Die Partei, die Avantgarde, und die Massen: Erfahrungen aus Argentinien

09.07.2025, Lesezeit 20 Min.
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Foto: La Izquierda Diario.

Wie kann eine radikale linke Partei sich mit der Avantgarde der Kämpfe gegen Ausbeutung und Unterdrückung verbinden? Wie kann sie Masseneinfluss gewinnen? Die argentinische PTS zeigt es vor.

Der folgende Text wurde als Vorbereitung zum 20. Kongresses unserer argentinischen Schwesterpartei Partido de Trabajadores Socialistas (PTS, Sozialistische Arbeiter:innenpartei) veröffentlicht. Er gibt einen Überblick über die Aktivitäten der PTS selbst, über ihre Beziehung zu den kämpferischsten Teilen der Arbeiter:innen und der Jugend (d.h. zur Avantgarde), sowie zu ihrer breiteren Unterstützer:innenbasis (den Massen). 

Während Teile der deutschen radikalen Linken das Konzept von revolutionären Avantgarde-Parteien als überholt verwerfen, setzen andere Teile ihre Hoffnungen darauf, innerhalb der breiten reformistischen Partei Die Linke zu arbeiten. Wir hingegen sind überzeugt, dass die heutigen Krisen es nötiger denn je machen, eine unabhängige revolutionäre Partei aufzubauen. Sie ist notwendig, um die Kämpfe der Arbeiter:innen und Unterdrückten zusammenzuführen und ihnen eine Kontinuität zu verleihen, damit vereinzelte Kämpfe und Revolten nicht im Sand verlaufen und damit wir letztlich auch den Kapitalismus erfolgreich stürzen können. Andererseits muss eine solche Partei komplett unabhängig vom Staat und von den Kapitalist:innen agieren, denn nur so kann sie konsequent im Interesse der Arbeiter:innen und Unterdrückten handeln, ihre Kämpfe stärken und das Vertrauen der Massen gewinnen. Das folgende Dokument gibt ein Beispiel davon, wie sich eine solche Partei aktiv um die Beziehungen zu breiteren Teilen der Gesellschaft bemühen kann.

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In diesem Dokument wollen wir einige allgemeine Kriterien für die politische Ausrichtung des 20. Kongresses der PTS/FIT-U [die Frente de Izquierda y de Trabajadores Unidad ist das Wahlbündnis, in dem die PTS zu Wahlen antritt] entwickeln. Wir beginnen mit einer Klärung der Beziehung zwischen (1) unserer Organisation, (2) der Avantgarde, d. h. den kämpferischsten und am besten organisierten Teilen der Arbeiterklasse, einschließlich der Jugend und anderer militanter Bewegungen, und (3) unserer breiteren Basis (den Massen).

Es entsteht eine kämpferische, antibürokratische Avantgarde des Klassenkampfs. Sie kann vervielfältigt werden.

In Argentinien hat das Aufbegehren während des gewaltsamen Widerstands gegen die harte staatliche Repression am 12. März bei der Mobilisierung von Fußballfans und Arbeiter:innen zur Verteidigung der Rentner:innen einen Sprung gemacht. Diese Ereignisse erinnern an die Mobilisierungen vom Dezember 2017, die den Anfang vom Ende der Regierung Mauricio Macris [ehemaliger rechts-konservativer Präsident; A.d.Ü.] markierten.

Damals gelang es jedoch dem Peronismus – einer nationalistischen bürgerlichen Partei –, die Unzufriedenheit auf die Wahlen 2019 zu lenken. Das führte zur katastrophalen Regierung von Alberto Fernández, Cristina Fernández de Kirchner und Sergio Massa.

Neu ist Folgendes: Im Laufe des letzten Jahres sind mehrere kämpferische Kräfte entstanden, die das Potenzial haben, eine führende Rolle in einem politischen Generalstreik zu spielen, wenn sich der Widerstand weiterentwickelt und vervielfacht. Diese Einbeziehung der Arbeiter:innenbewegung würde einen qualitativen Sprung bedeuten und den Weg für eine vorrevolutionäre (oder direkt revolutionäre) Situation ebnen.

Zu diesen Kräften gehören (1) Nachbarschaftsversammlungen, die sich aus Lehrer:innen, Beschäftigten des öffentlichen Dienstes, Studierenden, Rentner:innen, prekär Beschäftigten und Selbstständigen zusammensetzen. (Obwohl sie an Schwung verloren hatten, sind sie nun wieder aktiv.) (2) Eine Vielzahl von Arbeitskämpfen, darunter auch antibürokratische1 Strömungen. (3) Gruppen von Rentner:innen, die jeden Mittwoch vor dem Kongress protestieren und die Demonstrationen gegen das Veto des Präsidenten gegen die Rentenreform angeführt haben. (4) Die Studierendenbewegung, die mit der Besetzung von 100 Universitätsgeländen im Oktober und November 2024 einen Höhepunkt erreichte. (Obwohl diese Dynamik schließlich von Dekanen, Gewerkschaftsbürokratien und dem argentinischen Studierendenverband gebremst wurde, bildete sie dennoch eine neue Schicht studentischer Aktivist:innen, die gerade erst wieder in die Vorlesungen zurückkehren.) (5) Die Frauenbewegung, die 2024 und 2025 zwei Massenmobilisierungen anführte; und (6) die LGBTQIA+-Bewegung, die am 1. Februar eine überraschende Machtdemonstration organisierte, als Reaktion auf Mileis Äußerungen zur Geschlechtervielfalt in Davos, wo er „Gender-Ideologie” mit sexuellem Kindesmissbrauch in Verbindung brachte.

Auch wenn viele dieser Bewegungen Höhen und Tiefen durchlaufen, sind sie doch allesamt Lernerfahrungen – Tausende von Menschen erwerben kämpferische und organisatorische Fähigkeiten. Diese Erfahrungen bergen das Potenzial für transformative Sprünge nach vorne.

Die Proteste vom 12. März waren nicht nur wegen der Entschlossenheit gegenüber der Polizeirepression bemerkenswert, sondern auch wegen des Hasses, der sich gegen die CGT (Confederación General del Trabajo, Gewerkschaftsverband) richtete. Diese Frustration kam in Sprechchören, Plakaten und Reden zum Ausdruck, in denen die Untätigkeit der CGT verurteilt wurde. Sie war so deutlich zu spüren, dass Héctor Daer, einer der Spitzenführer des Verbandes, sich gezwungen sah, für April einen nationalen Streik auszurufen. Die gleiche Wut beflügelte die Aktionen von Fußballfans, die sich zur Verteidigung der Rentner:innen versammelten, als die Regierung versuchte, deren Leistungen zu kürzen. Diese Momente fanden bei Millionen Menschen Resonanz, die die Repression verurteilten und in diesen neuen sozialen Kräften einen mutigen Widerstand sowohl gegen die Regierung als auch gegen ihre Schlägertrupps sahen.

Kämpferische, unabhängige Kräfte wachsen sowohl an den Arbeitsplätzen als auch in der Studierendenbewegung. Die Aufgabe der PTS besteht darin, diese Entwicklung mutig zu fördern, indem sie für jeden Bereich geeignete Organisationsformen vorantreibt: von Mobilisierungen und Betriebsräten (comisiones internas) in Gewerkschaftsräumen bis hin zu den breiten Organisationen, mit deren Aufbau wir bereits begonnen haben. Zu diesen verschiedenen Organisationsformen gehören selbstorganisierte Studierendengruppen, reaktivierte Nachbarschaftsversammlungen, kulturelle Initiativen im Kampf und Gesundheitskollektive. Viele solcher Formationen gibt es bereits – es liegt an uns, sie zu fördern, zu koordinieren und zu aktivieren.

Zum Verhältnis zwischen Partei, Avantgarde und Massen

Für uns in der PTS ist der Generalstreik Teil unserer strategischen Ausrichtung. Dies ist eine erfolgversprechendere Perspektive als die Revolte von 2001 in Argentinien oder der Aufstand von 2019 in Chile, die beide mit Teilgeneralstreiks endeten, die erst am Ende des Prozesses stattfanden und es der herrschenden Klasse ermöglichten, die Kontrolle zurückzugewinnen. Im Falle Chiles lenkte das Regime die Revolte in eine betrügerische verfassungsgebende Versammlung um und hielt die verhasste Piñera-Regierung an der Macht. Dieses Ergebnis war möglich, weil es keine Koordinierungsgremien mit echtem Einfluss auf die Massen gab, die einen alternativen politischen Weg hätten artikulieren können.

Revolten dieser Art sind leichter einzudämmen, umzulenken oder zu besiegen. Sie neigen dazu, die einzigartige Macht der Arbeiterklasse zu verwässern – insbesondere ihre Fähigkeit, die kapitalistische Herrschaft aus dem Herzen der Produktion und Verteilung heraus anzufechten  – und sie marginalisieren die wesentliche Rolle der Studierendenbewegung. Die Beteiligung unorganisierter Sektoren der Arbeiter:innenklasse und der Armen ist zwar von entscheidender Bedeutung – und ihre Kampfbereitschaft ist oft am unmittelbarsten und explosivsten – aber ihre Fähigkeit, den Prozess voranzutreiben, hängt von der Vereinigung mit entscheidenden Sektoren der Arbeiter:innenklasse ab.

Ein politischer Generalstreik, der in der Arbeiterklasse verwurzelt ist und an dem sich alle unterdrückten und ausgebeuteten Massen beteiligen, könnte die Regierung stürzen und die Polarisierung zwischen revolutionären und konterrevolutionären Kräften verschärfen. Er würde uns auch vor eine entscheidende Prüfung stellen: Masseneinfluss zu gewinnen und für eine Arbeiter:innenregierung zu kämpfen.

Um eine sozialistische, internationalistische Arbeiter:innenpartei aufzubauen, müssen wir an konkreten Orten des Kampfes intervenieren. Wir wollen entscheidenden Einfluss in Betrieben (einschließlich Betriebsräten und Gewerkschaften), Schulen (und Studierendenvereinigungen) und allen neuen Organisationsformen gewinnen, die aus prekären oder unterdrückten Sektoren (Frauen, LGTBIQIA+-Community) hervorgehen. Wir müssen den Einfluss anderer politischer Strömungen – insbesondere des Peronismus – und der Gewerkschaftsbürokratie bekämpfen. Dazu müssen wir die Koordination fördern: Das geht über sogenannte „Aktionskomitees“, die kämpferische Gewerkschaften, Betriebsräte, Studierendenvereinigungen, Rentner:innenzentren, Nachbarschaftsversammlungen und kulturelle Bewegungen vereinen. Diese Gremien könnten sich zu breiteren Koordinierungsstrukturen (Arbeiter:innenräte) entwickeln, die eine offenere und effektivere Konfrontation mit den Bürokratien ermöglichen.

Unser Ansatz folgt der Taktik der Einheitsfront: „Gemeinsam streiken, getrennt marschieren“.

Wir stellen uns die Beziehung zwischen der Partei, der Avantgarde und den Massen als ein System miteinander verbundener Zahnräder vor.

Die revolutionäre Partei vereint die bewusstesten und kämpferischsten Teile der Arbeiter:innenklasse, der Jugend und der Intellektuellen; sie ist per Definition internationalistisch.

Die Avantgarde umfasst Arbeiter:innenorganisationen, die Studierendenbewegung, feministische und andere kämpferische Gruppierungen; ihre Aufgabe ist es, die führenden Strömungen im Kampf zu vereinen und eine offene Debatte zwischen ihnen zu fördern.

Die Massen wiederum werden von diesen Avantgardesektoren und ihren Führer:innen beeinflusst, darunter auch unsere Partei, die für das Programm und die Taktik kämpft, die zum Sieg notwendig sind, und gleichzeitig reformistische Flügel herausfordert.

Die Avantgarde wird im Kampf geschmiedet. Durch ihre Erfahrungen in diesen Kämpfen brechen die Massen mit früheren Überzeugungen und können unter dem Einfluss der Avantgarde und der revolutionären Partei nach links rücken. Die PTS versucht, dieser Herausforderung gerecht zu werden und Masseneinfluss zu gewinnen, indem sie die Massen durch die Maschinerie einer im Klassenkampf geschmiedeten Avantgarde einbindet.

Dies ist eine Lehre aus den revolutionären Erfahrungen von W. I. Lenin, der die bolschewistische Partei in der Russischen Revolution anführte – bevor sie zum Stalinismus degenerierte.

Aus dieser Perspektive ist jeder Einfluss, den wir „von oben“ durch Wahlen oder im Parlament erreichen, bedeutungslos, wenn er nicht in einer Organisation „von unten“ verankert ist. Eine Partei, die auf verstreuten Kontakten basiert – sei es in Nachbarschaftsversammlungen, Kulturzentren, sozialen Medien oder sogar in unseren eigenen offenen Versammlungen der PTS – kann die Organisation an Arbeitsplätzen und in Schulen nicht ersetzen, wo wir mobilisieren, uns mit anderen Aktivist:innen koordinieren und Einfluss auf ihre Basis nehmen können. Eine Partei, die es nicht schafft, diese strukturelle Kraft zu entwickeln, wird unweigerlich in den Wahlkampf abgleiten, selbst wenn sie „auf der Straße“ eine sichtbare Präsenz hat.

Der Aufbau einer Partei – einschließlich der Rekrutierung neuer Mitglieder – ist untrennbar mit der Schaffung organischer Verbindungen zur Avantgarde und zu den Massen (an Arbeitsplätzen und in Schulen) verbunden. Mit „organischen Verbindungen“ meinen wir tiefere, beständigere Beziehungen, die über gelegentliche Kontakte oder Wahlmomente hinausgehen, sei es bei nationalen, Gewerkschafts- oder Studierendenwahlen. Das sind die Verbindungen, die wir pflegen müssen.

Heute ist unsere Organisation breit aufgestellt: in der Arbeiter:innenbewegung (mehr als 60 Gewerkschaften) und in der Studierendenbewegung (an 32 Universitäten, 48 weiterführenden Schulen und 24 Fachhochschulen). Wir haben an organisierter Stärke gewonnen und organisieren weiterhin die aktivsten Gruppen der Klassenkämpfe – wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten.

Unsere größte Schwäche bleibt der Aufbau organischer Verbindungen zu den Basismitgliedern in Betrieben und Schulen, mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen. Unter der Regierung Milei war das Fehlen nachhaltiger Massenmobilisierungen eine unserer größten Einschränkungen. Kämpfe brachen meist isoliert aus und ebbten dann wieder ab. Diese Realität muss unsere Selbstkritik und Bewertung vergangener Interventionen prägen.

Im Fall der Nachbarschaftsversammlungen, die sich im vergangenen Jahr vor allem in Buenos Aires konzentrierten, haben wir versucht, sie mit Kämpfen in der Umgebung zu verbinden, um gemeinsame Aktionskomitees zu bilden. So haben wir beispielsweise versucht, die Beschäftigten der GPS-Luftfahrtindustrie mit den Beschäftigten des Arbeitsministeriums, den Menschenrechtsgedenkstätten [Gebäude und Orte, die an die Tausenden von Menschen erinnern, die von der Militärdiktatur entführt und ermordet wurden] und den Beschäftigten des Bonaparte-Krankenhauses und des Eisenbahnsektors zu verbinden. Konkrete Rückschläge verhinderten jedoch eine breitere Vereinigung. In diesem Zusammenhang hatten wir Schwierigkeiten, dauerhafte Beziehungen zu Arbeitsstätten oder Schulen in Gebieten aufzubauen, in denen Versammlungen aktiv waren. In vielen Fällen erzielte unsere politische Agitation gemischte Ergebnisse, aber unsere Interventionen konzentrierten sich konsequent auf kollektive Aktionen – insbesondere in der ersten Jahreshälfte und erneut während der Welle von Universitätsbesetzungen.

Angesichts des Fehlens von Massenmobilisierungen und weit verbreiteten antibürokratischen Tendenzen blieben unsere Möglichkeiten, die kämpferischsten Aktivist*innen zu organisieren, begrenzt. Die bestehende Avantgarde hatte kaum Verbindungen zur breiteren Massenbasis.

Einige unserer regionalen Parteistrukturen außerhalb der Hauptstadt führten mehr Basisarbeit durch. Der Kampf der Lehrer:innen in Neuquén im Jahr 2023 war ein gutes Beispiel für die starke Organisierung eines Arbeitskampfes von unten, wodurch die Regierung an den Verhandlungstisch gezwungen wurde. Wir haben auch breitere Initiativen zu geschlechtsspezifischen Forderungen durch die sozialistisch-feministische Gruppe Pan y Rosas vorangetrieben, deren Veranstaltungen eine größere Beteiligung über den Kreis der bestehenden Aktivist:innen hinaus fanden. Dies galt insbesondere für Arbeitssektoren, die weitgehend passiv blieben.

Dennoch konzentrierten sich unsere Überlegungen und Initiativen vor allem darauf, zunächst die aktivsten Menschen zu mobilisieren und zu organisieren – durch einen intensiven Mobilisierungskalender, der sich von Dezember bis Juni erstreckte – und dann die Partei zu stärken. Wir haben uns konsequent in laufende Kämpfe eingeschaltet, darunter Gewerkschafts- und Studierendenwahlen, und wir haben mehrere Initiativen im Bereich des ideologischen Kampfes gestartet: öffentliche Foren, Workshops und eine Debattenreihe namens Jornadas por un Futuro Comunista.

Das Entstehen neuer avantgardistischer Prozesse, insbesondere Nachbarschaftsversammlungen und der Konflikt an den Universitäten (der in einer Welle von Besetzungen gipfelte), erforderte eine erhebliche Kraftanstrengung von unseren Mitgliedern. Unser Ziel war es immer, diese Prozesse mit den Arbeiter:innensektoren zu verbinden, in denen wir bereits Fuß gefasst hatten. Aus diesen Prozessen kam der Großteil der neuen Parteimitglieder.

Dieser Zustrom von Mitgliedern hat zu einem Aufschwung unserer universitären Organisationen geführt, deren studentische Mitgliederzahl sich verdoppelt hat – und das mit einer weitaus höheren Qualität als zuvor.

Wie geht der Kampf weiter?

In der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter:innenbewegung beschreibt unsere „Bilanz der Aktivitäten” sowohl unser Engagement in Kämpfen als auch den Umfang unserer Beteiligung. Das Dokument weist jedoch auch auf eine wesentliche Einschränkung hin: das Fehlen einer systematischen Strategie zum Aufbau breiter Organisationen oder zur Erreichung der Basis in den Betrieben, in denen wir präsent sind. Dieser Mangel zeigte sich besonders deutlich in Sektoren, die von größerer Passivität oder Rückzug geprägt waren.

In diesem Zusammenhang ist ein Text von Leo Trotzki aus dem Jahr 1935, in dem er die französische Sektion analysiert, nach wie vor relevant. Er enthält eine eindrucksvolle Beobachtung über die Kluft zwischen revolutionärer Tätigkeit und dem Alltag der Arbeiter:innen. Trotzki schrieb:

Unsere Genossen organisieren Kundgebungen, verteilen Flugblätter und nehmen an Demonstrationen teil, aber wenn die Veranstaltungen vorbei sind, kehren die Arbeiter in ihre Wohnungen zurück und unsere Parolen verpuffen. Wir haben keine festen Brücken zu ihren täglichen Kämpfen, ihren Fabriken oder ihren Gewerkschaften gebaut. So endet jede Veranstaltung in einer Sackgasse: Wir bleiben allein zurück, und sie kehren zu ihrer vom Reformismus kontrollierten Routine zurück.

Leo Trotzki

Diese Erkenntnis trifft einen der zentralen Widersprüche, den wir überwinden müssen. Wir müssen unser Engagement im Alltag der Arbeitsstätten, in denen wir tätig sind, vertiefen. Dazu gehört auch die soziale und kulturelle Teilhabe – keine leichte Aufgabe angesichts der zunehmenden Atomisierung des Arbeitslebens und des Rückzugs in familiäre oder individuelle Räume, der durch soziale Medien und Massenkultur gefördert wird. Gewerkschaften, die von Bürokratien dominiert sind und sich eng auf Löhne und Tarifverträge konzentrieren, haben ebenfalls zur Erosion der sozialen Organisation der Arbeiter:innen beigetragen.

In den seltenen Fällen, in denen andere linke Strömungen eine bedeutende Rolle spielen, kopieren sie diesen distanzierten Politikstil. Sie bauen Apparate auf, die ebenfalls von der Arbeiter:innenklasse losgelöst sind, und unternehmen keine Anstrengungen, unabhängige Räume zu schaffen, in denen Arbeiter:innen außerhalb des Einflusses der Bosse Kontakte knüpfen können. Natürlich können diese Tendenzen durch die Initiative der Arbeiter:innen selbst umgekehrt werden, wenn Massenkämpfe oder antibürokratische Organisationsbemühungen Fuß fassen, wovon wir bereits erste Beispiele gesehen haben.

Im letzten Jahr haben wir Schritte unternommen, um eine gemeinsame Praxis mit Hunderten von unabhängigen Aktivist:innen aufzubauen. Beispiele für diese Ausrichtung sind die Posta de Salud [eine mobile medizinische Versorgungsstation für Demonstrant:innen], die unsere Reichweite in Betrieben und Universitäten erweitert hat; die Kampagne „Salvemos el Tren“ gegen Entlassungen bei der Eisenbahn; die Fußballturniere „Amistad Obrera“ in Tucumán (mit Arbeiter:innen aus den Zuckerfabriken) und im Madygraf Club (einem Treffpunkt für lokale Arbeiter:innen); das Jahresendfestival zur Verteidigung des Krankenhauses Posadas; die Hommage an Nora Cortiñas, die gemeinsam mit der lokalen Versammlung von Morón organisiert wurde; das Festival der arbeitenden Jugend zur Unterstützung des Kampfes um das Krankenhaus Bonaparte; und die Nutzung von Parteiräumen und Kulturzentren, um in ruhigeren Zeiten mit breiteren Schichten in Verbindung zu bleiben. Diese Bemühungen sind zwar bedeutend, bleiben aber isoliert – sie stellen noch keine systematische Politik dar, die in der täglichen Realität der Sektoren, in denen wir arbeiten, verwurzelt ist.

Unter den Lehrern sind wir mit über 800 Genoss:innen – darunter sowohl Parteimitglieder als auch Verbündete in parteinahen Organisationen – in vielen Gewerkschaften landesweit stark vertreten. Etwa 250 von ihnen sind Gewerkschaftsdelegierte. Innerhalb dieses Sektors ist unsere Partei jedoch sehr uneinheitlich. Da es keine Kämpfe an der Basis gibt, konzentrieren wir uns eher auf das interne Leben der Gewerkschaften als auf den Aufbau sozialer und kultureller Aktivitäten mit unseren Genoss:innen in den Schulen. Wenn Kämpfe entstehen, wird eine gemeinsame Organisation zu einer immer dringlicheren Notwendigkeit.

In vielen Industriebetrieben haben wir uns an verschiedenen Kämpfen und Gewerkschaftsprozessen beteiligt und dabei oft mit Repressalien der Chefs und bürokratischer Unterdrückung zu kämpfen gehabt. Dennoch müssen wir lernen, unsere Interventionen in diesen Konflikten mit Bemühungen zu verbinden, am Alltag und den Routinen unserer Kolleg:innen teilzunehmen.

An den Universitäten konnten wir durch die Besetzungen im Jahr 2024 eine Kraft von fast 1.300 Studierenden – Parteimitglieder und Unabhängige – organisieren, die weit über jede andere linke Organisation hinausging. Dennoch gelang es uns nicht, diesen Aktivismus vollständig zu mobilisieren, um die studentische Basis über die Institutionen hinweg zu beeinflussen oder die Dominanz der studentischen Bürokratien zu durchbrechen, die den Kampf in der Untätigkeit der Universitätsleitungen versanden ließen.

Nach der massiven Mobilisierung vom 23. April fehlte es uns an einem koordinierten Plan unter den PTS-Studierenden und -Lehrenden. Dies behinderte unsere Fähigkeit, aktive Sektoren der Universität für die Unterstützung der Lohnforderungen sowohl für das Lehrpersonal als auch für das nicht-lehrende Personal zu mobilisieren. Diese Forderungen fanden weit weniger Beachtung als die Angst vor Universitätsschließungen, die den ersten Marsch ausgelöst hatte. Als die Zusage der Regierung, die Universitäten offen zu halten, die Mobilisierung entschärfte, mussten wir neue Strategien entwickeln, um die Basis über die Reichweite der Klassenzimmer hinaus zu erreichen. Eine Möglichkeit wäre gewesen, große Versammlungen in den Hochschulen selbst zu organisieren, deren Schwerpunkt auf der Verteidigung der öffentlichen Hochschulen und der Löhne der Beschäftigten gelegen hätte. Dies hätte es unseren Lehrenden und Studierenden ermöglicht, wieder Kontakt zu ihrer Basis in den Hörsälen aufzunehmen und die seit den 1990er-Jahren weitgehend verloren gegangenen Formen des sozialen Austauschs unter Studierenden wiederzubeleben.

Dieser Kampf auf Hochschulebene ist langfristig angelegt, aber er überschneidet sich mit zentralen Herausforderungen, denen wir auch in der Arbeiter:innenbewegung gegenüberstehen. Ein positives Beispiel dafür ist die Universidad de Lanús, wo es uns während des Konflikts gelungen ist, ideologische Aktivitäten (Vorträge und Workshops) mit selbstorganisiertem (unabhängigem) Aktivismus sowie sozialen und aufklärenden Aktivitäten für die Basis der Hochschule zu verbinden. Diese Strategie ermöglichte es uns, mutig in die Wahlen zur Studierendenvertretung einzugreifen und die Vertretung der Studierenden der Gesundheitswissenschaften zu gewinnen. Ähnliches haben wir an der Fakultät für Rechts- und Sozialwissenschaften der Universidad del Comahue erreicht.

Wir leben in einer sich wandelnden Situation. Und das ist eine Einladung: neue Initiativen mutig auszuprobieren, auf allen Ebenen zu arbeiten – in der Partei, in der Avantgarde, in den Massen. Jetzt bieten sich uns Chancen, und es ist an der Zeit, unsere Ideen und Praktiken in diesen Chancen zu erproben.

Zum Weiterschauen: Als RIO/Klasse Gegen Klasse sind wir zusammen mit der PTS und weiteren Schwesterorganisationen Teil der Trotzkistischen Fraktion – Vierte Internationale (FT-CI). Im April haben wir mit der FT-CI in Paris eine internationalistische Veranstaltung organisiert, um zu zeigen, wie wir international gegen die Militarisierung und die extreme Rechte kämpfen. Dabei haben u.a. Myriam Bregman von der PTS, Anasse Kazib von Révolution Permanente, sowie unsere Bundestagskandidatin Inés Heider gesprochen. Mach dir hier selber ein Bild von unserer internationalen Strömung.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Spanisch in unserer Schwesterzeitung La Izquierda Diario veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung basiert auf der gekürzten Fassung unserer US-Amerikanischen Schwesterzeitung Left Voice.

Fußnoten

  1. 1. Mit „Bürokratie“ bezeichnen wir die Schicht in den Gewerkschaften und Arbeiter:innenorganisationen, die im Austausch für materielle Privilegien die Kämpfe der Arbeiter:innen einhegt und verwaltet, sodass sie nicht das kapitalistische System als Ganzes infragestellen. Sie nehmen eine Vermittlungsrolle zur herrschenden Klasse ein und bilden quasi die ‚Polizei‘ der Gewerkschaften. [A.d.Ü.] Zum Weiterlesen: www.klassegegenklasse.org/sozialpartnerschaft-und-rueckeroberung-der-gewerkschaften/

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