Eine stille Katastrophe: 5.000 Tote durch Hitzewelle in Deutschland

10.07.2026, Lesezeit 7 Min.
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Foto: new africa/shutterstock.com

Die Hitzewelle Ende Juni forderte über 5.000 Menschenleben alleine in Deutschland. Die Bundesregierung blieb währenddessen tatenlos. Gegen den Klimawandel zu kämpfen ist durch und durch im Interesse der Arbeiter:innen, Jugend und Unterdrückten weltweit.

Ende Juni. Die Gebäude sind aufgeheizt und stickig. Jeder gefasste Gedanke verrinnt wie die Schweißperlen auf meiner Stirn. Gnadenlose Sonnenstrahlen finden ihren Weg in jedes Zimmer und halten sich hartnäckig darin fest. Schon am Vormittag bleibt im Seminarraum der Universität fast keine Luft zum Atmen und meine Augen fühlen sich immer schwerer an. Eigentlich habe ich bereits aufgegeben, meinen Uni-Aufgaben noch gerecht zu werden. Ich frage mich die ganze Zeit: „Wie soll man unter solchen Bedingungen studieren oder arbeiten?“ Alleine schon jeden Morgen in einem aufgeheizten Zimmer aufzuwachen, ist schon erdrückend und anstrengend genug – und das obwohl ich mir extra um fünf Uhr einen Wecker gestellt hab, um das Fenster zu schließen und die Rollos herunterzulassen. Wie geht es da Arbeiter:innen auf Baustellen, die auch noch körperlich arbeiten und mehrere Stunden in der prallen Sonne verbringen müssen?

In europäischen Städten starben 2025 tausende Menschen aufgrund der Hitzewelle – Hitzewellen führen zu einer hohen Übersterblichkeit, also einer Sterberate, die die durchschnittliche Zahl an Todesfällen übersteigt. Extreme Hitze ist seit der Industrialisierung fünfmal wahrscheinlicher geworden. Extreme Hitzewellen, welche in bestimmten Regionen so untypisch sind, dass sie eigentlich ein Jahrhundert-, wenn nicht sogar ein Jahrtausendereignis darstellen sollten, treten durch den Klimawandel immer häufiger und immer extremer auf. Das ist alles woran ich bei diesen Temperaturen denken kann. Meine Gedanken kreisen ununterbrochen darum, dass die Sommer immer heißer und erbarmungsloser sein werden – erbarmungslos vor allem gegenüber denen, die sich nicht vor der Hitze schützen können.

Katastrophale Zahlen, tatenloser Kanzler

In der Hitzewelle im Juni sind wohl 5.120 Menschen an den Folgen extremer Hitze in Deutschland gestorben. Auch Frankreich verzeichnete fast 30 Prozent mehr Tote durch die Hitzewelle, was zu einer Überfüllung von Leichenhallen führte. Die zehn heißesten Jahre Deutschlands seit 1881 fanden alle im 21. Jahrhundert statt – neun von ihnen nach 2013. Sommer in Deutschland sind im 21. Jahrhundert also eine durch und durch andere Erfahrung als noch im vergangenen Jahrhundert – eine eindeutige Folge des Klimawandels. 

Während der Hitzewelle Ende Juni mussten Feuerwehr und Rettungsdienst zu 100 bis 300 Alarmen mehr ausrücken als normalerweise, in Frankfurt waren es 500 Einsätze pro Tag statt den üblichen 350. Auch Tage nach dem Ende der Hitzewelle sind die Rettungskräfte noch überlastet – wohl aufgrund der Nachfolgen der Hitze insbesondere für alte oder chronisch kranke Menschen. Ob man sich vor Extremwetterereignissen – beziehungsweise extremer Hitze – schützen kann oder ob sie ein Risiko darstellen, ist nämlich durch Vulnerabilität bestimmt. Vulnerabel bist du durch Armut, schlechte Infrastruktur, Alter, Erkrankungen, usw. Das bedeutet konkret, dass zuerst diejenigen unter dem Klimawandel leiden, die nicht die nötigen Ressourcen haben, sich vor der Hitze zu schützen. 

Anders gesagt: Friedrich Merz wird mit seinen drei Wohnsitzen – einer davon direkt am Tegernsee – und seinem klimatisierten Arbeitsplatz kaum ein gesundheitliches Risiko bei 35 Grad eingehen müssen. Anders sieht das bei älteren Menschen, chronisch kranken oder medikamentös eingeschränkten Menschen aus, deren Wohnungen sich aufgrund der kurzen Nächte im Juni kontinuierlich aufheizen. Sie haben keinen Drittwohnsitz am Tegernsee und auch keinen klimatisierten Bundestag, sondern sind der Hitze über Tage hinweg ausgesetzt. 

Obwohl die Krankenhäuser während der Hitzewelle überfüllt waren, die Rettungskräfte an ihre Grenzen gelangten und tausende Menschen starben, wurde und wird seitens der Regierung geschwiegen. Die Zustände am Wochenende Ende Juni waren ein Katastrophenfall, der nur nicht als solcher benannt wurde. Immerhin tötet Hitze genau die, die den Staat sowieso „zu viel kosten“ – kein Problem also. Außerdem müsste man sich ja sonst eingestehen, dass wir tatsächlich drastische Maßnahmen ergreifen müssen, um den Klimawandel zu überstehen und eine weitere Verschlimmerung aufzuhalten. Und das kostet Geld und erfordert internationale Zusammenarbeit. Die Bundesregierung rüstet lieber weiter auf und spart bei sozialen, Bildung und Gesundheit. 

Arbeiter:innen und Jugend gemeinsam gegen die Krise

Die Klimakrise betrifft und tötet vor allem die Arbeiter:innenklasse. Wir sind es, die in heißen Dachgeschosswohnungen nicht schlafen können und deren Eltern im heißen Altersheim vor sich hin leiden und an den Folgen der Hitze sterben. Wir sind es, die bei 38 Grad Innentemperatur im Krankenhaus arbeiten oder in der Notaufnahme aufgrund der Hitze kollabieren. Wir sind es, die in nicht-klimatisierten Kitas und Schulen mit den Kindern und Jugendlichen den Tag verbringen. Ganz zu schweigen vom Schicksal der Lieferdienst-Fahrer:innen, Bauarbeiter:innen und Handwerker:innen, die der Sonneneinstrahlung direkt ausgesetzt sind – auch in Marktbreit in Bayern starb deshalb ein Bauarbeiter durch die Hitzewelle. 

Wie Fabian Lehr in einem seiner Podcasts richtigerweise feststellte, ist ein großer Teil der Arbeiter:innenklasse mittlerweile jedoch eher zum Ufer der Klimawandelleugner:innen übergelaufen und macht sich online über vermeintlich wehleidige junge Menschen lustig, die über ihr Leid während der Hitzewelle berichten. Dies ist laut Lehr das Produkt der Politik der Grünen, die in vielen Köpfen dieVertreter:innen des Klimaschutzes“ sind und dabei auf Verbote und Belastungen für die Arbeiter:innen setzen. Gleichzeitig lockten sie die FFF-Bewegung mit Versprechungen zu sich ins Parlament und nahmen der Bewegung ihre Kampfkraft. Doch Klimaschutz kann auch anders aussehen. Anstatt mit Verboten unten anzusetzen, können wir die Reichen für die Klimakrise bezahlen lassen und die Produktionsweise verändern. Immerhin sind es die Mächtigen und die großen Konzerne, die die eindeutige Beweislage für den Klimawandelseit Jahrzehnten nicht nur ignorieren, sondern durch Milliarden Tonnen an CO2-Emission überhaupt erst verantwortlich sind für jede Klimakatastrophe. Wir zahlen bisher mit unserem Leben und unserem Geld für diese Krisen und Katastrophen – es ist an der Zeit, dass endlich die Reichen mit ihrem Eigen- und Reichtum bezahlen.

Wir brauchen jetzt einen Notfallplan für die nächste Hitzewelle – die nächste steht in Baden-Württemberg schon vor der Tür – und massive Ausfinanzierung für die Krankenhäuser und öffentliche Gesundheitsversorgung. Außerdem braucht es Hitzefrei bei vollem Lohnausgleich, wenn der Arbeitsplatz nicht heruntergekühlt werden kann – und das  finanziert aus den Taschen der Bosse und des Staates. Zudem müssen wir für ein sofortiges, staatlich finanziertes Klimatisierungsprogramm unter Arbeiter:innenkontrolle kämpfen. Alle Krankenhäuser, Pflegeheime, Schulen und öffentlichen Verkehrsmittel müssen unverzüglich mit modernen, umweltfreundlichen Kühlsystemen ausgestattet werden. Bezahlt werden kann das durch die Enteignung der größten Klimakiller in Deutschland, wie RWE, Rheinmetall und Thyssenkrupp.

In diesem Zusammenhang müssen auch die Sozialproteste, die aktuell von der Linkspartei und DGB-Gewerkschaften vorangetrieben werden, diese Forderungen aufnehmen und für den Aufbau einer großen Bewegung für die Rechte der Arbeiter:innen kämpfen. 

Was es langfristig braucht ist eine schlagfertige Arbeiter:innenklasse, die gemeinsam mit der Jugend gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Klimawandel kämpft, deren Ursprung im Kapitalismus liegt. Nur, wenn wir dieses System überwinden, das Profit über die Bedürfnisse der Menschen stellt, können wir auch den Klimawandel und die mit ihm verbundenen Katastrophen abwehren.

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