationalen Beziehungen wird von den Möglichkeiten von der „Vollendung“ des Sozialismus gesprochen, was auch immer das heißen mag. Trotzki wird vom KA vorgeworfen, einfach zu „hohe Ideale“ an den Sozialismus zu hegen. Die Theorie vom Sozialismus in einem Land hat aber einen sozialen Inhalt, nämlich die Vorherrschaft der Bürokratie.

Letztlich ist es eine Logik, die das Weltproletariat vom Schicksal des Proletariats in der Sowjetunion trennt. Es wird auf eine Rolle der „Sympathie und Unterstützung“ reduziert. Seine Aufgabe bleibt dabei, Druck gegen die imperialistischen Regierungen auszuüben. Die Perspektive der Revolution tritt dahinter zurück. Demnach hat das Proletariat keine strategische Rolle mehr im Kampf um seine eigene Emanzipation, sondern dient allenfalls als diplomatisches Druckmittel der Sowjetbürokratie in Verhandlungen mit bürgerlichen Regierungen. 

Die spanische Katastrophe 

Ein plastisches Beispiel für die Verantwortung der sowjetischen Führung für die Niederlage der Revolution in anderen Ländern, laut dem KA „eine vom dialektisch-materialistischen Standpunkt aus betrachtete abwegige Position“, ist der Spanische Bürgerkrieg. Nachdem 1931 die Monarchie gestürzt und die zweite spanische Republik gegründet wurde, regierte ab 1934 eine rechtsgerichtete Koalition aus der katholischen CEDA und der liberalen PRR. Diese war mit massivem Widerstand der Arbeiter:innenklasse konfrontiert, auf die Ernennung von CEDA-Ministern folgte eine Welle von Streiks und lokalen Aufständen, die die Legitimität der Regierung untergruben. Zusätzlich wurde diese von schwerwiegenden Korruptionsskandalen erschüttert. 

Angesichts der Zuspitzung der politischen Instabilität sah sich der Präsident gezwungen, Neuwahlen für den Februar 1936 auszurufen. Als überwältigender Sieger trat die „Frente Popular“ (Volksfront) hervor, welche kurz zuvor gebildet wurde. Es handelte sich dabei um ein Bündnis aus der sozialdemokratischen PSOE, Anarchosyndikalist:innen, republikanischen Parteien, die das liberale Bürgertum repräsentierten, und der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE). 

Der Eintritt der PCE in diese klassenübergreifende Koalition, die auch Teile der Bourgeoisie einschloss, erfolgte im Einklang mit der von der KomIntern vorgegebenen Linie. Diese gab ab dem 7. Weltkongress 1935 die Losung der Bildung antifaschistischer Volksfronten heraus. Hatte man zuvor noch die Sozialdemokratie als „linken Flügel des Faschismus“ bezeichnet und die Bildung von Aktionseinheiten mit der Sozialdemokratie und der von ihr dominierten Gewerkschaften strikt abgelehnt, definierte man den Faschismus nun als „terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“7 In Deutschland führte die politische Orientierung der Sozialfaschismusthese zu einem fatalen Ergebnis: Die Spaltung der Arbeiter:innenbewegung und die kampflose Machtübernahme Hitlers.

Die politische Schlussfolgerung aus der Niederlage 1933 war die Kollaboration mit „antifaschistischen“ Teilen der Bourgeoisie, einschließlich Bildung von parlamentarischen Blöcken, wie sie in Spanien und kurz darauf in Frankreich mit der Unterstützung von Volksfrontregierungen realisiert wurde. In der Praxis musste dies zwangsläufig zu einer Unterordnung der Arbeiter:innenklasse und damit zu einer Beschränkung der Kommunist:innen auf ein Programm und Methoden, die die Herrschaft der Bourgeoisie nicht grundsätzlich herausforderte, führen. Damit unterschied sich die Volksfronttaktik fundamental von der Taktik der Arbeiter:inneneinheitsfront, die – wie auf dem vierten Weltkongress der KomIntern formuliert – das „Angebot des gemeinsamen Kampfes der Kommunisten mit allen Arbeitern, die anderen Parteien oder Gruppen angehören, und mit allen parteilosen Arbeitern zwecks Verteidigung der elementarsten Lebensinteressen der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie“8 und ausdrücklich „keinesfalls so genannte ‚Wahlkombinationen‘ der Spitzen, die diese oder jene parlamentarischen Zwecke verfolgen“9 bedeutet. 

Im Juli 1936, wenige Monate nachdem die Volksfront in Spanien an die Macht gekommen war – die PCE stellte keine Minister:innen, trug die Regierung aber mit – startete der vom deutschen und italienischen Faschismus unterstützte reaktionäre General Francisco Franco einen Militärputsch gegen die Republik, der zum Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges führte. Ein vollständiger Durchmarsch Francos wurde durch häufig zunächst spontan organisierten Widerstand, der von großen Teile der spanischen Arbeiter:innenklasse und armen Bäuer:innen getragen wurden, verhindert. Die PCE, welche vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges eine untergeordnete Rolle gespielt hatte, konnte im Prozess der Aufstellung von militärischen Einheiten, die zu großen Teilen die republikanische Armee ausmachten, ihren Einfluss sowohl in der Arbeiter:innenklasse als auch im Volksfrontbündnis selbst rapide erhöhen. Die KomIntern organisierte maßgeblich Waffenlieferungen aus der Sowjetunion und die internationalen Brigaden, Freiwilligenheere aus verschiedenen Ländern, die sich dem Kampf gegen Franco anschlossen. 

Der Bürgerkrieg wurde von Seiten der PCE und KomIntern allerdings ausschließlich mit dem Ziel geführt, die bestehende parlamentarische Demokratie gegen Francos Machtübernahme zu verteidigen. So heißt es in einer im Februar 1937 herausgegeben Erklärung des Exekutivkomitees:

Das Präsidium des E.K.K.I. unterstützt die Linie des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Spaniens, das die Mitglieder der Partei und alle Massen des Volkes für den Kampf gegen die Faschisten mobilisiert, die versuchen, das parlamentarische System zu zerstören und eine faschistische Diktatur zu errichten. Das Präsidium unterstützt diese Linie der Verteidigung und Festigung der demokratischen parlamentarischen Republik, die alle Rechte und Freiheiten des spanischen Volkes garantiert, der Verteidigung und Festigung der Republik der Volksfront, in der die materielle Grundlage des Faschismus untergraben wird und in der es keinen Platz für den Faschismus geben wird.10

Während der KA dem Trotzkismus vorwirft, sich nie wirklich vom Menschewismus gelöst zu haben, rechtfertigte der Stalinismus hier seine Politik mit einer menschewistischen Etappentheorie. Während die Menschewiki in der russischen Revolution die Position vertreten hatten, Russland sei nicht reif für die Diktatur des Proletariats und es bräuchte zunächst die Entfaltung der bürgerlichen Demokratie, behauptete die KomIntern dasselbe von Spanien Ende der 1930er. Die Paradoxie wird deutlich, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass der Stalinismus zugleich behauptete, in Russland seien die Bedingungen für den Aufbau des „Sozialismus in einem Land“ gegeben.

Wie der Trotzkist Walter Held während des Bürgerkriegs bemerkte, war Russland 1917 „unvergleichlich rückständiger als Spanien heute. Einige Statistiken werden dies belegen. In Spanien betrug 1920 die Zahl der Industriearbeiter 25 Prozent der Gesamtbeschäftigten, und seitdem hat es ein enormes Wachstum in den spanischen Städten gegeben, so dass dieser Anteil seit dem Ersten Weltkrieg erheblich gestiegen ist. Im zaristischen Russland waren nicht mehr als 16,7 Prozent Arbeiter, und selbst 1928 betrug der Anteil des sowjetischen Proletariats nicht mehr als 17,3 Prozent. Während 40 Prozent der spanischen Bevölkerung in Städten leben und mehrere Städte wie Madrid und Barcelona mehr als eine Million Einwohner haben, waren im zaristischen Russland nur 20 Prozent der Bevölkerung urbanisiert.“11

Über Statistiken hinaus stellte jedoch auch die Selbstaktivität der spanischen Massen die Konzeption des Stalinismus bloß. Hier kommen wir zu dem Punkt, an dem sich die konterrevolutionäre Rolle des Stalinismus besonders deutlich offenbarte. Schon zu Beginn des Jahres, aber insbesondere in der Hitze des Bürgerkrieges, gewannen die Arbeiter:innen und armen Bäuer:innen an Selbstvertrauen und entfalteten eine enorme revolutionäre Energie. In verschiedenen Teilen des Landes kam es zu Enteignung von Betrieben durch Arbeiter:innen, Kollektivierung von Land, das den Großgrundbesitzern entrissen wurde und zur Bildung von räte-ähnlichen Strukturen. In Katalonien befanden sich große Teile der Industrie, der Verkehrsinfrastruktur, selbst der städtischen Geschäfte und Kultureinrichtungen in Arbeiter:innenhand. Hier zeigten sich praktisch Elemente des von Trotzki in der Theorie der Permanenten Revolution formulierten Überwachsens der demokratischen in die sozialistische Revolution. 

Doch anstatt diese Prozesse zu fördern und zum Sieg anzuführen, tat die PCE im Rahmen der Volksfront alles, um sie zu unterdrücken und umzukehren. In der bereits zitierten Erklärung unterstütze die KomIntern den Schutz des kapitalistischen Privateigentums ausdrücklich: „Das Präsidium des E.K.K.I. hält die Position der Partei gegen eine umfassende Verstaatlichung der Industrie für richtig. Es schließt sich voll und ganz der Linie der Partei an, dass die Verstaatlichung von den Interessen der Verteidigung der Republik bestimmt sein sollte“.12

Die PCE beteiligte sich aktiv daran, Kollektivierungen rückgängig zu machen, Betriebe und Land wieder den Kapitalist:innen und Großgrundbesitzer:innen zu übergeben, teilweise mit militärischer Gewalt. Insbesondere in Barcelona unternahm die Volksfrontregierung eine große Anstrengung, Milizen der marxistisch beeinflussten POUM – die ohne Grundlage in der Realität von der stalinistischen Presse unentwegt als faschistischer Agent diffamiert wurden13 – und der anarcho-sydikalistischen Gewerkschaft CNT zu entwaffnen und Errungenschaften der Arbeiter:innenkontrolle und Organe der Selbstorganisation einzustampfen. Damit machte sich die PCE an der Ermordung hunderter revolutionärer, aufrichtig gegen Franco kämpfender Arbeiter:innen mitschuldig. 

Die Behauptung der KomIntern, die Verteidigung der parlamentarischen Demokratie, wäre der beste Weg, um den Faschismus zu schlagen, war von Anfang an absurd und wurde durch den Sieg Francos 1939 endgültig widerlegt. Dabei mangelte es nicht am Willen der Massen, die spanischen und internationalen Arbeiter:innenklasse hatten großen Heldenmut im Kampf gegen Francos Armee gezeigt. Doch mit einer Führung, die sie demobilisierte, demoralisierte, nicht richtig kämpfen wollte – oder sogar gegen sie kämpfte – konnten die Massen letztlich nicht siegen. Die KomIntern ebnete den Weg für die Niederlage, indem sie die Kraft der Arbeiter:innenklasse durch das Bündnis mit der Bourgeoisie erstickte. Eine Niederlage, die die spanischen Arbeiter:innen und Massen zu Jahrzehnten der brutalen Unterdrückung unter Franco verdammte und zugleich den Kampf gegen den Faschismus – der für den imperialistischen Krieg rüstete – empfindlich schwächte.

Im Dienst des Faschismus?

Nun entbehrt es nicht einer tragischen Ironie, dass der KA die Position Trotzkis in den 1930er Jahren „objektiv eine Reserve der Konterrevolution und ihrer Speerspitze in Gestalt des Faschismus“ nennt. An dieser Stelle driftet der Text des KA in absurde Verleumdungen ab, die quasi aus den Anklageschriften der Moskauer Prozesse abgeschrieben sein könnten. Sie werfen Trotzki vor, er hätte die Beseitigung des Stalin-Regimes durch Hitler herbei„phantasiert“. Die größte Gefahr für die Sowjetunion ging jedoch von Stalin selbst aus: Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs ließ er aus Angst vor einem Putsch fast den gesamten militärischen Generalstab beseitigen. Die Rote Armee stand dem hochgerüsteten Hitler-Deutschland ohne strategische Führung gegenüber.

Um nicht von der Wehrmacht überrollt zu werden, musste die Sowjetunion einen Krieg mit dem deutschen Imperialismus um jeden Preis vermeiden. In der Folge kam der Hitler-Stalin-Pakt zustande. Während der KA eine völlig unbegründete Mutmaßung darüber anstellt, ob Trotzki mit Faschist:innen kooperierte, verliert er im besagten Text kein Wort zu dem historisch einwandfrei bewiesenen und in seinen Auswirkungen klar zu untersuchenden Pakt zwischen Hitler und Stalin. Immerhin gibt es in einem Artikel des KA zum Sieg über den Faschismus eine kurze Positionierung zu diesem Abkommen:

Auf die Angebote Moskaus der Vorkriegszeit, gemeinsam gegen die Nazis vorzugehen, gab es bei den späteren Alliierten lediglich Ablehnung. Resultat dessen war der sogenannte ‚Hitler-Stalin-Pakt‘. Die bürgerliche Geschichtswissenschaft versucht seitdem, diesen als Bündnis zwischen der sozialistischen Sowjetunion und dem faschistischen Deutschland zu deuten, diesen oft gar als Auslöser des Krieges hinzustellen. Letztendlich handelte es sich hierbei jedoch nur um einen Nicht-Angriffspakt, der der Sowjetunion Zeit brachte, um sich auf einen unvermeidlichen Krieg vorzubereiten, in dem eine Unterstützung Englands, der USA oder Frankreichs ungewiss war. Ohne diese Vorbereitungszeit wäre ein Sieg vielleicht nie möglich gewesen. 

Uns scheint dieses auf den ersten Blick plausible Argument des „Zeitgewinnens“ einer genaueren Betrachtung nötig. Zunächst ist die Behauptung, dass es sich einfach um einen Nicht-Angriffspakt handelte, falsch. Am 21. August 1939 schrieb Stalin an Hitler:

Die Zustimmung der deutschen Regierung zum Abschluss eines Nichtangriffspakts wird es ermöglichen, die politischen Spannungen zu beseitigen und den Frieden und die Zusammenarbeit (sic!) zwischen unseren Ländern herzustellen.14

Der Aspekt der Zusammenarbeit sollte fortan eine zentrale Rolle spielen. Wenige Tage später überfiel Deutschland Polen – von Osten her rückte die Rote Armee ein. In einem geheimen Zusatzprotokoll hatten Hitler und Stalin die Aufteilung Polens vereinbart. Der Historiker Jean-Jacques Marie beschreibt die Reaktion Ribbentrops, welche die Prawda am 30. September abdruckte: „Die deutsch-sowjetische Freundschaft ist nun endgültig etabliert“. Die ließ sich Hitler fortan fürstlich entlohnen. Der deutsche Verhandlungsführer Karl Schnurre führt im Februar 1940 die vereinbarten Lieferungen der Sowjetunion an Deutschland folgendermaßen auf: „900.000 Tonnen Erdöl, 100.000 Tonnen Baumwolle, 500.000 Tonnen Phosphate, 100.000 Tonnen Chromerz, 50.000 Tonnen Eisenerz, 300.000 Tonnen Schrott und Gusseisen, 2.400 Kilogramm Platin, […] 3.000 Tonnen Kupfer, 950 Tonnen Zinn, 500 Tonnen Molybdän, 500 Tonnen Wolfram, 40 Tonnen Kobalt.“15 Hinzu kamen seit Jahresbeginn 632.000 Tonnen Weizen, 232.000 Tonnen Erdöl, 23.500 Tonnen Baumwolle, 50.000 Tonnen Mangan, 6.700 Tonnen Phosphat, 900 Kilogramm Platin. 

Nahezu sämtlichen Metalle, die die Wehrmacht benötigte, um sich auf den Russlandfeldzug vorzubereiten, lieferte Stalin mit höchster Pünktlichkeit. Im Gegenzug erhielt die Sowjetunion Maschinen, Baupläne und Prototypen moderner Waffen, wenn auch in einer unvergleichlich langsameren Geschwindigkeit. Angesichts der britischen Seeblockade verschaffte Stalin den Deutschen sogar Handelsmöglichkeiten Richtung Asien über die Transsibirische Eisenbahn. Um Hitler zu besänftigen, kam auch die Auflösung der KomIntern in ersten Überlegungen Stalins auf.

Die Unterzeichnung hatte eine Schwächung des internationalen Kampfes gegen den Faschismus zufolge und stürzte die Parteien der KomIntern in eine schwere Krise. Sie wurden angewiesen, abrupt ihre Agitation und politische Aktivität gegen den Faschismus herunterzufahren, teilweise praktisch völlig einzustellen. In einem im Herbst 1939 von Wilhelm Pieck entworfenen, für Deutschland, die Tschechoslowakei und Österreich bestimmten Flugblatt, hieß es an die deutschen Arbeiter:innen gerichtet: „Stürze den Hitlerfaschismus, der Dein grausamer Feind ist. Stürze die Macht des deutschen imperialistischen Finanzkapitals, in dessen Auftrage der Hitlerfaschismus seine fortgesetzten kriegerischen Provokationen unternimmt!“. 16

Dieses wurde zunächst vom Sekretariat der KomIntern um die Anklage des Faschismus zensiert, schließlich wurde beschlossen, es überhaupt nicht zu veröffentlichen. Zudem wurden nach der Schließung des Pakts hunderte deutsche Kommunist:innen, die in der Sowjetunion Zuflucht gesucht hatten, vom NKWD an die Gestapo ausgeliefert. In Frankreich und anderen Ländern führte die mit dem Pakt einhergehende Verwässerung der antifaschistischen Linie zu drastischem Mitglieder- und Vertrauensverlust und öffnete die Tür für eine Ausdehnung der antikommunistischen Repression.

Als die Wehrmacht am 22. Juni 1941 zum Überfall auf die Sowjetunion ansetzte, wollte Stalin dies trotz zahlreicher geheimdienstlicher Warnungen nicht wahrhaben. Bis zuletzt bildete er sich ein, mit der Zusammenarbeit Hitler unter Kontrolle halten zu können. Offenbar war es nicht Stalin, der Hitler an der Nase herumführte, sondern andersrum. Stalin schaffte es nicht, einen Krieg um jeden Preis zu vermeiden, sondern nur die Aufrüstung der Wehrmacht zu beschleunigen. Statt sein Vertrauen auf das Proletariat in Deutschland und anderen Staaten Europas zu legen, setzte er auf einen Pakt mit dem Teufel, der dem Proletariat die Hände binden sollte. Statt die Sowjetunion als Festung der Revolution zu begreifen, dirigierte Stalin sie wie einen Nationalstaat. 

Die Motive der stalinistischen Außenpolitik

Dass die Politik der KomIntern im Spanischen Bürgerkrieg, dem Pakt mit dem Hitlerfaschismus und in vielen anderen Situationen bis zu ihrer Auflösung 1943 falsch war und die Arbeiter:innenklasse zurückwarf, lässt sich schwer bestreiten. Auch der KA selbst kritisiert in seinem Text Marxismus und Revisionismus die auf dem 7. Weltkongress bestätigte Linie der „Herstellung eines kollektiven Sicherheitssystems in Europa, das heißt zugunsten des Versuchs, durch wechselseitige Nichtangriffs- und Beistandsverträge mit England, Frankreich und anderen Staaten eine zumindest mittelfristige friedliche Koexistenz mit dem Imperialismus herzustellen. Zur Erreichung dieses Ziels wurden auch die Anstrengungen zur Bolschewisierung der westeuropäischen kommunistischen Parteien letztlich eingestellt und damit der Kampf um die sozialistische Revolution in Europa auch von der KPdSU-Führung zumindest auf Jahre hinaus aufgegeben.“

Wenden wir uns der Frage zu, welche Motive dieser Politik zugrunde lagen. Handelte es sich um Fehleinschätzungen einer Führung, die dennoch – zumindest langfristig – weiterhin das Ziel der weltweiten Emanzipation der Arbeiter:innenklasse verfolgte? Oder hatte bereits ein viel tieferer Bruch mit dem revolutionären Internationalismus stattgefunden, auf dessen Grundlage die KomIntern geboren wurde?

Im Gegensatz zum KA gehen wir davon aus, dass sich die falsche Führung der KomIntern nicht erklären lässt, ohne das Phänomen der Bürokratisierung der Sowjetunion ins Zentrum der Analyse zu stellen. Die Politik der sowjetischen Führung – und damit der KomIntern, denn wie der KA selbst schreibt, lag dessen Führung „unbestritten beim Zentralkomitee der KPdSU“ – entsprach einem spezifischen materiellen Interesse, das zunehmend mit dem der internationalen Arbeiter:innenklasse in Konflikt geriet, ihm in vielen Fällen diametral entgegenstand. 

In Folge des niedrigen wirtschaftlichen Entwicklungsstandes, die durch die Verwüstung des Bürgerkriegs – große Teile der proletarischen Avantgarde waren im Bürgerkrieg gefallen oder waren in seiner Folge erschöpft – im Kombination mit der Isolation durch das Scheitern der revolutionären Welle in Westeuropa, verschärft wurde, gelang es einer Schicht von Staats- und Parteifunktionär:innen die Macht im Arbeiter:innenstaat zu monopolisieren. Diese Kaste, deren sozialen Grundlage die bürokratische Verwaltung des verstaatlichten Eigentums war – hatte durch ihre Stellung in Produktion, Distribution und Staatsverwaltung eine Reihe an Privilegien angehäuft und zwackte zunehme Teile des Nationaleinkommens der Sowjetunion für sich selbst ab. Zwar entsprach diese Schicht weder ihrer sozialen Funktion, noch ihres Reichtums nach der Bourgeoisie in den kapitalistischen Ländern, doch ihr Lebensstandard übertraf – je nach Rang – den der durchschnittlichen sowjetische Arbeiter:innenklasse um ein Vielfaches. 

Es war diese Schicht, an dessen Spitze die KPdSU-Führung stand und deren zunehmender Selbsterhaltungstrieb, den sie politisch repräsentierte. Das enge Partikularinteresse der Sowjetbürokratie, welches vor allem in der Sicherung und Festigung ihrer Kontrolle über Wirtschaft und Verwaltung des Arbeiter:innenstaates und sich daraus ergebenden Privilegien bestand, bestimmte immer stärker die Linie der KomIntern, wobei der Übergang von Inkompetenz zu bewusster Sabotage durchaus fließend verlief.

Nur so lässt sich das auffällige und scheinbar erratische Schwanken der sowjetischen Außenpolitik begründen, das nichts mehr mit revolutionär-marxistischer Taktik zu tun hatte, sondern sich vielmehr der Logik der bürgerlichen Diplomatie anglich. Während die revolutionär-marxistische Tradition – für dessen Kontinuität Trotzki und die Linke Opposition innerhalb der Sowjetunion und KomIntern kämpften – zwar taktische Flexibilität zulässt, diese aber auf unbedingte Konsequenz in Strategie und Programm fußt, handelte die KomIntern-Führung genau gegensätzlich. An bestimmten Taktiken – wie der Ablehnung der Einheitsfront in der „dritten Periode“ – wurde auch noch starr festgehalten, nachdem diese sich als bereits als fatal erwiesen hatten, während andererseits grundlegende strategische und programmatische Prinzipien immer wieder dramatisch geändert wurden. Hatte man Anfang 1939 noch gepredigt, dass die Unabhängigkeit der Arbeiter:innenklasse aufgegeben werden müsse, um den Faschismus zu bekämpfen, ging man wenige Monate später dazu über, den Faschismus kräftig zu unterstützen.

Dieses Schwanken zeigte sich an dem Umgang mit der marxistischen Theorie, auf die sich zwar weiterhin berufen wurde, um die eigene Politik zu rechtfertigen, die aber immer wieder „angepasst“ und damit absurd entstellt wurde, um dieses oder jene Ziel der sowjetischen Außenpolitik zu rechtfertigen. Ein Beispiel für das Hantieren mit marxistisch klingenden Begriffen, die allerdings jedes Inhalts beraubt werden, um die die reaktionäre Rolle des Stalinismus zu legitimieren liefert auch der KA, wenn er schreibt: „[Trotzkis] Entwicklung stellt ein gutes Beispiel dafür dar, was passiert, wenn Marxist:innen sich an allgemeinen Prinzipien festklammern, zugleich aber der Dialektik den Rücken kehren und so die Fähigkeit einbüßen, sich in einer konkreten Situation zu orientieren, die sich anders darstellt als von ihnen (und vielleicht auch vom ganzen Rest der Partei) erwartet.“

So war etwa die Formulierung der Volksfronttaktik durchaus keine dialektische Weiterentwicklung des Marxismus in einer geänderten objektiven Situation – dies würde voraussetzen, dass die KomIntern-Führung weiterhin vom Standpunkt des Weltproletariats aus handelte –, sondern ein Versuch, angesichts der Möglichkeit eines Überfalls des Hitlerfaschismus auf die Sowjetunion die „demokratischen“ Imperialismen, insbesondere Frankreich und Großbritannien als Bündnispartner zu gewinnen. Diese Wendung wurde dann notdürftig mit Versatzungsstücken marxistischer Rhetorik ausgeschmückt. 

Die sowjetische Führung wollte beweisen, dass von der KomIntern keine Bedrohung mehr für den Kapitalismus in Westeuropa ausging, das Ziel der sozialen Revolution wurde dementsprechend aufgegeben und mit der Verteidigung der bürgerlichen Demokratie ersetzt. Die Mitgliedsparteien der KomIntern wurden angewiesen, sich zu Anhängseln ihrer nationalen Bourgeoisien zu machen. Stalin selbst versicherte im Jahr 1936 in einem Interview mit dem US-amerikanischen Journalisten Roy Howard auf die Frage, ob die Sowjetunion ihre Pläne für die Weltrevolution aufgegeben hätte: „Solche Pläne und Intentionen hatten wir nie.“17 Die Vorstellung, dass die KomIntern als Instrument für die Förderung der internationalen Revolution gegründet wurde, bezeichnete er als „ein Missverständnis“. Eine offensichtliche Fälschung der Geschichte und eine Beleidigung an die Revolutionär:innen, die die Gründung der KomIntern errungen hatten, aber in der Logik des Stalinismus spielte das keine Rolle. Die Krone setzte dem Ganzen auf, dass nach dem vorläufigen Scheitern des Bündnisses mit den ‚demokratischen‘ Imperialist:innen gegen Deutschland stattdessen ein Bündnis mit dem faschistischen Deutschland gesucht wurde.

Das Ziel der internationalen Emanzipation der Arbeiter:innenklasse war also zugunsten des Versuches, gute Beziehungen mit dem Imperialismus herzustellen, abgeräumt, die KomIntern zu einem Instrument der nationalen Diplomatie degradiert worden – und das nicht nur „mittelfristig“, als ob die Bürokratie geplant hätte, nach einigen Jahren zum revolutionären Internationalismus zurückzukehren. Das ist der Inhalt des „Realismus“, den der KA der stalinistischen Führung immer wieder anerkennend attestiert.

Wir verteidigen dabei nicht die ultralinke Position, Verhandlungen eines Arbeiter:innenstaates mit bürgerlichen Staaten unter allen Umständen abzulehnen. Das Beispiel des Friedensschlusses von Brest-Litowsk zwischen der jungen RSFR und Deutschland zeigte, dass solche Schritte unter bestimmten Bedingungen notwendig sein können. Die Bolschewiki um Lenin und Trotzki sahen darin ein zeitweiliges Manöver, um den gefährdeten Errungenschaften der russischen Revolution eine Atempause zu verschaffen, während sie jedoch hauptsächlich auf die Arbeiter:innenklasse in Deutschland und anderen Ländern setzten und deren Sieg mit aller Kraft zu unterstützen suchen.

Der Stalinismus kehrte dieses Verhältnis nun um: Die kommunistischen Parteien und von ihr angeführten Werktätigen wurden höchstens als Manövriermasse für die Ziele der nationalen Diplomatie betrachtet und wenn diese es erforderte, hat er sie immer wieder ins Messer laufen lassen. Währenddessen waren es auch nicht die Interessen der Masse der sowjetischen Arbeiter:innen, die die nationale Diplomatie anleiteten. Im Gegenteil bestand ein enger Zusammenhang zwischen der Sabotage revolutionärer Bewegungen im Ausland und der zunehmend reaktionären Politik der KPdSU im Inneren. Eine siegreiche Revolution in Frankreich, Spanien (oder einem anderen Land) hätte nicht nur positive wirtschaftliche Auswirkungen und damit einen tatsächlichen Sprung im Aufbau des Sozialismus bedeutet. Sie hätte zweifellos zu einem Aufschwung des Tatendrangs und Selbstbewusstseins der sowjetischen Massen geführt. Tatsächlich fürchtete die stalinistische Bürokratie die Selbstaktivität- und Organisation der Arbeiter:innen zutiefst. Der Sieg der Arbeiter:innenklasse über die Bourgeoisie in einem anderen Land hätte die „Gefahr“ geborgen, dass größere Teile der Arbeiter:innenklasse in der Sowjetunion die Unterdrückung jeglicher proletarischer Demokratie und die diktatorische Kontrolle der – ohnehin meist ungeliebten – Apparatschiks über ihren Arbeitsplatz und alle Fragen des Alltagslebens energischer infrage gestellt hätten. Dass sie sich gegen deren Arroganz und teilweise luxuriösen Lebensstil – während trotz erheblicher Verbesserungen ein großer Teil der Bevölkerung weiterhin in relativer Armut lebte – gerichtet hätten, vielleicht in einem Maße, dem durch Polizei- und Geheimdienstterror nicht mehr beizukommen wäre. 

Der KA schreibt Trotzki zu, er habe einseitig „[a]lle Schwächen des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion, alle Erscheinungen des Bürokratismus, kurz gesagt alles was Trotzki als Widerspruch zu seinen hohen Idealen einer sozialistischen Gesellschaft empfand, […] auf das Ausbleiben der sozialistischen Revolution im Rest der Welt und bald auch auf die angeblich falsche Anleitung durch die Komintern zurückgeführt“, und unterstellt ihm damit eine Position, die den sowjetischen Massen abseits des Kampfes für die Ausweitung der Revolution keine eigenständige Rolle zuspricht. Tatsächlich waren für Trotzki und die linke Opposition das Eintreten für revolutionären Internationalismus untrennbar verbunden mit dem politischen Kampf innerhalb der Sowjetunion gegen die Bürokratie, für die Wiederherstellung der proletarischen Demokratie und die Vertiefung der Errungenschaften der Planwirtschaft.

Zugleich hätte eine erfolgreiche Revolution das Kräfteverhältnis innerhalb der kommunistischen Bewegung verschoben und den Würgegriff der KPdSU-Führung über die kommunistischen Parteien ausübte, infrage stellen können. Die kommunistischen Parteien erhielten zwar auch nach der Auflösung der KomIntern im Jahr 1943 – ein weiteres Zugeständnis an den „demokratischen“ Imperialismus – erhebliche materielle Unterstützung aus der Sowjetunion, allerdings nur in ihrer Funktion als Juniorpartner der KPdSU und Vollstrecker ihrer jeweiligen außenpolitischen Linie. Ein Aufgehen der Sowjetunion in eine breitere Konföderation oder Fusion von Arbeiter:innenstaaten – auch wenn dies zweifellos im ureigensten Interesse der sowjetischen Massen gewesen wäre – strebte die Bürokratie nicht an. Denn die Grundlage ihrer – ohnehin fragilen – Macht bestand in der Einfrierung nationaler Spezifika, den Bedingungen der Übergangsgesellschaft zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Das Erbe des Stalinismus, revolutionären Internationalismus durch bürgerliche Diplomatie zu ersetzen, zeigt sich heute in Deutschland am offensichtlichsten in Bündnis Sahra Wagenknecht und – unter Organisationen, die sich noch auf den „Marxismus-Leninismus“ berufen – der DKP, wie wir in einem weiteren Artikel dieser Ausgabe aufzeigen, deren Hauptbeschäftigung es ist, die Führung des deutschen Imperialismus zu Friedensverhandlungen und Bündnispolitik im Sinne einer „multipolaren Weltordnung“ aufzufordern. Während der KA sich zwar davon abgrenzt und die DKP als revisionistisch kritisiert18, verteidigt er gleichzeitig diese Logik, indem er die Politik der KPdSU (bis 1953) als „realistisch“ und – trotz Kritik an „Fehlern“ – gemessen an den objektiven Bedingungen im Großen und Ganzen richtig bewertet.

Aufteilung der Welt

Nun kam es in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg dazu, dass in weiten Gebieten Osteuropas, die die Rote Armee vom Faschismus befreit hatte, die Bourgeoisen enteignet und Planwirtschaften errichtet wurden. Widerlegen nun die nach dem Krieg entstandenen „realsozialistischen“ Staaten, dass der Stalinismus konterrevolutionär geworden war? Trotzki beschrieb im Übergangsprogramm die „theoretische Möglichkeit […], daß unter dem Einfluß eines außergewöhnlichen Zusammentreffens bestimmter Umstände (Krieg, Niederlage, Finanzkrach, revolutionäre Offensive der Massen usw.) kleinbürgerliche Parteien – die Stalinisten eingeschlossen – auf dem Weg des Bruchs mit der Bourgeoisie weiter gehen können, als ihnen selbst lieb ist.“19

Die theoretische Möglichkeit entfaltete sich in der unmittelbaren Nachkriegsperiode praktisch. Die ab der verlorenen Schlacht in Stalingrad beginnende Niederlage des deutschen Faschismus und seiner Verbündeten in Osteuropa ging einher mit einem enormen Aufschwung von antifaschistischen und antikapitalistischen Massenmobilsierungen, die sich häufig zunächst in relativer Unabhängigkeit von der sowjetischen Bürokratie entwickelten. In Ungarn, Deutschland, der Tschechoslowakei und weiteren Ländern herrschte eine revolutionäre Stimmung, auf den Sieg über die faschistischen Truppen folgten die Gründung von Fabrikkomitees, Arbeiter:innen- und Soldatenräten und Milizen, die teilweise die Reorganisation der Produktion und des städtischen Lebens sowie die Niederhaltung weiterhin bestehender faschistischer Elemente in ihre eigenen Hände nahmen.

Die Niederlage des Faschismus hatte ein Machtvakuum hinterlassen, während die imperialistischen Staaten der „Alliierten“, die selbst durch den Krieg geschwächt waren und durch den Klassenkampf im Inneren unter Druck standen, dieses nicht unmittelbar füllen konnten. Die von der Sowjetunion ab 1948 veranlasste Gründung von Arbeiter:innenstaaten, in denen Eigentum verstaatlicht und die Produktion geplant wurde, war zum einen Ergebnis von revolutionären Prozessen, zum anderen aber auch ihrer Einebnung. Organe der Arbeiter:innenmacht und Arbeiter:innenkontrolle über die Produktion wurden unterhöhlt, zerschlagen und durch bürokratische Gremien unter der Führung von moskautreuen Funktionär:innen ersetzt. Es handelte sich hier um eine Reaktion auf der Grundlage der Revolution, die zwar materielle Fortschritte für die Massen mit sich brachte – wobei diese durch die Politik des Stalinismus, etwa der weitreichenden Demontage der Industrie ebenfalls stark gehemmt wurde – während diese gleichzeitig von der politischen Macht ferngehalten wurden. 

Demgegenüber stand die Restauration des Kapitalismus in West- und Teilen Südeuropas unter Vorherrschaft der USA. Hier tritt die konterrevolutionäre Rolle des Stalinismus besonders deutlich zum Vorschein. Die Politik der Sowjetbürokratie zu dieser Zeit bestand keinesfalls in einer Abkehr vom Ziel der friedlichen Koexistenz mit dem Imperialismus, sondern vielmehr dessen Neustrukturierung unter den durch den Krieg veränderten Bedingungen. Insbesondere auf den Konferenzen in Teheran im Jahr 1943 sowie in Jalta und Potsdam im Jahr 1945 verständigten sich Stalin, die britischen Premiers Churchill bzw. Attlee und die amerikanischen Präsidenten Roosevelt bzw. Truman über die Aufteilung Europas in Einflusszonen. Der britische Imperialismus hatte vor Kriegsausbruch lange auf einen Pakt mit dem deutschen Faschismus gegen die Sowjetunion gesetzt, für ihn und den US-Imperialismus bestand selbst während ihres Kriegseintrittes ein zentrales Ziel in der Zerstörung der Sowjetunion – lange zögerten die Westalliierten, eine zweite Front aufzumachen, damit sich Deutschland und die Sowjetunion gegenseitig schwächen würden. Erst mit der Wende von Stalingrad und dem Vormarsch der Roten Armee sahen sie sich genötigt einzugreifen, um Europa nicht der Sowjetunion zu überlassen. Der weitere Verlauf des Krieges zwang sie jedoch dazu, Zugeständnisse zu machen und die sowjetische Herrschaft in Osteuropa zu akzeptieren. Im Gegenzug sicherte der Stalinismus zu, alles in seiner Macht stehende zu tun, um revolutionäre Prozesse in den Einflusszonen, die die westlichen Imperialisten beanspruchten, zu blockieren und die nationalen Kommunistischen Parteien auf den Schutz des kapitalistischen Privateigentums und die Herstellung bürgerlicher Regime zu orientieren. 

In Frankreich hatte die Résistance-Bewegung gegen die faschistische Besatzung und das kollaborationistische Vichy-Regime, in der die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) die führende Rolle spielte, Millionen mobilisiert. Nach der Befreiung von Paris im August 1944 herrschte eine Situation der Doppelmacht: In zahlreichen Regionen kontrollierten lokale Widerstandskomitees die Infrastruktur und Nahrungsmittelversorgung, Arbeiter:innen hatten Fabriken besetzt. Die Bourgeoisie und ihre traditionellen Parteien waren weitgehend diskreditiert – größtenteils hatten sie mit dem Faschismus kollaboriert. Staatlichen Apparate waren zusammengebrochen und die Arbeiter:innenklasse hätte über die organisatorische und moralische Stärke verfügt, die gesamte Gesellschaft auf sozialistischer Grundlage umzugestalten. Doch anstatt diese Situation zu nutzen, warf die PCF in Einklang mit dem zwischen Stalinismus und Imperialismus getroffenen Abkommen, ihr durch ihre Rolle im Widerstand erlangtes großes Prestige in der Arbeiter:innenklasse in die Waagschale, um die revolutionäre Energie in eine Versöhnung mit der Bourgeoisie umzulenken. Sie trat in die provisorische Regierung unter Führung von Charles de Gaulle ein und beteiligte sich an der Entwaffnung der Maquis (Partisanenkämpfer:innen).

In Griechenland hatte die Aufteilung Europas mit dem Imperialismus tödliche Folgen. Während die deutsche Besatzung Griechenlands zusammenbrach, maßgeblich durch den  massenhaften Widerstand der ELAS-EAM (Griechische Volksbefreiungsarmee/Nationale Befreiungsfront) die von der KKE (Kommunistische Partei Griechenlands) angeführt wurde, hatten Churchill und Stalin bereits im Oktober 1944 in Moskau die künftige Aufteilung des Balkans beschlossen – Griechenland sollte in die britische Einflusssphäre fallen. Dass die britische Regierung zehntausende Truppen nach Griechenland mobilisierte, stieß auf keinerlei Protest aus Moskau. Die KKE folgte der von Stalins vorgegebenen Linie der „nationalen Einheit“ mit der Bourgeoisie und trat in die von London eingesetzte Regierung des antikommunistischen Liberalen Georgios Papandreou ein. Nachdem klar wurde, dass Papandreou sich kategorisch weigern würde, freie Wahlen und ein Referendum über die Abschaffung der Monarchie abzuhalten, brach diese jedoch auseinander. Als die ELAS-AM am 3. Dezember eine unbewaffnete Demonstration gegen die Regierung organisierte, reagierten Polizei und die britische Armee mit einem Massaker. Infolge dieses Ereignisses brach ein bewaffneter Konflikt zwischen Regierung, britischer Armee und extrem rechten Milizen auf der einen und der ELAS-EAM auf der anderen Seite aus. Der Waffenstillstand, der im Februar 1945 unterzeichnet wurde und die Entwaffnung der Widerstandsgruppen beinhaltete, führte keineswegs zu einem Ende des Mordens. Stattdessen leitete er eine Welle des Weißen Terrors gegen Kommunist:innen ein, der schließlich in einem dreijährigen Bürgerkrieg mündete, aus dem die vom westlichen Imperialismus unterstützte Monarchie als Sieger hervorging. Die Sowjetunion, die dem kommunistisch geführten Widerstand keinerlei Unterstützung leistete und die reaktionären Verbrechen tolerierte, trug maßgeblich zu dessen Niederlage bei. 

Die Beispiele Frankreichs und Griechenland – wir könnten einige weitere anführen – bestätigten die im Gründungsdokument der 4. Internationale getroffene Feststellung: „Die historische Krise der Menschheit ist zurückzuführen auf die Krise der revolutionären Führung.“20 Nur mithilfe der reaktionären Außenpolitik des Stalinismus konnte es gelingen, die enorme revolutionäre Welle nach der Niederlage des Faschismus einzudämmen. Ironischerweise begann die Stärkung des US-Imperialismus mitsamt der Konsolidierung des Kapitalismus in Westeuropa und seinen Einflusssphären, zu denen die Sowjetunion entschieden beigetragen hatte, sich mit dem Anbruch des Kalten Krieges bald gegen die Sowjetunion zu richten. Wie der „Sozialismus in einem Land“ musste sich auch die friedliche Koexistenz mit dem Imperialismus letztlich als Utopie beweisen. Laut dem KA „[gebührt] den Bolschewiki um Stalin die historische Leistung […], eine über Jahrzehnte isoliert gebliebene Revolution nicht nur zu verteidigen, sondern unter schwierigsten Bedingungen konkrete Schritte des sozialistischen Aufbaus zu gehen“. Wir müssen entgegnen, dass dem Stalinismus vor allem die historische Leistung gebührt, Bedingungen mitgeschaffen zu haben, die Schritte des sozialistischen Aufbaus international untergraben und letztlich zum Verlust aller Errungenschaften der russischen Revolution und der Planwirtschaft geführt haben.

Der KA wirft dem Trotzkismus vor, eine „Fetischisierung einer internationalen Organisation“ zu betreiben – selbst dann, wenn deren Schaffung angeblich „nicht dem Entwicklungsstand und den Möglichkeiten der einzelnen Mitgliedsorganisationen“ entspreche. Diese Kritik entspringt einer Perspektive, die die Revolution als vorrangig nationale Sache betrachtet, das nationale Terrain zum Ausgangspunkt der Strategie macht und damit das verhängnisvolle Erbe des Stalinismus fortführt.

Doch wie Trotzki in seiner Kritik des KomIntern-Programmentwurfs von 1927 schrieb: „In unserem Zeitalter, welches ein Zeitalter des Imperialismus, d.h. der Weltwirtschaft und der Weltpolitik ist, welche durch das Finanzkapital beherrscht werden, vermag keine einzige nationale Sektion ihr Programm lediglich, oder auch nur vorwiegend aus den Bedingungen und Tendenzen der nationalen Entwicklung heraus aufzubauen.“21 Diese Worte haben bis heute nicht an Gültigkeit verloren. Im Gegenteil zeigen die Umbrüche der Weltlage, aber auch die jüngsten Phänomene des Kampfes der Arbeiter:innen und Jugend, das keine der entscheidenden Fragen unserer Zeit im nationalen Maßstab erklärt, geschweige denn gelöst werden kann. Die Aufgabe die vor uns liegt ist groß; um sie zu meistern, ist es nötig, den Ballast des Stalinismus, der der Arbeiter:innenklasse in der Vergangenheit einige ihrer schwersten Niederlagen beschert hat, abzuwerfen und an die besten Traditionen des revolutionären Marxismus – einschließlich des kompromisslosen Internationalismus – wieder anzuknüpfen. Die internationale Organisierung ist dabei alles andere als dogmatisches Festhalten an überkommenen Prinzipien, wie der KA suggeriert, sondern als ein mächtiges Werkzeug im Kampf für eine sozialistische Gesellschaft aktueller denn je.

Fußnoten

  1. 1. Währenddessen tendiert der KA stellenweise dazu, den Konflikt zu personalisieren und damit zu entpolitisieren. So schreiben sie etwa: „Nach Trotzkis Ausweisung wurde er zwar innerhalb der Sowjetunion zunehmend einflusslos, unter anderem deswegen spitzte sich aber auch seine Kritik an den sowjetischen Verhältnissen zu.“
  2. 2. Für eine ausführlichere Bilanz des deutschen Oktobers empfehlen wir den Artikel 1923: Die Revolution war möglich, der auf Ausarbeitungen von Emilio Albamonte und Matías Maiello im 3. Kapitel ihres Werks Estrategia Socialista y Arte Militar (2017) basiert: https://www.klassegegenklasse.org/1923-die-revolution-war-moeglich/.
  3. 3.  Leo Trotzki: Verratene Revolution. Was ist die Sowjetunion und wohin treibt sie? (1936), Arbeiterpresse Verlag, Essen 1990, S.25f.
  4. 4. Ebd., S. 65.
  5. 5. Karl Marx und Friedrich Engels: Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1950, in: Dies.: Werke, Band 7, Dietz Verlag, Berlin 1960, S. 244-254., hier S. 254.
  6. 6. J. W. Stalin: Zu den Fragen des Leninismus, in Ders.: Werke, Band 8, Dietz Verlag, Berlin 1952, S. 13-52, hier S. 39.
  7. 7. Georgi Dimitrov: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus, Bericht auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, 2. August 1935, https://www.marxists.org/deutsch/referenz/dimitroff/1935/bericht/ch1.htm, [aufgerufen am 23.10.2025].
  8. 8. Thesen über die Taktik der Kommunistischen Internationale. Zum Bericht des Genossen Sinowjew über die weitere Taktik der Komintern, https://www.sozialistischeklassiker2punkt0.de/sites.google.com/site/sozialistischeklassiker2punkt0/komintern-1/weltkongress-4/1-thesen-ueber-die-taktik-der-ki.html, [aufgerufen am 04.11.2025]
  9. 9. Ebd.
  10. 10. Decision of the Presidium of the E.C.C.I. on the Work of the Communist Party of Spain, in: The Communist International, Organ of the Executive Committee of the Communist International, Vol. XIV, New York, Februar 1937, S. 136, eigene Übersetzung.
  11. 11. Walter Held: Stalinism and POUM in the Spanish Revolution, (March-April 1937), eigene Übersetzung, https://www.marxists.org/history/etol/document/spain/spain02.htm, [aufgerufen am 23.10.2025]
  12. 12. Decision of the Presidium, S. 137.
  13. 13. Die Arbeiterpartei der marxistischen Einheit (POUM) wurde von PCE und KomIntern als trotzkistisch – und damit pro-faschistisch – charakterisiert. Zwar sympathisieren Teile der Partei mit dem Trotzkismus, es bestanden jedoch auch bedeutende Differenzen mit Trotzki, der ihre Politik scharf kritisierte. Die POUM beteiligte sich an der Volksfront, was ihre Anführer:innen jedoch nicht vor Folter und Ermordung durch den Stalinismus bewahrte.
  14. 14. Brief des Sekretärs des Zentralkomitees der Allunionskommunistischen Partei (Bolschewiki) I. V. Stalin an den Reichskanzler des Deutschen Reiches A. Hitler., 21.9.1939, https://doc20vek.ru/node/933, eigene Übersetzung [4.11.2025].
  15. 15. Karl Schnurre: Memorandum on the German-Soviet Commercial Agreement signed on February 11, 1940, Berlin, 26. Februar 1940, in: Avalon Project, Yale Law Library, https://avalon.law.yale.edu/20th_century/ns120.asp, eigene Übersetzung [aufgerufen am 05.11.2025].
  16. 16. Nicht publizierter Entwurf eines Aufrufs der KPD mit der Aufforderung zum Sturz der Hitlerdiktatur [Moskau], 28.9.1939, in: Bernhard H. Bayerlin: Deutschland, Russland, KomIntern – Dokumente (1918-1943), Teil 5: 1939–1943 Stalin-Hitler-Pakt, Angriff auf die Sowjetunion und Neuausrichtung von Komintern und KPD im Zweiten Weltkrieg, De Gruyter eBook, 2014, S. 1593.
  17. 17. J.W. Stalin: Interview Between J. Stalin and Roy Howard, https://www.marxists.org/reference/archive/stalin/works/1936/03/01.htm, eigene Übersetzung, [31.10.2025].
  18. 18. Vgl. Kommunistischer Aufbau: Marxismus und Revisionismus, Entwicklung, Grundzüge & antirevisionistischer Kampf, Revisionismus und Linksrevisionismus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, 14. März 2024, https://komaufbau.org/marxismus-und-revisionismus/, [26.10.2025].
  19. 19. Leo Trotzki: Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale, Das Übergangsprogramm, Arbeiterpresse Verlag, Essen 1997, S. 83-132, hier S. 111.
  20. 20.  Ebd., S. 84.
  21. 21. Leo Trotzki: Die Internationale Revolution und die Kommunistische Internationale, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1928/kritik/teil1a.htm [abgerufen am 08.11.2025]. 

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