Grönland und die Rückkehr des klassischen Imperialismus

13.01.2026, Lesezeit 4 Min.
1
Foto: Stig Alenas/ Shutterstock

Der Versuch, seitens der USA Grönland politisch und ökonomisch enger an sich zu binden, gipfelte bislang in dem skurril wirkenden Angebot, die Insel zu kaufen, wobei eine militärische Annexion noch immer nicht gänzlich ausgeschlossen wurde. Die Arktis rückt im Zuge der sich verschiebenden globalen Machtverhältnisse vermehrt ins Zentrum imperialistischer Streitigkeiten. Grönland selbst tritt im Prozess nicht als eigenständiges politisches Subjekt auf, sondern wird einzig und allein als territoriales Objekt geopolitischer Interessen von Großmächten verhandelt.

In der bürgerlichen Berichterstattung erscheint der territoriale Anspruch auf Grönland seitens der USA wie eine episodische Verwirrung der US-Außenpolitik der Ära Trump. Die Zuspitzung der imperialen Interessen der USA auf die Person Trump und seine persönliche nationalistische Agenda verkennt jedoch strukturelle Entwicklungen des globalen Kapitalismus. Der Streit um Grönland erscheint somit als ein „exotischer” Sonderfall. In Wahrheit ist es jedoch der neueste Kristallisationspunkt der sich zuspitzenden Inter-imperialistischen Rivalität zwischen Europa und den USA, wie auch eine Reaktion auf die steigende Bedrohung der US -Hegemonie durch die konkurrierenden Machtblöcke Russland und China . 

Hegemonialer Wandel und inter-imperialistische Konkurrenz

Dass Grönland in dieser Weise als ein verhandelbares Objekt auftreten kann, ist nur verständlich vor dem Hintergrund seiner langen Kolonialgeschichte.Obwohl Grönland seit 1953 nicht mehr offiziell eine Kolonie des Königreichs Dänemark ist und seit 1979 sogar formell eine begrenzte Autonomie erlangen konnte, sind die kolonialen Kontinuitäten im Verhältnis der beiden Länder schon auf den ersten Blick ersichtlich. Sowohl die Geldpolitik als auch die Außenpolitik des Landes werden weiterhin von Kopenhagen bestimmt. Diese eingeschränkte Souveränität wie auch die starke wirtschaftliche Abhängigkeit bildet das Fundament dafür, dass Grönland nicht als eigenständiges politisches Subjekt auftreten kann und stattdessen wie eine Art Spielfigur im Kampf um Kapitalakkumulationsspähren zwischen Großmächten behandelt wird. 

Die USA legitimieren ihre imperialistischen Ambitionen in der Region vor allem durch Sicherheitspolitische Bedenken. Im Zuge des absehbaren Endes des Unipolaren Moments und dem Zerfall der US-Hegemonie wird die Arktis zunehmend wichtiger als potenzieller Konfliktraum. Im Zentrum der ideologischen Rechtfertigung stehen sowohl Russland als auch China. Laut dem US-Präsidenten sei das Meer um Grönland dominiert von chinesischen und russischen Schiffen. Demnach sei der Besitz Grönlands integraler Bestandteil der Landesverteidigung der USA. 

Diese sicherheitspolitische Argumentation zeigt deutlich die sich zuspitzenden inter-imperialistischen Spannungen im westlichen Machtblock. Obwohl Dänemark bereits zugestimmt hat, die Präsenz des US-Militärs auszuweiten, reicht dies den USA offenkundig nicht aus. Der Anspruch der USA, alleinige „Herrscher” über Grönland zu sein, deutet darauf hin, dass es ihnen nicht länger um eine „Kollektive” Verteidigung geht, sondern um die eigenständige Absicherung hegemonialer Interessen – und das auch gegen ihre Europäischen „Verbündeten”. Die Grönland-Frage steht exemplarisch für einen Wandel von einer scheinbaren Bündnispolitik zu einem offenen Konkurrenzkampf um Einflusssphären. Während Europa, trotz einer massiven Aufrüstung, weiterhin verzweifelt an der alten Ära des Imperialismus festhält, kehren die USA zurück zu einer unverhohlenen „Kanonenbootpolitik“.

Neben der militärisch-strategischen Bedeutung verstärken ebenso die natürlichen Ressourcen Grönlands das imperialistische Interesse an der Insel. Die noch unter dem Eis verborgenen und schwer zugänglichen seltenen Erden könnten zukünftig als wichtige Ressourcen für die US-amerikanische Produktionskette dienen. 

Selbstbestimmung statt Annexion

Laut einer Umfrage vom letzten Jahr sind 85 Prozent der grönländischen Bevölkerung gegen eine Annexion durch die USA, während bereits 2019 eine Mehrheit der Bevölkerung die vollständige Unabhängigkeit forderte. Die territoriale Verwaltung Grönlands wie auch ihre Ressourcen gehören weder den USA noch Dänemark. Die Aneignung von Grönlands Rohstoffen durch imperialistische Konzerne ist untrennbar verbunden mit massiver ökologischer Zerstörung. Die ökologische Krise erscheint im Kapitalismus nämlich nicht als ein zufälliges Nebenprodukt, sondern als eine notwendige Folge der kapitalistischen Produktionsweise, welche die Umwelt einzig und allein als verwertbares Objekt begreift.  Zur Verteidigung Grönlands gegen die imperialistische Agression und zur Unterstützung des Rechts zur Selbstbestimmung ist es notwendig eine internationalistische, anti-imperialistische Bewegung unter der Führung der Arbeiter:innenklasse aufzubauen. Nur durch Streiks und Enteignungen imperialistischer Konzerne kann eine genuine Selbstbestimmung der Bevölkerung Grönlands realisiert werden. Der Kampf um Grönland ist Teil des globalen Klassenkampfs gegen die imperialistische Intervention der USA in Venezuela, Kuba, Kolumbien und auch gegen die koloniale Unterdrückung Palästinas.

Mehr zum Thema