„Gegen die Kriegstüchtigkeit“ – aber wie, Ole Nymoen?
In Auseinandersetzung mit Ole Nymoens „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ diskutieren wir, warum Staaten immer wieder Kriege führen, wie das im Verhältnis zur Ökonomie steht, und wie wir tatsächlich für eine Welt ohne Kriege kämpfen können.
„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ Dieser Satz, der fälschlicherweise Bertolt Brecht zugeschrieben wird, beschreibt eine banal erscheinende Wahrheit über den Krieg: Er braucht Menschen, die ihren Körper für ihn geben. Dass Panzer, Kampfjets und Sturmgewehre ohne Menschen, die diese bedienen können, wenig nutzen, weiß auch die Regierung und versucht fiebrig, die Zahl der Bundeswehr-Rekrut:innen zu erhöhen. SPD und Union stimmen grundsätzlich darin überein die Wehrpflicht wieder reaktivieren zu wollen, auch wenn sie noch über das „Wie“ und „Wann“ streiten. Die von der Ampelregierung heraufbeschworene und von der Merz-Regierung gewaltig beschleunigte „Zeitenwende“ dringt in alle Lebensbereiche ein und dröhnt uns von allen offiziellen Kanälen – bis hin zum Kinderfernsehen – entgegen. In den Redaktionen und Talkshowrunden herrscht weitgehender Konsens über die Notwendigkeit der Vaterlandsverteidigung. Es wird nicht über das „ob“ sondern das „wie“ der Kriegsvorbereitung diskutiert, beispielsweise wann genau es zum Ernstfall kommt, wie viele Rüstungsanschaffungen dafür noch notwendig sind und ob die Regierung nicht immer noch zu zögerlich mit der Wehrpflicht umgeht.
Inmitten dieses Klimas, in dem die „russische Bedrohung“ hinter jeder Ecke zu lauern scheint und die Bereitschaft zum Töten als staatsbürgerliche Pflicht verkauft wird, ist jede Stimme der Verweigerung wohltuend. Eine der wenigen prominenten Gegenpositionen innerhalb der bürgerlichen Öffentlichkeit vertritt Ole Nymoen. Als Podcaster mit einer großen, überwiegend linken Zuhörer:innenschaft, als regelmäßiger Gast in öffentlich-rechtlichen Formaten und als selbsterklärter Sozialist, hat er sich dieses Jahr mit seinem Buch „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit“ in die Debatte um Aufrüstung und Wehrpflicht eingeschaltet. In dem Buch schildert er seine Analyse zu den Ursachen von Kriegen, dem Wesen des Staates und dessen Indifferenz für seine Untertanen. Er argumentiert gegen die Illusion der nationalen Zugehörigkeit und Verantwortung.
Nymoens Thesen sind provokant genug, um konservative Talkshowgäste zu erzürnen, und zugleich anschlussfähig genug, um weiterhin im Rahmen bürgerlicher Medien aufzutreten. Seine Absage an den Krieg formuliert er vor allem als persönliche Verweigerung – er weigert sich sogar, strategische Vorschläge zu machen. Klassen als politische Akteure tauchen in seiner Analyse nicht auf, historisch-materialistische Analysen tut er als verschwörungstheoretisches Gerede ab. Die Lektüre verleitet letztendlich aus Mangel an Perspektiven zum Pessimismus.
Bereits bestehende linke Kritiken, etwa die von Fabian Lehr, haben einige dieser Schwächen bereits benannt. Lehr betont die Klassenvergessenheit in Nymoens Analyse und nimmt einiges richtigerweise vorweg. Doch auch er hat in seiner Kritik Leerstellen und Fehler, auf die wir in Teilen eingehen möchten. Die folgende Rezension soll nicht nur die Thesen von Nymoen kritisieren, sondern ihnen einen revolutionären, strategischen Antimilitarismus entgegensetzen. Einen Antimilitarismus, der Krieg nicht nur ablehnt, sondern ihn als notwendiges Produkt imperialistischer Konkurrenz begreift; der nicht nur Nein sagt, sondern nach Wegen sucht, den militärischen Apparat und den kapitalistischen Staat anzugreifen – in den Kasernen, in den Betrieben, in den Schulen – und ihn letztlich zu stürzen.
Der Staat nach Nymoen
Zu Beginn diskutiert Nymoen die verbreitete Phrase, dass der Krieg sinnlos sei und stellt durchaus richtigerweise fest: „Sinnlos kann der Krieg nicht sein, sonst würde er nicht permanent wüten in der Welt. Von Regierungen, die fremdes Gebiet erobern und annektieren wollen, bis hin zu Kriegsgewinnlern in Rüstungskonzernen finden sich allerlei Verursacher und Nutznießer, von denen ein jeder weiß, wenn er auch sonst nichts weiß.“1 Aber auch denjenigen, die den Krieg als Ausdruck eines in der menschlichen Natur verankerten Triebes zur Zerstörung und Gewalt interpretieren, ist er einen Schritt voraus indem er zentral betont: „Soldaten ziehen nicht in den Krieg, weil sie selbst persönliche Probleme mit den Angehörigen des angegriffenen Staates hätten – sondern weil sie von ihrem Herrscher den Befehl dazu erhalten.“2
Doch obwohl er der Frage nach dem Sinn des Krieges ein ganzes Kapitel widmet, bleibt seine Antwort eher eine Non-Antwort. Kriege entstünden, weil es Staaten gibt, die ihrer Natur nach bestrebt sind, ihre Herrschaft zu sichern und auszuweiten und die Verfügungsgewalt über ihr Staatsvolk innehaben. Ein Kriegseintritt sei kein Betriebsunfall, sondern eine (im Sinne der Herrschaft) rationale Weiterführung der Verfolgung staatlicher Zwecke, für die die Untertanen des Staates – in Kriegs- wie in Friedenszeiten – eingespannt werden. Die Kritik am staatlichen Gewaltverhältnis bildet den Dreh- und Angelpunkt von Nymoens Buch. Daher lohnt es sich, bevor wir näher auf die Frage der Kriegsgründe eingehen, an dieser Stelle zunächst sein Staatsverständnis zu besprechen, das in Teilen dem der Zeitschrift Gegenstandpunkt (beziehungsweise ihres Vorgängers, der Marxistischen Gruppe) entlehnt ist.
Nymoen charakterisiert Staaten als „Geschöpfe von Jahrhunderten von Kriegen; sie sind Ausdruck davon, dass irgendwann einmal Menschen über andere Menschen Macht erlangt haben und dass sie diese immer weiter ausbauen konnten.“3 Wenn wir diese Aussage rein deskriptiv lesen, so ist an ihr erst einmal nichts falsch, für Nymoen scheint sie allerdings zugleich eine Erklärung zu liefern. Doch die bloße Feststellung, dass irgendwann (!) durch Gewaltanwendung Gewaltmonopole geschaffen wurden, sagt uns nichts darüber, von wem diese Gewalt angewendet wurde, was diejenigen überhaupt dazu befähigte und welchen Motiven sie folgte. Eine Bestimmung, die von all diesen Fragen abstrahiert, ist nicht imstande Wesen und Ursprung des Staates zu erklären, denn sie differenziert nicht zwischen Wesen und Erscheinung, zwischen Ursache und Wirkung.
Bereits 1878 wandte Engels sich in seiner berühmten Polemik gegen Eugen Dühring gegen die Annahme, die Gewalt sei als das ursächliche Moment in der Geschichte zu betrachten:
Nehmen wir für einen Augenblick an, Herr Dühring habe darin recht, daß alle bisherige Geschichte sich auf die Knechtung des Menschen durch den Menschen zurückführen lasse, so sind wir damit noch lange nicht der Sache auf den Grund gekommen. Sondern es fragt sich zunächst: wie kam der Robinson dazu, den Freitag zu knechten? Des bloßen Vergnügens halber? Durchaus nicht. Wir sehn im Gegenteil, daß Freitag »als Sklave oder bloßes Werkzeug zumwirtschaftlichenDienst gepreßt und eben auch nur als Werkzeug unterhalten wird«. Robinson hat Freitag nur geknechtet, damit Freitag zum Nutzen Robinsons arbeite. Und wie kann Robinson aus Freitags Arbeit Nutzen für sich ziehn? Nur dadurch, daß Freitag mehr Lebensmittel durch seine Arbeit erzeugt, als Robinson ihm geben muß, damit er arbeitsfähig bleibe. Robinson hat also, gegen Herrn Dührings ausdrückliche Vorschrift, die durch die Knechtung Freitags hergestellte »politische Gruppierung nicht um ihrer selbst willen zum Ausgangspunkt gemacht, sondern sie ausschließlich alsMittel für Futterzweckebehandelt«, und möge nun selber zusehn, wie er mit seinem Herrn und Meister Dühring fertig wird.4
Nymoen kritisiert zwar richtigerweise den „Idealismus“ derjenigen, die den Staat als „Ergebnis von friedlichen Absprachen“ interpretieren, doch verfällt dabei selbst in eine idealistische Vorstellung. Er legt den Gedanken nahe, der Entstehung von Staatlichkeit läge ein abstrakter Wille zur Herrschaft oder eine bereits in den Köpfen bestehende fixe Idee des Nationalismus zugrunde, die dann durch massive Gewaltanwendung verwirklicht werden.
Er will den Staat nicht als „von unten gewachsenen Dienstleister am heimischen Volk“5 verstanden wissen, aber umgeht dabei, dass der Staat tatsächlich nichts von Außen auf Gesellschaften übergestülptes, sondern etwas notwendigerweise zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Entwicklung aus ihnen Erwachsenes ist. Entscheidend hierbei ist, dass seine Grundlage nicht die Übereinkunft, sondern gerade die Spaltung der Gesellschaft ist, die die durch das das Aufkommen der Klassen befördert wird. Diese Spaltung wiederum basiert auf Fortschritten in der Produktivität der Arbeit, die das Entstehen eines Mehrprodukts ermöglicht. Dieses besteht in einem Überschuss des gesellschaftlich produzierten stofflichen Reichtums, der nicht für die Erhaltung der produzierenden Menschen und Arbeitsmittel benötigt wird. Aus diesem Überschuss, der verwaltet werden muss, erfolgt anschließend die erste Arbeitsteilung in Hand- und Kopfarbeit, die die Grundlage für die erste Herausbildung von sozialen Klassen legt, indem es für den von der täglichen Arbeit befreiten (kleineren) Teil der Gesellschaft zunächst möglich wird, die Produkte der Arbeit anderer zu verwalten. Durch die Usurpation dieser ursprünglich notwendigen sozialen Funktion bemächtigt sich schließlich dieser Teil der Gesellschaft dieses Überschusses, mit Recht, Kult und auch zunehmend mit Zwang.
Staatliche Institutionen sind aus der Notwendigkeit heraus entstanden, die neu entstandenen Klassengegensätze zu regulieren und damit die Gesellschaft als Ganzes zu stabilisieren. Wie Engels schreibt, sind sie Ausdruck davon, „daß [eine] Gesellschaft sich in einen unlösbaren Widerspruch mit sich selbst verwickelt, sich in unversöhnliche Gegensätze gespalten hat, die zu bannen sie ohnmächtig ist. Damit aber diese Gegensätze, Klassen mit widerstreitenden ökonomischen Interessen nicht sich und die Gesellschaft in fruchtlosem Kampf verzehren, ist eine scheinbar über der Gesellschaft stehende Macht nötig geworden, die den Konflikt dämpfen, innerhalb der Schranken der „Ordnung“ halten soll“6.
Somit ist ein Staat tatsächlich nicht ohne Gewaltmonopol zu denken, denn der Ausschluss der Mehrheit der Produzent:innen von (einem Teil) der Früchte ihrer Arbeit lässt sich nicht ohne Gewalt aufrechterhalten. So schreibt Engels, die Macht des Staates fuße auf der „Einrichtung einer öffentlichen Gewalt, welche nicht mehr unmittelbar zusammenfällt mit der sich selbst als bewaffnete Macht organisierenden Bevölkerung. Diese besondre, öffentliche Gewalt ist nötig, weil eine selbsttätige bewaffnete Organisation der Bevölkerung unmöglich geworden seit der Spaltung in Klassen … Diese öffentliche Gewalt existiert in jedem Staat; sie besteht nicht bloß aus bewaffneten Menschen, sondern auch aus sachlichen Anhängseln, Gefängnissen und Zwangsanstalten aller Art, von denen die Gentilgesellschaft nicht wußte.“7
In welchem Verhältnis stehen Klassen und Staat nun zueinander? Nymoen scheint davon auszugehen, dass der Staat sich in dem Maße, wie er sich über die Gesellschaft erhebt – sich die Trennung von einfacher Bevölkerung und Leitung der öffentlichen Angelegenheiten verstärkt – sich auch über die Klassen erhebt. „Für seine Machtpolitik macht [der Staat] sich die ökonomisch herrschende Klasse zunutze“, argumentiert er im Streitgespräch mit Fabian Lehr bei 99 ZU EINS. Besitzlose und Besitzende, Arbeitende und von der Arbeit anderer Lebende werden in seiner Logik also gleichermaßen der staatlichen Herrschaft unterworfen. Sie alle würden als Manövriermasse für die Verfolgung eigener, von spezifischen Klasseninteressen klar unterschiedener staatlicher Zwecke behandelt, wobei allen voran die Sicherung und Erweiterung der eigenen Souveränität steht.
Zwar tritt der Staat tatsächlich als Moderator und Verwalter der Klassengegensätze auf. Dadurch wird er jedoch nicht zu einem vollständig autonomen Agenten, für den diese Verwaltung bloß Mittel zum Zweck bei der Verfolgung außerhalb des Klassengegensatzes stehender abstrakter Ziele darstellt. Seine Rolle ist stattdessen diejenige eines parteiischen Verwalters im Sinne der herrschenden Klasse. Somit schützt und reproduziert er nicht irgendeine Ordnung, sondern eine Ordnung, die den Interessen der jeweilig herrschenden Klasse dient.
Eine absolute Entkopplung der staatlichen Interessen von den Klasseninteressen, von der Nymoen ausgeht, ist nicht möglich, wenn wir von der Unversöhnlichkeit der Klasseninteressen ausgehen. Ohne diese gäbe es aber überhaupt keine Grundlage für das Entstehen einer Staatsmacht. Denn die jeweils herrschende Klasse hat ein objektives Interesse an der Aufrechterhaltung des bestehenden Klassengegensatzes und der dominanten Produktionsweise, für die es einen Staat als besondere Gewalt braucht; die unterdrückte(n) Klasse(n) dagegen haben ein objektives Interesse an deren Überwindung. Das bedeutet natürlich nicht, dass der Staat keine Zugeständnisse an unterdrückte Klassen machen kann. Diese können äußerlich wie Maßnahmen zur tatsächlichen Versöhnung der Klassen aussehen, zielen letztendlich aber auf ihre Erhaltung ab. Als völlig über der Gesellschaft schwebend kann der Staat nicht existieren, denn er braucht eine soziale und ökonomische Basis. Damit ist seine Erhebung über die Gesellschaft immer nur eine relative.
Eine solche Bestimmung, die den Staat als Produkt der Entstehung von Klassen und notwendigerweise mit einem Klassencharakter behaftet versteht, ist aber natürlich weiterhin unzureichend. Denn so wie sich die Produktions- und Klassenverhältnisse über die letzten Jahrtausende veränderten, änderte auch der Staat seinen Charakter. Bei der Betrachtung von Feudalgesellschaften, in denen die ökonomisch und politisch herrschende Klasse noch unmittelbar in eins fielen, liegt es auf der Hand, den Staat als Instrument der herrschenden Klasse zu begreifen. Bei der Betrachtung des modernen bürgerlichen Staates, in denen Staatspersonal und Kapitalist:innen häufig nicht länger identisch sind, erscheint dieser Zusammenhang weniger offensichtlich, so dass ihn auch selbsternannte Marxist:innen wie Nymoen verkennen.
Zwar verwirft Nymoen nicht vollständig die These, dass der Staat als „Ideeller Gesamtkapitalist“ auftrete, dessen Aufgabe es ist, „die allgemeinen äußern Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten“8, auch wenn er sie durch den Hinweis relativiert, Kriege seien in der Regel schädlich für die ökonomischen Interessen der meisten Kapitalist:innen (darauf werden wir später zurückkommen). Dem zugrunde läge allerdings nicht, dass der Staat Instrument der Klasse der Kapitalist:innen sei, sondern dass er „als eigenständiger Akteur […], der über selbst gesteckte politische Ziele verfügt“9, den ökonomischen Erfolg des nationalen Kapitals als förderlich für seine eigenen Ziele betrachte, die selbst über den Interessen der Bourgeoisie schweben.
Wie Fabian Lehr im Gespräch mit Nymoen richtigerweise einwirft, kann dieser so nicht erklären, warum der Staat, obwohl er doch nach dieser Theorie die Leitung der Wirtschaft möglichst perfektionieren sollte, um seine eigene Machtgrundlage auszudehnen, nicht augenblicklich zur zentralen Planwirtschaft übergeht. Diese würde doch versprechen, dem Staat eine viel größere Eigenmacht und Souveränität zu verleihen, als die krisenanfällige Marktwirtschaft. Zumal in dieser ein Großteil des geschaffenen gesellschaftlichen Reichtums in private Taschen fließt, zu denen der Staat Kraft der verfassungsmäßig garantierten „Unverletzlichkeit des Eigentums“ keinen direkten Zugang hat. Der Staat handelt auf diese für Nymoen unerklärliche Art und Weise, weil er eben nicht einfach seinen eigenen, von den Klassen unabhängigen Zwecken folgt, sondern weil er ein Werkzeug in den Händen derjenigen ist, die auf den Schutz des Privateigentums angewiesen sind.
Der moderne bürgerliche Staat ist dabei keine willenlose Marionette eines bestimmten Kapitalisten oder einer Kapitalfraktion, doch steht er auch nicht außerhalb oder über dem Einfluss konkreter Kapitalinteressen. Er ist ideeller Gesamtkapitalist und Instrument der herrschenden Klasse zugleich. Zunächst schützt er durch Verfassung, Polizei, Justiz und Armee das Privateigentum an Produktionsmitteln vor Übergriffen, hält Aufstände der Ausgebeuteten und Unterdrückten gegen die ökonomische Herrschaft der Kapitalist:innen nieder und bedient somit das unhintergehbare Gesamtinteresse der Bourgeoisie. Neben dieser elementaren Aufgabe zielt der Staat auf die Schaffung von möglichst günstigen Akkumulationsbedingungen für die nationale Bourgeoisie im In- und Ausland ab.
Ein vollumfängliches Gesamtinteresse der Bourgeoisie besteht aber nicht a priori. Sie ist durchzogen von divergierenden ökonomischen Interessen und daraus abgeleiteten politischen Programmen. Hier kommt die Bedeutung des Staates als Instrument der herrschenden Klasse zur vollen Geltung – er ist der Ort, wo diese ihre Konflikte austrägt. Die Bourgeoisie organisiert sich im Staat: über die Unterstützung bestimmter Parteien, Einflussnahme auf Parlamentarier:innen und Minister:innen, Ausschüsse, Wirtschaftsverbände, Lobbyarbeit und Forschungsinstitute und so weiter. Anstatt staatliches Handeln als Produkt von bloßen Meinungen darüber zu verstehen, wie dem abstrakten, über den materiellen Interessen schwebendem Zweck von Souveränität am besten gedient sei, müssen wir es als Produkt eines realen Aushandlungsprozesses begreifen.
Solange ein bürgerlicher Staat besteht, kann die Arbeiter:innenklasse niemals mit der Bourgeoisie gleichberechtigter Akteur dieses Aushandlungsprozesses werden, schon die strukturellen Barrieren im Aufbau des bürgerlichen Staates schließen dies aus. Doch eine dauerhafte Sicherung der Herrschaft der Bourgeoise über die Arbeiter:innenklasse durch nackten Zwang allein ist ebenfalls brüchig. Für deren dauerhafte Aufrechterhaltung bedarf es einen Grad an Konsens: Illusionen der ausgebeuteten und unterdrückten Massen, dass die herrschende Ordnung auch in ihrem Interesse funktioniere oder zumindest alternativlos sei. Ohne diesen Aspekt hier schon weiter auszuführen, sei darauf hingewiesen, dass auch diese Vermittlungsfunktion des Staates nicht allein auf ideeller Ebene funktioniert, sondern eine materielle Grundlage hat. Insbesondere in hochentwickelten kapitalistischen Staaten gehört dazu die Integration von Massenorganisationen der Arbeiter:innen und sozialen Bewegungen. Indem deren Führungen sich über ihre Basis erheben, mit Privilegien ausgestattet und in die Mitverwaltung des (erweiterten) Staates kooptiert werden, erfüllen sie die für die Bourgeoisie zwar nicht unbedingt angenehme, aber überaus nützliche Funktion, Arbeiter:innen und Unterdrückte im Gegenzug für begrenzte Zugeständnisse an den Staat zu binden und ihren Unmut einzuhegen.
Diese zentrale Facette kapitalistischer Demokratien übersieht auch Fabian Lehr, wenn er als Antwort auf die von Nymoen behauptete strikte Trennung von staatlichen und Kapitalinteressen einfach behauptet, dass nahezu alle Politiker:innen Teil der bürgerlichen Klasse seien. Lehr scheint, wie viele Stalinist:innen, davon auszugehen, dass es sich bei reformistischen Politiker:innen schlicht um rot lackierte Bourgeois handelt. Das sind sie aber nicht. Sie drücken weder das unmittelbare, unverwässerte Klasseninteresse der Bourgoisie noch das Klasseninteresse der Arbeiter:innen aus, sondern die Vermittlung zwischen ihnen. Um zu begreifen, wie diese ihre äußert rückschrittliche Rolle als Agentur der Bourgeoisie in den Reihen der Arbeiter:innenklasse und den sozialen Bewegungen spielen können, dürfen sie nicht einfach als von außen eingesetzt betrachtet werden.
Über die Gründe des Krieges
Was sind nun laut Nymoen die Gründe für die modernen Kriege? Zunächst ist da die naheliegende, aber gleichzeitig auch nichtssagende Antwort: Weil es Staaten gibt, die sich in der Arena der internationalen Politik mal mehr, mal weniger ins Gehege kommen. Doch damit haben wir immer noch keine Antwort darauf erhalten, worum sich die Staaten denn in dieser Arena streiten. Eine klare Antwort auf diese Frage bleibt Nymoen aber schuldig. Er ist nur in einem Punkt unmissverständlich: um die Ökonomie kann es bei diesen staatlich verfassten Balgerein im Grunde nicht gehen, es habe schließlich in der Geschichte immer wieder Konflikte gegeben, „die kaum ökonomische, aber umso mehr nationalistische oder religiöse Bedeutung“10 gehabt haben. Zwar seien manche Kriege auch um direkte ökonomische Beutestücke geführt worden, aber dies sei eben nur ein Grund unter vielen denkbaren Kriegsgründen.
Nymoen besteht zwar darauf, den Krieg nicht als „sinnlos“ zu begreifen, aber akzeptiert man diese Prämisse, dann gehorcht der Krieg tatsächlich überhaupt keiner systematischen Notwendigkeit. Dann steckt im Kapitalismus nichts Inhärentes, was dazu führen muss, dass sich die bürgerlichen Nationalstaaten irgendwann auch kriegerisch begegnen müssen. Der Krieg könnte daher doch nur das Resultat eines diplomatischen Betriebsunfalls eines Kapitalismus sein, der zumindest theoretisch ewig friedlich funktionieren kann. Die Subjekte des Krieges sind in dieser Logik nicht Klassen und ihre staatlichen Vertreter:innen, sondern lediglich die „Staatschefs“, die allein deshalb, weil sie es ideologisch für richtig und nötig halten, aufrüsten und schließlich „ihre Bürger zum Waffengang“11 zwingen würden. Dabei können nach Nymoen die Gründe für die Entscheidung der Staatschefs, Kriege zu führen, nahezu unendlich mannigfaltig sein. Vielleicht betrachtet ein Staatschef ein bestimmtes Fleckchen Land, eine „kleine Insel oder Bergregion“12, aus einer nationalistischen Idee heraus, als rechtmäßiges Eigentum der eigenen Nation. Oder er beruft sich auf eine religiöse Überlieferung, nach der ein anderes Fleckchen Land schon immer rechtmäßiger Besitz dieser einen bestimmten von ihm ver- (und zer-) tretenen Volksgruppe gewesen sei. Oder aber er möchte sich gerne eine natürliche Ressource auf noch einem anderen Stück Land aneignen. In anderen Worten: Kriege entspringen in erster Linie einer „Machtpolitik pur“, wie Nymoen es im Gespräch bei 99 ZU EINS nennt, die zuerst nicht auf ökonomischen Überlegungen, sondern auf den nationalistischen oder religiösen Ideen der Staatenlenker:innen basiert.
Nymoen beharrt auf dieser idealistischen Erklärung des Krieges so grundsätzlich, dass er einen ganzen Abschnitt darauf verwendet, das Werk des prominentesten Vertreters einer materialistischen Auffassung des modernen imperialistischen Krieges, Wladimir Iljitsch Lenin, einer scharfen Kritik (zumindest der Intention nach) zu unterziehen. Lenin verstehe das Verhältnis von Staat und Kapital genau verkehrt herum. Seine Auffassung, dass im Zeitalter des Imperialismus die ökonomische Macht des Finanzkapitals (eine Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital) immer weiter zunehmen würde und sich schließlich durch ein „dichtes Netz von Abhängigkeitsverhältnissen über ausnahmslos alle ökonomischen und politischen Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft“13 auch in politische Macht übersetzen würde, sei geradezu „verschwörungstheoretisch“ und „mehr als schief.14 Getreu seiner bereits besprochenen Staatsauffassung schreibt Nymoen, dass diese Vorstellung den Staat „als eigenständigen Akteur […], der über selbst gesteckte politische Ziele verfügt“ ignorieren und ihn allein zu einem „stummen Diener des Geldes“ herabwürdigen würde. Tatsächlich seien Kriege für das heimische Kapital sehr riskante und kostspielige Angelegenheiten, welche in den allermeisten Fällen mehr Verluste machen, als sie theoretisch einzubringen vermögen. Da der Krieg also für alle Beteiligten ein Verlustgeschäft wäre, müssten es außerökonomische Gründe sein, die den Krieg verursacht haben. Wie bereits oben beschrieben, ist aber der Staat kein willenloser Diener dieser oder jener Fraktion der herrschenden Klasse. Er agiert auf dem Fundament der kapitalistischen Ökonomie als „ideeller Gesamtkapitalist“ und wird sich bei seinen politischen Entscheidungen dafür, wie das Wohl seines nationalen Kapitals und damit seine eigene materielle Machtgrundlage am besten zu gestalten ist, auch regelmäßig über dieses und jenes Partikularinteresse hinwegsetzen, um das von ihm in einem begrenzten Rahmen interpretierte allgemeine Interesse des heimischen Kapitals durchzusetzen.
Groteskerweise behauptet Nymoen weiter, dass gerade der Erste Weltkrieg, die Leninsche Imperialismustheorie „komplett blamieren“15 würde, denn dieser sei nicht um Rohstoffe und Absatzmärkte geführt worden, sondern in erster Linie um „Machtansprüche europäischer Großmächte, die ihre jeweiligen Einflusssphären erhalten oder erweitern wollten.“16 Diese Behauptung, die auch weiter nicht begründet wird, kann allerdings nur aufrechterhalten werden, solange man sich nicht konkret mit der Geschichte des Ersten Weltkrieges befasst. Ein knapper Rundgang durch dessen Vorgeschichte wird hier Klarheit schaffen: Verfügten die alten kapitalistischen Zentren England und Frankreich am Ausgang des 19. Jahrhunderts bereits über einen beachtlich großen Kolonialbesitz, so war das Deutsche Reich sowohl in Hinsicht auf seine Entwicklung zum modernen Nationalstaat, als auch auf seine Industrialisierung, gewissermaßen „zu spät“ gekommen. Es hatte an der ersten Runde der kolonialen Aufteilung der Welt nicht teilgenommen, entwickelte innerhalb seines begrenzten und durch Schutzzölle relativ abgeschirmten Wirtschaftsraums allerdings in höchster Geschwindigkeit eine der modernsten und produktivsten Industrien der Welt. Dies gelang ihm, indem es vom bereits anderswo gemachten technischen Fortschritt profitierte und so mehrere historische Wegetappen bei der Entwicklung seiner Industrie „überspringen“ konnte.
Noch deutlicher als bei den anderen Großmächten (mit Ausnahme der USA) verwirklichten sich in Deutschland zu dieser Zeit alle Tendenzen zur Konzentration des Kapitals in immer weniger Händen, zur massiven Ausweitung des Kredits und von der zunehmenden wechselseitigen Abhängigkeit von Industrie und Bankkapital. Die Thyssens, Krupps und Kirdorfs leiteten die größten und modernsten Stahlkonzerne der Welt, die einen ganzen Wirtschaftszweig, mitsamt der angrenzenden Industrien, dominierten. Die jüngere, fast völlig vom IG-Farben-Konzern dominierte Chemieindustrie schlug zu dieser Zeit sogar ihre weit ältere englische Konkurrenz durch die Synthetisierung der Indigo-Produktion aus dem Feld. Doch deutsches Kapital und deutsche Waren stießen auf dem Weltmarkt immer häufiger auf nahezu unüberwindliche Barrieren. England und Frankreich konnten nämlich durch ihre Kolonialreiche ganze Erdteile der deutschen Konkurrenz entziehen und somit die wirtschaftliche Entfaltung ihres Konkurrenten drosseln. Der nationale deutsche Markt war zudem bald nicht länger fähig, die Produkte der deutschen Industrie vollends zu absorbieren und riesige Mengen überschüssigen Kapitals suchten fieberhaft nach lukrativen Anlagemöglichkeiten.
Diese wirtschaftliche Sackgasse ergab sich, weil die Entwicklung der Produktivkräfte dem Privateigentum und dem Nationalstaat bereits zu entwachsen begann, der nationale Kapitalismus gewissermaßen „überreif“ geworden war17 und doch gleichzeitig unfähig war aus sich selbst heraus seine Fesseln abzustreifen. Gleichzeitig wurde der Widerspruch zwischen zunehmend international organisierter Produktion und einer Welt, die widerwillen in nationale Wirtschaftsräume gespalten blieb, immer weiter auf die Spitze getrieben. Um diese Situation zu lösen, strebte das deutsche Bürgertum zunächst instinktiv und bald immer bewusster in Richtung der Ausdehnung seines eigenen Wirtschaftsraumes. Bismarck selbst hatte zunächst nach der Reichsgründung von 1871 den Erwerb überseeischer Kolonien rundheraus abgelehnt, aber gerade nach der Finanzkrise von 1873 und der folgenden schwachen inländischen Nachfrage drängten führende Industrielle auf eine energische Kolonialpolitik. In nur wenigen Jahren gründeten sich daraufhin mehrere bürgerliche Lobbyverbände. Unter ihnen die „Afrikanische Gesellschaft“ (1873), der “Centralverein für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Auslande (1878), der “Westdeutsche Verein für Colonisation und Export (1881), der „Deutsche Kolonialverein“ (1882), die „Gesellschaft für Deutsche Kolonisation“ (1884) und schließlich der berüchtigte ultranationalistische „Alldeutsche Verband“ (1891). All diese Vereine führten noch vor der deutschen „Kulturmission in Übersee“ wirtschaftliche Gründe als Begründung für die Notwendigkeit einer eigenen Kolonialpolitik an. Der „westdeutsche Verein für Colonisation und Export“ formulierte 1881 in seinem ersten Werbeschreiben:
Immer lebhafter wird in Deutschland das Bedürfnis überseeischer Kolonien empfunden, welche unseren ländlichen und anderen Auswanderern ein neues deutsches Heim gewähren, dem Kapital sichere und hohe Rente, der Industrie vermehrten Absatz, Handel und Schiffahrt neue Gelegenheit zu gewinnbringender Tätigkeit eröffnen.18
Solche Aktivität trug Früchte: Bismarck gab seine zunehmend anachronistische Opposition gegen die Kolonien auf, das Bürgertum hatte seinen traditionalistischen Staatsmann politisch korrigiert und in nur zwei Jahren (1884-1885) eroberte sich Deutschland das flächenmäßig drittgrößte Kolonialreich mit einer Fläche von über einer Million Quadratkilometern und 14.7 Millionen Menschen. Mit dem Eintritt des Deutschen Reiches in die Kolonialpolitik beschleunigte sich der Prozess der „Aufteilung der Welt“. Es zwang auch die anderen Großmächte ihren Gang in diese Richtung zu beschleunigen und führte bereits früh zu Reibereien unter ihnen, die aber zunächst auf friedlichem Wege, per Verhandlungen und internationalen Verträgen beigelegt werden konnten, so z.B. auf der Kongokonferenz von 1884/85. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war dann diese Aufteilung der Welt im Wesentlichen abgeschlossen, der Kampf ging in die „Neuaufteilung“ der Welt über und so folgte eine Periode zunehmender politischer Spannungen zwischen den Staaten. Auch hier führten deutsche Industrielle die Wende zur militärischen Konkurrenz an. Der AEG-Chef Walter Rathenau schrieb 1913 beispielsweise:
Die letzten hundert Jahre bedeuten die Aufteilung der Welt. Wehe uns, dass wir so gut wie nichts genommen und bekommen haben. Nicht politischer Ehrgeiz und nicht theoretischer Imperialismus rufen diese Klage aus, sondern beginnendewirtschaftliche Erkenntnis. Die Zeit naht schnell eilend heran, in der die natürlichen Stoffe nicht mehr wie heute willig Marktprodukte, sondern hießumstrittene Vorzugsgüter bedeuten.19
Die Jagd nach den „hießumstrittenen Vorzugsgütern“ musste früher oder später in einen großen Krieg führen. Sie ging einher mit Handelskriegen und militärischem Wettrüsten. Ein bekanntes Beispiel hierfür war der Versuch des Deutschen Reiches, in der Sphäre der Seestreitkräfte mit England gleichzuziehen. In den Marokkokrisen von 1905 und 1911 schrappte man noch knapp am großen Krieg vorbei, doch als sich schließlich 1914 eine weitere Gelegenheit bot, das immer noch bestehende Missverhältnis zwischen der relativ kleinen Größe des deutschen Wirtschaftsraums und der Produktivität der eigenen Wirtschaft zu korrigieren, da waren in den Führungsetagen des Deutschen Reiches alle Hemmungen gefallen und man zog in das große Morden.
An der Konkretisierung der deutschen Kriegsziele nach August 1914 waren dann wiederum deutsche Industrielle und ihre Interessenverbände maßgeblich beteiligt, allen voran der „Alldeutsche Verband“. Reichskanzler Bethmann Hollweg beriet sich persönlich mit Thyssen und Kirdorf und deren Vorschläge fanden Eingang ins sogenannte „Septemberprogramm“ von 1914, welches das erste Mal die deutschen Kriegsziele formulierte. Diesem Programm nach sollte ganz Mitteleuropa, von Schweden bis Italien, „unter äußerer Gleichberechtigung […] aber tatsächlich unter deutscher Führung“20 zu einem riesigen Zollverbund zusammengeschweißt werden (was heutzutage mittels der EU verwirklicht wurde). Die niederländischen, belgischen und französischen Häfen sollten an Deutschland gehen oder unter deutsche Abhängigkeit kommen, um die wirtschaftliche Vorherrschaft Großbritanniens in der Nordsee zu brechen und ein gigantisches mittelafrikanisches Kolonialreich mit dem Kongo als Herzstück sollte zusammengeraubt werden.
Im Verlaufe des Krieges jedoch setzte der Staat immer wieder auch Mittel ein, die dem deutschen Bürgertum nicht so recht schmeckten. Der Zweifrontenkrieg und die zum Stellungskrieg erstarrten Materialschlachten an der Westfront verlangte vom Deutschen Reich, wie auch von den anderen Großmächten, die Aufbietung aller nationalen Kräftereserven. Es stand alles auf dem Spiel. Entweder schlug man seinen Konkurrenten aus dem Feld und eroberte sich einen schier gigantischen Wirtschaftsraum, oder man würde aus der Riege der Großmächte für eine lange Zeit ausscheiden, vielleicht sogar selbst zur Kolonie herabsinken. Mit dem unbeschränkten Funktionieren der Marktgesetze vertrug sich dieser Konkurrenzkampf auf Leben und Tod schlecht und so gingen die Großmächte den Weg in den staatlich organisierten und reglementierten Kriegsetatismus. Den Kapitalisten diktierte der Staat nun das zu produzierende Gut, teilte ihnen die nötigen Ressourcen und Arbeitskräfte zu und nahm ihnen die Produkte zu einem selbstbestimmten Preis ab. Den Arbeiter:innen machte er ebenfalls Zugeständnisse im Interesse der Befriedung der Heimatfront. Gewerkschaften wurden anerkannt, ihnen gleichzeitig aber Streiks verboten, Betriebsräte eingerichtet und ein staatlich verordneter Korporatismus sollte die widerstreitenden Interessen möglichst ausgleichen und sowohl Arbeiter:innen als auch Kapitalisten dem militärischen Triumph unterordnen. Gerade das deutsche Bürgertum reagierte auf die Invasion des Staates in die Ökonomie äußerst allergisch. Die Angst vor der Einführung der Planwirtschaft durch die Hintertür war damals in Industriellenkreisen weit verbreitet, wenn auch völlig unbegründet. Der Staat tat nichts weiter, als die notwendigen Konsequenzen aus dem Kriegsprogramm des deutschen Kapitals zu ziehen und Zwang das deutsche Bürgertum, welchem es in dieser Hinsicht an politischer Weitsicht mangelte, dabei zu seinem eigenen Glück. Und doch tat der Staat dies nur, um die Stellung des deutschen Kapitals in der Welt mittels Eroberung neuer Kolonien und Wirtschaftsräume abzusichern.
Wenn Nymoen jetzt schreibt, der Erste Weltkrieg sei lediglich ausgefochten worden um „Machtansprüche“ und „Einflusssphären“, dann stellt sich vor dem Hintergrund dieser Geschichte natürlich die Frage welchen Inhalt diese Ansprüche und Sphären gehabt haben sollen, für die es sich lohnte sich die Köpfe einzuschlagen. Demjenigen, der die ökonomischen Interessen aus dieser Frage heraushält, bleibt tatsächlich überhaupt nichts übrig als ein abstrakter Nationalismus, dessen einziges Ziel es ist, die Weltkarte in den Farben seines eigenen „Teams“ einzufärben. Der imperialistische Krieg um Einflusssphären ist aber, wie am Beispiel der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges illustriert, stattdessen in der letzten Analyse ein Kampf um wirtschaftliche Einflusssphären und die militärische Durchsetzung von Machtansprüchen. Dies ist am Ende nichts weiter als die Durchsetzung der eigenen wirtschaftlichen Ansprüche gegenüber seinen Konkurrenten. Denn das, was erobert werden soll, was auch nur erobert werden kann, das sind in der letzten Analyse materielle Ressourcen, d.h. Rohstoffe, Böden, Produktionsinstrumente und -Mittel, Märkte und Arbeitskräfte. Nur dieses wirtschaftliche Raubgut kann zur Erweiterung und Vertiefung der eigenen staatlichen Gewaltmittel beitragen und die Gewaltmittel des konkurrierenden Staates untergraben. Enthält ein Stück Erde nicht einmal potenziell eines der genannten Begehrlichkeiten, dann wird ein Staat auch nicht einfach nur, um die eigene Fahne dort zu platzieren, seinen Einfluss dorthin ausdehnen. Sonst hätte es längst einen „Wettlauf um die Antarktis“ gegeben. Und andersherum beginnt gerade ein neuer „Wettlauf“ der Großmächte (besonders der USA und Russland) nämlich um die Arktis, denn dort wird der Klimawandel in absehbarer Zeit potenziell ausbeutbare natürliche Ressourcen freilegen.
Nymoen scheint in seiner ganzen Kritik an Lenins angeblichem „Ökonomismus“ das Verhältnis von Politik und Ökonomie tendenziell verkehrt herum und noch dazu sehr starr getrennt voneinander zu denken. „Politik“ als solche, losgelöst vom materiellen Prozess der Produktion und Reproduktion des menschlichen Lebens, kann es nämlich überhaupt nicht geben. Jede „Politik“ genau wie jede religiöse oder nationalistische Auffassung, die ihr zugrunde liegt, entsteht nur im Zusammenhang mit einer bestimmten gesellschaftlichen Praxis der materiellen Bearbeitung der Natur und kann auch nur innerhalb dieses Zusammenhangs begriffen werden. Engels schrieb dazu 1890 an Josef Bloch:
Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens. Mehr hat weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das dahin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenen Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus – politische Formen des Klassenkampfes und seine Resultate – Verfassungen, nach gewonnener Schlacht durch die siegende Klasse festgestellt usw. – Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schließlich durch alle die unendliche Menge von Zufälligkeiten (d.h. von Dingen und Ereignissen, deren innerer Zusammenhang untereinander so entfernt oder so unnachweisbar ist, daß wir ihn als nicht vorhanden betrachten, vernachlässigen können) als Notwendiges die ökonomische Bewegung sich durchsetzt.21
Das von Nymoen angenommene „Primat des Politischen“ basiert letztlich auf dem Nichtverständnis der der konkreten Politik immer zugrundeliegenden materiellen Umstände. Die äußerlich unabhängige und auf nichts als Ideologie basierende Form der Politik wird mit ihrem materiellen Inhalt verwechselt. Aber die Politik ist, um es mit Lenins Worten zu sagen, immer „konzentrierte Ökonomie“, in ihr bilden sich die Widersprüche der Klassengesellschaft ab, in ihr formulieren sich die ökonomischen Interessen dieser oder jener gesellschaftlichen Gruppe und geraten mit anderen Politiken in Gegensätze. In der Sphäre der Politik lässt sich das ständige Spiel der materiellen Kräfte einer Gesellschaft wiederfinden. Das Ergebnis dieses Spiels ist wiederum nicht zufällig und auch nicht von der individuellen Psychologie dieses oder jenes Staatenlenkers abhängig. Engels führt in seinem Brief weiter aus:
Die Geschichte [macht sich] so, daß das Endresultat stets aus den Konflikten vieler Einzelwillen hervorgeht, wovon jeder wieder durch eine Menge besonderer Lebensbedingungen zu dem gemacht wird, was er ist; es sind also unzählige einander durchkreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante – das geschichtliche Ergebnis – hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes, bewußtlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn was jeder einzelne will, wird von jedem andern verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat. So verläuft die bisherige Geschichte nach Art eines Naturprozesses und ist auch wesentlich denselben Bewegungsgesetzen unterworfen. Aber daraus, daß die einzelnen Willen – von denen jeder das will, wozu ihn Körperkonstitution und äußere, in letzter Instanz ökonomische Umstände (entweder seine eignen persönlichen oder allgemein-gesellschaftliche) treiben – nicht das erreichen, was sie wollen, sondern zu einem Gesamtdurchschnitt, einer gemeinsamen Resultante verschmelzen, daraus darf doch nicht geschlossen werden, daß sie = 0 zu setzen sind. Im Gegenteil, jeder trägt zur Resultante bei und ist insofern in ihr einbegriffen.22
Eine so schroffe Trennung, wie Nymoen sie zwischen Politik und Ökonomie vornimmt, ist daher bei den „wirklich tätigen Menschen“ nicht vorzufinden. Politik, das ist immer konkrete Politik, die von den Elementen der ökonomischen Basis einer Gesellschaft ausgeht und wiederum auf unterschiedliche Weise auf diese Basis Einfluss nimmt. Eine Analyse der Kriegsgründe erschöpft sich daher nicht darin, einfach das für bare Münze zu nehmen, was die Staatenlenker ihren Untertanen für hochtrabende ideologische Kriegsgründe auftischen, etwa den Nationalismus oder die Religion. Sie muss sich mit der real existierenden, historisch spezifischen und inhärent widersprüchlichen Totalität der kapitalistischen Produktionsweise in ihrer imperialistischen Epoche und der sich daraus immer konkret ergebenden materiellen Interessenlage der verschiedenen Kriegsparteien befassen, die zueinander in Gegensätze geraten.
Dabei ist natürlich nicht gemeint, dass die Marxist:innen in jedem Krieg nach dem „Öl“ suchen würden, um welches gekämpft wird, wie es Nymoen polemisch behauptet. Die allermeisten Kriege haben deutlich komplexere Kriegsgründe, als das sprichwörtliche Öl, aber nichtsdestotrotz ermöglicht die materialistische Analyse der Kriegsgründe durch den ideologischen Nebel zu blicken und legt die wirklichen zugrundeliegenden Entwicklungstendenzen des Krieges frei. Und da die Ideologie, die auf Grundlage konkreter gesellschaftlicher Verhältnisse entsteht, mitunter eine erhebliche Eigendynamik entfalten kann, sind auch Kriege häufig von solchen nationalistischen und religiösen Elementen geprägt und bestimmen zum Teil sogar wesentlich ihre Form und ihren konkreten Verlauf. Doch bleiben diese letztendlich immer emergente Eigenschaften, die sich als Folge des komplexen Zusammenspiels der verschiedenen Elemente des materiellen Fundaments mit seinem mannigfaltigen gesellschaftlichen Überbau ergeben. Die ideologischen Elemente ausschließlich an sich selbst zu untersuchen und sich mit ihnen zu begnügen, wird niemals ausreichen, um ihre wirklichen Ursachen offenzulegen.
So lässt sich z.B. in Bezug auf den Ersten Weltkrieg sagen: dass der Krieg gerade im Juli 1914 durch die Ermordung Franz Ferdinands ausbrach und den Verlauf nahm, den er schließlich historisch nahm, konnte von den marxistischen Ökonomen nicht vorhergesagt werden. Dass ein großer Europäischer Krieg notwendigerweise anstand, das war jedoch absolut sicher, denn dieser Krieg exekutierte nur die inneren Gesetze des Kapitalismus in seinem imperialistischen Stadium. Friedrich Engels beobachtete gegen Ende seines Lebens alarmiert die fieberhafte Kolonialpolitik, sowie die stetig steigende Kurve der Rüstungsausgaben. Hellsichtig schrieb er schon 1887:
Und endlich ist kein andrer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebs in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankrott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, daß die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehn, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird; nur ein Resultat absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Siegs der Arbeiterklasse.23
Engels war kein Hellseher, er hatte lediglich vor Leuten wie Ole Nymoen den Vorteil, mittels der Methode der materialistischen Geschichtsauffassung Einblick in die wirklich zugrunde liegenden geschichtlichen Bewegungsgesetze gewonnen zu haben. Deshalb konnte er aus der zunehmenden Konzentration des Kapitals, der Tendenz zur Überakkumulation und der zunehmenden Globalisierung der Produktion bei gleichzeitiger Fortexistenz des Nationalstaates die geschichtliche Notwendigkeit eines imperialistischen Weltkrieges ableiten, auch wenn er den Zeitpunkt des Ausbruches und seine konkrete historische Form nicht genau vorherzusehen vermochte.
Ein Jahrhundert später hat sich an den grundlegenden Mechanismen wenig geändert. Die heutige globale Ordnung wird weiterhin von der Dynamik der imperialistischen Konkurrenz geprägt. Europa, Russland, China und die USA kämpfen auf verschiedenen Ebenen und Entwicklungsstufen um geopolitische und damit im Kern wirtschaftliche Hegemonie. Die Kriege in der Ukraine, in Westasien oder die zunehmenden Spannungen im pazifischen Raum sind Ausdruck einer sich vertiefenden globalen Systemkrise, die entweder in der sozialen Revolution oder in der globalen (möglicherweise nuklearen) kriegerischen Auseinandersetzung, der Zerstörung gigantischer Produktivkräfte und dem Tod von Milliarden von Menschen enden wird.
Partei ergreifen?
Ein Verdienst von Nymoens Buch liegt in seiner Auseinandersetzung mit der ideologischen Unterfütterung der Kriegspropaganda. Er stellt berechtigte Fragen nach der Legitimität und Sinnhaftigkeit von Kriegen, nicht nur im Hinblick auf klassische Rechtfertigungen wie „Selbstverteidigung“ oder „humanitäre Intervention“, sondern auch im Umgang mit den nationalistischen Argumenten, wie sie heute ebenfalls von Liberalen benutzt werden. So zeigt Nymoen, wie sich liberale Intellektuelle und Politiker:innen auf einmal mit einer Sprache schmücken, die vormals der Rechten vorbehalten war: Es geht um Nation, Verantwortung, Verteidigung des „Westens“ und seiner Werte.
Zurecht entlarvt Nymoen den Patriotismus als ideologisches Konstrukt, das vorgibt, ein verbindendes, sinnstiftendes Gefühl zu sein, in Wirklichkeit aber zur Mobilisierung und Disziplinierung von Untertanen dient. Patriotismus ist kein neutraler Affekt: Er wird gezielt eingesetzt, um Zustimmung zu militärischen Maßnahmen zu erzeugen. Dabei wird ein fiktives „Wir“ konstruiert, das über Klassengrenzen hinweg vorgibt, gemeinsame Interessen zu vertreten. Wer dieses „Wir“ ablehnt, begeht Vaterlandsverrat.
Entscheidend ist dabei die Art und Weise, wie diese ideologischen Narrative auf „die Staatsbürger:innen“ wirken. (Wir sehen hier absichtlich davon ab vom Proletariat zu sprechen, um Nymoen nicht fälschlicherweise eine Klassenanalyse in diesem Bezug anzuhängen, die er nicht hat) Die nationale Rhetorik zielt darauf ab, der Bevölkerung weiszumachen, dass ihre persönlichen Interessen deckungsgleich mit denen des Staates seien, dass der Schutz des Vaterlands auch ihr eigener Schutz sei und die Hegemonie des nationalen Kapitals auch ihnen nütze. Doch in Wahrheit sind diese Interessen strukturell gegensätzlich. Der Staat führt Krieg nicht, um das Leben seiner Bewohner:innen zu schützen, sondern um ökonomische und geopolitische Macht zu erhalten oder auszuweiten. Er verlangt von den Arbeiter:innen, ihr Leben zu opfern, während diejenigen, die davon profitieren – oder sich das zumindest versprechen – , weit entfernt von der Front sitzen.
Dabei verlässt Nymoen kaum den Standpunkt des rational, Vor- und Nachteile abwägenden Individuums, um seine Ablehnung der Kriegsdienstes zu begründen. In dieser Perspektive mag es auf den ersten Blick zweitrangig erscheinen, wie man sich erklärt, warum Kriege ausbrechen, solange nur klar wird, dass man sich ihrer Logik verweigern sollte. Doch gerade im Falle des Krieges ist es unabdingbar, eine Analyse aus dem Standpunkt des internationalen Proletariats zu entwickeln und nicht auf Ebene des Individuums stehen zu bleiben. Für uns, die wir nicht in Kabinetten oder Generalstäben sitzen, ist es keine Option, bloße Zuschauer:innen zu bleiben, die sich entweder ihrem Schicksal ergeben oder in individueller Rettung die Lösung suchen. Verweigerung und Flucht können nur in einer Minderheit der Fälle überhaupt dazu führen, dass das Individuum tatsächlich dem Gemetzel entkommt. Die große Masse der arbeitenden Menschen wird nicht die Möglichkeit haben, als Individuen davonzukommen, sie kann nur hoffen, als Teil ihrer Klasse einen kollektiven Widerstand zu entwickeln. Die Arbeiter:innenklasse muss nämlich nicht nur Opfer des Krieges sein, sie kann auch eine aktive Rolle einnehmen: als zentrales revolutionäres Subjekt, das für seine eigenen Interessen eintritt, und als solches in der Lage wäre Kriege zu verhindern oder bereits ausgebrochene Kriege sogar in revolutionäre Bahnen zu lenken.
Denn nur die Arbeiter:innenklasse hat die Fähigkeit, die kapitalistische Gesellschaft aufzuheben, um damit die sozialistische Grundlage für die Befreiung der Menschheit und die Beendigung der Kriege überhaupt zu schaffen. Ohne diese Perspektive bleibt die Emanzipation des Individuums, selbst in der einfachen körperlichen Unversehrtheit, eine unerfüllbare Utopie.
Dazu schrieb Georg Lukács in seinem 1924 erschienenen Aufsatz „Lenin. Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken“:
Der imperialistische Krieg schafft also für das Proletariat,wenn es revolutionär gegen die Bourgeoisie kämpft, überall Verbündete. Er zwingt aber das Proletariat, wenn es seine Lage und seine Aufgaben nicht erkennt, in Gefolgschaft der Bourgeoisie zu einer fürchterlichen Selbstzerfleischung. Der imperialistische Krieg schafft eine Weltlage, wo das Proletariat wirklich zum Führer aller Unterdrückten und Ausgebeuteten, wo sein Befreiungskampf das Signal und der Wegweiser für die Befreiung aller Versklavten des Kapitalismus werden kann. Er schafft aber gleich eine Weltlage, wo Millionen und Millionen Proletarier einander mit der raffiniertesten Grausamkeit ermorden müssen, um die monopolistische Stellung ihrer Ausbeuter zu befestigen und zu verbreitern. Welches Schicksal von beiden dem Proletariate zuteil wird,hängt von seiner Einsicht in seine geschichtliche Lage, von seinem Klassenbewußtsein ab. Denn ‚die Menschen machen ihre Geschichte selbst‘. Aber allerdings ‚nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen‘. Es handelt sich hier also nicht um die Wahl,obdas Proletariat kämpfen oder nicht kämpfen will, sondern nur um die Wahl:um wessen Interessenes kämpfen soll, um die eigenen oder um die der Bourgeoisie. Die Frage, die die geschichtliche Situation dem Proletariate stellt, istnicht die Wahl zwischen Krieg und Frieden, sondern die Wahl zwischen imperialistischem Krieg und Krieg gegen diesen Krieg: Bürgerkrieg.24
Nymoens Individualismus führt in einen weitreichenden Abstentionismus: „Wieso sollte man sich überhaupt für eine Seite entscheiden, anstatt die Kriegsgründe aller Staaten unvoreingenommen zu erklären und zu kritisieren?“25 Betrachten wir etwa den Ukrainekrieg, so scheint Nymoen eine zunächst richtige Haltung einzunehmen. Er beschreibt etwa, wie die NATO-Staaten ihre Intervention als Kampf für „Demokratie und Freiheit“ legitimieren oder wie die russische Regierung ihre Invasion als „Spezialoperation zur Entnazifizierung“26 darstellt und schlussfolgert, sich auf keine der beiden Seiten zu schlagen.
Lenin erkannte angesichts des Ersten Weltkriegs, den er, wie bereits erläutert, richtigerweise als interimperialistischen Krieg definierte, die Notwendigkeit einer neuen Losung: des revolutionären Defätismus. Während die Mehrheit der Sozialistischen Internationale den nationalistischen Taumel förderte, formulierte Lenin die Position, dass das Proletariat eines imperialistischen Landes nicht für den Sieg der eigenen nationalen Bourgeoisie kämpfen dürfe, sondern im Gegenteil für deren Niederlage arbeiten müsse.
Diese Logik müssen wir auf den Ukrainekrieg anwenden, der einen Stellvertreterkrieg zwischen dem imperialistischen NATO-Block und Russland darstellt, bei dem beide Seiten lediglich versuchen, sich die Ressourcen, die Arbeitskraft und die strategische Position der Ukraine einzuverleiben. Für die Arbeiter:innen und einfachen Soldat:innen stellt sich in diesem interimperialistischen Konflikt die Frage nach der „richtigen Seite“ nicht: weder Russland noch die NATO vertreten fortschrittliche Interessen im Sinne der internationalen Arbeiter:innenklasse oder der Selbstbestimmung der Völker. Unter beiden Herrschaften würde sich die Lage für die Arbeiter:innen der Ukraine und darüber hinaus verschlechtern. Militarisierung, Austerität und verschärfte imperialistische Konkurrenz drohen die Rechte der Arbeiter:innenklasse weiter einzuschränken und ihre Lebensbedingungen anzugreifen.
Doch Lenins Position bleibt nicht dabei stehen, bloß für die Niederlage des eigenen Staates zu kämpfen. Sie mündet in der Losung: „Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg“27. Revolutionärer Defätismus ist die konsequente Antwort auf interimperialistische Kriege wie den in der Ukraine. Er erfordert Partei zu ergreifen, nicht für den Chauvinismus des eigenenen Staates, aber für die internationale Arbeiter:innenklasse. Das bedeutet, den Krieg zwischen Staaten in einen Krieg zwischen den Klassen zu verwandeln. Aktionen wie Streiks, antimilitaristische Agitation und die Verbrüderung zwischen „feindlichen“ Soldat:innen sollen die eigene Regierung schwächen und den Weg zum Sturz der herrschenden Klasse öffnen. Lenin sah im Ersten Weltkrieg im Sieg der jeweiligen imperialistischen Staaten die Unterwerfung des Proletariats unter die Bourgeoisie, während ihre Niederlage den revolutionären Handlungsspielraum vergrößere.
Doch gilt nun allen Kriegen „kein Grund zur Parteilichkeit“, im Sinne der Parteilichkeit für einen der kriegführenden Staaten? Lenin schrieb dazu 1915 in „Sozialismus und Krieg“:
Wenn zum Beispiel morgen Marokko an Frankreich, Indien an England, Persien oder China an Rußland usw. den Krieg erklärten, so wären das gerechte Kriege, Verteidigungskriege,unabhängigdavon, wer als erster angegriffen hat, und jeder Sozialist würde mit dem Sieg der unterdrückten, abhängigen, nicht gleichberechtigten Staaten über die Unterdrücker, die Sklavenhalter, die Räuber – über die ‚Groß‘mächte – sympathisieren.28
Diese Haltung steht keinesfalls im Widerspruch zu der Linie des revolutionären Defätismus, die er im interimperialistischen Weltkrieg vertrat. Zwar meint Imperialismus nicht nur die Eigenschaft einiger besonders mächtiger oder aggressiver Staaten, sondern ein Weltsystem. Doch es ist kein Weltsystem, in dem die Staaten als gleichrangige Akteur:innen konkurrieren, sondern in denen Staaten, deren ökonomischer und militärischer Entwicklungsgrad es zulässt, sich das in abhängigen Ländern geschaffene Mehrprodukt aneignen, die abhängigen Länder zugleich politisch kontrollieren und die Werktätigen dieser Länder in einem Regime der verschärften Ausbeutung und Unterdrückung halten wollen. Während Nationalismus in einem imperialistischen Land eine ausschließlich reaktionäre Funktion erfüllt und bekämpft gehört, kann in diesem Kontext der Nationalismus in den vom Imperialismus unterjochten Ländern einen fortschrittlichen Charakter annehmen. Es liegt an revolutionären Sozialist:innen hier nicht dogmatisch gegen „Patriotismus“ zu argumentieren, sondern vielmehr den legitimen Drang zur Selbstbestimmung aufzugreifen und zu zeigen, wie eng die Frage der nationalen Unterdrückung mit der kapitalistischen Ausbeutung verbunden ist. Sie müssen demonstrieren, wieso die bürgerlichen Führungen in unterdrückten Nationen keine Befreiung bringen können und für die Ergreifung sozialistischer Maßnahmen unter Führung der Arbeiter:innenklasse eintreten.
Die von Nymoen ausgerufene Unparteilichkeit lässt nur eine einzige Ausnahme zu: Die eines Vernichtungskrieges, in dem „die Auslöschung der Staatsmacht und die des Volkes in eins[fallen]“29. In allen anderen Fällen sei es ratsamer, zu kapitulieren, um die eigene Haut zu retten.
Der US-Imperialismus richtete im Vietnamkrieg beispielsweise zwar abscheuliche Massaker an, denen rund eine Millionen Menschen zum Opfer fielen, zielte aber nicht auf die Auslöschung des vietnamesischen Volkes ab. Vielmehr ging es darum, die UDSSR einzudämmen und zu verhindern, dass sich weitere Länder aus der Einflusszone des westlichen imperialistischen Blocks und seines Kapitals befreien. Hätte man nun an das „Eigeninteresse“ der Arbeiter:innen und Bäuer:innen, die für die nordvietnamesische Republik und den Vietkong kämpften, appellieren sollen, indem man ihnen zuruft, die Waffen niederzulegen und sich der mit dem US-Imperialismus verbündeten Rechtsregierung Südvietnams zu unterwerfen?
In einem Krieg zwischen einem imperialistischen Staat und einem unterdrückten Land ist eine neutrale pazifistische Position eine Position für den Imperialismus und damit eine Position für das Weiterbestehen der kapitalistischen Verhältnisse in ihrem „faulenden“ Stadium. Damit ist es letztlich eine Position gegen die Emanzipation der Menschheit und die Möglichkeit einer Welt ohne Kriege, die nur aus der Überwindung des Imperialismus heraus entstehen kann.
Sind wir verdammt?
Anders als Lenin, Luxemburg und Liebknecht, die ihre theoretische Analyse der ökonomischen und politischen Ursachen des Weltkrieges mit einem politischen Handlungsvorschlag verbanden, möchte Nymoen nachdrücklich keinerlei praktische Konsequenzen aus seinen Ausführungen gezogen wissen:
Aus dieser Kritik lässt sich keine realpolitische Haltung oder Strategie ableiten. Die Schaffung eines einigen Weltstaates, in dem die Menschen nicht mehr in der Konkurrenz zueinander leben, steht derzeit garantiert nirgends zur Debatte. Ich gebe es gern zu: Ich habe keine konstruktive, realistische Lösung im Angebot.30
Nymoens Buch kann nur anbieten, sich geistig zu emanzipieren, wenn auch nicht materiell. Ganz nach dem Motto: „Die Gedanken sind frei“. Um diesen Punkt zu unterstreichen, zitiert er zustimmend die Zeitschrift Gegenstandpunkt:
Denn das geht ja immerhin: sich und allen, die bereit sind zuzuhören, den Krieg und seine Gründe […]erklären. Hoffnung […] kann man daraus zwar bestimmt nicht schöpfen. Aber wenigstens ist man dann nicht auch noch mit der eigenen Urteilskraft das Spielmaterial der großen bewaffneten Rechthaber.31
Für Nymoen und seine Vordenker:innen vom Gegenstandpunkt gilt die elfte Feuerbachthese nur noch unter umgekehrten Vorzeichen: „Die Marxist:innen vergangener Tage haben die Welt nur verschieden versucht, zu verändern, es geht aber darum, sie zu interpretieren.“ Für die Aufhebung des Staates und der Staatenkonkurrenz praktisch tätig zu werden, das sind in dieser Vorstellung nichts weiter als utopische Hoffnungen. Es gibt im Denken dieser Leute tatsächlich keine gesellschaftliche Kraft, die in der Lage wäre, die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern. Nymoens Bekenntnis zum Sozialismus, bzw. wie er es schreibt zum „einigen Weltstaat, in dem die Menschen nicht mehr in der Konkurrenz zueinander leben“ bleibt eine hoch abstrakte Wunschvorstellung. Sie steht vollkommen losgelöst von jeglicher real existierenden Politik und tritt niemals in irgendeine Beziehung zu den pausenlos ausgetragenen gesellschaftlichen Kämpfen. Die Arbeiter:innenklasse ist in dieser Auffassung kein Subjekt der revolutionären Aufhebung der kapitalistischen Verhältnisse, sondern sie ist selbst völlig eingefasst in diese Verhältnisse. Sie ist nichts weiter als machtloser Teil des Staatsvolkes, über welches ein übermächtiger und vollkommen unabhängiger Überstaat herrscht, den abzuschaffen vollkommen unmöglich erscheint.
Dabei steht dieser Staat, wie Nymoen an mehreren Stellen auch abstrakt anerkennt, auf einer ganz profan materiellen Grundlage. Seine ganze Herrschaft ist abhängig davon, dass die Kraftwerke zuverlässig Energie produzieren, damit im Kanzleramt nicht das Licht ausgeht, dass die Server der Ministerien gewartet werden, dass seine Soldat:innen mit dem nötigen Kriegsgerät ausgestatten werden und mit der Bahn schnell von A nach B reisen können, dass die Polizist:innen genügend Benzin vorfinden, um ihre Wagenflotte und ihre Wasserwerfer in Stellung zu bringen, dass die Notenpresse zuverlässig Geld zur Verfügung stellt, um all diese Leute zu bezahlen, dass Häfen und Flughäfen die internationale Warenzirkulation erlauben, dass sein Heer an Beamten und Angestellten täglich mit dem nötigen zum Leben ausgestattet wird, und so weiter. Kurz, alle Herrschaft basiert auf der Verausgabung von Arbeitskraft, das heißt sie ist davon abhängig, dass die Arbeiter:innenklasse des jeweiligen Landes gehorcht und loyal ihre Arbeit verrichtet.
Und da haben wir doch unser Subjekt, den „Totengräber“ der bürgerlichen Gesellschaft. In dem Moment wo die einig handelnde Arbeiter:innenklasse den Gehorsam verweigert, in dem Moment wo sie beginnt, eigene Organe der Macht aufzubauen und sich zu bewaffnen, um diese Organe zum neuen Souverän in der Gesellschaft zu machen, da ist die bürgerliche Gesellschaft am Ende und es beginnt der Prozess der revolutionären Umgestaltung hin zum Sozialismus und zum Absterben des Staates überhaupt.
Die eigentliche Frage ist also nicht, ob dieser Umsturz möglich ist oder nicht. Er ist möglich, spätestens die Oktoberrevolution von 1917 lieferte hierfür den unumstößlichen Beweis. Die eigentliche Frage ist daher eine strategische. Es ist die Frage, wie es gelingen kann, dass die Arbeiter:innenklasse das revolutionäre Potenzial, was in ihr schlummert, erkennen und voll entfalten kann.
Auch Fabian Lehr kritisierte im Gespräch mit Nymoen bei 99 ZU EINS die völlige Individualisierung des Problems „Krieg“. Er sprach sich zurecht dafür aus, die Frage als eine Frage des Klassenkampfes aufzufassen und die Arbeiter:innenklasse nach allen Kräften zu helfen, ihre Stellung an der Schlagader der bürgerlichen Gesellschaft zu erkennen und ihre Macht zum Sturz dieser Gesellschaft einzusetzen. Was für Nymoen der abstrakte und vollkommen übermächtige Nationalismus ist, der die Menschen davon abhält zu begreifen, dass der Staat nicht ihr Staat und der Krieg nicht ihr Krieg ist, das ist für Lehr richtigerweise eine Frage der lebendigen gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse. In Zeiten wie unseren, in denen die Arbeiter:innenklasse keine mächtigen politischen Organisationen wie die SPD des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts mehr hat, die der praktischen Herrschaft und geistigen Führung des Bürgertums etwas wirksames entgegensetzen könnte, da wird es für die Herrschenden auch deutlich leichter sein, die Arbeiter:innenklasse in einen neuen Krieg zu führen.
Lehr möchte diesen Umstand anhand des Jahres 1914 demonstrieren: Hätten im August 1914 die Arbeiter:innenparteien der II. Internationale, allen voran die SPD, den Burgfrieden mit den bürgerlichen Nationalstaaten verweigert und hätten getreu ihrer Proklamationen der Jahre (und Wochen) zuvor, geschlossen gegen den Krieg mobilisiert, um „mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen“32, dann hätten die Arbeiter:innen dieser Länder einen sichtbaren Ausdruck ihres Widerspruchs erhalten, um den herum sie sich hätten scharen können, durch dessen Führung sie zur einigen politischen Aktion gegen den Krieg hätten gelangen können. Daher müsse man auch jetzt, so Lehr, große Arbeiter:inennparteien aufbauen, die dem Kriegseifer der Herrschenden in den Arm fallen können.
Eine Erklärung, warum dies 1914 aber nicht geschehen ist, bleibt Lehr jedoch schuldig, was wiederum Nymoen die Möglichkeit gibt, erneut auf den Nationalismus zu verweisen, dem offensichtlich auch die II. Internationale ganz verfallen war. Dass die SPD 1914 jedoch den Weg in den Burgfrieden ging, das war kein individuelles Versagen, kein im engeren Sinne „Verrat“ von besonders niederträchtigen Individuen, wie es von den Kommunisten oft dargestellt wurde. Es war stattdessen die Folge der Herausbildung einer mächtigen Gewerkschafts- und Parteibürokratie innerhalb der Arbeiter:innenbewegung, die ihre gesellschaftliche Rolle nicht länger in der Überwindung der kapitalistischen Verhältnisse sah, sondern in der Interessenvertretung der Arbeiter:innen innerhalb dieser Verhältnisse. Mit allen Widersprüchen, den dieser Spagat mit sich brachte.
Einen Begriff der Arbeiter:innenbürokratie scheinen sowohl Nymoen, als auch Lehr nicht zu haben, jedenfalls ist letzterem die politische Bedeutung dieses Phänomens nicht vollends bewusst. Das wird auch daran deutlich, dass Lehr in Bezug zur Linkspartei schlicht bedauert, dass diese „leider“ nicht wirklich konsequent antimilitaristisch stehe, als könnte sie sich einfach dazu entschließen, ab morgen keine staatstragende Politik mehr zu tun. So kommt auch Lehr nicht dazu ein tragfähiges Programm für den Klassenkampf gegen den Krieg aufzustellen, denn dieser Kampf konnte damals und heute nur gelingen, wenn er auch gegen die bürokratischen Führungen der Arbeiter:innenbewegung geführt wird.
Die Arbeiter:innenbürokratie steht heutzutage an der Spitze aller großen Organisationen der Arbeiter:innenbewegung. Sie ist eine schmale Kaste von hauptamtlichen Vertreter:innen der Arbeiter:innen in Gewerkschaften und ihren politischen Parteien. Sie reflektiert die Interessen einer recht kleinen Schicht überproportional privilegierter Proletarier:innen in den zentralen wertschöpfenden Sektoren der Wirtschaft, die von den imperialistischen Extraprofiten der großen monopolistischen Konzerne einige Brotkrumen abbekommen und sich dadurch vom Rest des Proletariats relativ absetzen. Diese Schicht nannte Lenin die „Arbeiteraristokratie“33. Ein Teil der Arbeiter:innenklasse, vor allem in der hochmodernen Stahl- und Chemieindustrie, gelangte in der Phase des stürmischen Aufschwungs des deutschen Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu beachtlicher Kampfkraft und großem Organisationsgrad, was sich in einem deutlich höheren Lohnniveau im Vergleich mit anderen Sektoren niederschlug.
Diese Schicht spielte eine Zeitlang die Rolle der Avantgarde der deutschen Arbeiter:innenbewegung, stellte die Kernmitgliedschaft der SPD und rekrutierte aus ihren Reihen heraus einen großen gewerkschaftlichen und später auch einen parteipolitischen Funktionärsapparat. Einmal zu dieser hervorgehobenen Stellung gelangt, verkehrte sich ihre einst progressive Rolle in ihr Gegenteil. Zwar bildete sie weiterhin die schweren Bataillone des Proletariats, doch war ihr Bewusstsein nun zuerst darauf gerichtet, die einmal gemachten Errungenschaften möglichst zu verteidigen. Das äußerte sich in einer konservativen defensiven Haltung und in einem zunehmend reformistischen Bewusstsein. Die aus dieser Schicht hervorgegangene Bürokratie gelangte in diesem Prozess zu der Überzeugung, dass die Interessen der von ihr vertretenen Teile des Proletariats tatsächlich mit den Interessen des nationalen Kapitals zusammenfallen würden und dass dementsprechend ein korporatistischer Interessenausgleich möglich sei. Und so verschob sie den Kampf um den Sozialismus in eine weit entfernte abstrakte Zukunft und konzentrierte sich allein auf die tagespolitischen Tarifkämpfe sowie in der politischen Sphäre auf Wahlen und gemeinsame Gesetzesentwürfe mit den liberalen Republikanern.
Dafür bedurfte es aber der gegenseitigen Anerkennung: Für ihre Legalität, Respektabilität und Wahrnehmung als Vertragspartnerin durch das Bürgertum musste die Arbeiter:innenbürokratie in der Tagespolitik immer größere Teile ihres politischen Programms zurechtstutzen und besonders von seinen revolutionären Implikationen Abstand nehmen. So entwickelte sie sich allmählich zum sozialpartnerschaftlichen Sachwalter des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit und damit letztlich zu einer wichtigen Stütze des Kapitalismus. Je stärker das Wachstumsmodell des deutschen Imperialismus Anfang des 20. Jahrhunderts in die Krise geriet, desto deutlicher stellte sich heraus, dass das Gerede vom Interessenausgleich eine Illusion war. Unmut und Opposition breitete sich in der Basis der Gewerkschaften und der SPD aus. So wurde es für die Bürokratie, die ihr ganzes materielles Schicksal an den Erfolg des deutschen Imperialismus gekettet hatte, notwendig, sich immer stärker von ihrer ursprünglichen Arbeiter:innenbasis zu emanzipieren. Dafür wurden zum einen die Gewerkschaften und die SPD allmählich in straff top-down organisierte Einrichtungen mit einem möglichst geringen Maß an innerer Demokratie umgebaut. Zum anderen wurde es nötig, gegen die wachsenden radikalen Fraktionen innerhalb der Arbeiter:innenbewegung auch ideologisch schärfer vorzugehen. So wurde die Bürokratie im Zeitalter des Imperialismus, wie Trotzki es ausdrückt, zur „politischen Polizei der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiter:innenbewegung“34, die im Interesse ihrer eigenen Stellung als Vermittlerin zwischen den Klassen den Status Quo auch ideologisch verteidigt. Wenn heute IG-Metall-Funktionär:innen von der „Sicherung des Standorts Deutschland“ sprechen und den Umbau von Werken von Auto auf Kriegsproduktion loben, weil dies „Arbeitsplätze“ sichere, dann ist das Ausdruck genau dieser gesellschaftlichen Stellung.
Heute ist die Arbeiter:innenbürokratie respektierter „Partner“ in der Organisation der Produktion, wie auch ein williger Koalitionspartner in diversen bürgerlichen Regierungen. Auch die Führung der Linkspartei strebt diese bürgerliche Respektabilität und einen Platz auf der Regierungsbank an, wenn zum Beispiel Heidi Reicheneck in Richtung Merz betont, sie sei „zu sehr vielem bereit.“ Die LINKE ist damit nicht nur bereit zur Tolerierung einer CDU-Regierung, sondern eben auch im Zweifel zur Zustimmung für deutsche Kriegskredite, wie die Regierungssozialist:innen Bremens und Mecklenburg-Vorpommerns im Bundesrat bereits als kleinen Vorgeschmack demonstriert haben.
Ein Kampf gegen das Projekt der deutschen Aufrüstung kann und muss daher einhergehen mit einem unerbittlichen Kampf gegen eben diese verknöcherten Bürokratien innerhalb der Arbeiter:innenbewegung. Sie versuchen die Arbeiter:innen mit den Argumenten der Bosse, aber mit der Autorität von Arbeiter:innenvertretern, einzulullen und die Aufrüstung und die Kürzungspolitik (mit Bauchschmerzen) mitzutragen. Deshalb braucht es den Aufbau antibürokratischer, antimilitaristischer Strömungen in den Gewerkschaften, die mittels basisdemokratischer Versammlungen in den Betrieben den Kampf um die Führung über die Arbeiter:innenbewegung aufnehmen. Auf solchen Versammlungen, die einen ganz anderen Charakter haben müssen, als die regelmäßigen Routineversammlungen der Betriebsräte, wäre auch die Stimme des Betriebsrats oder des Gewerkschaftssekretärs nur eine Stimme unter hunderten. Dort kann die bisher in Sprachlosigkeit gehaltene Gewerkschaftsbasis ihre Sprache zurückerlangen, ihre eigene Kraft und das Potenzial, was in ihr schlummert, deutlicher denn je selbst erfahren. So könnten die ersten Schritte in Richtung antimilitaristischer Streiks gegangen werden, die letztlich das einzige wirksame Mittel zur Verhinderung beziehungsweise Beendigung von Kriegen sind. Die massiven Streiks für Palästina im Spanischen Staat und insbesondere in Italien, denen Blockaden von Waffenlieferungen durch Hafenarbeiter:innen vorausgingen, dienen als inspirierende Beispiele für die Macht der Arbeiter:innenklasse, wenn sie in das politische Geschehen eingreift.
Auch braucht es jetzt die Herausbildung eines linken, konsequent antimilitaristischen Flügels innerhalb der Linkspartei, der gewillt ist, Van Aken und Co. offensiv die Stirn zu bieten, wenn sie versuchen, das Thema Palästina nach der Waffenruhe wieder unter den Tisch fallen zu lassen und ihre ohnehin unzureichenden antimilitaristischen Positionen weiter zu verwässern, um sich SPD und Grünen als verlässliche Koalitionspartnerin anzudienen. Denn die staatstragende Bürokratie wird versuchen, alle lobenswerten politischen Initiativen aus Teilen der Basis auf die engen Grenzen des staatstragenden Parteikonsenses zu beschränken. Wo es heute noch gewisse Freiräume innerhalb der Partei gibt, wird die Bürokratie morgen darauf zielen, gnadenlos ihre eigenen Reihen zu säubern, spätestens wenn die Regierungsbeteiligung zur realen Möglichkeit wird. Ein oppositionelles Zentrum muss sich jetzt bilden und auf die Einheit der Revolutionär:innen hinarbeiten, oder die vorhandenen Kräfte werden Stück für Stück isoliert und schließlich individuell ausgeschlossen.
Und letztendlich führt kein Weg am Aufbau einer internationalen revolutionären Arbeiter:innenpartei vorbei. Am Aufbau einer neuen Internationale, die nicht nur im engen nationalstaatlichen Rahmen die Kämpfe gegen den Krieg aufnimmt, sondern dies „über’n Graben“ hinweg in den imperialistischen Zentren wie auch in der kolonialen Peripherie tut. Denn auch eine erfolgreiche sozialistische Revolution – das ist die zweite große Lehre aus der Oktoberrevolution – kann sich nur dauerhaft etablieren und an den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft gehen, wenn sie nicht in einem Land verbleibt, sondern sich internationalisiert und schließlich die ganze Welt erfasst.
Ole Nymoen würde diese strategischen Vorschläge nicht für sinnvoll erachten, denn er geht davon aus, dass es für die Untertanen der Staaten schlicht keinen sicheren Ort vor dem alles dominierenden und durchdringenden, geradezu metaphysischen Nationalismus gibt. Für ihn zählt daher nur das individuelle „sich die Welt erklären“, ganz abseits der politischen Aktion. Dass die Arbeiter:innenklasse aber vor allem im Kampf, in der politischen Auseinandersetzung mit ihrem Feind, ihre wirkliche Stellung in der Gesellschaft vollkommen erfassen kann, dass sie nur so kollektiv lernen kann, dass der Appell an die Nation eine leere Phrase ist, das bleibt für Nymoen ebenfalls ein Buch mit sieben Siegeln. Die Oktoberrevolution wurde aber nicht von der Masse kritischer Individuen gemacht, die alle den Kapitallesekreis besucht haben, sie wurde von Arbeiter:innen gemacht, die in einem jahrelangen Ringen mit der Autokratie und den Kapitalist:innen allmählich gelernt haben, welche politischen Kräfte auf welcher Seite der Barrikade stehen und welche politischen Führer ihre Interessen bis zum Ende verfolgen. Ohne diese praktischen Erfahrungen im Klassenkampf, an die die Kommunist:innen immer anknüpfen müssen, die sie erklären, theoretisch fundieren und zu revolutionären Schlussfolgerungen führen müssen, ist jede theoretische Einsicht letztlich unfähig, gesellschaftliche Wirkmächtigkeit zu entfalten.
Fußnoten
- 1. Ole Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Gegen die Kriegstüchtigkeit, Rowohlt, Hamburg 2025, S. 30.
- 2. Ebd., S. 36.
- 3. Ebd., S. 58.
-
4.
Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (Anti-Dühring), in: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, Bd. 20, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 5-306, hier S. 148.
- 5. Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde, S. 58.
- 6. Friedrich Engels: Der Ursprung der Familie des Privateigentums und des Staats, in: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, Bd. 21, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 25-173, hier S. 148.
-
7.
Ebd., S. 166.
- 8. Engels: Anti-Dühring, S. 260.
- 9. Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde, S. 51.
- 10. Ebd., S. 51.
-
11.
Ebd., S. 52.
- 12. Ebd., S. 51.
- 13. W.I. Lenin.: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Gemeinverständlicher Abriss, in: Ders.: Werke, Bd. 22, Dietz Verlag, Berlin 1971, S. 189-309, hier S. 305.
- 14. Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde, S. 50f.
- 15. Vgl. Ebd., S. 52.
- 16. Ebd., S. 51f.
- 17. Lenin: Imperialismus, S.245.
- 18. Zitiert nach: Klaus J. Bade: Friedrich Fabri und der Imperialismus in der Bismarckzeit, Osnabrück 2005, S. 238.
- 19. Walther Rathenau: Deutsche Gefahren und neue Ziele (25. Dezember 1913), in: Sabrow, Martin/ Schulin, Ernst (Hg.): Walther Rathenau: Gesamtausgabe, Bd. 1, Schriften der Wilhelminischen Zeit 1885-1914, Droste Verlag, Düsseldorf 2015, S.1072-1080, hier S.1074.
- 20. Ulrich Cartarius (Hg.): Deutschland im Ersten Weltkrieg. Texte und Dokumente 1914–1918. München 1982, Dok. Nr. 126, S. 181f.
- 21. Friedrich Engels: Ders. an Joseph Bloch, 21./22. September, in: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, Bd. 37, Dietz Verlag, Berlin 1967, S. 462-465, hier S. 463.
- 22. Ebd., S. 464.
- 23. Friedrich Engels: Einleitung zu Borkheims „Zur Erinnerung an die deutschen Mordpatrioten“, in: Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, Bd. 21, Dietz Verlag, Berlin 1962, S. 346-351, hier S. 350f.
-
24.
Georg Lukács: Lenin. Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken, 1924, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lukacs/1924/lenin/index.htm [04.09.2025].
- 25. Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde., S. 68.
- 26. Vgl. Ebd., S. 91.
- 27. W.I. Lenin: Der Krieg und die russische Sozialdemokratie, in: Ders.: Werke, Bd. 21, Dietz Verlag 1960, S. 11-21, hier S. 20.
- 28. W.I. Lenin: Sozialismus und Krieg (Die Stellung der SDAPR zum Krieg), in: Ders.: Werke, Bd. 21, Dietz Verlag 1960, S. 295-341, hier S. 301.
- 29. Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde, S. 92.
- 30. Ebd., S.67.
-
31.
ebd. S.68, zitiert nach: Gegenstandpunkt: Editorial, in Gegenstandpunkt 1-22, S.35.
- 32. Manifest des Basler Sozialistenkongresses von 1912, in: Dokumente und Materialien zur Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung, Reihe II., Bd. 1, Juli 1914 – Oktober 1917, Berlin (Ost) 1958, S.3.
- 33. Lenin: Imperialismus, S. 198.
- 34. Leo Trotzki: Gewerkschaften in der Epoche des imperialistischen Niedergangs (August 1940) unvollendet, https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1940/08/gewerk.htm [04.09.2025].