Bolivien zwischen Abhängigkeit und Emanzipation – wie können wir international gemeinsam kämpfen?
In Bolivien findet aktuell ein tiefgreifender Kampf statt. Der Volksaufstand hat das Potential, die Interessen der herrschenden Klasse und den Einfluss imperialistischer Mächte in Frage zu stellen. Warum die Kämpfe dort auch uns betreffen und wie internationale Solidarität zu einer Waffe der Arbeiter:innenklasse werden kann.
Der zentrale Slogan der Regierung von Präsident Rodrigo Paz, „Kapitalismus für alle“, hat sich bereits nach weniger als einem halben Jahr selbst entlarvt: Aus ihm ist eine Revolte gegen eben jenen Kapitalismus erwachsen, der niemals im Interesse aller sein kann. Der Volksaufstand in Bolivien – mit Blockaden großer Hauptverkehrsachsen, Straßenschlachten mit der Polizei und der weit verbreiteten Forderung nach dem Rücktritt der neoliberalen Regierung – dauert seit über sieben Wochen an. Nun verhängte die Regierung den Ausnahmezustand, um die Rebellion militärisch niederzuschlagen. Am Tag zuvor hatte die Führung des Gewerkschaftsdachverbands COB ein Abkommen mit der Regierung unterzeichnet und damit entscheidend zur Demobilisierung der Bewegung beigetragen. Doch trotz Repression und Verrat bestehen zahlreiche Erfahrungen der Selbstorganisation fort. Gerade deshalb lohnt sich ein Blick darauf, warum sich dieser Konflikt entwickelt hat und welche Schlussfolgerungen sich daraus für den internationalen Klassenkampf ziehen lassen.
Vom Rohstoffboom zur Krise: Die Erschöpfung des MAS-Modells
In den frühen 2000er Jahren verstaatlichte die Regierung von Evo Morales und seiner Partei Movimiento al Socialismo (MAS) zahlreiche strategische Wirtschaftsbereiche wie die Erdöl- und Erdgasförderung, den Bergbau, die Telekommunikation sowie die Energie- und Stromversorgung. Parallel dazu erlebte die Weltwirtschaft eine enorme Nachfrage nach Primärgütern. Besonders die Preise für Erdgas, Zinn und Silber, deren Export über Jahrzehnte das Rückgrat der bolivianischen Wirtschaft gebildet hatte, explodierten auf den internationalen Märkten. Da Bolivien zeitgleich Verträge mit Großabnehmern wie Brasilien und Argentinien schloss, strömten große Mengen Devisen ins Land. Millionen Menschen profitierten von Transferleistungen, Infrastrukturprojekten und einer zeitweiligen Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Diese Politik bescherte der MAS über viele Jahre breite gesellschaftliche Unterstützung.
Die materiellen Grundlagen dieser Stabilität lagen jedoch nicht in einer Überwindung der strukturellen Abhängigkeit Boliviens vom Weltmarkt. Vielmehr wurde sie gerade durch diese Abhängigkeit ermöglicht. Die hohen Weltmarktpreise für Rohstoffe sorgten für erhebliche Staatseinnahmen, ohne dass die grundlegende Stellung des Landes in der internationalen Arbeitsteilung verändert worden wäre. Die Wirtschaft blieb weiterhin auf den Export weniger Rohstoffe ausgerichtet, während Industrieproduktion und technologische Entwicklung nur begrenzt ausgebaut wurden.
Mit dem Einbruch der Rohstoffpreise ab 2014/15 geriet dieses Modell zunehmend unter Druck. Die Deviseneinnahmen gingen zurück, die finanziellen Spielräume des Staates schrumpften und die Widersprüche innerhalb des Projekts der MAS traten offen hervor. Ihr Neo-Extraktivismus basierte auf einem klassenversöhnlerischen Balanceakt: Die Politik schwebte zwischen Verstaatlichungen von Schlüsselsektoren, Umverteilung von Reichtum und Stärkung der Rechte indigener Bevölkerungsgruppen einerseits, sowie dem Erhalt ausländischer Investitionen und der weiteren Integration Boliviens in den Weltmarkt andererseits. Dieser Balanceakt misslang mit dem Ende des Booms und seine Perspektivlosigkeit trat damit offen zutage. Anstatt die wirtschaftliche Macht der nationalen Bourgeoisie grundsätzlich anzugreifen und die Kontrolle der Arbeiter:innen über Produktion und Ressourcen auszuweiten, setzte die Regierung auf einen Ausgleich zwischen Kapitalinteressen, Staatsapparat und den sozialen Bewegungen, die sie ursprünglich getragen hatten.
Hinzu kamen zunehmende Spannungen zwischen der MAS-Führung und Teilen ihrer eigenen sozialen Basis. Die ursprünglich als Bewegungsprojekt von Gewerkschaften, Bäuer:innenorganisationen und indigenen Gemeinschaften entstandene Partei entwickelte eine Führung, die zunehmend autoritär agierte. Ihre Basis sah sich immer häufiger mit bürokratischen Strukturen konfrontiert, die ihre politische Eigenständigkeit einschränkten. Beispielsweise gab Morales vor, die Selbstbestimmungsrechte der Indigenen über ihre Territorien – etwa im Schutzgebiet TIPNIS – zu sichern, förderte gleichzeitig aber den illegalen Verkauf solcher Gebiete an multinationale Erdöl- und Forstwirtschaftskonzerne sowie ein Straßenbauprojekt, mit dem die Kolonisierung des Regenwaldes vorangetrieben werden sollte. Bei zahlreichen Repressionen gegen Protestmärsche schreckte die Regierung nicht davor zurück, die in den Drogenhandel verwickelten Coca-Syndikate als paramilitärische Gruppen gegen die Indigenen einzusetzen. In diese Politik reihte sich auch das antidemokratische Manöver der MAS zum regulären Ende der Amtszeit von Morales ein: Da er laut Verfassung nicht erneut hätte kandidieren dürfen, initiierte die MAS ein Referendum zur Aufhebung dieser Begrenzung, das von der Bevölkerung knapp abgelehnt wurde. Stattdessen ließ Morales vom Verfassungsgericht entscheiden, die Amtszeitbegrenzung schränke das politische Menschenrecht auf eine Kandidatur ein, und trat erneut an.
Die Krise von 2019 und die darauffolgenden politischen Erschütterungen machten deutlich, dass das Modell des sogenannten „Anden-Kapitalismus“ an seine Grenzen gestoßen war. Die heutige Revolte richtet sich deshalb nicht nur gegen die aktuelle neoliberale Regierung. Sie ist zugleich Ausdruck einer tieferen Krise eines Entwicklungsmodells, das zwar zeitweise soziale Verbesserungen ermöglichte, die Abhängigkeit vom Weltmarkt und von den Interessen des internationalen Kapitals letztlich jedoch nicht überwinden konnte. Auch die Rolle der MAS innerhalb der aktuellen Bewegung bleibt widersprüchlich. Viele Protestierende standen der Partei über Jahre hinweg nahe oder betrachten sie weiterhin als Alternative zur neoliberalen Regierung. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Kämpfe, dass die Bewegung nicht einfach auf die politischen Perspektiven der MAS reduziert werden kann. Während Teile des Parteiapparats auf parlamentarische Lösungen und künftige Wahlerfolge orientieren, entwickeln sich an der Basis Organisierungsformen und Forderungen, die über diesen Rahmen hinausweisen. Die weitere Entwicklung der Revolte wird daher auch davon abhängen, ob es den kämpfenden Sektoren gelingt, ihre politische und organisatorische Unabhängigkeit sowohl gegenüber der Regierung als auch gegenüber den traditionellen Apparaten der Opposition zu bewahren.
Lithium, Gas und geopolitische Konkurrenz
Die beschriebene Abhängigkeit wirkt zugleich auf die Politik der imperialistischen Großmächte zurück und damit allen voran auf die der USA, aber auch auf die Politik der europäischen Staaten und Chinas. Sie alle kämpfen um Einfluss und Zugriff auf die Bodenschätze Boliviens. Dort befinden sich beispielsweise etwa ein Viertel der weltweiten Lithiumvorkommen. Dass das Land beim Lithiumabbau im internationalen Vergleich bisher noch auf den hintersten Rängen liegt, hat seinen Grund in der protektionistischen Politik der früheren Regierungen. Laut der Verfassung von 2009 ist Lithium eine strategische Ressource unter absoluter staatlicher Kontrolle. Private Unternehmen dürfen es per Gesetz nicht eigenständig abbauen. Da eine Verfassungsänderung einen langwierigen Prozess erfordert, bedient sich Paz gesetzlicher Grauzonen und temporärer Ausnahmeerlasse. Ausländische Unternehmen sollen als Betreiber fungieren können, ohne dass formal das staatliche Eigentum an dem Alkalimetall angetastet wird.
Das Eingreifen der Massen vor Ort hat damit eine direkte Bedeutung für die internationale Wertschöpfungskette. Das kürzlich vorläufig in Kraft getretene EU-Mercosur-Abkommen, dessen Inhalt maßgeblich von Banken und Großkonzernen diktiert wurde, soll Europa Rohstoffe auch gegen chinesische Ansprüche sichern. Der Imperialismus kann einen sich ausweitenden Volksaufstand in Bolivien nicht dulden, weil er seine eigenen Interessen gefährdet sieht. Eine direkte Einmischung ausländischer Kräfte wie der USA – wenn auch nicht zwingend in Form einer militärischen Intervention – wird wahrscheinlicher, je länger die Revolte andauert und je eher sie sich tatsächlich zu einem Generalstreik ausweiten könnte, der die Regierung zu stürzen droht.
Die Verschärfung der wirtschaftlichen und sozialen Krise geht zunehmend mit einer Aufrüstung des Staatsapparates einher. Programme wie „Shield of the Americas“, die unter dem Vorwand von Sicherheits-, Grenzschutz- oder Anti-Drogen-Strategien eine stärkere Zusammenarbeit lateinamerikanischer Sicherheitskräfte mit den USA fördern, stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Je stärker die traditionellen Mechanismen politischer Vermittlung an Legitimität verlieren, desto wichtiger werden für die herrschenden Klassen Polizei, Militär und internationale Sicherheitskooperationen zur Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung. Die aktuelle Repressionspolitik gegen Blockaden und Proteste zeigt bereits, dass die Antwort auf die Krise des Entwicklungsmodells nicht in sozialen Zugeständnissen, sondern zunehmend in Zwang und Kontrolle gesucht wird.
Mit der Verhängung des Ausnahmezustands hat diese Entwicklung inzwischen eine neue Qualität erreicht. Die Regierung setzt offen auf Militär und Polizei, um den Widerstand zu brechen und die verbliebenen Blockaden zu räumen. Die autoritäre Zuspitzung bestätigt, dass die herrschende Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer gesellschaftlichen Hegemonie zunehmend auf Repression setzt.
Schulden als Instrument der Abhängigkeit
Die wirtschaftliche Abhängigkeit Boliviens zeigt sich nicht nur im Export von Rohstoffen, sondern auch in der Struktur seiner Staatsfinanzen. Die Auslandsverschuldung des Landes beläuft sich auf etwa 16 Milliarden US-Dollar und bindet mit rund einem Viertel des Bruttoinlandsprodukts einen erheblichen Teil staatlicher Ressourcen an internationale Kreditgeber. Ein bedeutender Anteil dieser Verbindlichkeiten besteht gegenüber multilateralen Institutionen wie der Weltbank und sogenannten internationalen Entwicklungsbanken.
Diese Schulden sind keineswegs ein neutrales Instrument wirtschaftlicher Entwicklung. Historisch dienten Kredite, Strukturreformen und sogenannte Entwicklungsprogramme immer wieder dazu, politische und wirtschaftliche Interessen der imperialistischen Zentren durchzusetzen. Unter dem Banner der „Entwicklungszusammenarbeit“ wurden Staaten des globalen Südens dazu gedrängt, Märkte zu öffnen, öffentliche Unternehmen zu privatisieren und ihre Volkswirtschaften noch stärker auf die Bedürfnisse des Weltmarktes auszurichten.
Unter diesem Druck steht auch Bolivien. Die Öffnung des Lithiumsektors für ausländisches Kapital, die Liberalisierung wirtschaftlicher Bereiche und die Orientierung auf internationale Investitionen werden regelmäßig mit dem Verweis auf Haushaltszwänge und Finanzierungsbedarf begründet. Die Schuldenfrage ist daher unmittelbar mit dem Kampf um die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen des Landes verbunden.
Dabei tragen auch die imperialistischen Staaten Europas Verantwortung. Deutschland gehört zu den wichtigsten Anteilseignern der Weltbank und ist zugleich direkt an der Sicherung strategischer Rohstoffe interessiert. Bereits in der Vergangenheit existierten Vereinbarungen über die Nutzung bolivianischer Lithiumvorkommen durch deutsche Unternehmen, die nach massiven Protesten wieder aufgekündigt wurden. Die aktuelle Diskussion über Rohstoffsicherheit, Lieferketten und die europäische Energiewende knüpft unmittelbar an diese Interessen an. Für die Arbeiter:innen und Unterdrückten in Bolivien bedeutet dies, dass der Kampf gegen die neoliberale Regierung untrennbar mit dem Kampf gegen die Mechanismen finanzieller Abhängigkeit verbunden ist. Dieser Kampf muss dort und überall auf der Welt gemeinsam geführt werden.
Zwischen Ausnahmezustand und Verrat der Bürokratie: Perspektiven der Selbstorganisation
Die Dynamik der aktuellen Revolte zeigt sich nicht nur in ihrer Ausdauer und Ausbreitung, sondern auch in den Formen der Selbstorganisation, die sie hervorgebracht hat. In zahlreichen Regionen werden Straßenblockaden, Streikposten und Versammlungen durch die Beteiligten selbst organisiert und verteidigt. Dabei entstehen Strukturen, die weit über symbolischen Protest hinausgehen und teilweise Funktionen übernehmen, die der Staat entweder nicht erfüllen kann oder bewusst gegen die Interessen der Bevölkerung einsetzt.
Besonders deutlich tritt dabei der Widerspruch zwischen der Kampfbereitschaft der Basis und der Politik der traditionellen Führungen hervor. Der Dachverband der bolivianischen Gewerkschaften (COB) kündigte bereits Anfang Mai einen unbefristeten Generalstreik an. Doch anstatt die vorhandene Mobilisierung zu bündeln und landesweit durchzusetzen, suchte die Gewerkschaftsführung immer wieder den Dialog mit der Regierung. Am Tag vor der Ausrufung des Ausnahmezustands unterzeichnete die COB-Führung schließlich ein Abkommen mit der Regierung und verschaffte der schwer angeschlagenen Präsidentschaft damit eine dringend benötigte politische Atempause. Nur einen Tag später setzte die Regierung demokratische Grundrechte außer Kraft, militarisierte den Konflikt und weitete die Repression gegen die Protestbewegung aus. Dass die Gewerkschaftsbürokratie den angekündigten Generalstreik nicht organisierte, sondern stattdessen auf eine Einigung mit der Regierung setzte, erwies sich damit als entscheidendes Hindernis für die weitere Entwicklung der Bewegung.
Dass diese Politik keineswegs von der gesamten Bewegung akzeptiert wurde, zeigte die unmittelbare Reaktion organisierter Basisstrukturen. Basisstrukturen aus den Distrikten D5, D7, D8 und D14 sowie aus El Alto wiesen das Abkommen öffentlich zurück. Sie erklärten, die Vereinbarung sei ohne Konsultation der kämpfenden Basis abgeschlossen worden und könne die Mobilisierungen nicht beenden. Zugleich riefen sie dazu auf, den Kampf gegen Regierung und Repression fortzusetzen und die Entscheidungen wieder in die Hände der Versammlungen und Blockadekomitees zu legen.
Auch wenn der Ausnahmezustand und die Demobilisierung durch die COB den Handlungsspielraum dieser Strukturen erheblich eingeschränkt haben, bestehen viele der entstandenen Blockadekomitees und lokalen Koordinierungen weiter. Berichten zufolge wurden selbstorganisierte Blockaden mehrfach Ziel rechter und faschistischer Angriffe. In mehreren Fällen gelang es den Beteiligten jedoch, diese Angriffe gemeinsam zurückzuschlagen und ihre Aktionen aufrechtzuerhalten. Gerade diese Erfahrungen bilden heute den wichtigsten Ansatzpunkt für eine zukünftige Wiederaufnahme der Kämpfe.
Für revolutionäre Sozialist:innen stellt sich dabei die Aufgabe, diese Formen der Selbstorganisation zu stärken, ihre demokratische Kontrolle durch die Basis zu verteidigen und für ihre Ausweitung auf weitere Betriebe, Stadtteile und Regionen zu kämpfen. Die Frage, wer die Bewegung organisiert und in wessen Interesse Entscheidungen getroffen werden, wird mit der weiteren Zuspitzung der Krise immer entscheidender.
In diesem Prozess spielen auch revolutionäre Organisationen eine wichtige Rolle. Unsere bolivianische Schwesterorganisation LOR-CI beteiligt sich aktiv an den aktuellen Kämpfen und versucht, die Selbstorganisation der Bewegung zu stärken. Mitglieder der Organisation sind an Streikposten und Blockaden präsent, insbesondere in Bereichen mit vielen prekär beschäftigten Arbeiter:innen wie den Reinigungsdiensten. Dort verbinden sie die Unterstützung konkreter Forderungen mit der Diskussion über die politischen Perspektiven der Bewegung.
Besondere Bedeutung kommt dabei der Zeitungsarbeit zu. In einer Situation, in der die großen Medien die Proteste verzerren oder kriminalisieren, dient die revolutionäre Presse vielen Aktivist:innen als wichtige Informationsquelle und als Mittel zum Austausch von Erfahrungen zwischen verschiedenen Sektoren der Bewegung. Durch Berichte von den Blockaden, Analysen der politischen Situation und die Verbreitung von Debatten über Strategie und Organisation trägt die Zeitung dazu bei, die Kämpfe über einzelne Regionen und Berufsgruppen hinaus miteinander zu verbinden. Damit leistet sie einen Beitrag zur Herausbildung einer bewussten politischen Strömung innerhalb der Revolte, die für die Unabhängigkeit der Bewegung gegenüber der Regierung, der bonapartistischen Opposition und der Gewerkschaftsbürokratie kämpft.
Bolivien im Kontext der Kämpfe Lateinamerikas
Die Ereignisse in Bolivien stehen nicht isoliert da. In ganz Lateinamerika verschärfen sich die sozialen und politischen Widersprüche. Die Auswirkungen der Inflation, sinkender Reallöhne, prekärer Beschäftigung und der anhaltenden Abhängigkeit vom Weltmarkt treffen Millionen Menschen. Gleichzeitig versuchen rechte Regierungen und neoliberale Kräfte, die Kosten der Krise auf die Arbeiter:innen und die verarmten Teile der Bevölkerung abzuwälzen.
Während in Argentinien die Regierung Milei einen Frontalangriff auf soziale und demokratische Rechte führt und dabei auf wachsenden Widerstand stößt, entwickeln sich in Chile erneut Protestbewegungen von Schüler:innen und Studierenden. Auch in anderen Ländern der Region entstehen neue Kämpfe gegen Privatisierungen, Sparprogramme und autoritäre Regierungsformen.
Die aktuelle Krise reiht sich zugleich in die Erschöpfung jener politischen Projekte ein, die in den vergangenen Jahrzehnten als Alternative zum offenen Neoliberalismus auftraten. Ob der Kirchnerismus in Argentinien, die Regierungen der PT in Brasilien, Boric in Chile oder die MAS in Bolivien – sie alle profitierten in unterschiedlichem Ausmaß von günstigen Bedingungen auf dem Weltmarkt und versprachen soziale Verbesserungen innerhalb des bestehenden Systems. Viele dieser Regierungen konnten zeitweise reale Fortschritte für breite Bevölkerungsschichten durchsetzen. Zugleich gelang es ihnen jedoch nicht, die strukturelle Abhängigkeit ihrer Länder vom internationalen Kapital zu überwinden oder die Macht der einheimischen herrschenden Klassen grundlegend anzutasten. Die daraus entstandene Enttäuschung schuf in vielen Ländern den Nährboden für rechte und extrem rechte Kräfte, die sich als Alternative zum politischen Establishment präsentieren konnten.
Ein gemeinsames Merkmal vieler dieser Prozesse ist die zunehmende Infragestellung der traditionellen politischen und gewerkschaftlichen Führungen. Immer häufiger geraten Bürokratien unter Druck, weil sie versuchen, Bewegungen einzuhegen oder in Verhandlungen zu kanalisieren, während Teile ihrer Basis weitergehende Schritte fordern. Die Entwicklung in Bolivien ist daher nicht nur eine nationale Auseinandersetzung. Sie ist Teil einer breiteren Konfrontation zwischen den Interessen der Arbeiter:innen und Unterdrückten auf der einen sowie den Regierungen, Kapitalgruppen und imperialistischen Mächten auf der anderen Seite. Gerade deshalb reicht die Bedeutung der aktuellen Rebellion weit über die Landesgrenzen hinaus.
Zwar hat die Bewegung durch den Ausnahmezustand und den Verrat der COB-Führung einen schweren Rückschlag erlitten. Ob es ihr gelingt, sich auf neuer Grundlage wieder zu formieren, ist offen. Die politischen Erfahrungen der vergangenen Wochen bleiben jedoch bestehen. Millionen Menschen haben erlebt, welche Macht Blockaden, Selbstorganisation und Massenmobilisierung entfalten können. Ebenso haben sie erfahren, welche Rolle die Gewerkschaftsbürokratie in entscheidenden Momenten spielt. Diese Erfahrungen werden auch zukünftige Kämpfe prägen.
Ein Erfolg der Bewegung könnte die Kräfteverhältnisse in ganz Lateinamerika beeinflussen. Während rechte und ultrarechte Projekte wie die von Milei in Argentinien oder Kast in Chile versuchen, die Kosten der kapitalistischen Krise auf die Arbeiter:innen abzuwälzen, zeigen die Ereignisse in Bolivien, dass sich Widerstand gegen diese Offensive organisieren lässt. Ein Sieg der bolivianischen Massen könnte Beschäftigten, Jugendlichen und Unterdrückten in anderen Ländern neues Vertrauen in die eigene Kraft geben und bestehende soziale Konflikte weiter zuspitzen. In diesem Sinne könnte die Rebellion zu einem Funken werden, der neue Kämpfe in der gesamten Region befördert.
Gleichzeitig findet dieser Prozess vor dem Hintergrund einer verschärften imperialistischen Konkurrenz und einer aggressiveren Politik der USA gegenüber Lateinamerika statt. Die Regierung Trump knüpft offen an die traditionelle Vorstellung an, Lateinamerika als Einflusszone des US-Imperialismus zu behandeln und den wachsenden Einfluss anderer Mächte zurückzudrängen. Die Kontrolle über strategische Rohstoffe, Handelswege und politische Bündnisse spielt dabei eine zentrale Rolle. Eine Niederlage der bolivianischen Regierung infolge einer selbstständigen Mobilisierung der Arbeiter:innen und Unterdrückten würde somit nicht nur die nationale Bourgeoisie treffen, sondern auch die Ansprüche des US-Imperialismus auf politische Stabilität und Kontrolle in der Region infrage stellen. Sie könnte damit ein weiteres Beispiel für die Grenzen der imperialistischen Ordnung und die wachsenden Schwierigkeiten der USA werden, ihre Interessen in ihrem traditionellen „Hinterhof“ durchzusetzen.
Welche Aufgaben hat die Arbeiter:innenklasse in Europa?
Die Zukunft der bolivianischen Revolte wird letztlich von den Kämpfen im Land selbst entschieden werden. Dennoch kommt den Arbeiter:innen in den imperialistischen Zentren eine wichtige Verantwortung zu. Die Ausbeutung Boliviens erfolgt nicht nur durch die nationale Bourgeoisie, sondern auch durch internationale Konzerne, Banken und Finanzinstitutionen, die ihren Sitz häufig in Europa oder Nordamerika haben.
Solidarität darf deshalb nicht bei Erklärungen stehen bleiben. Sie muss sich gegen die konkreten wirtschaftlichen und politischen Interessen richten, die von den imperialistischen Staaten in Bolivien verfolgt werden. Dazu gehört der Widerstand gegen Freihandelsabkommen wie das EU-Mercosur-Abkommen, das vor allem den Zugang europäischer Konzerne zu Rohstoffen und Absatzmärkten sichern soll. Ebenso notwendig ist die Ablehnung aller Versuche, wirtschaftlichen oder politischen Druck auf die bolivianische Bevölkerung auszuüben, um neoliberale Reformen und weitere Marktöffnungen durchzusetzen.
Aus einer unabhängigen Arbeiter:innenperspektive bedeutet dies den Kampf für die vollständige Streichung der Auslandsschulden, den Bruch mit den Auflagen von IWF, Weltbank und anderen internationalen Finanzinstitutionen sowie die Ablehnung jeder Form imperialistischer Intervention. Die Belegschaften deutscher Konzerne, die Geschäfte in Südamerika machen, müssen Einsicht in die Lieferketten, die Rohstoffbeschaffung und Investitionsentscheidungen erhalten und demokratisch in Versammlungen darüber entscheiden, wie ihre Betriebe agieren sollen. Die natürlichen Ressourcen Boliviens dürfen weder multinationalen Konzernen noch einer kleinen nationalen Elite dienen, sondern müssen sowohl in Südamerika als auch in Europa, den USA und weltweit unter demokratische Kontrolle der arbeitenden Bevölkerung gestellt werden.
Internationale Solidarität bedeutet heute nicht nur, die Repression des Ausnahmezustands zurückzuweisen. Sie bedeutet auch, die Erfahrungen der bolivianischen Bewegung zu verbreiten: den Aufbau demokratischer Blockadekomitees, die Versuche, einen Generalstreik von unten durchzusetzen, aber ebenso die Lehren aus dem Verrat der Gewerkschaftsbürokratie. Gerade solche Erfahrungen können für zukünftige Kämpfe der Arbeiter:innenklasse weltweit von strategischer Bedeutung sein.
Die Verteidigung der bolivianischen Bewegung ist daher nicht nur eine Frage der internationalen Solidarität. Sie ist Teil desselben Kampfes gegen Ausbeutung, Krieg und kapitalistische Krisenpolitik, der auch in Europa geführt werden muss: Dieselben Banken, Konzerne und Regierungen, die von der Ausplünderung Boliviens profitieren, greifen auch hier Löhne, Arbeitsbedingungen und soziale Rechte an. Die natürlichen Verbündeten der Arbeiter:innen in Deutschland, Frankreich oder Spanien sind die kämpfenden Teile der Bevölkerung Boliviens, gegen ihre bürgerlichen Regierungen, ob in abhängigen Staaten oder im imperialistischen Zentrum.