Höher, schneller, stärker: Olympische und Paralympische Spiele erneut in Deutschland?
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) plant neue Bewerbungen, um die Olympischen und Paralympischen Spiele nach Deutschland zu holen. Doch um wessen Spiele handelt es sich eigentlich und wer bezahlt am Ende den Preis?
Fünfmal wurde Deutschland bereits als Austragungsort der Olympischen Spiele bestimmt: 1916 und 1940 fielen diese kriegsbedingt aus, die Olympischen Sommerspiele fanden 1936 in Berlin und 1972 in München, die Olympischen Winterspiele ebenfalls 1936 in Garmisch-Partenkirchen statt. Heidelberg war außerdem Ausrichter der Paralympischen Spiele – damals noch unter dem Titel „Weltspiele der Gelähmten“ – 1972. Während die Olympischen Spiele 1936 unter der NS-Diktatur ausgetragen wurden, wurden sie 1972 in München von der Geiselnahme und einer misslungenen Befreiungsaktion israelischer Athleten mit insgesamt 17 Toten überschattet. Die Bilanz fällt also äußerst negativ aus. Dennoch gab es immer wieder Versuche, das alle vier Jahre stattfindende Großereignis nach Deutschland zu holen. Sie alle scheiterten, was nicht zuletzt auch am Widerstand der eigenen Bevölkerung lag, wie etwa bei der Olympia-Bewerbung von Hamburg vor zehn Jahren, die durch ein Bürgerschaftsreferendum beendet wurde. Nun geht Hamburg erneut ins Rennen; München, die Region Rhein-Ruhr sowie Berlin zusammen mit den Bundesländern Brandenburg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen bewerben sich ebenfalls jeweils für die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 und 2044. So lautet zumindest der Plan des DOSB, der sich bis Herbst 2026 in einem dreistufigen Verfahren entscheiden würde, mit welcher Stadt er den Wettbewerb um die Austragung international führt. Denn das letzte Wort hat nicht der DOSB, sondern das Internationale Olympische Komitee (IOC).
Ende Mai reichten die vier Städte beziehungsweise Regionen ihre Bewerbungen mit überwiegender Zustimmung der kommunalen Politiker:innen beim DOSB ein. Ob sie die Rechnung dabei mit den Einwohner:innen gemacht haben, wird sich erst zukünftig zeigen: In München etwa wird darüber am 26. Oktober dieses Jahres mittels eines Bürgerentscheids abgestimmt, in Hamburg am 31. Mai 2026 in einem Referendum. Für die Rhein-Ruhr-Region ließ NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) verlauten, erst nächstes Jahr entscheiden zu wollen, wie die Abstimmung aussehen soll. In Berlin fordert das Bündnis NOlympia einen Volksentscheid gegen die Bewerbung, der Landessportbund Berlin startete eine Volksinitiative für die Bewerbung.
Olympische und Paralympische Spiele sollen der friedlichen Koexistenz und dem fairen Wettbewerb verschiedener Nationen dienen. Der Gründer des IOC, Pierre de Coubertin, prägte einst das olympische Motto: „Das Wichtige an den Olympischen Spielen ist nicht zu siegen, sondern daran teilzunehmen; ebenso wie es im Leben unerlässlich ist, nicht zu besiegen, sondern sein Bestes zu geben.“ Angesichts der Weltlage, in der Olympische und Paralympische Spiele seit jeher stattfinden, sind diese Ansprüche mindestens in Frage zu stellen. Das IOC selbst sieht sich seit Längerem Korruptionsvorwürfen ausgesetzt. Die Bewerberstädte preisen Aspekte wie Nachhaltigkeit, Stadtentwicklung, positive Effekte für die Wirtschaft und die Förderung von Sport und Inklusion an. Genauere Betrachtungen der Olympischen und Paralympischen Spiele der letzten Jahrzehnte, wie 2012 in London oder 2024 in Paris, zeichnen ein anderes Bild.
Vertreibung, Überwachung, Mietpreisexplosionen und Kosten in Milliardenhöhe
Die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele bedeutet ein Großereignis mit Kosten in Milliardenhöhe, die bereits mit der Bewerbung beginnen. Da die Bewerbungskosten irgendwann eine Höhe von 30 bis 40 Millionen Euro erreicht hatten, reagierte das IOC mit einer Reform darauf und senkte sie auf Beträge in Höhe von fünf bis acht Millionen Euro. Hinzu kommen die Kosten für den Bürgerentscheid: Im Falle von München werden hierfür etwa 6,7 Millionen Euro einkalkuliert, die von der Kommune getragen werden müssen, da solche Referenden in deren Zuständigkeitsbereich fallen. Hinsichtlich der Bewerbungskosten gegenüber dem IOC würden wohl Bund und Länder die Städte unterstützen.
Im Falle einer positiven Bewerbung und der Auswahl durch das IOC teilen sich die Kosten in zwei unterschiedliche Budgets. Eines dient der unmittelbaren Durchführung der Spiele, das andere infrastrukturellen Investitionen. Nach den Olympischen Spielen in Tokio, die knapp 20 Milliarden US-Dollar teuer waren, kam es auch hier zu einer Reform durch das IOC, sodass Paris circa neun Milliarden Euro aufbringen musste, je 4,5 Milliarden Euro pro Budget. Im Bereich der infrastrukturellen Kosten wurden diese zu 50 Prozent vom privaten Sektor übernommen, im Bereich der eventbezogenen Durchführungskosten zu 95 Prozent. Die öffentlichen Ausgaben waren zunächst mit 2,4 Milliarden Euro veranschlagt, beliefen sich letztlich aber auf circa 6 Milliarden Euro, also mehr als das Doppelte.
Doch nicht nur diese Kosten explodierten. Gleiches galt auch für die Mieten: In Paris, ohnehin eine der teuersten Städte in ganz Europa, was Mietpreise pro Quadratmeter betrifft, stiegen diese vor den Olympischen und Paralympischen Spielen nochmals um bis zu 85 Prozent. Das bedeutete, dass beispielsweise eine Einzimmerwohnung für mehr als 2.000 Euro pro Woche vermietet werden konnte. Bezüglich der Olympischen Spiele in London 2012 berichtete die BBC, dass Mieter:innen kurzfristig zum Verlassen ihrer Wohnungen gezwungen wurden, da die Vermieter:innen auf die potenziellen Profite spekulierten: Eine Wohnung, die normalerweise 350 Pfund pro Woche an Miete kostete, wurde stattdessen für 6.000 Pfund angeboten.
Untergebracht werden müssen außerdem an die 16.000 Athlet:innen sowie 3.000 Pressevertreter:innen, weshalb die Errichtung eines Olympischen Dorfes notwendig ist. München wirbt damit, diese Bauten anschließend zu einem Mehrgenerationenquartier für etwa 10.000 Bewohner:innen machen zu wollen. Dafür vorgesehen ist ein Gebiet, das derzeit aus Ackerflächen für die Produktion lokaler Lebensmittel genutzt wird. Zerstörungen sind in diesem Zusammenhang nichts, was es nicht bereits gegeben hätte: Um das Olympische Dorf in London zu bauen, wurden 28 Gebäude abgerissen, darunter zwei Hochhäuser der University of East London.
Doch nicht nur das Olympische Dorf fordert seinen Tribut. Ein noch wesentlich größeres Unterfangen sind die zahlreichen notwendigen Sportanlagen. Laut einer neuen Regelung des IOC müssen diese zu 90 Prozent bereits vorhanden sein oder dürfen maximal temporär platziert werden, das heißt, bei lediglich 10 Prozent darf es sich um komplette Neubauten handeln. München wirbt damit, dass nur ein einziger Neubau notwendig werden würde, der ohnehin bereits geplant gewesen sei. Seit den letzten Olympischen Spielen sind allerdings über 50 Jahre vergangen. In dieser Zeit dürften sich die vom IOC geforderten Standards für die Sportstätten verändert haben, sodass die Notwendigkeit zu umfassenden Erneuerungen nicht ausgeschlossen werden kann.
Gerne verweisen Städte in ihren Bewerbungen auf den angeblichen positiven wirtschaftlichen Effekt sowie einen Innovationsschub hinsichtlich der infrastrukturellen Entwicklung, da beispielsweise der Ausbau des ÖPNV eine neue Dringlichkeit erhalten würde. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeichnet jedoch ein anderes Bild: So gab es bei Olympischen Sommerspielen lokal lediglich einen Wachstumseffekt von drei bis vier Prozent, landesweit war kein messbarer Effekt vorhanden. Bei Olympischen Winterspielen gab es sowohl lokal als auch landesweit keinen messbaren Effekt. Dem Ökonom Matthias Firgo zufolge kommt es zudem zu einem Verdrängungseffekt: „Öffentliche Mittel, die in neue Stadien investiert werden, fehlen im öffentlichen Budget an anderen Stellen, wo sie ebenfalls produktiv verwendet werden könnten. Einheimische kaufen Tickets für ein olympisches Event statt für ein Konzert. Internationale Sport-Fans verdrängen in der Zeit des Events häufig zahlungskräftigen Kongress- und Kulturtourismus.“
Verdrängt wird nicht nur Budget: So berichtete The Guardian, dass zwischen Mai 2023 und Mai 2024 etwa 12.545 obdachlose Menschen in Paris gegen ihren Willen mit Bussen in provisorische Zentren außerhalb von Paris beziehungsweise in andere Gegenden Frankreichs deportiert wurden; über ein Viertel der Betroffenen war minderjährig. Ebenso hart ging die Polizei gegen Sexarbeiter:innen und Suchterkrankte vor. Ein Koordinator der Hilfsorganisation Médecins du Monde sprach von einer „sozialen Säuberung“.
Insgesamt patrouillierten letztes Jahr zu den Olympischen und Paralympischen Spielen tausende Polizist:innen in Paris, 40.000 Hamburger Gitter wurden errichtet, um Teile der Stadt in eine Hochsicherheitszone zu verwandeln. Dabei kam es zu einem massiven Ausbau der Massenüberwachung: Eingesetzt wurden KI-gestürzte Kameras, die an 46 U-Bahn-Stationen und Bahnhöfen installiert wurden. Um dies zu legalisieren, wurde im März 2023 ein Gesetz für die algorithmische Echtzeitanalyse von Videomaterial geschaffen. Auch hierzulande schreitet die Überwachung voran. Erst im August erklärte das Bundesverfassungsgericht den Einsatz von Staatstrojanern für verfassungskonform; lediglich der Katalog an Straftaten dafür wurde etwas eingeschränkt. Weiterhin erklärte es auch die präventive Überwachung für zulässig, wenn es um die Verhinderung schwerster Straftaten geht. Im März forderte der Bundesrat den bundesweiten Einsatz einer polizeilichen Analysesoftware – mutmaßlich von dem Unternehmen Palantir –, um damit unter anderem auch Gesundheitsdaten zu durchleuchten. In Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen gehören die Landespolizeien bereits zu den Käufern von Palantir-Software. Olympische und Paralympische Spiele mit ihrer herausragenden Sicherheitslage dürften den perfekten Vorwand für die Umsetzung der Überwachungsphantasien der Regierung Friedrich Merz‘ beziehungsweise Markus Söders bieten.
Die Massen sollen sich also in ihrem tagtäglichen Leben überwachen lassen, während ihnen die Zugänglichkeit zu den Spielen in ihrer eigenen Stadt nicht automatisch zusteht. In Paris ging dies so weit, dass sich Personen mit dem sogenannten Pass Jeux ausweisen mussten: So durften bestimmte Sperrzonen nur mit einem digitalen Pass mit QR-Code betreten werden, der von der Polizei an allen Zugangspunkten im Rahmen von Sicherheitskontrollen überprüft wurde. Um sich die Wettkämpfe ansehen zu können, ist der Erwerb von Tickets notwendig. Je nach Verfügbarkeit und Höhe der Ticketpreise ist es also eine Frage des Geldes, wer die Spiele live vor Ort miterleben kann und wer sie ein paar hunderte Meter vom Veranstaltungsort entfernt zu Hause in den eigenen vier Wänden vor dem Fernseher verfolgen muss; vorausgesetzt, man wurde nicht ohnehin aus der eigenen Wohnung zugunsten von Profiten vertrieben.
Handelt es sich bei Olympischen und Paralympischen Spielen um ein Event des Spitzensports, so kommt dem Breitensport, also dem Bereich, in dem sich die meisten sportlich betätigen, davon wenig zugute. Überbelegte Schulsporthallen, teure Schwimmkurse oder die Inbesitznahme von Sportflächen der Allgemeinheit, wie beispielsweise in München durch den Elite-Tennisclub MTTC Iphitos, der dabei von Bayern und der Stadt auch noch unterstützt wird, sind schon jetzt ein Problem. Doch auch der Leistungssport selbst ist mitunter von prekären Lebensverhältnissen geprägt. Zahlreiche Athlet:innen gehen zur Polizei oder haben sich als Sportsoldat:innen verpflichtet, um durch das Sportförderprogramm der Bundeswehr beziehungsweise Polizei ihren Sport als Beruf ausüben zu können. Für den Gewinn einer Goldmedaille bei den Olympischen Spielen bekommen Athlet:innen gerade einmal 20.000 Euro – in Singapur sind es hingegen 700.000 Euro. Haben Sportler:innen keine Sponsoren oder privaten Investoren, sehen sie sich mit einem Fördersystem aus Regularien, Anträgen und Behördengängen konfrontiert. Zunehmend ziehen Athlet:innen daher beispielsweise in die USA, um für bessere Trainings- und Lebensbedingungen zu sorgen, die sportliche Karriere mit der beruflichen Ausbildung zu verbinden und nicht zur Bundeswehr gehen zu müssen. Währenddessen lässt das geplante Sportfördergesetz in Deutschland weiterhin auf sich warten.
Spiele, Kriege und Krisen
Kritik an der Bewerbung hagelte es bisher vor allem von Seiten der Linkspartei. In München stimmten im Stadtrat nur die Fraktionen Die Linke/Die Partei und die ÖDP/München-Liste dagegen. Sie warnten etwa vor versiegelten Flächen, explodierenden Mieten und hohen Schulden. Die Linke Hamburg startete eine Kampagne unter dem Slogan „Olympia-Bewerbung? Nicht schon wieder!“, Die Linke Berlin ruft zu einem Stopp der „Geldverschwendung für einen Bewerbungsprozess“ auf und verweist unter anderem auf die ohnehin schon knappen Haushaltsmittel von Bund und Ländern „bei einem Sanierungsstau der Sportinfrastruktur über 40 Milliarden Euro“. Rostocks Bürgermeisterin Eva-Maria Kröger, ebenfalls von der Linkspartei, stimmte für eine Bewerbung; Rostock wäre für die Austragung der Segelwettbewerbe zuständig. Zwar habe sie kein Störgefühl, „dass sich die Genossinnen und Genossen dagegen aussprechen und Kampagnen starten“; als Bürgermeisterin aber sei es nicht ihre Aufgabe, „[ihr] politisches Mütchen zu kühlen, sondern [sie] muss die ganze Stadtgesellschaft sehen“. Die Frage der Olympia-Bewerbung ist bei Weitem nicht das einzige Thema, bei dem die Linkspartei in Regierungsposition einen anderen Weg zu gehen scheint. Erinnert sei an die Abschiebungen in Berlin unter Rot-Rot-Grün oder die Abstimmung für die Kriegskredite der Bundesregierung im Bundesrat unter Beteiligung der Linkspartei in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern, wo sie jeweils Teil der Regierung ist.
Beim Blick darauf, wer denn nun von Olympischen und Paralympischen Spielen profitiert, wird schnell klar: Es ist auf jeden Fall nicht die breite Bevölkerung des Austragungsortes – sei es aufgrund von explodierenden Mietpreisen, Verdrängung, Überwachung oder der ausbleibenden Förderung des Breitensports. Und während die Ausrichterstadt die Kosten zu tragen hat, gehen die Gewinne an das IOC. Eva-Maria Kröger argumentiert außerdem, Olympia schaffe „Lust auf die Zukunft“ für all die krisenmüden Menschen, denen es an Hoffnung und Optimismus fehle. Sie suggeriert damit, Olympische und Paralympische Spiele fänden in einem Raum losgelöst von der politischen Weltlage statt und stellten eine gänzlich unpolitische Veranstaltung dar, wenngleich sie sie nicht als Ablenkung bezeichnen möchte. Tatsächlich aber bilden Olympische und Paralympische Spiele gewissermaßen eine Projektionsfläche geopolitischer und imperialistischer Auseinandersetzungen. Nicht nur dienen sie der Propaganda der nationalen Überlegenheit und der Konkurrenz um das bessere System, was allein schon Ausdruck im allgegenwärtigen Medaillenspiegel findet. Darüber hinaus positioniert sich auch das IOC immer wieder deutlich auf Seiten imperialistischer Staaten: So wurden beispielsweise Belarus und Russland wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine ausgeschlossen, während Israel weiterhin teilnehmen und gleichzeitig den Genozid in Gaza fortsetzen konnte. Paris machte deutlich, wie die Aufrüstung im Inneren und die Durchsetzung unpopulärer autoritärer Maßnahmen unter dem Deckmantel der Spiele erfolgte.
Anstelle der Ausrichtung eines Großereignisses mit Ausgaben in Milliardenhöhe braucht es massive Investitionen in den Bereichen Bildung, Soziales und Gesundheit. Dazu zählen auch der Ausbau des ÖPNV inklusive kostenloser Nutzung, bezahlbare Mieten und Wohnraum für alle Menschen, die Förderung von Leistungssport unabhängig von Bundeswehr und Polizei sowie ein umfassendes breitensportliches Angebot. In einem kapitalistischen und imperialistischen System ist das Märchen von Olympischen und Paralympischen Spielen im Sinne der friedlichen Koexistenz und des fairen Wettbewerbs verschiedener Nationen nicht haltbar. Um dies tatsächlich zu erreichen, braucht es den internationalen Kampf der Arbeiter:innenklasse gegen Krieg, Aufrüstung, Unterdrückung und Ausbeutung – also gegen das kapitalistische und imperialistische System selbst und für eine freie Welt, in der alle Menschen gut leben können.