Armutsbericht: Untere Hälfte besitzt 3 Prozent des Vermögens
Der siebte Armuts- und Reichtumsbericht des Bundesregierung ist draußen. Der Reichtum bleibt in wenigen Händen angehäuft, die Ärmsten bleiben gleich arm.
Am Mittwoch veröffentlichte die Bundesregierung ihren siebten Armuts- und Reichtumsbericht (ARB). Der WDR titelte am Tag der Veröffentlichung: „Soziale Ungleichheit nimmt ab“. So kann man den Bericht lesen, zutreffender wäre aber die Schlagzeile: „Soziale Ungleichheit bleibt riesig“. Tatsächlich verschärfte sich die ungleiche Verteilung von Einkommen in den letzten Jahren. Die Vermögensverteilung wurde etwas gleicher, das Vermögen bleibt jedoch enorm konzentriert bei den reichsten Teilen der Bevölkerung.
Reichtum bleibt in wenigen Händen
Die reichsten zehn Prozent der Deutschen verfügten 2023 über 54 Prozent des Vermögens hierzulande. Das ist weniger als 2010/11, als sie noch 59 Prozent unter sich vereinten. Der Anteil der unteren Hälfte der Haushalte ist in den letzten 13 Jahren jedoch gleich geblieben: Er liegt bei drei Prozent. Die Aufteilung des Vermögens in der reichen Hälfte der Bevölkerung hat sich also leicht verschoben, doch sie besitzt unverändert 97 Prozent des Reichtums.
Leicht rückläufig, aber immer noch gewaltig ist außerdem der Vermögensunterschied zwischen Ost- und Westdeutschen. Im Westen liegt das Nettovermögen bei 143.200 Euro. Das heißt, dass die Hälfte der Westdeutschen über mehr als diese Summe verfügt, die andere Hälfte über weniger. Im Osten liegt dieser Median jedoch deutlich niedriger, bei 35.900 Euro. Das ist etwa ein Fünftel des West-Wertes.
Diesen krassen Kontrast erklärt der Bericht unter anderem damit, dass die Ostdeutschen „erst seit dem Jahr 1990 die Möglichkeit [haben], unter den Bedingungen der sozialen Marktwirtschaft Privatvermögen zu bilden.“ Man könnte jedoch meinen, die Einführung der gepriesenen „sozialen Marktwirtschaft“, die mit Privatisierungen, Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit in Ostdeutschland einherging, könnte auch etwas mit der Armut dort zu tun haben.
Doch nicht nur ostdeutsch zu sein ist ein Armutsrisiko. Es ist auch ein Nachteil, wenn man keine reichen Eltern hat, die einem Vermögen schenken oder vererben können. Die obersten zehn Prozent sind für fast die Hälfte aller Schenkungen und Erbschaften verantwortlich. Die untere Hälfte der Bevölkerung nur für sieben Prozent.
Die sogenannte „Armutsrisikoquote“ hängt noch von weiteren Faktoren ab, die allesamt nicht überraschen sollten. Diese Quote gibt an, wie viele Haushalte weniger als 60 Prozent des jeweiligen Medianeinkommens, also deutlich unterdurchschnittlich viel verdienen und deswegen leicht in noch größere Armut geraten können. Sie liegt bei Arbeitslosen, Menschen ohne Abitur und Hochschulzugang, Personen mit Migrationshintergrund oder mit Behinderung besonders hoch.
Und wer weniger Geld in der Tasche hat, hat umso mehr Arztbesuche nötig. Geringes Einkommen geht mit deutlich schlechterer Gesundheit einher. Beispielsweise war die Sterblichkeit während der Corona-Pandemie in besonders armen Gegenden 50-70% höher als in besonders wohlhabenden Regionen in Deutschland. Die Lücke zwischen der Lebenserwartung in den ärmsten und den reichsten Teilen des Landes geht weiter auseinander. Lag sie 2003 noch bei 2,6 Jahren für Frauen und 5,7 Jahren bei Männern, ist sie 2023 auf 4,3 beziehungsweise 7,2 Jahre angestiegen. Das heißt, Männer in den wohlhabendsten Regionen Deutschlands leben im Schnitt fast ein dreiviertel Jahrzehnt länger als solche in den ärmsten Teilen des Landes.
Ein verharmlosendes Regierungsdokument
Aus dem Bericht geht also klar hervor, dass in diesem Land ein tiefer Graben zwischen Arm und Reich verläuft. Dennoch wird das Dokument scharf kritisiert. „Da er die Armut verharmlost und den Reichtum verschleiert, ist der siebte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung weder Fisch noch Fleisch“, schreibt zum Beispiel Armutsforscher Christoph Butterwegge in der Frankfurter Rundschau.
Der Bericht war im Jahr 2000 unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeführt worden, um die „soziale Ungleichheit“ in Deutschland zu analysieren und zu erklären. Jede Bundesregierung hat den Auftrag, zur Mitte ihrer Legislaturperiode so einen Bericht vorzulegen. Die Ampelregierung hat das ihrerzeit nicht geschafft, dafür ist die Merz-Regierung jetzt umso früher damit dran.
Doch mit nützlicher Analyse oder gar Erklärung hat der diesjährige Bericht wenig zu tun. Er listet Unmengen an Statistiken auf, aber erklärt Vermögensungleichheit am Ende unter anderem damit, dass ältere Menschen mehr Zeit zum Sparen und für Zinseszinseffekte gehabt hätten, deshalb konzentriere sich bei ihnen ein Teil des Vermögens. Über den Gegensatz von Kapitalist:innen und Arbeiter:innen darf man natürlich keine Ausführungen erwarten.
Umso mehr Raum nimmt regelrechte Reklame für die Maßnahmen der Bundesregierung ein. Was soll man auch erwarten von einem Bericht, den sich die Regierung letzten Endes selbst schreibt? Christoph Butterwegge stellt fest, dass sich im deutlich kompakteren Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes und im Reichen-Ranking des Manager Magazins mehr über die echte Verteilung von Arm und Reich und ihre Ursachen lernen lässt als in dem über 600-seitigen Regierungsdokument.
Doch selbst der verzerrende Bericht der Bundesregierung kann offensichtlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass der größte Gegensatz in diesem Land zwischen Unten und Oben verläuft. Damit widerspricht der Bericht zum Beispiel dem CDU-Narrativ, wonach die Finanzierung der Rente ein Generationenkonflikt sei. Die Mittel, eine würdevolle Rente für alle zu finanzieren, sind offensichtlich da – man muss nur wissen, wo. Wenn die Bundesregierung das wissen wollte, könnte sie ja im Manager Magazin nachschlagen.