Die Doppelherrschaft: Matrix der Revolution

12.07.2026, Lesezeit 35 Min.
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Still aus Sergei Eisensteins 1928 erschienenen Films "Oktober".

Leo Trotzkis Buch über die Geschichte der russischen Revolution enthält ein heute kaum bekanntes Kapitel über das Phänomen der Doppelherrschaft. Der Text liefert tiefe Einsichten in den historischen Mechanismus der Revolution und wird hier in kommentierter Fassung neu herausgegeben.

Der russische Marxist Leo Trotzki legte mit seiner im Exil verfassten umfangreichen Geschichte der russischen Revolution1 nicht nur ein bedeutendes historiographisches Werk vor, er griff auch insgesamt die Frage nach dem historischen Mechanismus der Revolution auf und stellte darüber theoretische Verallgemeinerungen an, die für alle Revolutionär:innen noch heute von zentraler Bedeutung sind. 

Für Trotzki ist die Revolution in ihrer allgemeinsten Definition der „gewaltsame Einbruch der Massen in das Gebiet der Bestimmung über ihre eigenen Geschicke.“2 In friedlichen Zeiten erhebe sich der Staat über die Gesellschaft und werde die Geschichte von Minister:innen, Beamt:innen, Diplomat:innen und Generäl:innen gemacht. Doch sobald dieser Staatsapparat aufgrund bestimmter äußerer und innerer Verwerfungen aus dem Gleichgewicht gerät und seine schaltenden und waltenden Fähigkeiten einbüßt, brechen diese Schranken zusammen und die Masse der Bevölkerung kann vom Objekt der Geschichte zu dessen Subjekt werden. Die bis dato unterworfenen Klassen beginnen, sich aktiv in das gesellschaftliche Leben einzumischen, eigene Strukturen und Institutionen zu bilden und so die noch bestehenden alten Institutionen herauszufordern. Dies führt unweigerlich zu Zusammenstößen, in letzter Konsequenz zum Bürgerkrieg. Der Hergang dieses Kampfes, welcher sich in einer Abfolge von Stadien der Doppelherrschaft, die von Episoden des offenen Bürgerkriegs unterbrochen werden, ausdrückt, bildet zusammengenommen die Ereignisgeschichte einer jeden Revolution. 

In sozialer Hinsicht ist eine Revolution nach Trotzki „der Übergang der [politischen] Macht von der einen Klasse zur anderen.“3 Dieser Prozess ist insofern ökonomisch fundiert, als dass die politische Herrschaft einer Klasse nicht auf beliebiger sozialer Grundlage möglich ist, sondern ihr eine bestimmte Entwicklung der Produktivkräfte zu Grunde liegt. Jede Klassengesellschaft enthält in diesem Sinne die Bedingungen der Möglichkeit ihrer eigenen Aufhebung. Das Bürgertum beispielsweise schuf sich, im Verlaufe der Ausdehnung seines bevorzugten ökonomischen Regimes mit allen dazugehörigen juristischen und kulturellen Institutionen in Form der Arbeiter:innenklasse seinen Antipoden, seinen „Totengräber“. Je höher sich die Produktivkräfte daraufhin entwickelten, je weiter sich die Arbeitsteilung ausdifferenzierte und je konzentrierter und folglich planmäßiger die Produktion von statten ging, desto stärker wurde eben dieses Bürgertum aus der sich selbst eingerichteten ökonomischen Struktur der Gesellschaft verdrängt und in allen Sphären der Produktion und Planung nach und nach ersetzt durch besoldete Angestellte und Beamte. Fast völlig seiner gesellschaftlichen Funktion beraubt, beschäftigte sich das zum Parasiten mutierte Bürgertum im Zeitalter des Imperialismus nur noch mit „Revenueneinstreichen, Kuponabschneiden und Spielen an der Börse.“4 Doch trotz der Tatsache, dass die ökonomischen Grundlagen für den Übergang zum Sozialismus bereits reif waren, trat das Bürgertum, seine Verkehrsformen und seine staatlichen Institutionen nicht einfach kampflos von der Bühne. Es musste, wie schon immer in der Geschichte, gewaltsam von der Spitze der Gesellschaft vertrieben werden. Dieser Prozess ging in Russland so weit wie noch nie zuvor in der Geschichte und zeigte auch hier, dass die Revolution kein einzelner Augenblick ist, obschon Revolutionen im vergleich zur ganzen menschlichen Geschichte nur sehr kurze Episoden darstellen, sondern ein frappierend komplexer Prozess mit aufeinanderfolgenden Phasen und gegenläufigen, widerstreitenden Tendenzen. 

Für die bürgerlichen Historiker ist die Revolution eine undurchschaubare Smuta (russ. Wirre bzw. Zeit der Wirren).5 In der schnellen Abfolge von Ereignissen, der Regierungen und Übergangsregierungen, dem das Auf- und Abschwellen der Aktivität der Massen, den Aufständen und Gegenaufständen können sie nichts als ungelenktes Chaos erkennen. Der reaktionäre deutsche Osteuropahistoriker Jörg Barbarowski schrieb in seinen Reflexionen über die russische Revolution stellvertretend für seine ganze Zunft: 

Der Glaube an das Vermögen des Menschen, den Gang des Geschehens zu durchschauen und ihn zu beherrschen, ist eine Illusion. Das gleichzeitige Denken, Fühlen und Handeln der Millionen folgt keinem erkennbaren Muster.6

Barbarowski spricht hier dem modernen, d.h. dem alterschwachen, Bürgertum aus der Seele. Denn dieses ist aus seiner individuell zersplitterten Klassenlage und der historischen Sackgasse, in der es sich befindet, heraus zu keinen höheren historischen Verallgemeinerungen mehr fähig, als den abstrakten Idealen der Demokratie, der Freiheit und Gleichheit. Für das Bürgertum ist eine Revolution nur etwas, was wie ein Naturereignis spontan auftritt, erlitten werden muss und gegen das man sich nach allen Regeln der Staatskunst mit Polizeiknüppel, Schutzhaft und Inlandsgeheimdienst bestmöglich wappnen sollte. Dabei vergessen die Herren Staatshistoriker und Innenminister gerne, dass auch der Zar eine Polizei und einen Geheimdienst hatte und dass diese Apparate von Berufswegen sogar so viel Einblick in die elementaren Prozesse der russischen Gesellschaft erlangten, dass sie die herannahende Revolution zwar vorhersehen konnten, aber diese nicht abwenden konnten. Revolutionen sind von den klügsten Zeitgenossen in der Tat immer historisch vorausgesehen worden, wenn auch ihr konkreter Zeitpunkt und der unmittelbare Anlass ihres Ausbruchs im Vorhinein nicht exakt bestimmt werden konnte. Die Entwicklung der Produktivkräfte trifft an einem bestimmten Punkt im Schoße der alten Gesellschaft unausweichlich auf die alten Eigentums- und Verkehrsformen, die von den Staaten mit Gewalt aufrechterhalten werden und die weitere Entwicklung hemmen. Die aufsteigende soziale Klasse muss auf ihrem Weg zur Herrin über die ganze Gesellschaft die alten herrschenden Klassen, die sich an die überkommene Ordnung klammern, sowie ihren dazugehörigen Staat „zerbrechen, zerschlagen“, um die Produktivkräfte auf höherer Stufenleiter weiterentwickeln zu können.7 Dies allein fundiert die historische Unausweichlichkeit der Revolution. Ihr Ausgang jedenfalls ist selbstverständlich nicht vorherbestimmt. Der Klassenkampf, „bald versteckt, bald offen“, bemerkten Marx und Engels im Manifest endete historisch „jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft […] oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“8 Und Rosa Luxemburg fasste es in der Junius-Flugschrift von 1915 in der griffigen Parole: „Sozialismus oder Barbarei“.9

Trotzki, in seiner Rolle als Historiker, kommt hier der Verdienst zu, die wirklich zugrundeliegenden Zusammenhänge und Bewegungsgesetze des revolutionären Prozesses offengelegt zu haben. Während der Lektüre seiner Geschichte kommt Ordnung ins Chaos und es beginnt, sich ein historisches Muster zu formen, dem der Prozess zu gehorchen scheint. Dieses Muster, heruntergebrochen auf seine allgemeinste Form, ist vor allem in einem Kapitel von Trotzkis Geschichte besonders deutlich zu erkennen, dem Kapitel über die Doppelherrschaft. 

Dort erkennt Trotzki, dass das hervorstechendste äußere Merkmal der russischen Revolution, nämlich die Spaltung des staatlichen Überbaus in zwei Hälften, kein besonderes Merkmal der russischen Zustände ist. 1917 stand auf der einen Seite die bürgerliche provisorische Regierung (die kurz nach dem erfolgreichen Februaraufstand, der den Zaren stürzte, im rechten Flügel des taurischen Palais unterkam), die sich auf den alten Staatsapparat stützte und auf der anderen Seite die Sowjets (russ. Räte) der Arbeiter- und Soldatendeputierten (die den linken Flügel des Gebäudes bezogen). Wahrlich „a house divided“. Beide Hälften der Staatsgewalt, die eine im Niedergang und die andere im Aufstieg begriffen, begannen, zunächst versteckt, aber zunehmend offen um die Hegemonie über die ganze Gesellschaft zu kämpfen. 

Trotzki entdeckt in seiner Untersuchung der russischen Doppelherrschaft und ihrer innewohnenden Tendenzen ein allgemeines historisches Gesetz, nämlich dass sich alle Revolutionen (und unter umgekehrten Vorzeichen auch die Konterrevolutionen) in einer zweitweiligen Spaltung des staatlichen Überbaus manifestieren, deren zwei Hälften die jeweils kämpfenden Klassen repräsentieren und er entdeckt, dass die Geschichte einer Revolution (und einer Konterrevolution) nichts weiter ist, als die Geschichte der Entstehung, Entwicklung und jedesmaligen Aufhebung dieser Doppelherrschaft, nach der einen oder nach der anderen Seite hin. 

Dies leitet er allerdings nicht empiristisch aus den konkreten russischen Verhältnissen ab, die durchaus mit gewissem Recht als historische Besonderheit angesehen werden können, stattdessen entwickelt er die Hypothese von der Universalität der Doppelmacht in revolutionären Prozessen aus den basalen soziologischen Grundelementen der Klassengesellschaft, dem Stand der Produktivkräfte und den ihnen entsprechenden Produktionsverhältnissen, den aus ihnen entspringenden sozialen Klassen und dem historisch spezifischen staatlichen Überbauten. Anschließend prüft er seine Hypothese der Reihe nach an allen großen Revolutionen der Moderne, den englischen Bürgerkriegen von 1642-51, der französischen Revolution von 1789-99, der russischen Revolutionen von 1905 und 1917 und deutschen Revolution von 1918, ab, ob sich seine Entwicklungstheorie der Revolution in der Geschichte manifestiert – mit durchschlagendem Erfolg. Die Liste der Revolutionen könnte noch um einige weitere Ereignisse erweitert werden, die nach Trotzkis Tod geschahen, wie der verlorenen Revolutionen in Chile 1972, in Portugal 1974 und im Iran 1979, doch auch hier bestätigt sich wieder nur die allgemeine historische Gesetzmäßigkeit.

Interessant sind auch Trotzkis Kommentare zur marxistischen Staatestheorie, die den Staat als den Staat als Instrument der jeweilig herrschenden Klasse auffasst. Dogmatische Auslegungen dieser Theorie könnten tatsächlich auf die Idee kommen, dass ein gleichzeitiges Existieren zweier rivalisierender Staatsmächte in spe eine theoretische Unmöglichkeit darstellt. Aber die Geschichte ist nicht dafür bekannt, das völlige Umschlagen der gesamten Staatsverhältnisse von heute auf morgen vorzunehmen. Jede soziale Revolution, egal wie schnell sie von statten geht, ist ein Prozess der Überwindung einer zum Teil jahrhundertealten ökonomischen Struktur und ihrer Staats- und Rechtsordnung durch eine noch in ihren frühesten Ansätzen befindliche und daher noch unstete und unbestimmte Staats- und Rechtsordnung, die sich selbst eine noch vorläufige und unzureichende materielle Entsprechung in den Eigentums- und Produktionsverhältnissen gegeben hat. Dies drückt sich in der Komplexität und Verwickeltheit der Umwandlung der Staatsgewalt aus. Trotzki bemerkt dazu:

Wenn der Staat die Organisation der Klassenherrschaft ist, die Revolution aber die Ablösung der herrschenden Klasse, so muß der Übergang der Macht von der einen Klasse zur anderen notwendigerweise widerspruchsvolle Staatszustände schaffen, vor allem in Form der Doppelherrschaft. Das Verhältnis der Klassenkräfte ist keine mathematische Größe, die sich von vornherein berechnen läßt. Wenn das alte Regime aus dem Gleichgewicht geschleudert ist, kann das neue Verhältnis der Kräfte sich nur als Resultat ihrer gegenseitigen Nachprüfung im Kampf ergeben. Das eben ist die Revolution.10

Damit wird jedem mechanischen Staatsverständnis stalinistischer Prägung von vornherein der Boden entzogen.

Debatten über die Theorie der Permanenten Revolution

Im Frühjahr 2025 organisierte die Partei der sozialistischen Arbeiter:innen (PTS) in Neuquén, Argentinien eine Reihe von Diskussionsveranstaltungen über den zentralen theoretischen Beitrag Leo Trotzkis zum Marxismus, die Theorie der Permanenten Revolution (TPR). Die TPR wurde von Trotzki in Folge der Erfahrungen der Niederlage der ersten russischen Revolution von 1905 entwickelt und hat als seine drei Hauptelemente 1) Die Beziehung zwischen bürgerlich-demokratischer und sozialistischer Revolution in den kolonialen, halbkolonialen und peripheren Ländern, 2) Die Beziehung zwischen der nationalen und internationalen Ebene der sozialistischen Revolution und 3) Die Veränderungen in den Übergangs- oder postrevolutionären Gesellschaften. Im Rahmen dieser Diskussionen ergab sich die Notwendigkeit einer Erweiterung der TPR um bestimmte Aspekte, die ihre Anwendbarkeit auf die heutigen Verhältnisse präzisieren sollen. Einer dieser Erweiterungen war das Wiederaufgreifen von Trotzkis These von der Universalität der Doppelherrschaft in revolutionären Prozessen. Der argentinische Marxist Juan Dal Maso, der einen Artikel über die Resultate dieser Veranstaltungen verfasst hat, hebt zwei zentrale strategische Schlussfolgerungen, die sich aus dem Verhältnis von Doppelmacht und TPR ergeben, hervor

„1) Vor der Revolution muss die Arbeiter:innenklasse eine Hegemonie über alle unterdrückten sozialen Schichten aufbauen, was eine neue Form der demokratischen Organisation der Massen beinhaltet. 2) In solchen Momenten entsteht eine „widersprüchliche Staatssituation“, in der zwei gegensätzliche Mächte nebeneinander bestehen, was von zentraler Bedeutung ist, um die sozialen und politischen Kämpfe vor der Revolution mit der Revolution selbst zu verbinden (die sonst ein messianisches Ereignis bleiben würde).

Die Herausforderung der Revolutionär:innen ist es, die Theorie von der Doppelmacht nicht nur als analytische Linse zum Verständnis historischer und kommender Revolutionen zu verstehen, sondern sie auch in ihrer Konzeption der revolutionären Strategie zu berücksichtigen. Wenn die Revolution für die Revolutionär:innen kein nur zu erleidendes „messianisches“ Ereignis mit völlig offenem Ausgang sein soll, sondern eine feste Größe in ihrem Plan der Revolutionierung der Gesellschaft, dann müssen bereits heute bestimmte Vorbereitungsaufgaben angegangen werden, die die Wahrscheinlichkeit maximieren können, dass der Prozess der Revolution auch wirklich in der Machteroberung des Proletariats gipfelt und nicht vorher entgleist. Diese Aufgabe ist auch deshalb von zentraler Bedeutung, weil die Geschichte sehr reich an solchen Entgleisungen ist. 

Beginnen wir mit der ersten strategischen Schlussfolgerung. Die Arbeiter:innenklasse bildet in hochentwickelten Gesellschaften heute unbestreitbar die Mehrheit der Bevölkerung. Doch gibt es auch hier durchaus noch starke Mittelschichten, wie das Kleinbäuer:innentum, dessen soziales Gewicht trotz seiner geringen Anzahl nicht unterschätzt werden sollte. Das Proletariat muss sich vor seiner Machtergreifung zur Führerin der gesamten Nation aufschwingen, muss also, indem es die sozialen und demokratischen Forderungen der Mittelschichten und anderer relevanter gesellschaftlicher Gruppen als Teil eines hegemonialen Programms adressiert, eine Mehrheit des Volkes in sein Lager hinüber gezogen haben und sie damit auch dem Lager der Konterrevolution entzogen haben. Auch das Aufgreifen der Forderungen nach nationaler Selbstbestimmung der vom eigenen Staat unterdrückten Nationen spielt hierfür eine große Rolle. Erringt das Proletariat hier die Hegemonie, können die Kämpfe der Bäuer:innen für eine demokratische Landreform und die Unabhängigkeitskämpfe unterdrückter Nationen die schweren Reserven der sozialen Revolution bilden. Die Oktoberrevolution wäre unmöglich gewesen, wenn die Bolschewiki nicht die Mehrheit des politisch aktiven Bäuer:innentums mit der demokratischen Forderung nach einer Landreform und dem Ende des Krieges auf ihre Seite gezogen hätten. Dies wurde erleichtert, durch die Bildung von demokratischen Organisationen der Bäuer:innen, den sogenannten Bäuer:innensowjets, in denen die verschiedenen politischen Parteien, offen ihre Ideen vertreten konnten. Auch wäre die Oktoberrevolution nicht möglich gewesen, wenn sich die Bolschewiki nicht an die Seite der vielen unterdrückten Völker des Zarenreichs gestellt hätten und deren demokratische Forderung nach nationaler Selbstbestimmung bis hin zum Recht auf staatliche Loslösung nicht unterstützt hätten. 

Vor allem in Ländern der kolonialen und halbkolonialen Peripherie sind diese Fragen auch heute noch eine Überlebensfrage der Revolution. In Bolivien beispielsweise leben immer noch fast 30 Prozent der Bevölkerung auf dem Land, der Anteil an individuellem Handwerkertum und kleinen Ladenbesitzer:innen ist sehr hoch und es gibt ganze 56 vom Zentralstaat unterdrückte indigene Nationen. Während diese Zeilen geschrieben werden, erschüttern eine anhaltende Massenbewegung und Streiks das Land, die sich möglicherweise in eine revolutionäre Situation entwickeln könnten. Die Aufgabe der Kommunist:innen ist es, das strategische Reservoir der Mittelschichten und der unterdrückten Nationen mittels eines sozialen und demokratischen Programms der proletarischen Hegemonie gegen die Regierung in Stellung zu bringen, damit die Revolte hinüberwachsen kann in eine soziale Revolution. Bevor das Proletariat die Nation aufheben kann, muss es selbst zur Vertreterin der gesamten Nation emporsteigen. Dabei ist die Bildung von Bäuer:innensowjets sowie von Aktionskomitees, etwa zur Verteidigung der Ländereien indigener Nationen und zur Verteidigung gegen die Übergriffe des US-Imperialismus, eine Schlüsselaufgabe.

Die zweite strategische Schlussfolgerung betrifft eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte der beiden russischen Revolutionen, nämlich die Zentralität der Sowjets, der Räte, die nicht nur die Organe der zukünftigen proletarischen Staatsmacht im Embryonalstadium sind, sondern als Abschluss des Prozesses der Bildung Organen der Selbstorganisation als höchster Form der Einheitsfront des Proletariats zu verstehen sind. Mit Einheitsfront ist hier zunächst eine defensive Taktik gemeint, das heißt die Vereinigung der politisch und sozial gespaltenen Arbeiter:innenklasse zur Verteidigung des Arbeitslohns, zur Verteidigung demokratischer Rechte, zur Verteidigung gegenüber gewaltsamen Übergriffen durch Faschist:innen und dem Staat, und so weiter. Die Einheitsfront ist dabei nicht allein verstanden als das einfache Abkommen zwischen den Vorständen der verschiedenen Arbeiter:innenparteien und Gewerkschaften zur gemeinsamen Aktion, sondern auch die bildung demokratischer Organe der Einheitsfront, z.B. Betriebs-und Streikversammlungen, die Betriebs- und Streikkomitees zur Koordinierung des Kampfes bilden, Aktionskomitees zur Organisation von Straßendemonstrationen und Blockaden, Konsum- und Kontrollausschüsse, die als proletarische Verbraucherschutzorganisationen agieren, Verteidigungskomitees, gemeinsame Ordner:innendienste und proletarische Hundertschaften, beziehungsweise ihrer russischen Entsprechung der Roten Garden, zur kollektiven Verteidigung des Eigentums der Arbeiter:innenorganisationen und der Errungenschaften der Revolution im allgemeinen. Diese Organe sollen garantieren, dass die Einheitsfront der proletarischen Basis unabhängig von ihrer Partei- oder Gewerkschaftszugehörigkeit, nicht nur ihrer politischen Führungen hergestellt wird. Solche Organe des Verteidigungskampfes entstehen meist ad hoc anhand konkreter tagespolitischer Notwendigkeiten und werden mit der Zuspitzung des Klassenkampfes im zwangsläufig über ihre ursprüngliche Funktion hinauswachsen (müssen).

Ein Organ, welches dann die gesamte Arbeiter:innenklasse im Kampf gegen die Kapitalist:innen und ihren Staat vereinigt, das ist dann ein Sowjet, ein Arbeiter:innenrat. Hierin steckt, strategisch gewendet, der Moment des Übergangs des proletarischen Klassenkampfes von der Defensive in die Offensive, in den direkten und allgemeinen Kampf um die politische Macht im Staate. Damit sind Sowjets schlicht die Vollendung der proletarischen Einheitsfront. 

Hierin liegt nun die praktische Seite der Theorie der Doppelmacht, denn offensichtlich fallen die Sowjets nicht einfach vom Himmel, sobald der revolutionäre Prozess beginnt. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele, in denen eine revolutionäre Situation zwar objektiv bestand, der bürgerliche Staatsapparat paralysiert war, in der aber die Organisationsformen des Proletariats sich nicht auf die Höhe ihrer historischen Aufgaben hinauf schwingen konnten. Das beste Beispiel einer Revolution, die keine Sowjets ausbildete und letztlich daran scheiterte, ist die ägyptische Revolution von 2011. Hier wurde der alte Staatsapparat zwar vorübergehend gelähmt, es kam sogar stellenweise zu Meutereien in der Armee, die Polizei musste sich wiederholt vor den Massen von den Straßen zurückziehen und für einen kurzen Moment existierte sogar mit dem Tahrir-Platz eine rudimentäre Form der Doppelmacht, doch hinterließ der allgemeine Aufstand der Massen gegen die Regierung Mubarak keine dauerhaften Organisationsstrukturen nach dem Vorbild der Sowjets und die recht oberflächlichen Organisationsstrukturen in Stadtteilen und Dörfern, die sich bildeten, waren regional ungleichmäßig entwickelt und es fehlte ihnen an nationaler Koordination. So wurde der allgemeine Kampf gegen den bürgerlichen Staat nicht aufgenommen, es wurde keine relativ stabile Situation der Doppelmacht etabliert und so konnte die Bewegung sich nicht gut genug organisieren und konnte von der materiellen Kraft der Arbeiter:innenklasse nicht koordiniert Gebrauch machen. Auch wenn es in den Monaten nach dem Umsturz zu großen Streikwellen kam, vereinigte sich die Arbeiter:innenbewegung niemals ausreichend mit der explosiven Straßenbewegung der kleinbürgerlichen und subproletarischen Massen. Die Armeeführung erhielt dadurch die Initiative zurück und konnte in mehreren großen Schlachten die allgemeine Versammlung der Massen auf den Tahrir-Platz sprengen, die Arbeiterbewegung enthaupten und die Konterrevolution einleiten. 

Hieraus ergibt sich für die Revolutionär:innen also die Aufgabe, nicht passiv auf die Entstehung der Sowjets aus dem nichts zu warten, sondern immer und überall Organe der Selbstorganisation zu schaffen, d.h. Rätestrukturen im Embyronalstadium bilden. Es geht darum im Rahmen des Kampfes um die defensive Einheitsfront auf jedem Schritt die organisierten Arbeiter:innen aller politischer und gewerkschaftlicher Couleurs gemeinsam mit den nicht organisierten Massen in demokratischen Organen der proletarischen Einheitsfront zu vereinigen. So kann die heute bereits kämpfende proletarische Avantgarde Erfahrungen mit demokratischer Selbstorganisation machen, die sie vorbereitet, im Moment der Revolution von der partikularen Organisation zur allgemeinen Organisation der Sowjets überzugehen. Besonders in Deutschland mit seinen großen bürokratischen Massenorganisation von SPD und Gewerkschaften gibt es kaum eine Kultur der Selbstorganisation, tatsächlich wird sie von den Bürokratien innerhalb der Arbeiter:innenbewegung sogar auf jedem Schritt aktiv unterdrückt, denn diese Bürokratien leben von der Atomisierung ihrer Basis. Daher muss um diese Kultur in jeder Etappe des Klassenkampfes Richtung Revolution gekämpft werden.

Für diejenigen, für die also das Studium historischer Revolutionen nicht nur ein interessenloser Zeitvertreib, sondern eine Lehrstunde für die Erringung einer menschlicheren Zukunft ist, ist die Entdeckung der Mechanik des revolutionären Prozesses durch eine Reihe von Stadien der Doppelmacht von besonderer theoretischer Bedeutung mit weitreichenden strategischen Implikationen und soll mit dieser kommentierten (Neu-)herausgabe des 11. Kapitels der Geschichte der russischen Revolution einen Startpunkt finden.

Leo Trotzki: Geschichte der russischen Revolution, Kapitel 11: Doppelherrschaft11

Worin besteht das Wesen der Doppelherrschaft? Man darf an dieser Frage nicht vorbeigehen, deren Beleuchtung wir in der historischen Literatur bisher nicht begegnet sind. Indes ist die Doppelherrschaft ein eigenartiger Zustand der gesellschaftlichen Krise, der durchaus nicht nur für die russische Revolution von 1917 allein charakteristisch ist, wenn er auch hier am deutlichsten beobachtet werden konnte.

Antagonistische Klassen existierten in der Gesellschaft stets, und die von der Macht ausgeschlossene Klasse ist unvermeidlich bestrebt, den Staatskurs in diesem oder jenem Grade in ihre Richtung zu lenken. Das bedeutet jedoch noch keinesfalls, daß in der Gesellschaft eine Doppel- oder Vielherrschaft besteht. Der Charakter eines politischen Regimes wird unmittelbar bestimmt von dem Verhältnis der unterdrückten Klassen zu den herrschenden. Die Einzelherrschaft, die notwendige Bedingung der Widerstandsfähigkeit eines jeden Regimes, kann nur so lange bestehen, wie es der herrschenden Klasse gelingt, ihre ökonomischen und politischen Formen als die einzig möglichen der ganzen Gesellschaft aufzuzwingen.

Die gleichzeitige Herrschaft des Junkertums12 und der Bourgeoisie – in der hohenzollernschen oder in der republikanischen Form – ist, so stark zeitweilig die Konflikte zwischen den beiden Partnern der Macht auch sein mögen, noch keine Doppelherrschaft: sie haben eine gemeinsame soziale Basis, ihre Zusammenstöße drohen nicht den Staatsapparat zu spalten. Das Regime der Doppelherrschaft entsteht nur aus dem unversöhnlichen Zusammenprall der Klassen, ist demzufolge nur in einer revolutionären Epoche möglich und bildet eines ihrer wesentlichen Elemente.

Die politische Mechanik der Revolution besteht in dem Übergang der Macht von der einen Klasse zur anderen. Die gewaltsame Umwälzung an sich kommt gewöhnlich innerhalb einer kurzen Frist zustande. Aber keine historische Klasse erhebt sich aus der unterdrückten Lage zur herrschenden mit einem Male, sozusagen über Nacht, mag es auch die Nacht einer Revolution sein. Sie muß schon am Vorabend in bezug auf die offiziell herrschende Klasse eine höchst unabhängige Stellung eingenommen haben; mehr noch, sie muß die Hoffnungen der Zwischenklassen und -schichten, der mit dem Bestehenden Unzufriedenen, aber für eine selbständige Rolle Unfähigen, auf sich konzentriert haben. Die historische Vorbereitung einer Umwälzung führt in der vorrevolutionären Periode zu einer Situation, in der die Klasse, die das neue Gesellschaftssystem zu verwirklichen berufen ist, ohne bereits Herr im Lande zu sein, faktisch einen bedeutenden Teil der Staatsmacht in Händen hält, während der offizielle Staatsapparat noch im Besitz der alten Machthaber verbleibt. Dieses ist der Ausgangspunkt der Doppelherrschaft in einer jeden Revolution. 

Doch das ist nicht ihre einzige Form. Falls die neue Klasse, die durch die Revolution, die sie nicht gewollt, an die Macht gestellt wird, eine alte, historisch verspätete Klasse ist; falls sie sich etwa vor ihrer offiziellen Krönung verbraucht hat; falls sie, zur Macht gekommen, ihren Widerpartner bereits hinreichend reif, den Arm nach dem Staatssteuer ausgestreckt, vorfindet, – dann führt die politische Umwälzung zum Ersatz der einen Doppelherrschaft mit sehr schwankendem Gleichgewicht durch eine andere, mitunter noch weniger widerstandsfähige.13 Im Siege über die „Anarchie“ der Doppelherrschaft besteht eben auf jeder neuen Etappe die Aufgabe der Revolution oder – der Konterrevolution.

Die Doppelherrschaft setzt die Teilung der Macht in gleiche Hälften oder überhaupt irgendein formales Gleichgewicht der beiden Mächte nicht nur nicht voraus, sondern schließt sie, allgemein gesprochen, völlig aus. Das ist keine konstitutionelle, sondern eine revolutionäre Tatsache. Sie beweist, daß die Störung des sozialen Gleichgewichts den Staatsüberbau bereits gespalten hat. Eine Doppelherrschaft entsteht dort, wo feindliche Klassen sich bereits ihrem Wesen nach miteinander nicht zu vereinbarende staatliche Organisationen stützen – eine im Ableben und eine im Entstehen begriffene –, die auf dem Gebiet der Staatsleitung einander auf jedem Schritt bedrängen. Der Teil der Macht, der hierbei jeder der kämpfenden Klassen zufällt, wird vom Kräfteverhältnis und dem Gang des Kampfes bestimmt.

Ein solcher Zustand kann seinem ganzen Wesen nach nicht beständig sein. Die Gesellschaft verlangt Konzentration der Macht und strebt in Gestalt der herrschenden Klasse, oder in diesem Falle der zwei halbherrschenden Klassen, unversöhnlich dahin. Die Spaltung der Macht kündet nichts anderes an als den Bürgerkrieg. Jedoch bevor sich die rivalisierenden Klassen und Parteien zu diesem entschließen, können sie, besonders wenn sie die Einmischung einer dritten Macht fürchten, gezwungen sein, das System der Doppelherrschaft ziemlich lange zu dulden und sogar gewissermaßen zu sanktionieren. Aber doch wird es unvermeidlich gesprengt werden. Der Bürgerkrieg verleiht der Doppelherrschaft einen augenfälligen, und zwar einen territorialen Ausdruck: indem sich jede Macht einen befestigten Punkt schafft, führt sie den Kampf um das übrige Territorium, das nicht selten eine Doppelherrschaft in Form des aufeinanderfolgenden Einfalls der beiden kriegführenden Mächte erduldet, bis eine von ihnen sich endgültig festsetzt.

Die englische Revolution des 17. Jahrhunderts zeigt, gerade weil sie eine große Revolution war, die die Nation bis in die Tiefen aufwühlte, ein deutliches Abwechseln von Doppelherrschaftregimes, mit scharfen Übergängen von dem einen zum anderen, in Form des Bürgerkrieges.

Zuerst stehen der Königsmacht, die sich auf die privilegierten Klassen oder die Oberschichten dieser Klassen, Aristokraten und Bischöfe, stützt, Bourgeoisie und dieser nahestehende Schichten des kleinen Landadels gegenüber. Die Regierung der Bourgeoisie ist das Presbyterianer-Parlament, das sich auf die Londoner City stützt.14 Der andauernde Kampf dieser zwei Regimes wird im offenen Bürgerkrieg entschieden. Zwei Regierungszentren, London und Oxford, schaffen sich ihre Armeen, die Doppelherrschaft nimmt eine territoriale Form an, wenn auch die territorialen Abgrenzungen, wie stets im Bürgerkriege, sehr schwankend sind. Das Parlament obsiegt. Der König ist gefangen und harrt seines Geschicks.

Es könnte scheinen, die Bedingungen für die Einzelherrschaft der presbyterianischen Bourgeoisie seien im Entstehen. Aber bevor noch die Königsmacht gebrochen ist, verwandelt sich die Armee des Parlaments in eine selbständige politische Kraft. Sie vereinigt in ihren Reihen die Independenten15, fromme und entschlossene Kleinbürger, Handwerker und Ackerbauer. Die Armee mischt sich machtvoll in das öffentliche Leben ein, aber nicht einfach als bewaffnete Gewalt, auch nicht als Prätorianergarde, sondern als politische Vertretung einer neuen Klasse, die sich der reichen und wohlhabenden Bourgeoisie entgegenstellt. Dementsprechend schafft die Armee ein neues Staatsorgan, das sich über das militärische Kommando erhebt: den Rat der Soldaten und Offiziersdeputierten („Agitatoren“). Es beginnt eine neue Periode der Doppelherrschaft: die des presbyterianischen Parlaments und der Independenten-Armee. Die Doppelherrschaft führt zum offenen Zusammenstoß. Die Bourgeoisie erweist sich als ohnmächtig, der „mustergültigen Armee“ Cromwells, das heißt den bewaffneten Plebejern, eine eigene Armee entgegenzustellen; Der Konflikt endet mit einer Säuberung des presbyterianischen Parlaments mit Hilfe des Independentensäbels. Vom Parlament bleibt nur Spreu, es wird die Diktatur Cromwells16 errichtet. Die unteren Schichten der Armee versuchen unter Leitung der Leveller17, des äußersten linken Flügels der Revolution, der Herrschaft der militärischen Spitzen, der Granden der Armee ihr eigenes, wahrhaft plebejisches Regime entgegenzustellen. Doch die neue Doppelherrschaft kommt nicht zur Entwicklung: die Levellers, die untere Schicht der Kleinbürger, haben noch keinen eigenen historischen Weg und können ihn auch noch nicht haben. Cromwell wird mit den Gegnern bald fertig. Es entsteht für eine Reihe von Jahren ein neues, allerdings keinesfalls widerstandsfähiges politisches Gleichgewicht.

In der großen Französischen Revolution konzentriert die Konstituierende Versammlung, deren Rückgrat die oberste Schicht des dritten Standes ist, die Macht in ihren Händen, jedoch ohne dem König seine Vorrechte völlig zu nehmen. Die Periode der Konstituierenden Versammlung ist die Periode scharfer Doppelherrschaft, die mit der Flucht des Königs nach Varennes endet und formell erst mit der Gründung der Republik liquidiert wird.18

Die erste französische Konstitution (1791), aufgebaut auf der Fiktion der voneinander völlig unabhängigen gesetzgebenden und ausführenden Gewalt, verschleierte in Wirklichkeit, oder suchte vor dem Volke zu verschleiern, die tatsächliche Doppelherrschaft: der Bourgeoisie, die sich nach der Einnahme der Bastille durch das Volk endgültig in der Nationalversammlung verschanzt hatte, und der alten Monarchie, die sich noch auf die Spitzen des Adels, des Klerus, der Bürokratie und der Militärs stützte, nicht zu reden von ihren Hoffnungen auf eine ausländische Intervention. In diesem widerspruchsvollen Regime lag die Unvermeidlichkeit seines Zusammenbruchs. Ein Ausweg konnte nur gefunden werden entweder in der Vernichtung der bürgerlichen Vertretung mit den Kräften der europäischen Reaktion oder in der Guillotine für den König und die Monarchie. Paris und Koblenz19 mußten ihre Kräfte messen.

Aber noch bevor es zu Krieg und Guillotine kommt, tritt auf die Bühne die Pariser Kommune20, die sich auf die unteren Schichten des dritten Standes der Stadt stützt und den offiziellen Vertretern der bürgerlichen Nation die Herrschaft immer kühner streitig macht. Es entsteht eine neue Doppelherrschaft, deren erste Äußerungen wir bereits im Jahre 1790 wahrnehmen, zu einer Zeit, wo die Mittel- und Großbourgeoisie noch in Administrationen und Munizipalitäten festsitzt. Welch erstaunliches – und gleichzeitig niedrig verleumdetes! – Bild der Bemühungen der plebejischen Schichten, aus der Tiefe emporzusteigen, aus den sozialen Kellern und Katakomben, und jene verbotene Arena zu betreten, wo Menschen in Perücken und Culotten21 die Schicksale der Nation entscheiden. Es schien, als sei das Fundament selbst, getreten von den Füßen der aufgeklärten Bourgeoisie, lebendig geworden und in Bewegung geraten; aus der formlosen Masse erhoben sich menschliche Häupter, streckten sich schwielige Hände in die Höhe, heisere, aber mutige Stimmen wurden vernehmbar! Die Pariser Distrikte22, die Bastarde der Revolution, begannen ihr eigenes Leben zu leben. Sie wurden anerkannt – sie nicht anzuerkennen war unmöglich! – und in Sektionen umgewandelt.23 Aber unentwegt rissen sie die Schranken der Legalität nieder, erhielten Zustrom frischen Blutes von unten und öffneten, dem Gesetz zuwider, den Entrechteten, Armen, den Sansculotten Zutritt in ihre Reihen. Gleichzeitig bieten die Landmunizipalitäten dem bäuerlichen Aufstand Deckung gegen die bürgerliche Gesetzlichkeit, die den Feudalbesitz begönnert. So erhebt sich unter den Füßen der zweiten Nation die dritte.

Die Pariser Sektionen verhielten sich anfangs der Kommune gegenüber, in der noch die ehrenwerte Bourgeoisie herrschte, oppositionell. Durch einen kühnen Vorstoß eroberten die Sektionen sie am 10. August 1792.24 Von nun an bildete die revolutionäre Kommune einen Gegensatz zur Gesetzgebenden Versammlung25 und später zum Konvent26, die beide hinter dem Gang und den Aufgaben der Revolution zurückblieben, die die Ereignisse registrierten, aber nicht machten, weil sie nicht die Energie, die Kühnheit, die Einmütigkeit jener neuen Klasse besaßen, die inzwischen aus den Tiefen der Pariser Distrikte aufgestiegen war und einen Stützpunkt in den zurückgebliebensten Dörfern gefunden hatte. In gleicher Weise, wie die Sektionen die Kommune eroberten, eroberte die Kommune durch einen neuen Aufstand den Konvent. Jede dieser Etappen war von der scharf umrissenen Doppelherrschaft charakterisiert, deren beide Flügel bestrebt waren, eine einheitliche und starke Macht aufzurichten, der rechte Flügel auf dem Wege der Verteidigung, der linke auf dem des Angriffes. Das sowohl die Revolution wie die Konterrevolution kennzeichnende Bedürfnis nach einer Diktatur entspringt den unerträglichen Widersprüchen der Doppelherrschaft. Ihr Übergang von einer Form zur anderen wird auf dem Wege des Bürgerkrieges vollzogen. Große Revolutionsetappen, das heißt Verschiebungen der Macht an neue Klassen oder Schichten, fallen dabei ganz und gar nicht zusammen mit den Zyklen der Vertretungskörperschaften, die hinter der Dynamik der Revolution einherschreiten als verspätete Schatten. Zwar verschmilzt schließlich die revolutionäre Diktatur der Sansculotten mit der Diktatur des Konvents – aber welches? –, des durch die Hand des Terrors von den Girondisten, die noch gestern ihn beherrschten, gesäuberten, beschnittenen, der Herrschaft der neuen sozialen Kraft angepaßten Konvents. So erhebt sich über die Stufen der Doppelherrschaft im Laufe von vier Jahren die Französische Revolution zu ihrem Höhepunkt. Mit dem 9. Thermidor beginnt sie wiederum über die Stufen der Doppelherrschaft hinabzusteigen.27 Und wieder geht der Bürgerkrieg dem Abstieg voran, wie er früher den Aufstieg begleitete.28 So sucht die neue Gesellschaft ein neues Gleichgewicht der Kräfte.

Die russische Bourgeoisie, die gegen die Rasputinsche Bürokratie29 kämpfte und gleichzeitig mit ihr zusammenarbeitete, hatte im Kriege ihre politischen Positionen sehr stark gefestigt. Indem sie die Niederlagen des Zarismus ausbeutete, konzentrierte sie mittels der Semstwo30– und Stadtverbände31 und der Kriegsindustriekomitees32 eine bedeutende Macht in ihren Händen, verfügte selbständig über gewaltige Staatsmittel und stellte im Grunde genommen eine Parallelregierung dar. Während des Krieges beklagten sich die zaristischen Minister, Fürst Lwow33 versorge die Armee, ernähre und heile sie und errichte sogar Friseurgeschäfte für Soldaten. „Man muß damit Schluß machen oder aber die ganze Macht in seine Hände geben“, sagte schon 1915 Minister Kriwoschejin34. Er hat damals noch nicht geahnt, daß Fürst Lwow nach anderthalb Jahren tatsächlich „die ganze Macht“ bekommen würde, nur nicht aus den Händen des Zaren, sondern aus denen Kerenskis35, Tschcheidses36 und Suchanows37. Doch am Tage nachdem dies geschehen war, entstand eine neue Doppelherrschaft: neben der gestrigen liberalen Halbregierung, heute formell gesetzlichen, erwuchs die inoffizielle, aber um so realere Regierung der werktätigen Massen in Gestalt der Sowjets.38 Mit diesem Augenblick beginnt die Russische Revolution ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung zu werden.

Worin besteht nun die Eigenart der Doppelherrschaft der Februarrevolution?39 Bei den Ereignissen des 17. und 18. Jahrhunderts bildete die Doppelherrschaft jedesmal eine natürliche Kampfetappe, die sich den Beteiligten durch das zeitliche Kräfteverhältnis aufdrängte, wobei jede der Parteien bestrebt war, die Doppelherrschaft durch die eigene Einzelherrschaft zu ersetzen. In der Revolution von 1917 sehen wir, wie die offizielle Demokratie die Doppelherrschaft bewußt und vorbedacht schafft und sich mit allen Kräften dagegen stemmt, die Macht allein zu übernehmen. Die Doppelherrschaft entsteht – so mag es auf den ersten Blick scheinen – nicht als Resultat des Kampfes der Klassen um die Macht, sondern als Resultat des freiwilligen „Abtretens“ der Macht durch die eine Klasse an die andere. Insofern die russische „Demokratie“40 einen Ausweg aus der Doppelherrschaft suchte, sah sie ihn im eigenen Rücktritt von der Macht. Ebendieses nannten wir das Paradoxon der Februarrevolution.

Eine gewisse Analogie kann man eventuell in dem Verhalten der deutschen Bourgeoisie in bezug auf die Monarchie im Jahre 1848 finden. Doch ist diese Analogie nicht vollständig. Die deutsche Bourgeoisie wollte zwar um jeden Preis auf der Grundlage einer Verständigung die Macht mit der Monarchie teilen, doch war sie nicht restlos im Besitze der Macht und wollte sie auch keinesfalls völlig der Monarchie abtreten. „Die preußische Bourgeoisie war nomineller Besitzer der Herrschaft, sie zweifelte keinen Augenblick, daß die Mächte des alten Staates ohne Hinterhalt sich ihr zu Gebote gestellt und in ebenso viele devote Ableger ihrer eigenen Allmacht verwandelt hätten“ (Marx und Engels). Die russische Demokratie von 1917, die seit dem ersten Augenblick des Umsturzes die ganze Macht innehatte, strebte nicht einfach danach, sie mit der Bourgeoisie. zu teilen, sondern dieser den Staat vollständig auszuliefern. Das könnte wohl bedeuten, daß die offizielle russische Demokratie im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts Zeit gehabt hatte, sich politisch stärker zu zersetzen als die deutsche liberale Bourgeoisie der Mitte des 19. Es ist dies auch völlig gesetzmäßig, denn es bildet die Kehrseite jenes Aufstieges, den in diesen Jahrzehnten das Proletariat erlebte, das den Platz der Handwerker Cromwells und der Sansculotten Robespierres eingenommen hat.

Betrachtet man aber die Sache tiefer, so zeigt die Doppelherrschaft der Provisorischen Regierung und des Exekutivkomitees41 den Charakter einer bloßen Widerspiegelung. Prätendent auf die neue Macht konnte nur das Proletariat sein. Zaghaft sich auf die Arbeiter und Soldaten stützend, waren die Versöhnler gezwungen, der doppelten Buchführung der Zaren und der Propheten Beihilfe zu leisten. Die Doppelherrschaft der Liberalen und Demokraten spiegelte nur die vorläufig unterirdische Doppelherrschaft der Bourgeoisie und des Proletariats wider. Wenn die Bolschewiki die Versöhnler von der Spitze der Sowjets verdrängen werden – was nach einigen Monaten geschieht –, dann wird die unterirdische Doppelherrschaft nach außen dringen, und dies wird der Vorabend der Oktoberrevolution sein. Bis zu diesem Augenblick wird die Revolution in der Welt politischer Widerspiegelungen leben. Sich durch die Kannegießerei der sozialistischen Intelligenz brechend, verwandelte sich die Doppelherrschaft aus einer Etappe des Klassenkampfes in eine regulative Idee. Gerade das stellte sie ins Zentrum der theoretischen Diskussion. Nichts geht verloren. Der widerspiegelnde Charakter der Februar-Doppelherrschaft erlaubte uns, jene Etappen der Geschichte besser zu verstehen, in denen die Doppelherrschaft als vollblütige Episode im Kampfe zweier Regime hervortritt. So ermöglicht das reflektierte und kraftlose Licht des Mondes, wichtige Schlußfolgerungen über das Sonnenlicht zu machen.

In der unermeßlich höheren Reife des russischen Proletariats bestand eben, verglichen mit den Stadtmassen der alten Revolutionen, die grundlegende Eigenart der Russischen Revolution, die anfangs zum Paradoxon einer halb gespenstischen Doppelherrschaft geführt und dann den Abschluß der realen Doppelherrschaft zugunsten der Bourgeoisie verhindert hat. Denn die Frage stand so: entweder erobert die Bourgeoisie tatsächlich den alten Staatsapparat und erneuert ihn für ihre eigenen Ziele, wobei die Sowjets verschwinden müssen, oder die Sowjets werden zur Grundlage eines neuen Staates, wobei sie nicht nur den alten Apparat, sondern auch die Herrschaft jener Klassen, denen er gedient, liquidieren. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre hielten den Kurs auf die erste Lösung. Die Bolschewiki auf die zweite. Die unterdrückten Klassen, denen es, nach Marats Worten, in der Vergangenheit an Wissen, Fertigkeit und Führung gefehlt hat, um das von ihnen begonnene Werk zu Ende zu bringen, waren in der Russischen Revolution des 20. Jahrhunderts mit dem einen, dem anderen und dem dritten ausgerüstet. Es siegten die Bolschewiki.

Ein Jahr nach ihrem Siege wiederholte sich die gleiche Frage, bei einem anderen Kräfteverhältnis, in Deutschland. Die Sozialdemokratie hielt den Kurs auf Errichtung der demokratischen Macht der Bourgeoisie und Liquidierung der Sowjets. Luxemburg und Liebknecht nahmen den Weg auf die Diktatur der Sowjets. Es siegten die Sozialdemokraten. Hilferding42 und Kautsky43 in Deutschland, Max Adler44 in Österreich schlugen vor, Demokratie und Sowjetsystem zu „kombinieren“ und die Arbeitersowjets in die Verfassung einzubeziehen. Das hätte bedeutet, den potentiellen oder offenen Bürgerkrieg in einen Bestandteil des Staatsregimes zu verwandeln. Eine kuriosere Utopie läßt sich nicht ausdenken. Zu ihrer einzigen Rechtfertigung dient in deutschen Landen vielleicht die alte Tradition: schon die Württemberger Demokraten von 1848 wollten eine Republik mit einem Herzog an der Spitze.

Widerspricht die Erscheinung der Doppelherrschaft, bisher nicht genügend bewertet, der Marx’schen Staatstheorie, die die Regierung als das Exekutivkomitee der herrschenden Klasse ansieht?45 Das wäre dasselbe, als wollte man sagen: widerspricht das Schwanken der Preise unter dem Einfluß von Nachfrage und Angebot der Werttheorie? Widerlegt die Selbstaufopferung des Weibchens, das sein Junges verteidigt, die Theorie vom Kampf ums Dasein? Nein, in diesen Erscheinungen finden wir nur eine komplizierte Kreuzung der gleichen Gesetze. Wenn der Staat die Organisation der Klassenherrschaft ist, die Revolution aber die Ablösung der herrschenden Klasse, so muß der Übergang der Macht von der einen Klasse zur anderen notwendigerweise widerspruchsvolle Staatszustände schaffen, vor allem in Form der Doppelherrschaft. Das Verhältnis der Klassenkräfte ist keine mathematische Größe, die sich von vornherein berechnen läßt. Wenn das alte Regime aus dem Gleichgewicht geschleudert ist, kann das neue Verhältnis der Kräfte sich nur als Resultat ihrer gegenseitigen Nachprüfung im Kampf ergeben. Das eben ist die Revolution.

Es könnte scheinen, daß diese theoretische Exkursion uns von den Ereignissen des Jahres 1917 abgelenkt hat. In Wirklichkeit führt sie uns zu ihrem innersten Kern. Gerade um das Problem der Doppelherrschaft drehte sich der dramatische Kampf der Parteien und Klassen. Nur von der theoretischen Warte herab kann man sie ganz übersehen und richtig begreifen.

Fußnoten

  1. 1. Leo Trotzki: Die Geschichte der Russischen Revolution, 2 Bände und Ergänzungsband, Manifest Verlag, Berlin 2022.
  2. 2. Ebd. Bd. 1, S. 7.
  3. 3. Ebd. S. 152.
  4. 4. Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Marx, Karl/Ders.: Werke Bd. 19, Dietz Verlag, Berlin 1987, S. 181-228, hier S. 221-222.
  5. 5. Zeit der Wirren, 1598-1613, Zeit der politischen und gesellschaftlichen Instabilität des Moskauer Reiches, an dessen Ende die Inaugurierung der Romanov-Dynastie stand, die Russland bis 1917 regierte.
  6. 6. Barberowski, Jörg: Der bedrohte Leviathan. Staat und Revolution in Rußland, Duncker & Humblot, Berlin 2021, S. 71.
  7. 7. W.I. Lenin: Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution, in: Ders.: Werke, Bd. 25, Dietz Verlag, Berlin 1974, S. 393–507, hier S. 418.
  8. 8. Karl Marx, Friedrich Engels: Das Manifest der kommunistischen Partei, in: MEW Bd.4, Berlin 1977, S. 462.
  9. 9. Luxemburg, Rosa: Die Krise der Sozialdemokratie (1915), in: Werke Bd.4, Dietz Verlag, Berlin 1974, S.51-164, hier S. 63.
  10. 10. Trotzki: Geschichte, Bd. 1, S. 158.
  11. 11. Der hier abgedruckte Text folgt der Übersetzung von marxists.org, abgerufen unter: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1930/grr/index.htm [26.05.2026]; siehe in anderer Übersetzung auch: Trotzki: Geschichte, S. 152-158.
  12. 12. Mit Junkertum ist die aus feudaler Zeit stammende Klasse an Großgrundbesitzern östlich der Elbe gemeint. Sie bildete das Rückgrat des preußischen Staates und dominierte bis in die Weimarer Zeit hinein das Militär, die öffentliche Verwaltung und die Politik. Allerdings hatten sich die Junker in Folge der großen Preußischen Reformen von 1807, die auch die Befreiung der Bäuer:innen umfassten, allmählich von einem feudalen Adel zu modernen kapitalistischen Großgrundbesitzern verwandelt, sodass alter Adel und Bürgertum zusehends zu einer Klasse verschmolzen, was die politischen Widersprüche abgeschwächte, sodass sich der Streit zwischen ihnen zunehmend nur noch als Kampf um den Erhalt, bzw. die Abschaffung von Privilegien im Staatsapparat drehte.
  13. 13. Trotzki bezieht sich hier auf das russische Bürgertum, was erst mit der sehr verspäteten russischen Industrialisierung entstanden ist und von vornherein einen schwachen, untergeordneten Charakter trug, während das Proletariat hochmodern und sehr kampfeslustig war. Dies lag vor allem daran, dass die russische Industrie mit der Hilfe von französischem und englischem Kapital errichtet wurde und von diesem abhing. Diese aus dem Westen transplantierte Industrie war dabei nach den modernsten Produktionstechniken aufgebaut. In Russland standen einige der größten Fabriken der Welt und drängten Millionen Arbeiter in den industriellen Inseln Polens, Sankt Petersburgs, Moskaus, des Urals und des Donbass zusammen. Das Proletariat war also bereits auf dem Niveau seiner westeuropäischen Brüder angelangt, nur ohne ihre bürokratische Verknöcherung, es war daher viel kampfeslustiger als die Arbeiter im Westen. Das russische Bürgertum wiederum war schwach und abhängig vom Imperialismus, fürchtete sich gleichzeitig vor seinem Proletariat und kettete daher in der Revolution von 1905 sein Schicksal an das der Autokratie, anstatt sie mit den Arbeitern zusammen zu stürzen. Dieser historische Verrat brachte Trotzki dazu, die Theorie der Permanenten Revolution zu entwerfen, nach der im Zeitalter des Imperialismus nur noch das Proletariat die Aufgaben der bürgerlichen Revolution in abhängigen Ländern zu Ende führen kann und im Zuge dessen über sie hinauswachsen muss.
  14. 14. Der englische Bürgerkrieg (1642 – 1651), war die erste bürgerliche Revolution der Geschichte. 1638 rebellierten die presbyterianischen Schotten gegen die Versuche des englischen Königs Charles I. und seines Beraters Erzbischof William Laud, die anglikanische Staatskirche, auf die sich die absolutistische Monarchie stützte, in Schottland zu stärken und die frühbürgerlich-demokratische presbyterianische Richtung des Reformation, die an den Calvinismus angelehnt war, zurückzudrängen. Dieser Krieg zwang Charles I. das Parlament des dritten Standes, das House of Commons, einzuberufen, um das englische Bürgertum um Finanzmittel für den Krieg zu bitten. Da sich die Abgeordneten aber anmaßten, sich in die Religionspolitik des Königs einzumischen und es unter ihnen viele Sympathisanten der Puritaner und Presbyterianer gab, löste Charles I. das House of Commons binnen weniger Wochen wieder auf. Doch der Krieg gegen die Schotten lief schlecht und so sah sich der König noch im selben Jahr gezwungen, erneut das House of Commons einzuberufen. Dieses Mal aber ging das Bürgertum unter der Führung seines puritanischen Flügels unter John Pym in die Offensive und zwang den König zu bedeutenden Zugeständnissen. So musste dieser seinem Berater Thomas Wentworth den Prozess wegen Hochverrats machen. Der katholische Adel Irlands, gegenüber dem Wentworth eine entgegenkommende Religionspolitik geführt hatte, befürchtete daraufhin, dass die Krone nun zur gewaltsamen Anglikanisierung der Insel übergehen würde und rebellierte 1641. Gegen diese Rebellion war das House of Commons noch bereit, dem König die nötigen Finanzen zur Kriegführung bereitzustellen, doch die puritanische Fraktion befürchtete bald, dass der König nach dem Ende seiner irländischen Strafexpedition die neu gewonnene militärische Stärke auch gegen das House of Commons einsetzen würde. Daraufhin versuchten die Abgeordneten mit der sog. Remonstranz, eine umfangreiche Beschwerdeschrift, das königliche Oberkommando über die Armee zu brechen und damit de facto die Exekutivgewalt im Staat an das Parlament zu übertragen. Um diesem Schritt zuvorzukommen, versuchte der König das House of Commons militärisch aufzulösen, doch dieser Versuch misslang und provozierte den Zorn der Londoner Stadtbevölkerung. Charles I. musste daraufhin nach Oxford fliehen und scharte dort seine Anhänger um sich. Das Parlament wiederum begann mit der Aufstellung einer New Model Army unter Oliver Cromwell, basierend auf allgemeiner Wehrpflicht und der Abschaffung aller Privilegien bei der Vergabe der Offiziersposten und zusammengesetzt in der Mehrheit aus freien Bauern (Yeomen), Handwerkern und Tagelöhnern, um die Royalisten zu bezwingen. Nach wechselvollen Kriegsjahren wurde Charles I. 1647 schließlich gefangen genommen. Im Parlament entbrannte daraufhin eine hitzige Debatte über das Schicksal des Monarchen und der Monarchie. Am 7. Dezember 1648 intervenierten Offiziere der New Model Army unter der Führung von Colonel Thomas Pride in diese Auseinandersetzungen, indem sie London besetzten und das Parlament in der sog. Pride’s Purge von all denjenigen säuberten, die die Monarchie nicht ablehnten. Übrig blieb ein gesäubertes Rumpfparlament. 1649 wurde Charles I. dann zum Tode verurteilt und hingerichtet. Wenige Monate später verabschiedete das Rumpfparlament den Act declaring England to be a Commonwealth, der die Monarchie, das den Monarchen beratende Privy Council und das House of Lords offiziell abgeschafft und eine Republik mit nur einer Kammer und dem English Council of State als Exekutive ausgerufen.
  15. 15. Die Independents waren eine reformatorische Glaubensrichtung, die eine zentralisierte anglikanische Staatskirche ablehnten, zu unterscheiden sind sie von den Puritanern, die die Kirche von jedem katholischen Einfluss reinigen wollten und den Presbyterianern, die ihren Fokus eher auf den Umbau der Strukturen dieser Kirche richteten. Im Glauben der Independents drückte sich das Klasseninteresse von Kleinbürgern, Kleinbauern dem unteren Adel und den städtischen proto-proletarischen Massen aus und sich sowohl gegen die Kirche als auch gegen das reiche, meist puritanische oder presbyterianisch eingestellte englische Bürgertum richtete. In der Form der New Model Army unter dem Kommando ihres Führers Cromwell, der selbst aus kleinadeligen Verhältnissen stammte, gelangten diese mittleren und unteren Klassen zu einer beachtlichen bewaffneten Macht und wussten diese auch politisch zu gebrauchen.
  16. 16. Nach der Hinrichtung Charles I. begann Cromwell zwei längere Strafexpeditionen gegen Irland und Schottland, deren Adel sich mittlerweile mit den Resten der Royalisten verbündet hatte. Zwischen dem Oberkommando der New Model Army und dem immer weiter verfallenen Rumpfparlament begannen die politischen Spannungen zu steigen, beide Seiten fürchteten, dass der jeweils andere einen Staatsstreich vorbereitete. Anfang 1653 löste Cromwell schließlich das Rumpfparlament militärisch auf und herrschte für eine kurze Zeit ausschließlich durch das Schwert. Um seiner usurpierten Herrschaft eine Basis zu geben, richtete er das kurzlebige Barebone’s Parliament ein, welches allerdings nicht gewählt, sondern vom Offizierskorps der New Model Army eingesetzt wurde. Nach der Erarbeitung einer neuen Verfassung setzte sich Cromwell als Lord Protector an die Spitze des nun umgebauten Staates, dem Protectorate, ein. Der von ihm geführte frühbürgerliche Boapartismus (bevor sein Namensgeber überhaupt geboren war) kämpfe in den Folgejahren sowohl gegen die monarchistische Reaktion, als auch gegen die Aufstände der äußersten linken Fraktion in der Armee, den Levellers, die ein radikaldemokratisches und kleinbürgerlich-sozialrevolutionäres Programm vertraten. Nach dem Tode Cromwells 1658 folgte die Restauration der Monarchie.
  17. 17. Die Levellers waren der radikale Flügel der plebejischen Fraktion in der englischen Revolution. Ihre Bewegung bildete sich in der New Model Army, die dank ihres plebejischen Charakters und ihrer egalitären inneren Struktur, die jedes adelige Privileg, bevorzugt in das Offizierskorps aufgenommen zu werden, abgeschafft hatte, einen idealen Rahmen für die Ausbildung radikaldemokratischer Ideen bildete. Die Levellers, hauptsächlich zusammengesetzt aus einfachen Soldaten und unteren Offizieren, forderten die volle Religionsfreiheit, die Trennung von Staat und Kirche, ein progressives Steuersystem, welches die Armen entlasten sollte, das Recht eines jeden Mannes, über „das Eigentum an sich selbst“ (die eigene Arbeitskraft) frei verfügen zu dürfen und das Wahlrecht für alle Männer, nicht nur für die Besitzenden (wie es Cromwell vertrat). In den sog. Putney Debates von 1847 stritten die alteingesessenen, tendenziell konservativen Offiziere mit Cromwell an der Spitze mit den Levellers um die innere Verfassung der Armee. Beide Parteien erarbeiteten Pamphlete und es kam in der ganzen Armee zu lebhaften politischen Auseinandersetzungen. Von der wachsenden Bewegung an der Basis seiner Armee aufgeschreckt, begann Cromwell bald die Pamphlete der Levellers zu unterdrücken und ihre Anhänger zu verfolgen. Daraufhin petitierten am 11. September 1648 Vertreter der Levellers beim Rumpfparlament, doch wurden sie wiederum von Cromwell blockiert. Der Konflikt steigerte sich zum offenen Bürgerkrieg. In mehreren Landesteilen meuterten von den Levellers dominierte Armeeeinheiten. Doch Cromwell konnte diese noch unerfahrenen und verstreuten Haufen einen nach dem anderen besiegen. Schließlich wurden die Truppen der Levellers 1649 in der Schlacht von Burford in Oxfordshire vernichtend geschlagen und ihre überlebenden Offiziere hingerichtet oder ins Exil gezwungen. Ein Vergleich der Leveller-Bewegung mit Thomas Müntzers protokommunistischer Bewegung während des deutschen Bauernkrieg 1525 drängt sich auf, muss allerdings dahingehend eingeschränkt werden, dass die Levellers glasklar ein kleinbürgerliches und kein utopisch protokommunistisches Programm, mitsamt der Abschaffung des Eigentums, wie Müntzer vertraten.
  18. 18. Frankreich hatte den Kampf der amerikanischen Revolution gegen seinen großen Rivalen Großbritannien mit sehr viel Geld und Truppen unterstützt. Dies hatte den Staatshaushalt schwer beschädigt. Durch die enormen finanzpolitischen Probleme war der französische König Louis XVI. zu Reformen gezwungen, unter anderem wollte er eine Grundsteuer einführen, die auch den Adel belasten sollte. Der Adel nutzte seine Stellungen im Staat, um diesen Vorstoß zu blockieren. Daraufhin sah sich Louis XVI. im Mai 1789 gezwungen, die Generalstände einzuberufen, ein im absolutistischen Frankreich eigentlich aus der Mode geratenes feudales Pseudoparlament, in dem jeder Stand die gleiche Anzahl Abgeordnete hatte, was dazu führte dass die ersten beiden Stände, Adel und Klerus, den dritten Stand immer überstimmen konnten, obwohl letzterer 95% der französischen Gesellschaft ausmachte. Hier hoffte der König, Unterstützung für seine Reformen zu finden, doch eröffnete er gleichzeitig dem dritten Stand eine Bühne, um die Anliegen der großen Mehrheit der französischen Bevölkerung, die unter der immer steigenden Steuerlast und weiterer Krisen litten, zur Sprache zu bringen. Dies geschah in Form von Beschwerdeschriften, die den Abgeordneten nach Paris mitgegeben wurden. In ihnen drückte sich die geballte Wut der unteren Klassen aus und auch die Hoffnung auf Reformen, die ihnen zu Gute kommen würden. Doch Adel und Klerus blockierten konsequent alle Reformvorschläge der Abgeordneten des dritten Standes, die als wichtigste Forderung eine ihrem sozialen Gewicht entsprechende Erhöhung ihrer Repräsentation in den Generalständen forderten. Der König reagierte hinhaltend. Als jedoch die Front des Klerus allmählich zu bröckeln begann und kleine Dorfpfarrer zunehmend mit dem dritten Stand stimmten, sahen sich dessen Anführer ermutigt, eine Revolte gegen den König zu führen und erklärten sich am 14. Juni zu den alleinigen Vertretern der französischen Nation, zur Nationalversammlung (Assemblée nationale). Am 20. Juni leisteten die Abgeordneten der Nationalversammlung den Ballhausschwur, in dem sie sich versprachen, nicht auseinanderzugehen, bis Frankreich eine Verfassung habe. Der zunächst parlamentarischen Revolte, angeführt durch privilegierte Bürgerliche, kamen die Pariser Massen zu Hilfe. Als klar wurde, dass der König mit Waffengewalt die Ordnung in Paris wiederherstellen wollte, kam es am 13 Juli zum allgemeinen Aufstand, der am 14. Juli mit dem Sturm auf die Bastille gipfelte. Die Nationalversammlung erklärte umgehend die Menschen- und Bürgerrechte und unter dem Druck einer nach Versailles strebenden Masse von armen Frauen und Nationalgardisten wurde der König zur Übersiedlung nach Paris und zur Unterschrift unter das Dekret, welches die Konstitutionelle Monarchie eingeführte, gezwungen. Dies eröffnete die erste Periode der französischen Revolution, die de facto mit dem fehlgeschlagenen Fluchtversuch Ludwig XVI. vom 20. auf den 21. Juni 1791 endete, de jure aber erst mit der Proklamation der Ersten Republik am 22. September 1792 endete.
  19. 19. Fluchtort der französischen Reaktion, von dem aus die Bourbonen mit den alliierten europäischen Mächten Pläne schmiedeten, die Revolution zu ersticken und die Monarchie in Frankreich zu restaurieren.
  20. 20. Bezeichnung für die von radikalen Elementen der Sansculottes (Anm. 21) dominierte Pariser Revolutionsregierung nach dem Umsturz von 1789. Sie war wesentlicher Organisator des Tuileriensturm (Anm. 24) am 10. August 1792. Nicht zu verwechseln mit ihrer berühmten Schwester von 1871.
  21. 21. Culottes sind eine Art Kniebundhosen, die im damaligen Frankreich vor allem Adelige und reiche Bürger trugen. In Abgrenzung davon wurden die kleinbürgerlichen und protoproletarischen Massen der Hauptstadt als Sansculottes bezeichnet, da sie zu diesem Statussymbol keinen Zugang hatten.
  22. 22. Während des Ancien Régime bestand Paris aus 21 Stadtvierteln. Für die Wahlen zu den Generalständen wurde die Stadt jedoch provisorisch in 60 Distrikte unterteilt.
  23. 23. Auf Beschluss der Nationalversammlung von 21. Mai 1791 wurden die Distrikte aufgelöst und Paris in 48 Sektionen unterteilt. Aus jeder Sektion sollten per allgemeiner Wahl zwei Vertreter in die städtische Generalversammlung entsandt, auch der Bürgermeister sollte durch die Sektionen gewählt werden. Die Sektionen bildeten wegen ihrer starken Basis unter den Sansculottes den radikalen plebejischen Flügel der Französischen Revolution und waren eine Hochburg der Jakobiner.
  24. 24. Die erste Pariser Commune wurde direkt nach dem Sturm auf die Bastille gebildet und enthielt noch vornehmlich großbürgerliche Elemente. Der erste Bürgermeister der Commune wurde entsprechend der konstitutionelle Monarchist Jean-Sylvain Bailly, Sohn einer angesehenen Künstlerfamilie. Doch die Pariser Sektionen radikalisierten sich im Prozess der Revolution immer weiter, drängten die Großbürger in die Minderheit und forderten immer lauter auf die Absetzung des Königs. Als am 1. August das Manifest des Oberbefehlshabers der preußisch-österreichischen Truppen Karl II. von Braunschweig in Paris bekannt wurde, welches den Einmarsch der Alliierten in Frankreich zwecks Befreiung des Louis XVI. ankündigte, war die Nationalversammlung in der Frage der Monarchie weiterhin gespalten und konnte keine schnelle Entscheidung treffen. Sodann begannen die Pariser Sektionen mit der Vorbereitung eines Aufstands mit dem Ziel des Sturzes der Monarchie. In der Nacht vom 9. auf den 10. August 1792 proklamierten die revolutionärsten 28 der 48 Sektionen die alte Commune durch eine neue, revolutionäre Commune zu ersetzen. Diese organisierte sogleich die Erstürmung der Tuilerien, der von der Schweitzer Garde bewachten Stadtresidenz des Königs. Louis XVI. wurde verhaftet, die Monarchie gestürzt und die Republik ausgerufen. Damit begann die zweite, heroische Phase der Französischen Revolution. Bei den darauffolgenden Wahlen zum Nationalkonvent (Convention nationale) gerieten die gemäßigten Girondisten, die einen Ausgleich mit der Monarchie angestrebt hatten zunehmend von der Montagne (Bergpartei), deren radikalen Flügel die Jakobiner unter Maximilien de Robespierre bildeten, unter Druck. Die Montagnards waren zwar mit 140 Abgeordneten gegen 160 Girondisten formal in der Minderheit, aber die Mehrheit des Parlaments, der sog. Marais (Ebene oder Sumpf) mit 450 Abgeordneten neigte zunehmend in ihre Richtung. Es brauchte allerdings noch eine weitere revolutionäre Intervention der Pariser Massen, den Aufstand der Sansculottes vom 31. Mai bis zum 2. Juni 1793, um die Jakobiner endgültig an die Staatsmacht zu spülen. Die Girondisten, die zunehmend eine reaktionäre, bremsende Politik verfolgt hatten, wurden mit dem Beginn der Terreur verfolgt und ihre Führer guillotiniert. 
  25. 25. Assemblée nationale législative (1. Oktober 1791 bis zum 21. September 1792) als Nachfolgerin der Assemblée nationale constituante (9. Juli 1789 bis zum 2. September 1791) das erste (kurzlebige) verfassungsmäßige Parlament der konstitutionalistischen ersten Phase der Französischen Revolution.
  26. 26. Convention nationale (20. September 1792 bis 26. Oktober 1795), nach der revolutionären Abschaffung der Monarchie nach gleichem Wahlrecht gewähltes revolutionäres Parlament der ersten französischen Republik.
  27. 27. Am 27. Juli 1794 (nach dem Revolutionskalender der 9. Thermidor) endete mit der Verhaftung von Robespierre und Genossen durch eine Verschwörung der Gegner des radikalen Flügels im Konvent die Herrschaft des von Robespierre geführten Wohlfahrtsausschusses. Einen Tag später wurden er und 21 seiner Mitstreiter ohne Anklage und Urteil guillotiniert. Damit setzte de facto die dritte, reaktionäre Periode der Französischen Revolution ein, obwohl sie de jure erst mit der Verabschiedung der Direktorialverfassung vom August 1795 begann und die endgültig mit dem Staatsstreich Napoleon Bonapartes am 9. November 1799 (18. Brumaire) endete.
  28. 28. Die siegreichen Thermidorianer begannen, eine neue Verfassung auszuarbeiten und die sozialen Errungenschaften der Revolution eine nach der anderen zurückzunehmen. So wurde Ende Dezember 1794 das Maximumgesetz über die Begrenzung von Lebensmittelpreisen zurückgenommen. Dies löste unter den ärmeren Stadtbewohnern von Paris eine regelrechte Hungersnot aus. Die Pariser Massen fühlten, dass ihnen die Revolution durch die Finger glitt. Am 1. April 1795 marschierten die Sektionen daraufhin bewaffnet und mit der Parole „Brot und die Verfassung von 1793!“ auf den Lippen zum Konvent, wurden aber von anwesenden Truppen zerstreut. Anschließend begann man zahlreiche Sansculottes, die einst das Rückgrat der Nationalgarde waren, zu entwaffnen und einige der verbliebenen Abgeordneten der Montagne, die an den Protesten beteiligt waren, zu verhaften. Zwischen dem 20. und 23. Mai 1795 kam es dann zum sogenannten Prairialaufstand (Prairial ist der neunte Monat des Revolutionskalenders). Wieder marschierten 40.000 Mann aus den Pariser Vorstadtvierteln Richtung Nationalkonvent. Unterwegs stellten sich der Demonstration Linientruppen und Nationalgardisten in den Weg, doch letztere gingen zu den Aufständischen über, sodass es der Masse möglich wurde, in den Sitzungssaal des Konvents einzudringen. Drinnen zwang sie die noch anwesenden Abgeordneten, verschiedene Forderungen zu erfüllen. Daraufhin mobilisierte der Konvent weitere Linientruppen, von denen ebenfalls Teile zu den Aufständischen übergingen, sodass die Abgeordneten zu Verhandlungen gezwungen waren. Man schickte die rhetorisch besten Abgeordneten zur Masse nach draußen und versprach ihnen, dass die Versorgungslage verbessert werden würde. Zunächst befriedigt, zogen die Aufständischen wieder in die Vorstädte ab, was dem Konvent die Initiative zurückgab. In den folgenden Tagen marschierte eine Armee von 20.000 Mann in die Pariser Vorstädte ein und zwang die Aufständischen zur Aufgabe. Es folgte eine brutale Repressionskampagne. Damit war das Rückgrat der Pariser Massen endgültig gebrochen und die Sektionen traten für viele Jahrzehnte von der politischen Bühne Frankreichs ab. Am 22. August 1795 beschloss der Konvent schließlich eine neue höchst undemokratische Verfassung, die die Republik in das Direktorium mit zwei Kammern umformte. Dem per Zensus gewählten, daher den besitzenden Klassen vorbehaltenen, Conseil des Cinq-Cents (Rat der 500), der das Initiativrecht innehatte, d.h. Gesetze vorschlagen konnte, und dem Conseil des Anciens (Rat der Alten), der diese Vorschläge annehmen oder verwerfen konnte. Der Rat der Alten wählte außerdem die fünfköpfige Exekutive, das namensgebende Direktorium mit weitreichenden Vollmachten. Diese letzte Regierungsform der französischen Revolution stieg über eine Serie von Regierungskrisen und Staatsstreichen in insgesamt sieben Auflagen immer weiter hinab bis sie am 9. November 1799 (18. Brumaire) durch den Staatsstreich Napoleon Bonaparte endete.
  29. 29. Rasputin, Grigori Jefimowitsch (9. Januar (jul.) / 21. Januar 1869 in Pokrowskoje, Gouvernement Tobolsk bis 17. Dezember (jul.) / 30. Dezember 1916 (greg.) in Petrograd) war ein russischer Wanderprediger und Wunderheiler, der vom Zaren Nikolaus II. und der Zarina Alexandra als Messias in der Zeit der größten Not der russischen Autokratie angesehen wurde und an den Hof eingeladen wurde. Dort entwickelten Rasputin und seine Kamarilla gewaltigen Einfluss auf die Entscheidungen des Zaren und damit auf die Staatsgeschäfte. Auf seine Initiative entließ der Zar Minister und löste sogar die Duma (das russ. Parlament) auf. Patriotische Kreise betrachteten Rasputin zunehmend als Bedrohung für Russland. Einer höfischen Verschwörung gelang im Dezember 1916 seine Ermodung.
  30. 30. Semstwo: Landstände, die die regionale Selbstverwaltung innehatten, eingeführt durch die Reformen Alexanders II. In ihnen dominierten die besitzenden Klassen.
  31. 31. Im mittelalterlichen Russland gab es kein Stadtrecht, die Bewohner der Städte verfügten über keine eigenen Organe der Selbstverwaltung, wie etwa einen Stadtrat nach dem Vorbild des Magdeburger Rechts, sondern waren in der Regel einem Grundherren hörig, denen auch die städtische Bausubstanz (Holz) gehörte. Vergleichbar waren sie mit den mittelalterlichen Landstädten in West- und Mitteleuropa. Erst durch die Reformen Katharinas der Großen erhielten die besitzenden Bürger großer Städte wie Moskau und Sankt Petersburg 1785 das Recht, eine eigene Versammlung zu wählen, die mit den inneren Angelegenheiten der städtischen Verwaltung betraut wurde. Aber erst 1870, wiederum durch die Reformen Alexanders II. wurde eine demokratische Städteordnung mit der Stadtduma als Organ der Selbstverwaltung, welches dem westeuropäischen Stadtrat nahe kam (jedoch erneut per dreistufigem Zensus gewählt wurde), für alle russischen Städte eingeführt.
  32. 32. Vom Zaren 1915 gestarteter Versuch der korporatistischen Organisation der Kriegsindustrie nach deutschem Vorbild. In solchen Komitees organisierten Vertreter von Kapital und Arbeit gemeinsam die Kriegsindustrie, was mit einem gewissen, staatlich erzwungenen, sozialen Ausgleich einherging.
  33. 33. Lwow, Georgi Jewgenjewitsch (21. Oktober (Jul.)/2. November 1861 (greg.)in Dresden bis 6. März 1925 in Paris) Russischer Fürst, Politiker der konstitutionell demokratischen Partei (Kadetten), nach der Februarrevolution erster Ministerpräsident der Provisorischen Regierung Russlands. Im Bürgerkrieg auf Seiten der Weißen. 1918 ging er in die USA, um Geld für sie zu beschaffen, von dort aus Exil in Paris.
  34. 34. Kriwoschein, Alexander Wassiljewitsch (19. Juli / 31. Juli 1857 Warschau bis 28. Oktober 1921 in Berlin) polnisch-russischer Staatsmann, 1908-1915 Landwirtschaftsminister maßgeblich an der Durchführung der Stolypinschen Agrarreformen beteiligt. Parteigänger der Weißen im Bürgerkrieg, Berliner Exil.
  35. 35. Kerenski, Alexander Fjodorowitsch (22. April / 4. Mai 1881 in Simbirsk bis 11. Juni 1970 in New York) Anwalt, russischer Politiker, erst Trudowik, dann Sozialrevolutionär. Nach der Februarrevolution März bis April 1917 im Kabinett Lwow Justizminister, dann von Mai bis September 1917 Kriegs- und Marineminister, sowie nach den Julitagen Ministerpräsident der Provisorischen Regierung und Möchtegern Bonaparte. Nach seinem gescheiterten Versuch der militärischen Niederwefung des revolutionären Petrograds aus Richtung Pskow erzwungenes Exil zuerst in Paris, dann in den USA.
  36. 36. Tschcheïdse, Nikolos (Karlo) (1864 in Puti, Georgien bis 7. Juni 1926 in Leuville-sur-Orge, Frankreich) Georgischer Menschewik, nach der Februarrevolution erster Vorsitzender des Petrograder Sowjets und Vorsitzender des Zentralen allrussischen Exekutivkomitees der Arbeiter- und Soldatenräte. 1918 war er Präsident der Nationalversammlung der bürgerlichen Demokratischen Republik Georgien, nach Einnahme Georgiens durch die Rote Armee, Exil in Frankreich.
  37. 37. Suchanow (Gimmer), Nikolai Nikolajewitsch (9. Dezember 1882 in Moskau bis 29. Juni 1940 in Omsk) Russischer (linker) Menschewik, Journalist und Schriftsteller. Verfasser sehr bekannter Erinnerungen an die Russische Revolution. 1931 im sog. Menschewikiprozess zu Haftstrafe verurteilt. 1940 auf betreiben Stalins erschossen.
  38. 38. Sowjet, russ. für Rat.
  39. 39. Am 23. Februar 1917 streikten die Arbeiterinnen und Arbeiter Petrograds aufgrund der drückenden kriegsbedingten Versorgungslage. Dieser Streik verwandelte sich in den folgenden Tagen zu einer Massenrevolte. Die zaristische Regierung versuchte die Demonstrationen niederschlagen, doch fraternisieren die Soldaten zunehmend. Am 27. Februar gingen die wichtigsten Bataillone schließlich auf die Seite der Revolution über und die Stadt viel in die Hände der Aufständischen. Das letzte zaristische Kabinett unter Fürst Nikolai D. Golizyn trat zurück und der Zar wurde zur Abdankung gedrängt. Sofort nach der Revolution bildete sich die Doppelherrschaft, bestehend aus der bürgerlichen Provisorischen Regierung und den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten.
  40. 40. Hier ist nicht eine bestimmte Staatsform gemeint, sondern die (links-)republikanische Fraktion in den Sowjets, bestehend aus den Parteien der Menschewiki und Sozialrevolutionäre.
  41. 41. Das Provisorische Exekutivkomitee der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten wurde nicht gewählt, sondern bildete sich ad hoc unmittelbar nach dem Februaraufstand. Erst auf dem Ersten allrussischen Sowjetkongress vom 3. bis zum 24. Juni 1917 in Petrograd wurde ein Allrussisches Zentrales Exekutivkomitee gewählt, dessen Vorsitzender der Menschewik Tschcheïdse wurde, der diesen Posten bereits seit Februar de facto innehatte.
  42. 42. Hilferding, Rudolf  (10. August 1877 in Wien bis 11. Februar 1941 in Paris). österreichisch-deutscher Sozialdemokrat, marxistischer Ökonom und Theoretiker. Sein Hauptwerk Das Finanzkapital beeinflusste Maßgeblich Lenins Schrift über den Imperialismus. Im Kriege Mitglied der USPD, ab 1922 Rückkehr zur SPD. Während der Weimarer Republik zweimal Reichsminister der Finanzen (Im Kabinett Stresemann I (13. August bis zum 6. Oktober 1923) und im Kabinett Müller II (28. Juni 1928 bis zum 27. März 1930). Vor den Nazis ins Exil geflüchtet und dort verstorben.
  43. 43. Kautsky, Karl Johann (16. Oktober 1854 in Prag, Kaisertum Österreich bis 17. Oktober 1938 in Amsterdam) war ein österreichisch-tschechischer marxistischer Theoretiker und sozialdemokratischer Politiker. Vertrauter von Engels, Verfasser des Erfurter Programms und Herausgeber des SPD-Theorieorgans Die neue Zeit. In der II. Internationale lange als „Papst des Marxismus“ gehandelt. Beeinflusste auch die frühen Schriften Lenins. In der SPD bildete er zusammen mit August Bebel das marxistische Zentrum. Versuchte den Ausgleich zwischen den offenen Revisionisten um Eduard Bernstein (dessen Ideen er offiziell verurteilte) und dem linken Flügel um Rosa Luxemburg. Im Ersten Weltkrieg vorsichtiger Kritiker des Krieges, dafür Ausschluss aus der SPD, Übergang zur USPD. Nach der Oktoberrevolution offener Übergang zum Revisionismus, lautstarker Kritiker des Bolschewismus. Nach der Einverleibung Österreichs ins Deutsche Reich Flucht vor den Nazis in die Niederlande, wo er starb.
  44. 44. Adler, Max  (15. Jänner 1873 in Wien, Österreich-Ungarn bis 28. Juni 1937 end.) Jurist, Österreichischer Sozialdemokrat. Maßgebender Theoretiker des sogenannten Austromarxismus. Autor zahlreicher philosophischer und sozialwissenschaftlicher Studien. Ab 1920 außerordentlicher Professor für Soziologie und Sozialphilosophie an der Universität Wien. Von 1904 bis 1923 mit Rudolf Hilferding Herausgeber der „Marx-Studien“. 
  45. 45. Diese Wendung stammt ursprünglich aus dem Kommunistischen Manifest: „Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“, in: Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, in: Dies.: Werke, Bd. 4, Dietz Verlag, Berlin, 1974, S. 459–493, hier S. 464.

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