Geburtstagspost von der Bundeswehr: Was jetzt?
Im Dezember streikten Zehntausende Schüler:innen gegen den neuen Wehrdienst und eine mögliche Wehrpflicht. Ab Januar ist der Fragebogen der Bundeswehr Pflicht für junge Männer. Wie sollte eine Bewegung gegen Aufrüstung damit umgehen?
Deutschland rüstet massiv auf. Der Verteidigungsminister provoziert mit der Forderung nach einem „kriegstüchtigen“ Land. Genug Geld für neue Waffen ist vorhanden – durch Sondervermögen und die Reform der Schuldenbremse. Nur die Soldat:innen fehlen noch: Bis 2035 soll die Bundeswehr von aktuell 184.000 auf etwa 260.000 Soldat:innen anwachsen.
Um das zu erreichen, müssen alle ab 2008 geborenen deutschen Männer einen Fragebogen ausfüllen. Ab 2027 sind verpflichtende Tauglichkeitsuntersuchungen geplant. Die Bundesregierung hofft, damit viele neue freiwillige Wehrdienstleistende zu gewinnen. Deren Anzahl soll in den kommenden Jahren anwachsen und ab 2031 pro Jahr etwa 40.000 Menschen in die Kasernen führen.
Zeitgleich zur milliardenschweren Aufrüstung spitzen sich die Krisen zu: höhere Mieten, ein unsicherer Arbeitsmarkt, wachsende Armut. Das trifft junge Menschen hart. Mit einem üppig bezahlten Wehrdienst bietet die Regierung Merz eine individuelle Alternative zum sozialen Elend an, während sie für den Rest der Gesellschaft die Lebensbedingungen weiter aushöhlt.
Du bist betroffen, willst aber nicht zur Bundeswehr?
Du wurdest 2008 geboren und hast vielleicht gegen den Wehrdienst am 5. Dezember die Schule bestreikt?
Erstmal: Alles Gute zum 18. Geburtstag. Viel Spaß beim Feiern!
Neben Glückwunschkarten und Gutscheinen steckt im Briefkasten ein Umschlag der Bundeswehr mit QR-Code und 16-stelligem Zugangsschlüssel. Mit den Fragebögen schätzt die Bundesregierung ein, wie viel Personal ihr für die Aufrüstung zur Verfügung steht.
Eine Bewegung gegen eine mögliche Wehrpflicht stimmt in den Fragebögen mit „Nein“, um die Ablehnung von Aufrüstung deutlich zu machen. Auch junge Frauen, für die der Fragebogen freiwillig ist, sollten ihn abschicken und zwar ebenfalls mit „Nein“ ausgefüllt. Nur so wird sichtbar, dass auch Frauen gegen Aufrüstung und eine mögliche Wehrpflicht stehen.
Was passiert, wenn du den (ersten) Brief ignorierst?
Erstmal nichts. Wenn du gegen den neuen Wehrdienst und eine mögliche zukünftige Wehrpflicht protestieren möchtest, dann falte daraus einen Papierflieger oder werde kreativ. Als Protest ist es effektiver, wenn du das mit deinen Freund:innen und anderen Schüler:innen machst, die ebenfalls gegen Aufrüstung sind. Auf dem Schulstreik am 5. März 2026 bietet sich eine gute Gelegenheit.
Bußgelder bei Nichtausfüllen oder Falschangaben
Hast du den Brief der Bundeswehr zerknüllt und in den Müll geworfen, ohne Pistorius’ Fragebogen durchzuklicken? Nach einem Monat erhältst du einen zweiten Brief, diesmal per Einschreiben. Dadurch beweist die Post der Bundeswehr, dass du den Brief auch tatsächlich erhalten hast. Innerhalb einer Frist musst du den Fragebogen ausfüllen, sonst ist ein Bußgeld möglich.
Ignorieren oder Falschangaben sind keine Straftaten; du wirst deswegen nicht angeklagt oder verurteilt. Es ist eine Ordnungswidrigkeit, so wie Falschparken oder Ruhestörung. Die meisten Medien nennen den möglichen Höchstbetrag von 1.000 Euro Bußgeld, lassen allerdings aus, dass der tatsächliche Mindestbetrag deutlich niedriger liegt. Wie streng die Behörden vorgehen werden, ist noch nicht absehbar.
Ein individueller Boykott des Fragebogens mit anschließendem Bußgeld hilft politisch nichts. Statt dem Grübeln zu verfallen, ob du es auf ein Bußgeld ankommen lässt, ist der Aufbau einer antimilitaristischen Bewegung wichtiger. Und wahrscheinlich brauchst du dein Geld dringender als der Staat.
Du bist gegen Aufrüstung – wie klickst du sicher durch den Fragebogen?
Gib so wenige Informationen preis wie möglich und so viele wie nötig. Die Bundeswehr veröffentlichte bereits den Fragebogen. Einige Felder sind Pflichtfragen und mit einem Stern * markiert. Dazu gehören Angaben, die der Bundeswehr sowieso zugänglich sind, etwa Name, Geburtsdatum und -ort sowie deine Adresse. Falschangaben sind hier sinnlos.
Anschließend musst du deinen (angestrebten) Schulabschluss angeben, ob und welche Berufsausbildung du durchläufst, deine Größe und dein Gewicht. Bis zu einer möglichen Musterung ein Jahr später sind Schwankungen auf der Waage wohl üblich. Außerdem musst du angeben, ob du eine anerkannte Schwerbehinderung hast. Wenn ja, dann gib das auch an – in der Regel wirst du ausgemustert und bist nicht vom Wehrdienst betroffen.
Die Einschätzung über deine Fitness ist Pflicht. Die dritte Option klingt wie die angenehmste Form der Wehrkraftzersetzung: „gering, ich vermeide sportliche Betätigungen“.
Bewertung: Interesse am Dienst als Soldatin oder Soldat – natürlich „Null“
Das ist die entscheidende Frage. Auf einer Skala von Null bis Zehn bekundest du dein Desinteresse an der Bundeswehr. Die Bundesregierung nutzt diese Angaben als Hinweis darauf, wie attraktiv der Wehrdienst für Jugendliche ist. Bist du gegen Aufrüstung, Kriegstüchtigkeit und eine mögliche Wehrpflicht, dann klick auf die Null. Sprich bis zum nächsten Schulstreik am 5. März 2026 (und auch danach) mit deinen Freunden und Mitschülern über den Fragebogen und warum auch sie auf „Null“ drücken sollten.
Für alle jungen Männer, die ab 2008 geboren sind, ist außerdem die Musterung verpflichtend. Allerdings fehlen die Kapazitäten, um einen ganzen Jahrgang von über 300.000 Männern und einigen jungen Frauen auf ihre militärische Verwertbarkeit zu prüfen. Für die Musterungen sollen insgesamt 17 bestehende „Karrierecenter“ umgestaltet und 21 neue Einrichtungen bis Mitte 2027 entstehen, allerdings liegt noch nicht einmal eine Übersicht vor, in welchen Städten diese überhaupt geplant sind.
Eine verpflichtende Musterung für alle jungen Männer ab Jahrgang 2008 wurde zwar ins Wehrdienst-Modernisierungsgesetz aufgenommen, die Bundesregierung müsste diese allerdings erst durchsetzen. Eine rebellische Schulstreikbewegung kann das bis zum Sommer 2027 verhindern: Die Regierung Merz ist schwach, und die Sorgen vor Protesten sind groß.
Warum auf die „Null“ klicken: Antimilitarismus mit sozialer Frage verbinden
Junge Menschen erleben die sozialen Krisen in Deutschland hart. Jedes siebte Kind lebt in Armut. Die Suche nach Wohnraum erschwert jungen Erwachsenen den Weg in ein selbstständiges Leben. Außerdem trifft die aktuelle Wirtschaftskrise vor allem Berufseinsteiger:innen.
Die Regierung Merz plant weitere soziale Einschnitte, die ein finanziell abgesichertes und planbares Leben für viele Menschen zunichtemachen. Die üppige Bezahlung des Wehrdienstes und Benefits wie die Zuzahlung zum Führerschein werden bei vielen ärmeren Jugendlichen den Druck erhöhen, sich der Aufrüstung Deutschlands zur Verfügung zu stellen.
Ein linkes Programm für eine Bewegung gegen die Wehrpflicht stellt sich gegen die Aufrüstung, fordert aber auch ein Leben in finanzieller Sicherheit für alle ein. Jugendliche müssen nicht die deutschen geopolitischen Ambitionen unterstützen und sind auch nicht für die Erfüllung von NATO-Zielen verantwortlich.