Bremen: Doch kein grüner Stahl?

07.07.2025, Lesezeit 7 Min.
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Der Stahlproduzent ArcelorMittal hat mitgeteilt, seine Produktion in Bremen nicht klimafreundlich umzustellen. Was bedeutet diese Entscheidung?

Was ist ArcelorMittal für ein Unternehmen?

Das Unternehmen ArcelorMittal hat mitgeteilt, seine Produktion in Bremen nicht klimafreundlich umzustellen. Dabei stellt ArcelorMittal einen wichtigen Arbeitgeber dar, der für über 8.000 Beschäftigte und ihre Familien in und um Bremen eine Einnahmequelle ist.

Wie viele andere deutsche Unternehmen hat auch ArcelorMittal einen besonders menschenfeindlichen Abschnitt in seiner Geschichte: Viele Zwangsarbeiter waren während der Zeit des Nationalsozialismus gezwungen, die deutsche Aufrüstung voranzutreiben. Auf der offiziellen Webseite von ArcelorMittal findet sich dazu nichts – kaum überraschend.

Wieso schreiben wir gerade jetzt darüber?

Aktuell ist die Debatte um das ArcelorMittal Werk in Bremen geprägt von Arbeitskämpfen und Debatten über die Aussagen der Konzernleitung. Es hatte Pläne gegeben, nach denen ArcelorMittal an den Standorten Bremen und Eisenhüttenstadt rund 3,5 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr mit Wasserstoff statt mit klimaschädlicher Kohle herstellen wollte. Dafür hätten das Land Bremen und der Bund dem Unternehmen staatliche Förderungen von 840 Millionen Euro angeboten. Der Stahlriese ArcelorMittal hat diesen Juni allerdings bekannt gegeben, die Förderung nicht anzunehmen und die Produktion doch nicht klimaneutral umzubauen. 

Warum ist das ein Problem?

In ganz Deutschland ist die Stahlindustrie einer der größten CO2-Emittenten mit etwa 30 % der Emissionen des gesamten deutschen Industriesektors. Auch in Bremen spielt die Stahlproduktion eine riesige Rolle bei CO2-Emmissionen: Im Jahr 2022 kamen von den 10 Millionen Tonnen CO2, die im gesamten Land Bremen ausgestoßen wurden, ganze 5 Millionen Tonnen von der Stahlhütte ArcelorMittals. Diese Zahlen verdeutlichen: Wer die Klimakrise ernst nimmt, muss die Stahlindustrie umbauen – sozial gerecht und ökologisch radikal. 

Wie geht klimafreundliche Stahlproduktion?

In Bremen sollte dafür ein alter Hochofen abgeschaltet und durch ein neues System mit Direktreduktion und elektrischem Schmelzofen ersetzt werden – ein Schritt Richtung Dekarbonisierung. Diese Schmelzöfen würden mit Wasserstoff betrieben werden, anstatt wie aktuell noch mit Kohle. 

In der „Herstellung“ von Wasserstoff wird, vereinfacht gesagt, elektrischer Strom umgewandelt zu chemischer Energie, dem Wasserstoff. Wasserstoff ist in der Herstellung umweltfreundlicher und erzeugt auch weniger CO2 als Kohle bei der Verbrennung, solange in der Erzeugung auf sogenannten „grünen Wasserstoff“ gesetzt wird. Für diese Erzeugung bräuchte es aber auch einen massiven Ausbau erneuerbarer Energien.

Wie begründet der Konzern seine Entscheidung?

Der CEO von ArcelorMittal, Geert Van Poelvoorde, hat also nun bekannt gegeben, die Dekarbonisierungspläne abzulehnen. Die Begründung: Der Konzern sieht keine sichere Versorgung mit „grünem“ Wasserstoff zu günstigen Preisen und argumentiert damit auf der Grundlage eines zu hohen Strompreises. Entscheidend ist hier der Strompreises, als Energieträger für die Erzeugung von Wasserstoff.

Die Transformation hin zu klimafreundlicher Stahlproduktion sei deshalb zu riskant – für die Profite des Unternehmens wohlgemerkt, nicht für die Umwelt, das Klima oder die Beschäftigten. Dies stellt in der Umstellung der Industrie auf eine klimaneutrale Produktion eine Hürde dar und gibt dringenden Handlungsbedarf für eine Umstellung der Produktion. 

Wie könnte es anders laufen?

Wir wollen uns von Politik und Konzern nicht über den Tisch ziehen lassen, wenn es um Zahlen zu Strompreisen, Kostenaufstellungen oder im Zweifelsfall Lohnkürzungen geht. Die werden nämlich mit Einschätzungen und Profitmodellen der Konzerne errechnet. Aber die Rechnung der Konzerne ist eben nicht unsere Rechnung. Die, die uns Arbeitsplätze verschafft, aber auch eine Zukunft ohne Klimakatastrophen für uns und unsere Kinder. Um diese Rechnungen selber machen zu können, müssen wir zunächst die Geschäftsbücher aller Unternehmen öffnen. Vor allem die, die wirtschaftliche Notwendigkeiten als Gründe vorschieben, um Gehaltskürzungen, Stellenabbau oder Werksschließungen zu rechtfertigen. Damit können wir ihre Erzählungen überprüfen und entkräften. Denn ihre Sprache ist glatt, aber die Botschaft dahinter ist klar: Profite stehen über dem Wohl von Menschen. Die Forderung nach der Öffnung der Geschäftsbücher ist somit ein Mittel zur Herstellung wirtschaftlicher Transparenz, Kontrolle und Mitbestimmung.

Die Bosse können gehen, die Werke bleiben hier!

Wer kann dafür sorgen, dass der Umbau der Industrie nicht auf Kosten der Beschäftigten passiert und Klimaschutz nicht nur als PR-Strategie dient? Wenn Konzerne wie ArcelorMittal klimafreundliche Produktion aus Profitgründen blockieren, ist es Zeit, die Eigentumsfrage zu stellen. Es reicht nicht, ihnen noch mehr Fördergelder hinterherzuwerfen. Wir brauchen demokratische Kontrolle über Schlüsselindustrien – durch die Menschen, die dort arbeiten. Dafür müssen wir solche Betriebe enteignen. Nicht Politiker:innen, Konzernchefs, die sich die Taschen vollstopfen wollen oder Bürokrat:innen der Gewerkschaft sollen zukünftig   über den Betrieb entscheiden – sondern die Beschäftigten selbst. 

Zunächst müssen wir aber sicherstellen, dass die knapp 8.000 Jobs erhalten bleiben. Dafür bedarf es betriebsnahen Aktionskomitees, die nicht nur informieren, sondern auch eingreifen. Die IG Metall verfügt über die Strukturen, die es braucht, um solche Komitees auf den Weg zu bringen: Betriebsversammlungen können als Ausgangspunkt genutzt werden, um Belegschaften über drohende Standortschließungen, unterlassene Investitionen und mögliche Alternativen in Kenntnis zu setzen. Aus diesen Versammlungen heraus können Komitees entstehen, die sich aus Vertrauensleuten, Gewerkschaftsmitgliedern, Auszubildenden und solidarischen Kolleg:innen zusammensetzen – mit dem Ziel, betriebliche Initiative mit gesellschaftlichem Druck zu verbinden. Diese Komitees können sich mit Anderen zusammenschließen, deren Jobs von Kürzungen bedroht sind, wie beispielsweise den Beschäftigten des Klinikums Links der Weser.

Die Aufgabe dieser Komitees wäre es, betriebliche Kämpfe zu bündeln, über Standorte hinweg zu koordinieren und auch öffentlichkeitswirksame Aktionen zu organisieren – etwa Protesttage, Mahnwachen oder symbolische Besetzungen. Entscheidend ist dabei: Sie dürfen sich nicht auf bloße Reaktionen beschränken, sondern sollen eine eigene Perspektive entwickeln, die über reine Standortlogik hinausgeht. Die Forderung nach Verstaatlichung unter Arbeiter:innenkontrolle etwa gewinnt genau dann an politischem Gewicht, wenn sie von der organisierten Basis selbst getragen wird.

Die IG Metall muss diesen Prozess nicht nur logistisch unterstützen – mit Ressourcen, Rechtsschutz und Infrastruktur – sondern auch politisch absichern. Denn was derzeit auf dem Spiel steht, ist nicht nur die Zukunft einzelner Betriebe, sondern die Frage, wer den ökologischen Umbau der Industrie gestaltet: Die Unternehmen, die bei Unsicherheit den Rückzug antreten – oder die Beschäftigten, die längst verstanden haben, dass es ohne echte Mitbestimmung keine sichere Zukunft gibt.

Aber ist das nicht utopisch?

Vielleicht. Aber realitätsnäher ist es auch nicht, zu glauben, dass Konzerne freiwillig das Klima retten oder sichere Arbeitsplätze garantieren.
Wenn die Entscheidung zwischen Planet und Profit steht, wird für sie der Profit immer im Vordergrund stehen – außer wir ändern das System. Verstaatlichung unter Arbeiter:innenkontrolle ist kein Rückschritt – sie ist ein Fortschritt: für das Klima, für gute Arbeit, für echte Demokratie. Die Produktion gehört denen, die sie am Laufen halten – nicht denen, die nur Dividende kassieren.

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