Ich kämpfe für die Zukunft – damit andere es einmal besser haben

30.04.2026, Lesezeit 8 Min.
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Foto: Baki Devrimkaya / Klasse Gegen Klasse

Die Beschäftigten der Tochterfirmen von Vivantes sind im Streik. Wir haben mit einer Beschäftigten über den Arbeitskampf bei einem der größten Kliniken Berlins gesprochen.

Wer bist du, was arbeitest du und wieso bist du im Streik?

Ich bin Şengül und arbeite bei der Vivantes Speiseversorgung und -logistik GmbH (SVL) als Servicekraft. Insgesamt bin ich seit zehn Jahren bei Vivantes, davor war ich bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) tätig. Dort hatte ich bereits einen Tarifvertrag – und genau deshalb bin ich 2021 bewusst in den Streik bei Vivantes gegangen. Mir war wichtig, dass meine Kolleginnen und Kollegen die gleichen Rechte bekommen, wie ich sie früher hatte. Ich habe viele Kolleg:innen überzeugt, sich anzuschließen – so hat der Streik damals überhaupt erst richtig begonnen.

Die Zustände vor dem Streik 2021 waren sehr schlecht, besonders in den Tochterfirmen. Die Bezahlung war niedrig und die Arbeitsbedingungen hart. Reinigungskräfte zum Beispiel haben teilweise 25 Tage im Monat gearbeitet und nur fünf Tage frei gehabt. Es gab keine Zuschläge für Wochenenden, kein Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. Für 120 Stunden im Monat haben sie etwa 1.400 Euro brutto verdient – das ist extrem wenig.

Erst durch den Streik hat sich vieles verbessert. Wir haben Zuschläge, mehr Urlaubstage und insgesamt bessere Bedingungen erkämpft. Auch finanziell hat sich etwas getan: Für die gleiche Arbeitszeit verdienen wir jetzt etwa 2.100 Euro brutto, also rund 700 Euro mehr als früher. Das ist ein großer Unterschied. Trotzdem gehen wir jetzt erneut in den Streik – und ich bin überzeugt, dass wir wieder etwas erreichen werden.

Wir haben auch vieles ver.di zu verdanken. Nur mit ihrer Hilfe konnten wir erkämpfen, dass wir bessere Löhne und faire Arbeitszeiten bekommen. Und zwar nicht einzeln, sondern gemeinsam. Ich bin bei ver.di, weil ich gemerkt habe, dass sich alleine nichts ändert. Viele Verbesserungen bei uns kamen nur zustande, weil Leute organisiert waren.

Wofür streikt ihr aktuell?

Wir streiken für gleichen Lohn für gleiche Arbeit, gleiche Rechte und vor allem für 100 Prozent des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst (TVöD). Dieser Tarifvertrag und die Rückführung in den Mutterkonzern wurden uns bereits 2021 versprochen – ebenso wie eine vollständige Angleichung an den TVöD innerhalb von vier Jahren. Dieses Versprechen wurde bisher nicht eingehalten.

Aktuell liegen wir bei etwa 90 Prozent des TVöD, es fehlen also noch rund 10 Prozent. Gleichzeitig wird uns angeboten, die vollständige Angleichung erst bis 2030 umzusetzen – das ist für uns nicht akzeptabel. Wir haben schon lange genug gewartet.

Was hat beim Streik 2021 gut funktioniert – und was sollte man diesmal anders machen?

Ein großer Vorteil 2021 war, dass wir gemeinsam mit den Pflegekräften gestreikt haben. Dadurch waren wir deutlich mehr Menschen und hatten mehr Druck. Dieses Mal stehen wir alleine da und es ist schwieriger, Kolleg:innen zu mobilisieren.

Viele sind auch skeptisch, weil Versprechen aus der Vergangenheit nicht eingehalten wurden. Einige sagen: „Warum sollen wir wieder streiken, wenn am Ende doch nichts passiert?“ Diese Enttäuschung erschwert die Organisierung der Beschäftigten in den einzelnen Kliniken. Viele sind noch nicht überzeugt, in den Streik zu treten. Aktuell sind wir ca. 500 von 2.200 Beschäftigten im Streik.

Hinzu kommt ein ganz praktisches Problem: Streiken bedeutet Einkommensverlust. Zwar gibt es Streikgeld von der Gewerkschaft, aber das reicht für viele nicht aus – vor allem für Alleinerziehende oder Familien mit nur einem Einkommen.

Welche Rolle spielt die Streikkasse?

Die Streikkasse ist eine wichtige Unterstützung. Sie wird durch Spenden finanziert und hilft dabei, den Verdienstausfall abzufedern. Schon kleine Beträge machen einen Unterschied – etwa 10 Euro pro Tag können entscheiden, ob jemand am Streik teilnehmen kann oder nicht. Besonders für Kolleg:innen mit wenig Einkommen ist das entscheidend. Umso wichtiger ist es, dass wir viele Spenden reinbekommen, damit wir nicht nur länger streiken können, sondern auch mehr Kolleg:innen für den Kampf an den Streikposten überzeugen können.

Wie kann man euch unterstützen?

Unterstützung ist auf vielen Ebenen möglich. Es hilft, wenn Menschen zu den Streikposten kommen und sichtbar Solidarität zeigen. Wenn wir zum Beispiel 300 Streikende sind und zusätzlich 100 Unterstützer:innen von außen dazukommen, erhöht das den Druck auf die Geschäftsführung und die Politik enorm.

Auch Aufklärung ist wichtig: Viele wissen gar nicht, was ein Streik bedeutet oder warum wir streiken. Gerade Jugendliche können hier viel bewegen, indem sie sich informieren und mitmachen.

Gibt es politische Themen, die eine Rolle spielen für den Streik?

Klar, sehr viele. Vielen von uns ist beispielsweise sehr bewusst, dass Geld für militärische Zwecke ausgegeben wird, aber nicht für soziale Bereiche, den Gesundheitssektor oder die Bildung. Unsere Kinder soll ich an eine Front schicken, wo sie andere Menschen töten sollen. Wieso? Weil das die Politiker so entscheiden. Ich will meine Kinder aber nicht in den Krieg schicken. Meine Kinder sollen auf andere schießen, die genauso ihre Kinder in den Krieg schicken mussten? Nein, das will ich nicht, das wollen wir alle nicht.

Und es wird auch immer wieder Geld beispielsweise nach Israel geschickt. So viele Menschen sind hier auf den Demonstrationen gegen den Genozid in Gaza auf den Straßen gewesen, Alte, Jugendliche, Linke, und so weiter. Man muss auch die Polizei kritisieren. Die Polizei sollte das Volk beschützen, nicht ihnen noch mehr Angst und Probleme machen. Ich war mal auf einer Demo und habe zugesehen, wie sie grundlos reingestürmt sind, Menschen festgenommen und sie verletzt haben. Da verliert man schon den Respekt vor dieser Polizei.

Gleichzeitig erleben wir, dass politische Versprechen oft nicht eingehalten werden. Uns hat man den TVöD bereits vor fünf Jahren versprochen, bekommen haben wir ihn aber nicht. Wir wurden mehrmals vor Gericht gezogen, haben sowohl gewonnen, als auch verloren. Aber die Politiker waren nicht diejenigen, die uns die Arbeitsbedingungen erleichtert haben. Nur, weil wir selbst gekämpft haben, haben wir diese Rechte gewonnen. Und genauso müssen wir das auch jetzt tun. 

Und ich denke, man muss sich bewusst machen: Die Bevölkerung ist eigentlich die Grundlage der politischen Macht. Ohne unsere Stimmen kommen Politiker nicht in ihre Positionen. Trotzdem fühlen sich viele Menschen machtlos und nicht ausreichend einbezogen. Die AfD gewinnt immer mehr Stimmen, weil die anderen Parteien alles nur noch schlimmer machen. Und wo ist Kai Wegner? Er versteckt sich, er gibt leere Versprechen und sagt immer: „Ja, ja, machen wir, reden wir, gucken wir.“ Seit Jahren und es hat sich nichts verändert.

Was bedeutet der Streik für dich persönlich und gesellschaftlich?

Für mich geht es nicht nur um meine eigene Situation, sondern auch um die Zukunft. Ich kämpfe dafür, dass kommende Generationen bessere Bedingungen haben. Andere haben früher auch für uns gekämpft – jetzt sind wir dran. Deswegen wollen wir auch die VBL (vermögenswirksame Betriebsleistungen) unbedingt haben. Nicht, weil ich davon großartig profitiere, ich arbeite nicht mehr so lange. Aber die Generationen nach uns, die nach uns kommen und arbeiten werden, sollen es bekommen. Dafür wollen und müssen wir kämpfen. Kein Abschluss ohne die VBL, das ist für uns ganz klar.

Und letztlich betrifft das nicht nur die Beschäftigten: Schlechte Arbeitsbedingungen wirken sich auch auf die Versorgung der Menschen aus – zum Beispiel in Krankenhäusern. Ohne Reinigungskräfte, Servicepersonal oder Logistik funktioniert kein Krankenhausbetrieb. Wir sind genauso wichtig wie die Pflegekräfte, wie die Ärzte, wie alle in diesem Krankenhaus. Deswegen wollen wir auch die gleichen Rechte haben und genauso viel verdienen. Das haben wir verdient.

Wenn du auf einer Bühne vor allen Kolleg:innen stehen würdest, was würdest du ihnen sagen?

Also, ich würde sagen, zusammen geht das. Wenn wir zusammen sind, schaffen wir alles. Egal, wie lange es dauert, ob April, Mai, Juni – wir müssen kämpfen, nur dann werden wir gewinnen. Und wir werden gewinnen. Davon bin ich überzeugt!

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