„FAGGOT*S“ und die Revolution: Rezension
Das Stück im Berliner Ringtheater zeugt von der Kontinuität queeren Widerstands von New York bis nach Berlin, von den 70ern bis heute.
„Ich machte mir ständig Sorgen. Über die unbezahlten Rechnungen, das Dach, das repariert werden musste, über die Blicke der Nachbarn, und darüber, ob ich meinen Verstand verliere.“ Diese Worte der Protagonistin erinnern zu Beginn und (fast) zum Ende des Stücks an die zumeist prekären Lebensbedingungen der Faggots (dt. etwa „Tunten“) und ihrer Freund:innen, die ihrer ganzen campigen Extravaganz, überbordenden Lust und gegenseitigen Fürsorge zugrundeliegt. In den nächsten eineinhalb Stunden schlüpft die von Drag-Künstlerin Hassandra gespielte Hauptfigur in verschiedene Rollen und beleuchtet dabei gekonnt die unterschiedlichsten Facetten dieser Lebenswelt.
Die Performance basiert auf dem 1977 erschienenen Buch The Faggots & Their Friends Between Revolutions von Larry Mitchell und Ned Asta. Faggot zu sein, das ist die Überlebenskunst all jener, die die heteronormativen Erwartungen ans Mannsein nicht erfüllen und das nicht verstecken können oder wollen. Diese Kunst ist zumeist in Großstädten am weitesten ausgebildet und wird von Generation an Generation weitergegeben. Die „friends“ sind die „Frauen, die Frauen lieben“ sowie die „fag hags“, also Frauen, die den Männern suspekt sind aufgrund ihrer Freundschaft zu den Faggots.
Der Humor, der Charme und das intensive Sozialleben der Faggots ist gewachsen durch Generationen von Unterdrückung, Ausgrenzung und Erniedrigung. „Die Queens sind arm und abgefuckt. […] Sie haben keine Macht. […] All das macht sie wütend und belustigt.“ Wie bei jeder guten Drag Queen spürt man das in jeder Faser der so treffsicheren wie mitreißenden Performance von Hauptdarstellerin Hassandra. Gekonnt erweitert wird ihr Arsenal an tragikomischen Performancetechniken durch eine von Klangkünstler Luke Nickel entwickelte Software, die mit AI in Echtzeit Musik aus den überzogenen Gesichtsbewegungen von Hassandra erzeugt.
Es ist erstaunlich, wie viel sich aus Mitchells liebevoll ausdetaillierten Beschreibungen des Faggotlebens aus dem New York der 1970er Jahre in Berlin fast fünfzig Jahre später wiedererkennen lässt. Und es ist eine Stärke der Inszenierung, diese Kontinuitäten queeren Lebens mit ein paar gut gesetzen Anpassungen am Originaltext aufzuzeigen – Kontinuitäten, die der Beinahe-Auslöschung mehrerer Generationen von LGBTQIA+ aufgrund des Wegschauens bürgerlicher Regierungen gegenüber der AIDS-Krise trotzen.
Doch wie unterscheidet sich Berlin 2025 von New York 1977? Als erstes fällt auf, dass der Bezug zu Revolution aus dem Titel der Inszenierung gestrichen wurde. Larry Mitchell war kein organisierter Kommunist, aber sein Buch ist doch durchdrungen von einem – etwas naiven – revolutionären Optimismus im Zeitgeist der 1970er. „Romantische Liebe, die letzte Illusion, hält uns am leben, bis die Revolutionen kommen.“ Ein Glaube, dass die nächste Revolution bestimmt schon von alleine kommen werde, schien den Inszenierenden wohl doch etwas aus der Zeit gefallen. Da stimmen wir zu, denn Revolutionen fallen nicht vom Himmel, sie entstehen im Klassenkampf.
Es gibt eine Passage im Text, in der Mitchell ausdrücklichere Worte findet: „Die Faggots wurden nie gebeten, der Avantgarde beizutreten. Die Faggots, hat man bemerkt, können keine ernste Miene bewahren und die Avantgarde verlangt ständig ernste Mienen.“ So separat wie in Mitchells Karikatur war die kommunistische Bewegung und die Homosexuellenbewegung jedoch nicht immer. So war die Sovietunion nach der Oktoberrevolution 1917 das erste Land, das gleichgeschlechtlichen Sex legalisierte. Interessanterweise wurden diese Zeilen jedoch in der Inszenierung abgeändert: „Die Faggots haben es verpasst, an vorderster Front zu stehen. […] Sie machten ihre Revolutionen lieber in verlassenen Gebäuden.“
Es gibt an dieser Stelle zweierlei auszusetzen. In dieser abgeänderten Form verneint sie nicht nur die Verbindung von queerem Kampf und revolutionärer Organisation, sie reduziert queeren Kampf gänzlich auf den Rückzug in verlassene Gebäude – eine Taktik, die im New York der 70er und Berlin der 90er-Jahre eine Zeitlang funktioniert hat, die aber heute in jeder Metropole zunehmend unmöglich wird. Doch schon damals kämpften „Queens“ wie Silvia Rivera und Marsha P. Johnson sehr wohl „an vorderster Front“ weil sie es mussten – ein Kampf dem auch in Mitchells Broschüre gedacht wird.
Die Inszenierung schließt mit einer Szene, in der die Faggots erfahren, dass sie „jetzt legal“ seien. „Vielleicht wollen sie uns alle registrieren, um unsere Liquidierung zu vereinfachen“, „vielleicht war es ein Versehen und sie wollten eigentlich das Töten von Faggots legalisieren.“ Mitchells Worte sind beunruhigend aktuell in einer Situation, in der die extreme Rechte global zum Kampf gegen LGBTQIA+ bläst und in der im Innenministerium über ein Register von trans Personen für den Kriegsfall diskutiert wird.
„FAGGOT*S“ ist eine bewegende Hommage an queere Widerständigkeit. Doch wir sollten uns auch erinnern, die Fehler der 70er-Jahre nicht zu wiederholen. Wir müssen uns nicht entscheiden zwischen einem Rückzug ins Soziale oder revolutionärer Organisierung mit nichts als ernster Miene. Stattdessen sollten wir aus den sozialen und künstlerischen Fähigkeiten, die wir so lange unter widrigsten Umständen kultiviert haben, die Kraft ziehen, die nötig ist, um auch mal mit ernster Miene an vorderster Front zu kämpfen. Gerade heute, am Trans Day of Rememberance.
FAGGOT*S wird heute um 19:30 zum letzten Mal aufgeführt im Ringtheater Berlin. An der Abendkasse sind noch Restkarten verfügbar.
Inszenierung: Sascha Cowan & Hadrien Daigneault-Roy
Performance: Hassandra