Der goldene Regen: Aufträge in der Rüstungsindustrie steigen stark

06.02.2026, Lesezeit 6 Min.
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Durch die Drohne vielleicht schon ein Relikt: der Leopard 2 aus dem Hause Rheinmetall, Foto: Flying Camera / Shutterstock.com

Die schwächelnde deutsche Industrie erlebt die ersten Auswirkungen der Aufrüstungsmilliarden. Die Auftragslage bessert sich und die Profite mit dem Krieg steigen.

Die Volkswirtschaftsorakel der Bundesrepublik lagen falsch, sie hatten für das Jahr 2026 einen durchschnittlichen Rückgang der Aufträge von 2,2 Prozent prognostiziert. Stattdessen erlebte die deutsche Industrie im Dezember bereits den vierten Monat in Folge einen Anstieg der Bestellungen und das um ganze 7,8 Prozent. Dieses Plus geht fast ausschließlich aufs Konto von Großaufträgen des deutschen Staates bei der deutschen Rüstungsindustrie und ihren angegliederten Sektoren. Rechnet man diese Aufträge raus, so bleibt im zivilen Sektor nur ein magerer Anstieg von 0,9 Prozent übrig. Die Wirtschaftsbosse und Bankiers zeigen sich angenehm überrascht, denn im gleichen Zeitraum sanken die Auftragszahlen im deutschen Flaggschiffsektor, der Autoindustrie um 2,2 Prozent. Reuters zitiert Jens-Oliver Niklasch von der Landesbank Baden-Württemberg: „Ein Auftragsboom zum Jahresende. Wer hätte das gedacht? Das sieht jetzt wirklich sehr stark nach Trendwende aus. Wir haben erstmals seit längerer Zeit Grund für Zuversicht.“ Die Rüstungsmilliarden der Bundesregierung, die gleichzeitig ein riesiges staatliches Subventionsprogramm für die Industrie sind, zeigen offenbar ihre erste Wirkung. Der goldene Regen aus, von den Arbeiter:innen ungleich drückender abgepressten Steuergeldern, beginnt, sich über die schwächelnde und zunehmend weniger konkurrenzfähige deutsche Industrie zu ergießen. Ganz nach dem Vorbild ihrer Vorväter Krupp und Thyssen flüchten sich die deutschen Industriellen und Bankiers immer dann zum Geschäft mit dem Krieg, wenn die internationalen Märkte schrumpfen und Zollbarrieren den „Exportweltmeister“ von billigen Ressourcen und ausländischen Absatzmärkten abschneiden. Gleichzeitig unterfüttern sie damit ihre staatliche Agentur, personifiziert im Black-Rock-Kanzler Merz, mit neuen Tötungswerkzeugen, die dazu dienen, die aufsteigenden Konkurrenten und neuen Barrieren zur Not mit dem Mittel des Krieges zu beseitigen. 

Dämpfer am Aktienmarkt

Dennoch kann die Umstellung der Produktion auf Panzer und Drohnen für das deutsche Kapital nicht schnell genug vonstatten gehen. Nach Jahren des Stillstands ist es nur umso ungeduldiger. Dies zeigen die aktuellen Entwicklungen am Aktienmarkt. Nach der Aufhebung der Schuldenbremse für die Rüstung, die der Noch-nicht-Kanzler Merz im März letzten Jahres noch durch den abgewählten Bundestag peitschte, waren die Aktienkurse in der Waffenbranche zunächst steil in die Höhe geschnellt. Die Rheinmetallaktie beispielsweise verzeichnete im Jahr 2025 einen astronomischen Anstieg von 107,47 Prozent. Jetzt zeigte sich jedoch, dass die immensen Erwartungen auf zusätzliche Profite mit dem Krieg wohl etwas verfrüht waren. Rheinmetall erlebte am Mittwochabend am Aktienmarkt einen deutlichen Dämpfer und seine Aktie befindet sich seitdem in einem Abwärtstrend. Ein Grund dafür ist, dass die aktualisierten Umsatzprognosen des Konzerns für 2026 um fast 12 Prozent geringer ausfallen, als von den Aktionär:innen erhofft. Außerdem „belasten“ die Friedensverhandlungen zwischen Trump und Putin die Geschäftsaussichten. Die Aktie war demnach in letzter Zeit deutlich überbewertet und der Konzern korrigierte seine Kursziele nun deutlich nach unten. Das verunsicherte Anleger auch in Bezug auf andere Rüstungsaktien. Die Aktie des Bayrischen Rüstungskonzerns Hensoldt verlor 1,74 Prozent, der Rüstungszulieferer Renk aus Augsburg verlor 0,27 Prozent und der Kieler U-Boot-Bauer TKMS notiert derweil 0,86 Prozent niedriger.

„Rüstungsspeed“

Nach dem Traumtanz der letzten Monate, erscheinen hier die strukturellen Grenzen der Aufrüstungsmanie. Nicht nur braucht es Zeit, Produktionskapazitäten auszudehnen, auch stehen dem erwarteten Boom eine Reihe von bürokratischen Hürden im Wege, die die Vergabe von Staatsaufträgen an die Industrie verlangsamen. Wie immer kritisch zur Stelle, wenn etwas die Entfaltung deutscher Macht in der Welt behindert, kommentierte die FAZ unter dem Titel „Rüstungsspeed“ vor einer Woche, man müsse jetzt „der Beschleunigung von oft zeitraubenden Prüf- und Vergabeverfahren in Deutschland höchste Priorität einräumen.“ Denn die „[russische] Bedrohung“ warte nicht auf „Tests und Zertifikate.“ Alles müsse jetzt schneller gehen, besonders die Produktion der neusten „Wunderwaffe“, die Drohne, die sich in der Ukraine und in Gaza bereits einen Namen bei der Terrorisierung der Zivilbevölkerung gemacht hat, müsse angekurbelt werden. Der Druck von rechts aus Rüstungslobby und konservativer Presse auf die Bundesregierung wächst. Merz soll gefälligst sein Versprechen einhalten, Deutschland wieder groß zu machen. 

Dass solch ein Rüstungsboom zwar viel nutzloses Metall produziert, aber wenig zur Befriedigung der Bedürfnisse der deutschen Arbeiter:innen beiträgt, das ist Teil der Agenda. Deutsche Arbeiter:innen sollen in zweifacher Hinsicht umgeschult werden. Einmal läutet der neue Fokus auf die industriellen Kerne der deutschen Wirtschaft das Ende der Illusionen in das postindustrielle Dienstleistungszeitalter ein. Die Auslagerung großer Teile der industriellen Produktion ins Ausland war nur in einer Epoche möglich, wo den USA und Europa die gesamte Welt als Selbstbedienungsladen zur Verfügung stand. Mit dem Aufstieg neuer Konkurrenten wie China, Russland und Indien und mit der zunehmenden Entzweiung des transatlantischen Bündnisses wird auch in Deutschland die Epoche des Fordismus, die Epoche des Fließbandes teilweise zurückkehren. Die deutsche Arbeiter:innenklasse wird sich in diesem Sinne wieder tendenziell ihrem früheren Charakter einer mehrheitlich industriellen Klasse, zusammengedrängt in großen Werkhallen, annähern. Dafür möchte der Staat nun sein Humankapital umschulen und wieder an die harte Fabrikdisziplin gewöhnen. Teilzeit, Bürojob und Homeoffice adé. Zweitens muss dieses Humankapital geistig umgeschult werden. Ihm muss der lästige Pazifismus ausgetrieben werden und ihm muss mittels der ausgeleierten nationalen Phrase eingeleuchtet werden, dass ja schließlich irgendjemand dann auch den Panzer fahren und die Drohne fliegen muss. Die bürgerliche Journaille ist bereits am Werk, die Gehirne der deutschen Arbeiter:innen unermüdlich mit der Legende der „nationalen Verteidigung“ zu bearbeiten. Rosa Luxemburg hatte recht: „Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen.“

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