„Bilder aus Charlottesville hervorgerufen“ – AfD-Taxi fährt Demonstrant*innen an

07.10.2017, Lesezeit 4 Min.
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Am Abend der Bundestagswahl feierte die AfD ihren Wahlerfolg in einem Berliner Klub – begleitet von 1.000 Gegendemonstrant*innen. Ein Taxifahrer, der einige Rechte wegbringen sollte, ist in eine Menge von Protestierenden gefahren. Die Polizei ermittelt gegen den Fahrer – und genauso gegen die Opfer. Ein Interview mit Marta Oberwald (Name geändert), die das alles live erlebt hat. Aufgrund der Polizeirepression möchte sie anonym bleiben.

Vor zwei Wochen haben tausend Berliner*innen gegen die Wahlparty der AfD am Alexanderplatz demonstriert. Die Rechten wurden von einem Großaufgebot der Polizei geschützt. Irgendwann wollten sie nach Hause gehen. Was ist dann passiert?

Ich stand mit rund 25 anderen Menschen an der Seite des „traffics“, wo die AfD feierte. Nach und nach kamen einzelne Partygäste heraus. Eine Reihe Bullen sicherte die Straße, die zum Eingang des Clubs führte.

Zuerst kamen einige AfDler*innen alleine auf die Straße. Sie bekamen Fragen und Kommentare von Protestierenden. Laut einem Freund hatte eine dieser Personen ein eisernes Kreuz am Halstuch.

Später kam noch eine ziemlich betrunkene junge Frau in Begleitung aus dem Club. Wieder folgten fragende Menschen. Dann griff die Polizei zum ersten Mal aktiv ein und nahm einen Demonstranten mit. Es folgte ein pöbelnder – und leider von beiden Seiten sexistischer – Schlagabtausch.

Dieser Vorfall veranlasste die Polizei scheinbar dazu, weitere Partygäste in einem Pulk zu eskortieren. Drei alte männliche AfDler wurden also von zehn behelmten Polizist*innen umringt und über die Straße gebracht – zwei Dutzend Gegendemonstrant*innen folgten ihnen. An einer Straßenecke kamen alle zum Stehen. Eine Weile hatten wir Zeit, den AfDlern unsere Meinung kundzutun. Irgendwann schnappte jemand auf, dass ein Taxi für die drei Partygäste kommen sollte. Alle änderten die Rufe zu: „Kein Taxi für die AfD!“ Einige versuchten, vorbei fahrende Taxis dazu zu animieren, weiterzufahren.

Kurze Zeit später setzte sich der Kreis aus Rechtspopulist*innen und Polizei wieder in Bewegung zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Einige Meter entfernt stand ein großes Taxi, zu dem alle nun rannten. Die AfDler schafften es, schnell in den Wagen zu steigen. Zehn von uns standen vor dem Auto und hinderten es am Wegfahren.

Also ihr habt ein Taxi blockiert?

Ich weiß nicht, ob man es blockieren nennen kann. Es war eine ziemlich hektische und unübersichtliche Situation. Plötzlich fuhr das Taxi scharf an und kam direkt wieder zum Stehen, direkt danach passierte das gleiche nochmal. Ich hörte einen Knall. Die Menschen, die ganz vorne standen, lagen halb auf der Motorhaube. Dann sind alle schnell zur Seite ausgewichen und das Taxi ist noch einmal sehr schnell angefahren. Mit Vollgas fuhr es über eine rote Ampel weg. Das war auf jeden Fall Fahrerflucht.

Als dann alle realisiert hatten, was gerade passiert war, herrschte Entsetzen. Die Szene war wirklich gruselig. Das hat bei mir direkt Bilder aus Charlottesville hervorgerufen.

Wurden Menschen dabei verletzt?

Später erfuhr ich, dass drei Menschen leicht verletzt wurden. Sie klagten wohl über Schmerzen in den Beinen und im Bauch.

Was passierte dann mit den Verletzten?

Mindestens eine*r von ihnen erstattete Anzeige. Zum Glück hatte sich eine Person das Kennzeichen des Autos gemerkt. Die Polizei versicherte uns zwar, dass sie dem nachgehen würden. Gleichzeitig sprachen sie auch davon, dass von uns Gewalt (am Auto) ausging.

Auf die Frage, ob der*die Taxifahrer*in von der Polizei die Anweisung zum Losfahren bekommen hatte, schwiegen sie. Als wir später nach Hause kamen, las ich in einem Artikel über den Vorfall, dass alle Verletzten, die eine Anzeige erstattet haben, auch selbst eine wegen schwerem Landfriedensbruch bekommen würden.

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