Dialektik im Weltall
Warum Andor (2022-2025) mit dem bürgerlichen Märchen bricht, den Blick auf die unterdrückte Klasse lenkt und dabei das wahrscheinlich beste Star Wars aller Zeiten ist.
Das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst. Bei Marx tritt sie als die letzte geknechtete, als die rächende Klasse auf, die das Werk der Befreiung im Namen von Generationen Geschlagener zu Ende führt. Dieses Bewußtsein, das für kurze Zeit im ›Spartacus‹ noch einmal zur Geltung gekommen ist, war der Sozialdemokratie von jeher anstößig. Im Lauf von drei Jahrzehnten gelang es ihr, den Namen eines Blanqui fast auszulöschen, dessen Erzklang das vorige Jahrhundert erschüttert hat. Sie gefiel sich darin, der Arbeiterklasse die Rolle einer ErlöserinkünftigerGenerationen zuzuspielen. Sie durchschnitt ihr damit die Sehne der besten Kraft. Die Klasse verlernte in dieser Schule gleich sehr den Haß wie den Opferwillen. Denn beide nähren sich an dem Bild der geknechteten Vorfahren, nicht am Ideal der befreiten Enkel.
Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte (These XII)
Während Rogue One (2016) zweifellos einige stilistische Schwächen hatte, war er der beste Star Wars-Film der letzten 20 Jahre. Die Sequel-Trilogie Episoden VII–IX (2015-2019) waren eigentlich nur noch redundanter, kulturindustrieller Flickenteppich, der die ursprüngliche Trilogie recycelte: das Imperium hieß jetzt erste Ordnung und der Todesstern war jetzt größer. Der Disney-Konzern, der die Franchise-Rechte von George Lucas für vier Milliarden Dollar gekauft hatte, wollte seine Investition schnellstmöglich in Profite verwandeln. Dafür war Disneys Strategie einfach, unsere Nostalgie zu kolonisieren und zu monetarisieren, indem altbekannte Versatzstücke neu aufgewärmt werden. Ein Thema gab es dort kaum mehr.
Dass Disney jetzt mit Andor aber eine mutige und ganz eigenwillige Serie geschaffen hat, ist erstaunlich. Andor ist das Prequel zu Rogue One und gleichzeitig dessen thematische Weiterentwicklung. Hier geht es um das ultimative Opfer unzähliger einfacher Arbeiter:innen, die das Fundament legten, lange bevor glorreiche Helden wie Luke, Leia und Han das Universum in Episode VI retteten. Wo Rogue One zum Teil die Charaktere nicht richtig entwickeln konnte und der Plot überstürzt wirkte, ist in Andor jetzt eine stimmige Erzählung der subalternen Klassen entstanden. Es ist der beste Star Wars-Content, der wahrscheinlich jemals produziert wurde, auf jeden Fall im 21. Jahrhundert.
Das Worldbuilding von Andor ist faszinierend, fast jede Nebenfigur wirkt ausgearbeitet. Man kann den Tod der abgehärteten Attentäterin Cinta betrauern und spürt das Gewicht ihrer tragischen Beziehung zu Vel; man kann an Syril Karn die faschistoide Psyche eines deklassierten Kleinbürgers beobachten, der am Ende doch das richtige tun will; man verfolgt gefesselt das nervöse, doppelbödige Geplänkel zwischen Kleya und Luthen. Die Charakter, so klein ihre Rollen auch sein mögen, haben Bedeutung, ebenso wie jede Rebellin eine Bedeutung für spätere historische Siege hat. Visuell spiegelt sich diese 3-Dimensionalität in einer erwachsenen Ästhetik wider, die die schmutzige Militär-Logistik aus Rogue One mit dem staubigen, hyper-industrialisierten Cyberpunkismus von Blade Runner 2049 verbindet. Andor bricht mit dem liberalen Star Wars Märchen der großen Helden und ersetzt es durch eine schmerzhafte, dialektische Wahrheit darüber, wie der Druck staatlicher Tyrannei unweigerlich den kollektiven Widerstand der Unterdrückten produziert.
Während Georg Lucas mit der Original-Trilogie das Bild eines antiimperialistischen Guerrilla-Kampfes à la Vietnamkrieg zeichen wollte, und die Prequels den demokratischen Verfall nach dem Vorbild der Weimarer Republik analysierten, verbindet Andor beides auf einer höheren Ebene. Wo die alte Trilogie den Konflikt noch in einem moralisch sterilen Schwarz-Weiß-Muster führte – hier die guten Rebell:innen, da der böse Imperator mit seinen Weltall-Nazi-Bürokraten – hält Andor dem einige Schattierungen entgegen.
Es gibt schlicht keine moralisch reinen Held:innen in einer schlechten Welt. Der titelgebende Held Cassian Andor erschießt ohne zweimal hinzusehen einen Informanten, weil der nicht schnell genug flüchten konnte, während der geniale Untergrund-Chef Luthen Real überlegt Andor als Vorsichtsmaßnahme zu töten und fast jeden, inklusive sich selbst, bereit ist zu opfern. Die Rebell:innen sind wiederum oft zerstritten und reagieren als heterogene Organisationen chaotisch. Der Fan-Liebling Saw Gerrera fasst die Schwierigkeit einer Volksfrontstrategie mit bürgerlichen Kräften einmal in einem Gespräch mit Luthen perfekt zusammen: „Kreegyr ist Separatist. Maya-Pei ist Neo-Republikanerin. Die Ghorman-Front, die Partisanen-Allianz, Sektierer, Menschen-Suprematisten, galaktische Abspalter… sie liegen alle falsch! Alle! Verrannt! Verloren!“. Und dennoch müssen Luthen Rael und Saw Gerrera diese Allianzen eingehen, wie es in der Realität keine Punkte für politische reine Positionen.
Besonders faszinierend wirkt auch die bewusste Trennung zwischen dem politischen und dem militärischen Arm auf beiden Seiten des Konflikts. Auf der imperialen Seite erleben wir die „Banalität des Bösen“, wie sie Hannah Arendt berühmt in Eichmann in Jerusalem beschrieb. Die Beamten des imperialen Geheimdienstes ISB (Imperial Security Bureau, vergleichbar mit der CIA), verkörpert durch die Teamleiterin Dedra Meero, sind die ultimativen Schreibtischtäter:innen. (Denise Gough spielt die Figur so großartig wie einst Tilda Swinton die Schreibtischtäterin in Michael Clayton). Ihr Aktionsraum ist kein Sternenzerstörer, und ihre Waffe kein Lichtschwert. Sie ist im Prinzip eine moderne Datenanalystin, die in einem sterilen, monochromen Büro mit anderen Kollegen um die Gunst ihrer Vorgesetzten konkurriert, indem sie Arbeiter:innen möglichst effizient ausbeutet. Mord wird hier so routiniert geplant, wie man in einem modernen Büro Kaffee bestellt.
Auf der revolutionären Seite sehen wir Mon Mothma als bürgerlich-politische Fassade, die das Netzwerk der Rebellen im Geheimen über Luthen Rael finanziert. Beide Frauen sind anfangs von der rohen Gewalt vollkommen abgeschnitten. Das macht eine der eindringlichsten Szenen der zweiten Staffel so stark: Mon Mothmas Entsetzen, als sie damit konfrontiert wird, wie ruhig und sicher Cassian Andor Feinde erschießt, um sie zu retten. Es illustriert perfekt, wie asynchron die politische und die militärische Dimension einer Revolution sind: Die gewaltlosen Kämpfe der bürgerlichen Liberalen im Parlament prallen brutal auf die schmutzige, blutige Realität der Straßenkämpfe. Genevieve O’Reilly, die Schauspielerin von Mon Mothmas, zeigt den Schock und das Erschrecken perfekt in Gestik und Mimik. Es ist kein bürgerliches Spiel, sondern ein Kampf auf Leben und Tod.
Andor bietet auch Ansatzpunkte, um das Imperium jenseits des Klischees eines generischen „bösen Polizeistaats“ zu analysieren. Der Aufstieg Palpatines repräsentiert eine klassisch faschistische Dynamik: In der Krise der späten Republik, die von politischer Instabilität und separatistischen Krisen geplagt war, gingen die herrschenden Fraktionen des Großkapitals – die im Star Wars-Kanon verankerten Werft-Monopole, Waffenkonzerne und der intergalaktische Bankenclan – einen taktischen Pakt mit dem faschistischen Diktator ein. Das Imperium bot ihnen, was das Kapital in der Krise verlangt: Marktstabilität, das Verbot unabhängiger Arbeitergilden und gigantische, staatlich finanzierte Rüstungsaufträge. Es ist eine imperialistische Kriegswirtschaft, in der Konzerne ihre Profite privatisieren, während sie die Unterdrückung an das ISB auslagern. Dedra Meero schützt letztendlich im Kern das Privateigentum der Monopole durch die gewaltsame Disziplinierung der Arbeiterklasse in den Kolonien.
Doch eine stringente marxistische Kritik legt auch eine erzählerische Schwäche von Andor offen: Die Serie flirtet mit materialistischen Themen, versäumt es aber, die tatsächliche politische Ökonomie der Galaxis zu beleuchten. Das Imperium wird hier, ähnlich wie das NS-Regime in der bürgerlichen Geschichtsschreibung, oft als isolierter, monolithischer Block dargestellt. Dabei wird die Realität imperialistischer Konkurrenz ausgeblendet: Ein reales imperialistisches Regime würde die Angst der Bevölkerung vor anderen imperialistischen Mächten nutzen, um das gigantische Wettrüsten (den Bau des Todessterns als atomare Abschreckung) ideologisch zu rechtfertigen, weil „die anderen dies sonst zuerst bauen“ würden. Wie wir in Deutschland ja auch nur wegen der bösen Russen wettrüsten und nicht, weil der deutsche Imperialismus sich auf der Weltbühne behaupten muss oder Volkswagen und Mercedes entdecken, dass sie als Rüstungskonzerne ihre ausbleibenden Renditen des Autoverkaufs kompensieren könnten. Die materiellen Interessen bleiben unterbetont: Irgendwie sind die anderen Senator:innen nur ideologisch verblendet und sehen nicht, wie böse der Imperator ist. Dass sie vielleicht die Interessen ihrer jeweils wichtigsten Kapitalfraktionen schützen, wird nicht plausibel.
Indem Andor diese geopolitischen und ökonomischen Totalitäten nicht in den Blick nimmt, fällt es der Serie auch schwer, die Revolution als Massenbewegung zu begreifen. Wir sehen aber in der Figur des Kino Loy auf Narkina 5 das Erwachen eines spontanen proletarischen Klassenbewusstseins im Straf-, Arbeits und Todeslager, ebenso wie in der eng vernetzten, gewerkschaftsähnlichen Solidarität der Arbeiterstadt Ferrix, deren kollektiver Aufstand am Ende der ersten Staffel die logische Konsequenz imperialer Besatzung ist. Doch weil die objektiven ökonomischen Verflechtungen der galaktischen Arbeiter:innenklasse insgesamt nie strukturell zu Ende gedacht werden, bleibt die Rebellion auf galaktischer Ebene eine Angelegenheit von Wenigen, eine gezwungenermaßen zersplitterte, klandestine Avantgarde.
Verkörpert wird diese vor allem von dem mysteriösen Kunsthändler Luthen Rael, der seine Seele opfert, um die Rebellion durch Attentate, Geldwäsche, Informationsnetzwerke und bewusste Niederlagen herbeizuführen. Als deklassierter, klandestiner Intellektueller im Gewand eines elitären Kunsthändlers fehlt Luthen das Vertrauen in ein genuin proletarisches Bewusstsein. Tatsächlich spiegelt Luthen realhistorisch den frühen Josef Stalin wider – konkret den Bankraub von Tiflis 1907, eine gewaltsame Enteignung, um die Kasse des Untergrunds zu füllen, exakt wie der Raub auf Aldhani. Strategisch jedoch agiert Luthen nach der Logik des Insurrektionalismus und der anarchistischen „Propaganda der Tat“. Er ist ein klandestiner Akzelerationist, der individuellen Terror einsetzt, um die imperiale Tyrannei zu maximaler Brutalität zu provozieren. Er nährt den Opferwillen aus dem Schmerz der Gegenwart. Weil Andor den Widerstand jedoch als das Handeln isolierter Zellen und nicht als organisierten Massenkampf inszeniert, benötigt das Drehbuch einen brutalen externen Schock, um den historischen Prozess voranzutreiben.
Das führt uns zum verheerendsten Ereignis der Serie: dem Ghorman-Genozid. Er fungiert in der Erzählung als dieser ultimative Katalysator und finaler Schritt zum Guerilla-Kampf, wie wir ihn dann in der ursprünglichen Trilogie sehen. Dabei bricht die Serie nicht mit ihrer materialistischen Grundierung: Das Massaker ist kein rein moralischer Exzess des Regimes, sondern die brutale Bühne einer ökonomischen Notwendigkeit. Der Todesstern verkörpert dabei die Konzentration militärischer Gewalt, mit der das Imperium seine Kontrolle über Ressourcen, Handelswege und unterworfene Systeme sichert – ein Ausdruck imperialistischer Herrschaft. Die Bewohner müssen weichen, fliehen oder ermordet werden. Damit spiegelt die Serie unsere eigene Realität auf zynische Weise wider: Die tragische Ironie realer Gräueltaten bestand zuletzt auch darin, dass eine Phalanx liberaler Kommentator:innen jahrelang Kolumnen darüber schreibt, ob es sich „technisch gesehen überhaupt um einen Genozid handelt“, während die Panzer bereits rollen.
Andor nimmt Star Wars den bürgerlichen Kitsch und zeigt uns letztlich auch, was Walter Benjamin einmal in seinen Geschichtsthesen festgehalten hatte: dass die Sehne der revolutionären Kraft nicht aus dem fernen Ideal befreiter Enkel wächst, sondern aus dem kollektiven Gedächtnis an unsere geknechteten Vorfahren.