Obdachlosigkeit ist eine feministische Frage: Der grausame Fall von Soest
Der Fall von Soest, bei dem eine obdachlose Frau von mehreren Männern misshandelt wurde, zeigt erneut, wie wichtig die Frage nach bezahlbarem Wohnraum ist.
In der Stadt Soest in Nordrhein-Westfalen wurde eine obdachlose Frau über mehrere Monate in einem Haus festgehalten und von vier Männern gequält, misshandelt und vergewaltigt. Der Fall ereignete sich bereits im Jahr 2025, kam jedoch erst vor wenigen Wochen an die Öffentlichkeit und wird im Oktober vor Gericht verhandelt. Es ist ein Fall, der erneut aufzeigt, wie gefährlich Obdachlosigkeit besonders für weibliche Personen sein kann.
Die Frau aus Soest ließ sich auf diese Wohnmöglichkeit ein, aus Angst sie würde draußen in der Obdachlosigkeit den Winter nicht überleben. Später wurde sie von den Männern an ein Heizungsrohr gefesselt und vermutlich unter Zwang gefangen gehalten. Dieser extreme Fall von sexistischer Gewalt wurde enorm dadurch begünstigt, dass die betroffene Frau obdachlos gewesen ist. Und genau deshalb müssen wir über bezahlbaren Wohnraum sprechen.
Diese Frage ist eine feministische Frage. Viele Frauen bleiben lange in gewaltvollen Beziehungen, weil sie keine Möglichkeiten haben, anderen Wohnraum zu finden, da sie finanziell abhängig von ihrem Beziehungspartner sind. Auch queere Personen können aus dem gleichen Grund queerfeindlichen Wohnverhältnissen nicht entfliehen. Die Plätze in Frauenhäusern sind gering, oft bereits belegt und außerdem keine Dauerlösung. Viele Sozialeinrichtungen sind auch nicht auf das Mitbringen von mehreren Kindern oder männlichen Kindern über zwölf Jahren ausgelegt. Die Frauenhäuser sind außerdem auch von den radikalen Kürzungen im sozialen Sektor betroffen – es ist eine Frage der Zeit, bis die ersten Häuser schließen werden müssen.
In Deutschland leben 2025 laut dem Wohnungslosenbericht der Bundesregierung über eine halbe Millionen Menschen in der Wohnungslosigkeit. Besonders betroffen von Wohnraumverlust sind Personen mit geringem Einkommen und migrantische Personen. Die Ampelregierung hat ihre Versprechungen nicht gehalten und nur einen Teil der im Wahlprogramm versprochenen Sozialwohnungen gebaut. Die aktuelle Merz-Klingbeil-Regierung wird im Rahmen ihrer Kürzungspolitik sogar für noch mehr Obdachlosigkeit sorgen. Die neue Reform des Grundsicherungsgeldes (zuvor Bürgergeld und HartzIV) bietet den Jobcentern die Möglichkeit, den Leistungsbezieher:innen ihren gesamten Regelsatz und die Kosten der Unterkunft zu streichen. Zusätzlich wird die Obergrenze bezüglich der Miethöhe und der Quadratmetergröße einer Wohnung strenger geahndet. Das wird zwangsläufig dazu führen, dass Menschen ihre Wohnung verlieren.
Währenddessen erzielen die großen Wohnungsbaukonzerne horrende Gewinne mit immer höher steigenden Mieten. Aber Wohnen darf kein Luxus, sondern sollte ein Grundbedürfnis sein, das gedeckt sein muss. Doch um wirklich bezahlbaren Wohnraum zu garantieren, müssen die großen Wohnungsbaukonzerne entschädigungslos enteignet werden. Die Kontrolle über die riesigen Miethäuser muss Beschäftigten, Frauen und Bewohner:innen übertragen werden, die diese dann demokratisch verwalten. Mit dem Grundbedürfnis Wohnen dürfen keine Profite auf unsere Kosten erzielt werden.
In Berlin gab es 2021 einen Volksentscheid, bei dem sich die Mehrheit der Berliner:innen dafür entschieden hat, dass die großen Wohnkonzerne dort enteignet werden sollen. Besonders die Linkspartei hatte sich für diese Kampagne „Deutsche Wohnen und Co enteignen“ eingesetzt. Die Umsetzung der Enteignung wurde allerdings von der Linkspartei und den anderen Parteien der Stadtregierung (SPD und Grüne) verschleppt, indem sie eine Kommission einsetzten, die die Wege der Umsetzbarkeit des Volksentscheid prüfen sollte. Ein Entscheid, der bis heute nicht umgesetzt wurde. Hinzu kommt außerdem, dass nie eine entschädigungslose Enteignung geplant war. Die Entscheidung konnte auch deswegen weiter verschleppt werden, weil die Massenbewegung nicht ausgeweitet wurde und auch die Linkspartei ihre Positionen in den Gewerkschaften nicht genutzt hat und Streiks im öffentlichen Dienst und im sozialen Sektor nicht dahingehend politisiert hat, um für die Enteignung zu kämpfen. Ein erneutes Beispiel, dass die Linksparteiführung in einer Regierungsbeteiligung ihre linken Positionen an andere Parteien anpasst.
Nun will die Merz-Klingbeil-Regierung Enteignungen von Wohnungskonzernen gänzlich einen Riegel vorschieben und legt einen Beschluss vor, der besagt „dass die Verstaatlichung privater Mietwohnungsbestände durch Vergesellschaftungsgesetze auf Landesebene nicht mehr möglich ist“. Das ist ein weiterer Angriff der aktuellen Bundesregierung auf die Arbeiter:innenklasse, der so die Möglichkeit genommen werden soll, sich gegen profitorientierte Wohnungsbaukonzerne zu wehren und die Mietfrage in die eigene Hand zu nehmen. Obdachlosigkeit oder die Gefahr, obdachlos zu werden, ist politische Gewalt, die von der Bundesregierung ausgeübt wird.
Für den bezahlbaren Wohnraum müssen die großen Wohnbaukonzerne entschädigungslos enteignet werden, das kann beispielsweise mit Streiks erreicht werden, in denen diese Forderungen aufgestellt werden. Auch hier sollte beispielsweise die Linkspartei ihre Positionen in den Gewerkschaften nutzen, um für die Umsetzung von Enteignungen zu streiken, um so Wohnraum für alle Menschen zu schaffen. Wir brauchen außerdem den Ausbau von Frauenhäusern, die von den dortigen Bewohner:innen selbstverwaltet werden. Es gibt einen massiven Wohnungsleerstand – besonders in den Großstädten wird dort mit Immobilien spekuliert. Dieser Wohnraum muss freigegeben werden und es müssen Übergangswohnungen für wohnungslose Personen oder von häuslicher Gewalt betroffene Personen eingerichtet werden.
Sich gegen den profitgierigen Wohnungsmarkt zu stellen, wird nicht das Problem sexistischer Gewalt lösen, aber damit können Bedingungen, die zu gewaltvollen Beziehungen und solchen grausamen Taten wie in Soest führen, deutlich erschwert und sexistische Gewalt bereits dadurch massiv reduziert werden.
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