Der Preis, den wir nicht zahlen

02.05.2026, Lesezeit 3 Min.
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Ein Brief an meinen jüngeren Bruder. In Solidarität mit allen, die sich gegen die Wehrpflicht erheben.

Ein Brief an meinen jüngeren Bruder. In Solidarität mit allen, die sich gegen die Wehrpflicht erheben.

Der Preis, den wir nicht zahlen

Ich glaub an dich,
nicht als Parole,
sondern weil ich dein Gesicht kenne,
weil ich weiß, wie du lachst,
wie du Spiele dreimal erklärst,
wenn ich sie beim ersten Mal nicht verstehe.

Ich glaub an dich
weil du nie der warst,
der zuschlägt,
sondern der fragt,
ob es auch anders geht.

Und genau dorthin
greifen sie jetzt.

Jetzt sagen sie, 
du sollst lernen, 
wie man trifft.

Sie bringen dir bei,
wie man nicht zögert,
wenn ein anderer Körper vor dir steht,
wie man Befehle höher hält
als das, was man fühlt.
Wie man vergisst,
dass auf der anderen Seite
auch jemand einen Bruder hat.

Als wären sie neutral,
als wären sie sauber,
als hätten sie nichts zu tun
mit deinem Namen,
mit deinem Atem,
mit allem, was dich ausmacht.

Und ich hab keine Lust mehr,
stark zu sein
auf diese leise, erwartete Art;
die, die stillhält, 
die tröstet,
die bleibt.

Ich will laut sein. 
Ich will sagen:
Ich hab Angst um dich.

Um deine Hände, 
die immer zu schwitzig sind,
um deinen Rücken, 
der sich krümmt, wenn du müde bist,
um dein Leben, 
das mehr ist als irgendeine Linie auf einer Karte.

Ein Leben das mehr ist,
mehr als ein Plan,
den andere entworfen haben,
mehr als ein Einsatz,
der dich verschiebt wie eine Figur.

Du bist kein Mittel.

Sie nehmen dich weg.
Sie erklären mir,
ich soll stolz sein.

Doch worauf? 
Darauf, dich zu verlieren 
im Namen von irgendwas
das nur im Interesse der Großen ist.

Und ja,
ich bin wütend.

Denn es ist nicht nur einer,
den sie holen.
Es sind viele.
Aus denselben Klassenräumen,
denselben Hinterhöfen,
denselben Zügen am Morgen.

Und ich will nicht lernen,
wie man Abschiede richtig macht,
ich will, dass sie unnötig werden.

Also bleib ich
laut
und auf eurer Seite.

Denn es geht nicht nur um einen.
Nicht nur um meinen Bruder.
Es geht um viele.
Um Hände,
die lernen, arbeiten, helfen, halten.
Um Rücken,
die sich schon jetzt beugen
unter dem, was kommt.
Um Leben,
die mehr sind
als Linien auf Karten,
mehr als Pläne,
die andere entwerfen.

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