Gegen den Gefängnis-psychiatrischen Komplex – Freiheit für Roxanne!
In Frankfurt a.M. fand der Prozess von Roxanne, einer Schwarzen Frau, die sich gegen einen transfeindlichen Angriff verteidigt hat, statt. Wir veröffentlichen das Statement des Solidaritätskomitees Justice for Roxanne.
Während in den USA gerade ein Gesetz verabschiedet wird, das Ärzt:innen für geschlechtsangleichende Maßnahmen mit 10 Jahren Haft kriminalisieren könnte, verdeutlichte letzte Woche ein Frankfurter Gerichtsurteil, welche ‚Gerechtigkeit‘ rassifizierte trans Personen im deutschen Justizsystem zu erwarten haben.
Roxanne ist eine Schwarze Frau, die einem transfeindlichen Angriff im Juni letzten Jahres ausgesetzt war. In der Situation wurde sie eingeschlossen und mit einem Messer bedroht, woraufhin sie sich wehrte und der Angreifer letztlich starb. Sie musste 17 Monate in Untersuchungshaft im Männergefängnis ausharren, bis ihr Prozess schließlich begann. Nun wurde am Montag ihr Urteil gesprochen. Forensische Psychiatrie auf unbestimmte Zeit. Roxanne hat überlebt, weil sie sich wehrte und wird nun von diesem System als „krank“ und „gefährlich“ markiert und weggesperrt. Wir nehmen das nicht hin und fordern Freiheit und Gerechtigkeit für Roxanne!
Roxanne musste aus ihrer Heimat Jamaika vor trans- und queerfeindlicher Gewalt fliehen. Ihr schwuler Bruder wurde dort umgebracht. Hier in Deutschland hörte die Gewalt jedoch nicht auf. Sie lebte in einer Unterkunft für Geflüchtete, wo sie sich mit 3 Männern ein Zimmer teilen musste und immer wieder patriarchale Gewalt erlebte. Doch nicht nur in der Unterkunft, auch auf der Straße ist sie als Schwarze trans Frau nicht sicher. 2022 wurde sie Opfer von Polizeigewalt, als sie sich gegen eine rassistische Polizeikontrolle wehrte, wobei sie einen Jochbeinbruch erlitt, wofür sie dann wegen „Körperverletzung“ verurteilt wurde. Auch von Hilfsstellen erfuhr sie wenig Unterstützung. Im Juni 2024 mündete die Gewalt dann in den transfeindlichen Angriff: Im Gerichtsprozess sagte Roxanne aus, dass sie im Bahnhofsviertel in Frankfurt unterwegs gewesen sei und dort einen Mann kennengelernt habe, der ihr einen Job in einer Bar angeboten habe. Er habe ihr die Bar gezeigt, sie dort in den Keller gebracht und hinter sich abgeschlossen. Roxanne habe ihn mehrmals dazu aufgefordert die Tür wieder zu öffnen, und schließlich den Notruf gewählt. Der Angreifer habe ihr jedoch das Handy aus der Hand geschlagen, sie zu Boden gedrückt, gewürgt und schließlich nach einem Messer gegriffen. Roxanne habe ihm dieses entwenden können und habe damit auf ihn eingewirkt, bis er von ihr abließ. Sie fand die Schlüssel und floh aus dem Keller. Oben angekommen wählte sie direkt den Notruf. Als die Polizei ankam, wurde sie als Täterin behandelt, zu Boden gedrückt und in Handschellen gelegt.
Auf den Bodycam-Aufnahmen eines Polizisten hört man Roxanne merhmals sagen „Ich kriege keine Luft“, worauf eine andere Polizeibeamtin mit „Da passt doch noch ein Finger dazwischen“ reagiert. Sie wurde auf die Wache gebracht, von männlichen Beamten ausgezogen, fotografiert und für mehrere Stunden verhört. Schließlich wurde sie in ein Männergefängnis gesteckt, wo sie 17 Monate in quasi Isolation ausharren musste. Doch dem nicht genug.
Im September 2025 begann dann ihr Prozess vor dem Landgericht in Frankfurt, den eine solidarische Gruppe, bestehend aus Roxannes Freund:innen sowie Unterstützer:innen, begleitete. In diesem wurden die sich reproduzierenden Machtverhältnisse des bürgerlichen Justizsystems deutlich.
Statt vor Gericht die Bedingungen, unter denen geflüchtete, Schwarze und trans Menschen im kapitalistisch-imperialistischen System (über-)leben müssen, oder die Umstände der Gewalt, die Roxanne in diese Situation brachten, zu verhandeln, wurde sie von weißen Männern in Roben verhört, ihr Charakter, ihr Verhalten und ihr Körper akribisch analysiert und begutachtet. Der Richter produzierte von Anfang das Bild einer aggressiven, hysterischen Schwarzen trans Frau, blendete ihre Geschichte aus und ignorierte Roxannes Aussagen.
Sie wurde vor Gericht entweder als gefährlich oder als unzurechnungsfähig dargestellt. Der Gerichtspsychiater begründete das anhand einer posttraumatische Belastungsstörung und einer „histrionischen Persönlichkeitsstörung“, die sich in „starker Emotionalität“, „fehlender Impulskontrolle“ und „Hysterie“ ausdrücken würden. Er beurteilt Roxanne nach extrem transmisogynoiren Maßstäben, immer wieder wurde ihr vorgeworfen, sie würde überreagieren und durchwegs Feindseligkeit vermuten.
Dass solche Aussagen getroffen werden, nachdem sie mehrfach Polizeigewalt erlebt hat, in einen Keller gesperrt und mit einem Messer angegriffen wurde, lässt nur den Schluss übrig, dass das Gericht und der Psychiater sich absichtlich dafür entschieden, ihre Umstände zu ignorieren und ihr stattdessen die Schuld für die Gewalt zuzuschieben. Für dieses Verhalten, für ihre Existenz und Widerständigkeit soll sie nun diszipliniert und bestraft werden.
Auch bei der Befragung der Angehörigen des Verstorbenen zeigte sich das rassistische Narrativ des Richters. Der Verstorbene war aus Eritrea geflohen und lebte hier in Deutschland unter sehr prekären Bedingungen. Die Befragung seiner Freunde und Verwandten zielte darauf ab, herauszufinden, ob er besonders trans- oder homophob gewesen sei – mit der Begründung „die Kultur sei so.“ Aber auch darauf, die Schuld auf die migrantische Community abzuschieben, statt auf das dahinterstehende System.
Vor allem der Richter schien wenig Wert darauf zu legen, wirklich zu neuen Erkenntnissen zu kommen. So nickte er etwa während der Verlesung des Plädoyers von Roxannes Anwältin immer wieder weg, gut ersichtlich für alle Anwesenden im Gerichtssaal. Auch bei der Begründung des Urteils nannte er teilweise Gründe, die die Zeug:innen anders ausgesagt hatten. Bei der Befragung der Zeug:innen war er sehr verfestigt darauf, Roxanne als Sexarbeiterin darzustellen. Was das für einen Unterschied macht, blieb hier offen. Hätte eine Sexarbeiterin es eher verdient in einen Keller gesperrt und angegriffen zu werden?
Wir sehen, wie trans Personen vor Gericht behandelt werden. Ihre Körper werden zu einem Terrain von Überwachung und Kontrolle. Das System ist geschaffen für die bürgerliche Gesellschaft und drückt marginalisierte Menschen – insbesondere geflüchtete Trans Personen – in die Illegalität. Für die strukturellen Umstände, in die marginalisierte Menschen gebracht werden, gibt es nicht nur kein Verständnis, sondern sie werden noch befeuert. Gleichzeitig schiebt das System ihnen aber die Schuld an ihrer eigenen Situation zu und stellt dies als logische und rechtmäßige Schlussfolgerung dar. An ihnen wird ein Exempel von Gewalt und Strafe statuiert.
Das was Roxanne passiert ist, ist kein Einzelfall. Cleo, eine Schwarze trans Frau sitzt in Brandenburg für eine Tat im Gefängnis, die sie nicht begangen hat. 2011 wurde Cece Mcdonald, ebenfalls eine Schwarze trans Frau, in den USA verurteilt, nachdem sie sich gegen den Angriff eines Nazis gewehrt hat. In Frankfurt gab es dieses Jahr einen ähnlichen Fall. Schwarze trans Frauen erleben überproportional oft Gewalt. Doch wenn sie sich wehren, werden sie dafür bestraft, inhaftiert und diszipliniert – und meistens in Männergefängnisse gesteckt.
Roxanne wurde schließlich vom Vorwurf Totschlag ‚freigesprochen‘. Doch zugleich wurde sie nach dem Paragraf § 63 StGB zur Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus verurteilt. Sie ist nun in der forensischen Psychiatrie in Haina, eine Stadt, die 2 Stunden von Frankfurt entfernt liegt. Paragraf § 63 StGB – der aus Zeiten des Faschismus stammt – besagt, dass schuldunfähige oder vermindert schuldfähige Menschen, von denen jedoch weiterhin eine Gefährdungsmöglichkeit ausgehen könne, in eine psychiatrische Anstalt verlegt werden. Hier bleiben sie so lange bis Ärzt:innen und Psychiater:innen entscheiden, dass sie wieder funktionsfähig für die Gesellschaft seien. Und auch nach einer Entlassung müssen sich Personen in Hessen, wenn eine „Fremdgefährdung“ festgestellt wurde, weiterhin bei der Polizei melden. Doch wie sollen traumatisierte Menschen an einem Ort, der sie komplett von der Gesellschaft abschneidet, einen Umgang mit ihren Traumata finden? Roxanne wird dafür bestraft, wie dieser disziplinierende Staat und dieses ausbeuterische System mit ihr umgehen.
Auch Roxannes materielle Bedingungen werden komplett ignoriert. Während ihrer Zeit in Untersuchungshaft haben sich die Schulden getürmt, sie verlor ihre Wohnung und ihren Aufenthalt. Sogar das Gericht erkennt, dass diese Umstände sie wahrscheinlich wieder in die „Kriminalität“ und Gewalt drängen würden. Doch anstatt wirkliche Hilfe anzubieten, wird sie als krank markiert und weggesperrt.
Doch es ist nicht sie, die sich ändern muss. Es ist das System, das schutzbedürftige Menschen im Stich lässt, sie Gewalt aussetzt und ihren Widerstand dann bestraft. Roxanne und alle trans Personen haben das Recht, sich gegen diese Gewalt zu wehren. Auf ein Leben in Würde, ohne Ausbeutung, Wegsperrung und ohne Kontrolle durch Psychiater:innen.
Deshalb dürfen wir dieses Urteil nicht hinnehmen! In diesem System wird es keine Gerechtigkeit für den Verstorbenen oder für Roxanne geben. Gerechtigkeit für den Verstorbenen und für Roxanne bedeutet die Abschaffung des Gefängnis-Psychiatrischen Komplexes, sicheren Aufenthalt und Anlaufmöglichkeiten für Geflüchtete und queere Menschen und ein Ende der Ausbeutung, Kontrolle und Strafe durch das System.
Zeigt euch solidarisch mit Roxanne. Wir werden mit Roxanne in Kontakt bleiben, wenn ihr uns unterstützen wollt, kontaktiert uns! Ihr könnt euch über die Instagramseite @iqp_ffm über ihren Fall auf dem Laufenden halten. Sprecht über sie, schreibt Briefe oder spendet für die Deckung der Kosten des Gerichtsverfahrens von mehreren Tausend Euros.
Wir dürfen unsere Geschwister und Genoss:innen im Gefängnis oder in der Psychiatrie nicht vergessen. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen. Black Trans Lives Matter – heißt Abschaffung des Gefängnis-psychiatrischen Komplexes!