Cybersyn und die Grenzen der Cyberplanung: „The Santiago Boys“ von Evgeny Morozov

23.07.2025, Lesezeit 15 Min.
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In den 70ern versuchte Chile mit Cybersyn Wirtschaftsplanung mithilfe von Technologie neu zu denken. Morozovs Podcast „The Santiago Boys“ erzählt die Geschichte.

In den 70er-Jahren verfolgte Chile unter Salvador Allende ein visionäres Vorhaben: Das kybernetische Planungsprojekt Cybersyn (spanisch Synco) sollte mithilfe damals moderner Computer- und Netzwerktechnik Wirtschaft und Verwaltung in Echtzeit steuern. Das Projekt gilt als Meilenstein eines „Cyber-Sozialismus“ und ist bis heute ein wichtiger Bezugspunkt in Managementwissenschaft, Technikgeschichte und politischer Theorie. Alle Folgen des Podcasts sind unter folgendem Link abrufbar.

Erste Schritte

Salvador Allende wurde 1970 zum Präsidenten Chiles gewählt und versprach einen friedlichen Übergang zu einem sozialistischen Modell, das die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten des Landes beseitigen sollte. In der Praxis verkörperte er – jenseits aller Rhetorik – ein Reformprojekt innerhalb eines abhängigen kapitalistischen Regimes. Dieses setzte auf die Mobilisierung der Arbeiter:innenklasse und breiter Bevölkerungsschichten, um Reforminitiativen durchzusetzen, solange sie die institutionellen Grenzen der Regierungspolitik nicht überschritten.

Dieses Modell umfasste unter anderem die Verstaatlichung zentraler Wirtschaftszweige – allen voran des Kupferbergbaus – sowie eine zentralisierte Planung zur Steuerung der wirtschaftlichen Entwicklung. Allende und seine Regierung verbanden bestimmte Vorstellungen der reformistischen Linken mit dem Versuch, revolutionäre Tendenzen innerhalb der Massenbewegung in den bürgerlichen Rahmen eines schrittweisen, staatlich gelenkten Transformationsprozesses zu integrieren.

Chile war zu dieser Zeit geprägt von einem abhängigen Kapitalismus, der sich auf der Grundlage ausländischer Investitionen und als Halbkolonie ungleichmäßig entwickelt hatte. In den zentralen Entwicklungsbereichen, insbesondere den exportorientierten Sektoren, herrschte eine enge Verzahnung zwischen moderner Industrie und einem strategisch wichtigen, aber zahlenmäßig begrenzten Industrieproletariat, das sich in den großen Bergwerken, Fabriken sowie im Eisenbahn- und Transportwesen konzentrierte. Die koloniale Agrarstruktur blieb weiterhin bestehen: In den Händen einer traditionellen Großgrundbesitzeroligarchie verfestigte sie die extreme Rückständigkeit und politische Marginalisierung der bäuerlichen Mehrheit – Tagelöhner, Landarbeiter und Kleinbauern.

Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, die Kybernetik als Instrument zur Verbesserung von Wirtschaft und Regierungsführung einzusetzen. Die Kybernetik, eine interdisziplinäre Wissenschaft zur Analyse und Steuerung komplexer Systeme, schien geeignet, die Verwaltung einer zunehmend verstaatlichten Wirtschaft effizienter zu gestalten. Dieses Konzept wurde durch den britischen Management- und Kybernetiktheoretiker Stafford Beer eingeführt, der auf Einladung der Allende-Regierung nach Chile kam, um seine innovativen Ansätze zur Systemsteuerung einzubringen.

Das Projekt Cybersyn entstand aus dem Zusammenspiel historischer, politischer, wirtschaftlicher und technologischer Faktoren. Es stellte den Versuch dar, reformistische Ambitionen und soziale Gerechtigkeit mit den neuesten Erkenntnissen aus Kybernetik und Informationstechnologie zu verbinden, um Elemente rationaler Planung in eine abhängige kapitalistische Wirtschaft zu integrieren.

In diesem Kontext sind die im Podcast „The Santiago Boys“ beschriebenen Erfahrungen mit Cybersyn besonders aufschlussreich. Sie offenbaren einen spannenden, aber letztlich widersprüchlichen und unvollständigen Versuch, kybernetische Planung umzusetzen unter Bedingungen, die nicht auf einer vollständigen Sozialisierung der Produktionsmittel in den grundlegenden Sektoren der Ökonomie basierten.

Was war das Projekt Cybersyn?

Das Projekt Cybersyn, dessen Name sich aus den Begriffen Kybernetik und Synergie zusammensetzt, war ein ambitioniertes Vorhaben zur wirtschaftlichen Steuerung im Rahmen der sozialistischen Reformpolitik unter Präsident Salvador Allende. Ziel war es, moderne Technologien und kybernetisches Denken zu nutzen, um die Entscheidungsprozesse in einer Wirtschaft mit verstaatlichten Sektoren zu verbessern und die Produktion sowie Verteilung von Ressourcen effizienter zu gestalten.

Konzipiert wurde das Projekt vom britischen Managementtheoretiker Stafford Beer, der auf Einladung von Fernando Flores nach Chile kam. Flores war ein führendes Mitglied der Unidad Popular und Direktor der chilenischen Entwicklungsagentur CORFO. Er hatte Beers Arbeiten zur Organisationskybernetik gelesen und erkannte deren Potenzial für die wirtschaftliche Neuordnung unter der Allende-Regierung.

Im Zentrum von Beers Ansatz stand ein System zur Überwachung der Wirtschaft in Echtzeit. Mithilfe von Daten aus Fabriken und staatlichen Betrieben sollte es der Regierung ermöglicht werden, Probleme frühzeitig zu erkennen, fundierte Entscheidungen zu treffen und flexibel auf Veränderungen zu reagieren.

Für Beer war das Projekt eine Gelegenheit, seine Theorie der lebensfähigen Organisation praktisch umzusetzen. Diese Theorie geht davon aus, dass Organisationen wie lebende Systeme funktionieren und durch effektive Informations- und Steuerungsflüsse stabil und anpassungsfähig bleiben.

Das Cybersyn-System bestand aus vier zentralen Komponenten. Eine davon war das Telex-Netzwerk Cybernet, das die Kommunikation mit staatlichen Unternehmen im ganzen Land ermöglichte. Die erfassten Daten wurden mithilfe der Software Cyberstride analysiert, die statistische Verfahren und Frühwarnsysteme einsetzte. Ergänzt wurde dies durch wirtschaftliche Simulationsmodelle mit dem Namen CHECO, die mögliche Entwicklungen berechneten. Die Ergebnisse wurden im sogenannten Operations Room visualisiert, einem speziell gestalteten Raum zur Entscheidungsunterstützung.

Im Unterschied zu zentralistisch-bürokratischen Planungsmodellen zielte Cybersyn auf ein dezentrales und partizipatives System. Es sollte Arbeiter:innen und Betriebsleitungen befähigen, Entscheidungen auf Basis aktueller Daten eigenverantwortlich zu treffen, während die Regierung nur bei Bedarf koordinierend eingriff.

Cybersyn war ein einzigartiger Versuch, Ansätze aus Planungstheorie, Kybernetik und Informationstechnologie in einem integrierten System zur Steuerung der Wirtschaft zu verbinden. Obwohl das Projekt nie vollständig umgesetzt wurde, gilt es bis heute als ein visionäres Experiment in der Geschichte technologischer und politischer Innovation.

Eine technokratische Planung

Cybersyn war ein Projekt mit kaum erkennbarem politischem Charakter. Obwohl es als System vorgestellt wurde, das die Wirtschaftsplanung grundlegend verändern könnte, wurde es von einer kleinen Gruppe Technokraten geleitet. Diese versuchten, die wirtschaftliche Organisation ohne nennenswerte Beteiligung der Arbeiter:innen zu reformieren, und das auf der Basis einer weiterhin stark privatwirtschaftlich geprägten Struktur. Auch Stafford Beer erkannte erst spät, dass der Ausschluss der Arbeiter:innen ein grundlegender Fehler gewesen war.

Beer stammte aus Großbritannien, kannte die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Chile nur oberflächlich und war mit den sozialistischen Debatten Lateinamerikas kaum vertraut. Frühere Diskussionen über die Herausforderungen einer sozialistischen Wirtschaft, insbesondere die wirtschaftspolitische Debatte rund um das kubanische Modell, wurden in der von Morozov als „Santiago-Schule“ bezeichneten Denkströmung nicht aufgegriffen. Auch zentrale Spannungen, wie sie sich aus dem Verhältnis zwischen Marktsozialismus und Staatskapitalismus ergaben, spielten keine Rolle. Die Regierung verfolgte zwar eine Politik der Verstaatlichung strategischer Unternehmen, hielt jedoch gleichzeitig an marktwirtschaftlichen Prinzipien fest.

Statt die Erfahrung und das Wissen jener einzubeziehen, die den Produktionsalltag am besten kannten, unterschätzten die Projektleitenden die Arbeiter:innen. Sie hielten sie für intellektuell überfordert mit den komplexen kybernetischen Strukturen. Erst gegen Ende wurde klar, dass gerade eine stärkere Beteiligung der Arbeiter:innen das Projekt nicht nur demokratisch legitimiert, sondern auch inhaltlich bereichert hätte durch konkrete Rückmeldungen aus der Praxis und eine tiefere gesellschaftliche Verankerung.

Obwohl Cybersyn in der Theorie partizipative Elemente enthielt, wurde es in der Praxis fast ausschließlich von Experten entwickelt. Die Umsetzung erfolgte zudem mit Unterstützung internationaler Beratungsfirmen, was die Distanz zwischen Systemdesign und Arbeitsrealität weiter vergrößerte. Diese technokratische Herangehensweise führte dazu, dass sich viele Beschäftigte nicht mit dem Projekt identifizierten. Die Datenerhebung und -verarbeitung erwies sich als zu langsam, um den angestrebten Echtzeit-Informationsfluss zuverlässig zu ermöglichen. Nur in wenigen Ausnahmefällen erfüllte das System diesen Anspruch.

Im dritten Kapitel des Podcasts wird eine zentrale Frage aufgeworfen: Wie kann ein Gleichgewicht zwischen technischer Expertise und demokratischer Teilhabe hergestellt werden? Wie lassen sich die Macht von Fachleuten und algorithmischen Systemen mit der Stimme und dem Willen der Bevölkerung in Einklang bringen? Und wie kann der demokratische Anspruch eines sozialistischen Projekts erhalten bleiben, ohne sich in einem technokratischen Modell zu verlieren?

Letztlich entstand kein demokratisches und partizipatives System, sondern eine technokratische Struktur. Sie wurde von oben entworfen und umgesetzt, blieb jedoch weitgehend losgelöst von jenen, die das Land und seine Produktionsprozesse täglich mitgestalteten.

Die Grenzen der Staatsreform

Der Podcast beschreibt eine Phase extremer politischer Spannungen zwischen der Regierung Salvador Allendes, Teilen der chilenischen Bourgeoisie und einem internationalen Umfeld, das von erheblichem Druck auf das Land geprägt war. Im Kontext des Kalten Krieges versuchten die CIA und multinationale Konzerne wie ITT aktiv, die Regierung Allendes zu destabilisieren. Sie sahen in Chile ein gefährliches Beispiel für die Ausbreitung des Sozialismus in der westlichen Hemisphäre. Diese Destabilisierungsbemühungen standen in enger Verbindung mit dem Plan Condor, einer repressiven Strategie, die von den autoritären Regimen Südamerikas in enger Abstimmung mit den Vereinigten Staaten durchgeführt wurde.

Schon im ersten Kapitel des Podcasts betont Evgeny Morozov, dass sowohl Henry Kissinger als auch Richard Nixon große Besorgnis über Allendes Wahlsieg zeigten und dessen Amtsantritt um jeden Preis verhindern wollten. Nixon beauftragte die CIA mit der Durchführung gezielter Maßnahmen, darunter die Unterstützung wirtschaftlicher Boykottstrategien, mit dem Ziel, die Regierung zu stürzen. Besonders hervorzuheben ist dabei die enge Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen Geheimdienstbehörde und dem Telekommunikationskonzern ITT, der wirtschaftliche Interessen in Chile gefährdet sah.

Eine der zentralen Grenzen des chilenischen Reformprojekts war Allendes Versuch, eine politische Koexistenz mit Teilen der Bourgeoisie aufrechtzuerhalten. Diese Strategie erwies sich als problematisch, da die wirtschaftlichen Eliten während seiner gesamten Amtszeit massiven Druck auf die Regierung ausübten. Es kam zu systematisch organisierten Boykotten von Transport- und Verteilungswegen, was zu Versorgungsengpässen und langen Schlangen vor Geschäften führte. Die von bürgerlichen Kräften kontrollierten Medien spielten eine entscheidende Rolle bei der öffentlichen Darstellung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die als Folge des sozialistischen Kurses gewertet wurden. Gleichzeitig führte die schrittweise Verstaatlichung strategischer Wirtschaftsbereiche zu einem Rückgang privater Investitionen und einer anhaltenden Kapitalflucht.

Die Regierung stützte sich auf eine Koalition politischer Parteien, die mehrheitlich linksgerichtet waren, aber auch gemäßigte oder konservative Kräfte wie die Christdemokraten umfassten. Diese Koalitionspartner übten häufig Druck auf Allende aus, versöhnlichere Maßnahmen gegenüber der wirtschaftlichen Elite zu ergreifen. Dadurch wurde der Handlungsspielraum der Regierung weiter eingeschränkt und zentrale Reformvorhaben konnten nur langsam oder gar nicht umgesetzt werden.

Arbeitslosigkeit und Industriesperren

Der Streik der Lkw-Fahrer:innen zählt zu den bedeutendsten Ereignissen in der Geschichte der Allende-Regierung. Zwar konzentrierte sich der Streik auf Lkw-Fahrer:innen und Kleinunternehmer:innen, doch gibt es zahlreiche Hinweise auf eine Finanzierung durch den privaten Sektor, rechte Parteien und die Beteiligung der CIA.

Während des Streiks waren die Beteiligten einerseits auf technische Hilfe angewiesen, um die Versorgung aufrechtzuerhalten, andererseits wurden sie von einer größeren Unterstützung überrascht, die sie jedoch nicht dauerhaft aufrechterhalten konnten, um sich gegen zukünftige Angriffe zu wappnen.

Dieses Geschehen schuf eine latent gespannte Klassenkampfsituation zwischen der Bourgeoisie, den Großgrundbesitzer:innen und dem imperialistischen Kapital auf der einen Seite und der Arbeiter:innenklasse auf der anderen. Die Arbeiter:innen, vor allem aus den am besten organisierten Sektoren, besetzten Fabriken und setzten die Produktion ohne die Arbeitgeber:innen fort. Gleichzeitig formierte sich eine breite Allianz der Bevölkerung, unterstützt durch die Preisüberwachungsstelle und Siedlerkomitees, die begannen, ihre Kräfte zu bündeln, um sich gegen die Reaktion der Gegenseite zu verteidigen, die auf den Staatsapparat und die Streitkräfte setzte.

Die geschwächte Allende-Regierung war gezwungen, sich auf die traditionellen Streitkräfte zu stützen und integrierte diese sogar in die Regierung. Dieser Widerspruch und die inneren Konflikte spiegelten sich in der Ernennung von General Prats zum Innenminister wider. Im August 1973 ersetzte Allende Prats, der zugleich Oberbefehlshaber der Streitkräfte war, durch Augusto Pinochet – eine Entscheidung, die sich nur 19 Tage später als fatal herausstellte. Allende selbst erkannte, dass er zwar die Unterstützung des Volkes besaß, dieses jedoch unbewaffnet war und er sich deshalb den Streitkräften nicht entgegenstellen konnte.

Ende des Projekts und Vermächtnis

Aufgrund des abrupten Endes der Regierung Allendes im Jahr 1973 wurde das Projekt Cybersyn nie vollständig umgesetzt. Trotz seiner kurzen Lebensdauer bietet es jedoch interessante Erkenntnisse über den Versuch einer kybernetischen Planung mit vergesellschafteten Elementen.

In der Praxis zeigte das System sein Potenzial bereits beim Lkw-Fahrer:innen-Streik 1972. Der Streik drohte, die chilenische Wirtschaft lahmzulegen und den Transport lebenswichtiger Güter zu blockieren. Die Allende-Regierung nutzte Cybersyn, um den Ressourcentransport zu koordinieren und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Dies war eine Bewährungsprobe für das System und demonstrierte, wie Technologie und Kybernetik zur Steuerung der Wirtschaft in Krisenzeiten eingesetzt werden können.

Ein weiterer Aspekt, den der Podcast beleuchtet, ist die Bedeutung digitaler Souveränität. Eine der größten Herausforderungen während der Projektentwicklung war die Debatte über die Dependenztheorie, die unter anderem mit brasilianischen Ökonom:innen diskutiert wurde. Im Zeitalter künstlicher Intelligenz und Wissensökonomie ist technologische Abhängigkeit ein weiterer Mechanismus der Unterdrückung. Morozov definiert Technologie als Geopolitik mit anderen Mitteln.

Das Projekt war ein neuartiges Experiment, das Teilideen des Sozialismus, der Kybernetik und der Informationstechnologie zu einem innovativen Wirtschaftsmanagementsystem vereinte. In einer Zeit, in der die Weltwirtschaft zunehmend vernetzt und digitalisiert ist, gewinnen Cybersyns Lehren zum Management komplexer Systeme immer mehr an Bedeutung und können als Grundlage für zukünftige Ansätze dienen. Als Anekdote am Ende des Podcasts erzählt Morozov, dass einer von Flores‘ Schüler:innen auch Mentor von Larry Page (Gründer von Google) und Peter Thiel (PayPal und Palantir) war. In gewisser Weise hilft uns dies zu verstehen, dass diese Innovation der 1970er Jahre Teil dessen ist, was heute in den großen Technologiemonopolen angewendet wird.

Theoretisch leistete das Projekt einen Beitrag zur Kybernetik und zum Management, insbesondere im Hinblick auf Stafford Beers Idee der „lebensfähigen Organisation“. Obwohl nicht alle Ideen Beers in Cybersyn vollständig umgesetzt wurden, diente das Projekt als praktisches Labor für seine Theorie und war Gegenstand von Analysen und Debatten in den Bereichen Kybernetik, Management und Wirtschaft.

Diese Erfahrung, obwohl unvollständig und widersprüchlich, regt dazu an, das enorme Potenzial technologischen Fortschritts zu erkennen und darüber nachzudenken, wie dieser für eine demokratische Wirtschaftsplanung genutzt werden kann. Um dies zu ermöglichen, müssen Lehren gezogen werden, welche Fehler vermieden werden sollten: Eine davon ist, sich nicht auf eine kleine Gruppe von Technokrat:innen zu verlassen, um eine echte Sowjetdemokratie zu ersetzen – also ein System von Räten, die aus Vertreter:innen der Arbeiter:innenschaft und anderer sozialer Gruppen bestehen und als Machtorgane fungieren, um die Wirtschaft demokratisch zu planen und politische Fragen zu entscheiden. Eine weitere Lehre besteht darin, die Illusion aufzugeben, Sozialismus könne allein durch Staatsreformen erreicht werden. Stattdessen sollte auf die Koordination unabhängiger Arbeiter:innenkomitees gesetzt werden, die als Vorläufer von Machtorganen den Angriffen der Reaktion sowie der Vergesellschaftung der Produktionsmittel entgegenwirken können, ein historisch potenziell richtungsweisender Ansatz. Schließlich ist es unerlässlich, den Sozialismus über nationale Grenzen hinaus auszubreiten.

Die „Santiago Boys“ wurden durch die „Chicago Boys“ abgelöst. Milton Friedmans Ideen fanden unter der Pinochet-Diktatur praktische Umsetzung. Das Ergebnis ist bekannt und markiert ein dunkles Kapitel in der Geschichte Chiles.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Spanisch in unserer Schwesterzeitung La Izquierda Diario veröffentlicht.

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