„Die Gewehre der Frau Carrar / Würgendes Blei“: Gibt es den gerechten Krieg?

08.12.2025, Lesezeit 10 Min.
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Oliver Stokowski, Barbara Horvath, Florian Jahr, Pujan Sadri © Sandra Then

Die Inszenierung des antifaschistischen Klassikers im Münchner Residenztheater durch Luise Voigt lässt nachdenken über (Anti-)Faschismus und (Anti-)Militarismus heute. Derzeit läuft es im Münchner Residenztheater und ist auf 3sat zu sehen. Eine politische Rezension.

In Bertolt Brechts „Die Gewehre der Frau Carrar“ geht es um eine alleinerziehende Mutter und Witwe, deren Mann im Kampf gegen die spanischen Faschist:innen gefallen ist. Sie lebt in einem andalusischen Fischerdorf und ihre beiden Söhne sind ebenfalls Fischer. Das Stück spielt mitten im Bürger:innenkrieg, der mit der Revolution im Spanischen Staat zusammenfiel und 1936 bis 1939 tobte. Brecht führte das Stück als Unterstützung der republikanischen Seite 1937 in Paris auf, auch als Kommentar auf das Massaker von Málaga durch francistische und italienische Truppen, bei dem zwischen 3.000 und 5.000 fliehende Zilivist:innen ermordet wurden. 

Frau Carrar ist nach dem Tod ihres Partners Carlo Pazifistin geworden: „Ich hab schon bezahlt.“ Sie möchte nicht, dass einer ihrer Söhne in den Krieg gegen Francos Truppen zieht, dessen Kanonen im Fischerdorf schon zu hören sind – ihr Verlust war bereits zu groß. Entsprechend spielt das ganze Stück in Frau Carrars Küche, aus der sie nicht hinaus möchte, während ihr älterer Sohn Juan – auf der Bühne durch ein sanftes Leuchten durchs Fenster zu erahnen – beim Fischen ist. Der jüngere Sohn José ist mit seiner Mutter in der Küche, möchte aber hinaus, kämpfen. Dabei wird er unterstützt vom Bruder der Frau Carrar, der verletzt von der antifaschistischen Front kommt und ihren Pazifismus nicht versteht, zumal Francos Kanonenschüsse immer lauter werden. Er möchte sie zur Herausgabe alter Gewehre ihres Mannes überzeugen. Daher der Name des Stücks, „Die Gewehre der Frau Carrar“; diese verweigert jedoch die Gewehre – und ihre Söhne. 

Formal basiert die erste Hälfte der Inszenierung auf Brechts Vorlage, allerdings mit historisierenden Elementen: Die Figuren bewegen sich wie in alten Schwarz-Weiß-Filmen, sie sprechen mit elektronisch hinterlegtem Rauschen, die Bühne ist in Sepia gehalten, die Maske fast pantomimisch. Alles daran wirkt wie ein Zitat, das sich eigentlich nicht mehr auf den Spanischen Bürger:innenkrieg bezieht. So auch in einer Schlüsselszene, wenn Frau Carrar noch die Bibel zitiert: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen“, um dann zu erfahren, dass ihr Sohn Juan von den faschistischen Truppen anlasslos auf der See ermordet wurde; sein Licht im Fenster geht aus. Voller Empörung und Zorn, über die faschistischen Truppen, wohl auch über den eigenen Pazifismus, gibt Frau Carrar die Gewehre aus den alten Holzdielen der Küche für Juan und ihren Bruder frei, greift selbst zu den Waffen: „Das sind keine Menschen. Das ist ein Aussatz. Und das muss ausgebrannt werden wie ein Aussatz.“ 

„Würgendes Blei“ und die Rolle des Zitats 

Wer möchte, könnte nur diesen ersten Teil des Stückes sehen und bekäme einen großartigen Brecht. Aber es ist nicht das ganze Stück, sondern nur ein sehr langes Zitat, auf das sich der zeitgenössische zweite Teil der Inszenierung bezieht, „Würgendes Blei“ von Björn SC Deigner. Das tatsächliche Thema der Inszenierung im Residenztheater ist also gar nicht „Pazifismus vs. Antifaschismus“ in Andalusien 1937, sondern das Zitat auf „Pazifismus vs. Antifaschismus“, das in den Jahren 2024/25 gemacht wird: Brecht zitieren, um zu sagen, dass Putin wie Franco ist und der Pazifismus gegen deutsche Waffenlieferungen wie der Pazifismus gegen den Faschismus. Genau so eine Gleichsetzung wird aber im zweiten Teil „Würgendes Blei“ dekonstruiert. Dieses aus dem Kontext gerissene, die Geschichte verfälschende Zitat, „Unsere Demokratie gegen die Putin-Diktatur“, „Waffen gegen Faschist Putin“ wird von Union über Grüne bis FDP und sogar bis in die politische Linke viel bemüht, um aktuelle Wiederaufrüstung Deutschlands zu legitimieren, angeblich um „die Freiheit zu verteidigen“ – tatsächlich aber, um Profite deutscher Großkapitalist:innen im Wettstreit der Weltmächte zu sichern. 

Der Umbruch ins Sequel „Würgendes Blei“ wird symbolisiert durch einen „lauten Bühnenumbau“, bei dem die Holzdecke der Bühne in sich zusammenbricht, ein Schütterfeld entsteht, der Kriegsschauplatz. Nun verlieren die Figuren ihre pantomimische Maske, wirken ungeschminkt, im Hintergrund laufen aktuelle Kriegsszenen auf einer Leinwand, wir sind nicht mehr in Andalusien, aber wo sind wir eigentlich? Viele Kriege, kein Ende des Kriegs, die Handlung geht von der Moderne in die Postmoderne; es wird wirr. Frau Carrar wirkt geworfen in eine Reihe nicht enden wollender Kriege, ihr zur Seite gestellt ein moderner Chor: „Ihr Gesicht hat sich verändert / und auch sieht man es an den Augen, die sie nicht mehr zu bekommt.“ 

Frau Carrar möchte nicht mehr kämpfen: „Wo bin ich denn? Bin ich denn überhaupt?“. Der gar nicht brechtsche, sondern eher nietzscheanische Chor antwortet: „Du verlorener Mensch. Du bist irgendwo in irgendeiner Zeit, Zukunft oder Vergangenheit, es bleibt sich gleich. Sie zielen immer noch aufeinander und drücken ab.“ Der Kriegsgrund der Spanischen Republik und der Revolution gegen den Faschismus scheint verloren gegangen, der Kampf sinnlos. Frau Carrar desertiert und wird von einem Soldaten aufgehalten, der für sie wie ihr jüngerer Sohn José aussieht. Der soll sie als Deserteurin erschießen, doch erklärt er seine „Mutter“ für verrückt und möchte sie ziehen lassen. Der Krieg ist vorbei für Frau Carrar, aber für die Söhne der vielen Mütter da draußen geht er weiter.

Am Schluss hält ein personifiziertes Maschinengewehr einen Monolog, in dem es um Verständnis wirbt und nostalgisch auf seine Zeit zurückblickt, während es durch modernere Waffen ersetzt wird:  „Keiner denkt daran, dass mein Herz knistert und mein Lauf glüht.“ Die Dada-Szene erinnert an die Personifizierung von Waffen im Zuge der Militarisierung der Öffentlichkeit, etwa als das ZDF-Kinderformat „Logo“ einen vermenschlichten „Taurus“ darüber klagen ließ, dass der Olaf Scholz ihn nicht in die Ukraine lässt.

Inszenierung, Rezeption und Wirklichkeit

In der bürgerlichen Presse wird „Die Waffen der Frau Carrar / Würgendes Blei“ überwiegend bellizistisch gelesen, wie die beispielsweise in der Abendzeitung:

Soll man der Ukraine die Waffen liefern, die sie braucht, um sich gegen ein skrupellos imperialistisches Russland zu wehren? Darf Israel sich gegen Terroristen aus dem Nachbarland wehren und wie weit dürfen die Angegriffenen dabei gehen? Oder hat recht, wer angreift?

Aber wie erklärt die Abendzeitung die Distanz, die das Stück mit „Würgendes Blei“ formal und inhaltlich zum „Zitat“ auf „Die Waffen der Frau Carrar“ schafft? Die Inszenierung endet ja nicht etwa mit Brecht und fügt Bilder der Ukraine hinzu; es ist nicht affirmativ. Eine Lesart der einfachen Übertragung des Abschüttelns des Pazifismus für die gerechte Sache ignoriert die Pointe: Das Stück zeigt im Anschluss an Brecht einen Bruch – offenbar in der Gegenwart, ohne Maske, ohne verzerrte Stimme, ohne abgehackte Bewegungen, ohne Sepia. Es zeigt die Sinnlosigkeit der heutigen sich ständig wiederholenden imperialistischen Stellvertreter:innenkriege wie in der Ukraine, die mit Zitaten auf gerechte Kämpfe der Vergangenheit legitimiert werden. Das Zitat wird dabei dekonstruiert, ebenso wie die zusammengebrochene Bühne: War der Spanische Bürger:innenkrieg moralisch eindeutig, gab es dort Faschismus und Antifaschismus, war der Kampf gerecht, so ist der zweite Teil eine Darstellung der Verwüstungen des Kriegs am Menschen schlechthin, am Ende im Monolog des Maschinengewehrs ein bissiger Kommentar gegen die Rüstungsindustrie.

Daraus eine Unterstützung für die Aufrüstung Deutschlands und Waffenlieferungen zu sehen, sagt mehr über die Kommentator:innen als über das Stück aus. Von der Umkehrung der Verhältnisse in Palästina ganz zu schweigen, wo die Abendzeitung sowohl die Geschichte von Vertreibung und Besatzung der Palästinenser:innen seit der Nakba 1948 übergeht als auch den anhaltenden Völkermord durch Israel. In einer solchen offen pro imperialistischen Lesart wird das Zitat des Spanischen Bürger:innenkriegs korrumpiert für die Machenschaften der Kriegsindustrie, der Imperialist:innen, der Unterstützer:innen des Völkermords – also ein Gegenteil dessen, was Brecht aufführen wollte. Ironischerweise geht die Abendzeitung damit gerade dem Zitat auf den „gerechten Krieg“ auf den Leim, das in „Würgendes Blei“ hinterfragt wird.

In einer alternativen Lesart können wir „Würgendes Blei“ als einen bitteren Kommentar darauf verstehen, wie gerade das Zitat des angeblichen Kampfes gegen Diktaturen durch Aufrüstung und Militarisierung pervertiert wird von Kapitalist:innen, die das Volk „kriegsfähig“ machen wollen. Aber die „einfachen Leute“ der Fischerdörfer müssen es ausbaden.

Von 1937 nach 2025: dass es auf dieser Welt nicht mehr zweierlei Menschen gibt

In der Spanischen Revolution, die nach Francos Putschversuch 1936 zu einem Bürger:innenkrieg wurde, fand ein gerechter Abwehrkrieg statt. Der Kampf wurde gegen den Militarismus Francos geführt, gegen die Großlandbesitzer:innen und Fabrikant:innen, die ihn unterstützten, gegen den Kapitalismus – für einen Arbeiter:innenstaat, die Aufteilung des Landes, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel unter Arbeiter:innenkontrolle, für den Sozialismus und das Ende aller Kriege. Damals waren die Liberalen die „Pazifist:innen“, ließen also Franco, Hitler und Mussolini in ihren Massakern gewähren. Heute sind die Liberalen Bellezist:innen und verdrehen die Geschichte, um wieder Krieg zu führen, aber nicht gegen den Faschismus, sondern für Kapitalinteressen der NATO-Staaten. Damals sabotierten die Stalinist:innen den Sieg der Revolution durch Zusammenarbeit mit den Kapitalist:innen in der „Volksfront“, was zur Niederlage und Francos Herrschaft bis zu seinem Tod 1975 führte – heute stehen ihre Enkelorganisationen überwiegend auf der Seite des kapitalistischen Russlands, das sie ebenfalls in einer Geschichtsverdrehung zu einem antiimperialistischen oder antifaschistischen Akteur verklären wollen. 

Während die Grünen auf ihrem Parteitag für die weitere Unterstützung Israels im Genozid sowie mehr Militarisierung gegen Russland rufen, findet gleichzeitig in Gießen die Aufrüstung der „Generation Deutschland“ als Jugendorganisation der AfD statt. Gegen die Militarisierung kämpfen Jugendliche in Schulstreiks, gegen die Rechten mobilisierten Zehntausende auf Blockaden. Die „Pazifist:innen“ (im Sinne von Brecht) behaupten, links sei genauso schlimm wie rechts und bezeichnen Antifaschist:innen als „Chaot:innen“, fordern das abschwören jeglicher Gewalt zur gerechten Verteidigung gegen Nazis und Polizeigewalt. Neue Faschist:innen bauen sich derweil im Windschatten der Aufrüstung auf: In Sachsen-Anhalt sind schon wieder 20.000 Schuss Munition von der Bundeswehr „verschwunden“ und wir alle wissen, an wen sie gingen.

Doch ebenso baut sich die antikapitalistische Linke wieder auf. Militarisierung und Rechtsruck sind zwei Seiten einer Medaille. Der Kampf dagegen ist die Sache der Arbeiter:innenklasse und muss wieder Sache ihrer Organisationen, der Gewerkschaften, werden, gegen ihre bürokratischen Führungen, die den Imperialismus unterstützen. Ein Vorbild bleiben die Arbeiter:innen und Bäuer:innen der Spanischen Revolution, die sich selbst organisierten, zum Schutz gegen die Putschisten ihre Gewerkschaften gegen Franco mobilisierten und Enteignungen unter Arbeiter:innenkontrolle durchführten, um die Grundlage für Krieg und Faschismus zu beseitigen.

Lassen wir zum Ende Frau Carrar selbst sprechen, wie sie im ersten Teil der Inszenierung Brechts „Mein Sohn, was immer auch aus dir werde“ singt:

Deine Mutter, mein Sohn, hat dich nicht belogen, / dass du etwas ganz besonderes seist; / aber sie hat dich auch nicht mit Kummer aufgezogen, / dass du einmal im Stacheldraht hängst und nach Wasser schreist.

Drum, mein Sohn, halte dich an deinesgleichen, / damit ihre Macht wie ein Staub zerstiebt. / Du, mein Sohn, und ich und alle unseresgleichen / müssen zusammensteh’n und müssen erreichen, / dass es auf dieser Welt nicht mehr zweierlei Menschen gibt.

„Die Gewehre der Frau Carrar / Würgendes Blei“ wird dieses Jahr noch einmal in München aufgeführt: Marstall, Mittwoch, 17. Dezember. Das Stück kann derzeit auf 3sat als Aufzeichnung angesehen werden.

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